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Full text of "Über das VorHomerische Zeitalter ein Anhang zu den Briefen über Homer und Hesiod von Gottfried Hermann und Friedrich Creuzer"

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ÜBER DAS VOR- 



HOMERISCHE 



ZEITALTER: EIN 



ANHANG ZU 



DEN BRIEFEN... 



graf SergeT Semenovich 

Uvarov 



• 

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1 

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Vor-Homerische Zeitalter. 



Ein Anhang 

zu den 

I 

Briefen über 
Homer und Hesiod 

> 

von 

Gottfried Hermann und Friedrieh 

Creuzer. 

Sono infinite vie e diffcreiite 
£ quel che si riccrco »olo e uno. 

Poesie di Lorenzo de* Mtdicu 



St. Petersburg, 

Gedruckt bey der Kaiserlichen Akadeinio der Wisssnsclisitctl 

1819. 



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I 



Herrn Professor und Bitter 

G. Hermann 

zu Leipzig 
und 

Herrn Hofrath und Professor 

F. Creuzer 

zu Heidelberg 
zugeeignet 
Tom Verfasser* 



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■ Über 

das Vor-Homerische Zeitalter. 



Hermanrts und Creuzer's Briefe über Homer und 
Hesiod sind ohne Zweifel eine höchst merkwür- 
dige Erscheinung in dem Gebiete der Alterthums- 
Wissenschaft. Die Erwähnung meines Nahmens 
in diesem Briefwechsel giebt mir Anlass, ein Wort 
hinzu zu fügen. Dass diese Erwähnung mehr aus 
der freundschaftlichen Stimmung der beyden tref- 
lichen Männer als aus dem innern Werthe mei- 
ner Studien entstanden ist, mag wenigstem mei- 

* 

nerseits für anerkannt vorangehn. 

Schon der Hauptgegenstand dieser Briefe zeigt 
beym ersten Blicke , wie in, der jetzigen Periode 
der Alterthums-Wissenschaft die Elemente der Wis- 
senschaft selbst sich rasch entwickelt haben , und 
wie im Ganzen die höhere Philologie nach Einheit 



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(6) 

strebt und ringt. Dieses Streben ist wohl nicht zu 
verkennen; und wer mit sicherem, unpartheyischen 
Auge den Umfang des Gebietes messen darf, das 
noch vor etlichen Jahrzehenden dem Kritiker, ja 
sogar dem Bessten, beynahe ganz verschlossen war, 
der muss staunen über die jetzige Ausdehnung der 
Wissenschaft und über die Masse dessen , was 
man nun von Philologie überhaupt erwartet und 
fordert. Worüber niemand Bentley und Ruhnken 
mit Fragen angegangen wäre , auch wohl keiner 
eine genügende Antwort erhalten hätte, darüber 
mögen jetzt Wolf und Hermann wohl oft ihr lang 
durchdachtes Urtheil abgeben müssen. Diese Rich- 
tung des Geistes kann bestimmt auf grosse Resul- 
tate führe« 5 wiederum könnte sie auch viel Un- 
* heil stiften, insofern sie in Gefahr seyn könnte, 
das Scheinbare, das Oberflächliche und Täuschende 
zu befördern, dagegen die Tiefen der Wissenschaft 
vernachlässigen zu lassen, und so den innern Zu- 
sammenhang der Philologischen Studien immer lo- 
ckerer und lockerer zu machen. 

Um ein näheres Beyspiel von der Lage derDin- 

gezu geben, mag man sich nur denken, wie man 

» 

den Homer vor fünfzig oder sechzig Jahren las, 
und was man heut zu Tage schlechterdings zu die- 



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( 7 ) 

«er Leetüre mitbringen muss ! Dass bey den un» 
geheuern Anstrengungen älterer und neuerer Gram- 
matiker auch die Verbal-Kritik nicht einmal einen 
ganz festen Grund besitzt, könnte durch Buttmann's 
höchst willkommenen Lexilogus auch für Nicht- 
Philologen bewiesen seyn. Was die höhere Kritik 
anlangt, so hat sich jezt für diese eine vollkommen 
neue Bahn aufgethan. Seitdem der Nähme Homer 
nicht mehr einen Menschen, sondern eine Epoche 
bezeichnet, hat sich das ganze Verhältniss umge- 
ändert. Es soll dabey nicht gesagt seyn , dass von 
diesem neuen Standpuncte aus, das Gefühl eben, 
viel gewonnen hätte. Vielleicht lag in der frü- 
heren Ansicht ein Grund zu grösserer Freude: Da» 
höchste Muster der Dichtung stand einmal vollen- 
det da, und unbekümmert um das" wenn? und 
das wie? begnügte man sich, Sinn und Form nach 
Kräften zu erforschen, und jede Annäherung als 
einen eignen Sieg zu betrachten. Dieser Genustf 
ist jezt, wenigstens zum Theil , verkümmert. Auf 
ctem schwankenden Boden der neuen Kritik wird 
alles zugleich schwankend. Das Unsichere des 
Besitzes kann in manchem sogar Zweifel über die 
Tiefe des Genusses erregen. So lange man an 
den alten , blinden Sänger in seiner vollen Pereön- 



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lichkeit glaubte, so befreundete man sich gleichsam 
menschlicher mit seinem Geiste. Jetzt schwebt vor 

unsern Augen ein ganzes Heer von Nebel -Ge- 

• 

stalten, ähnlich den Ossianischen , luftig und kör- 
perlos, wie jene. Dort erfreute man sich, alles auf 
einen Punct berechnet zu sehen , hier verstimmt die 
scheinbare Zwecklosigkeit des Ganzen. Da aber 
einmal die Sache sich so verhält , da das alte 
Gerüste zusammen gestürzt ist , da w ir jezt nicht 
allein das vollendete Kunstwerk, sondern auch sein 
Zeitalter , seine Abkunft , sein Verhältniss zum 
Ganzen, also Wurzel, Stamm und Blätter zugleich 
au prüfen berufen sind, so verknüpfen sich, ge- 
wissermasen als Entschädigung , mit dieser Theorie 
Ansichten , die ganz bestimmt in das Heiligste der 
* Menschheit hinüber gehen, und vollkommen werth 
find, näher beleuchtet und durchdacht zu wer- 
den. Da sich im Universo jeder Keim nach seinen 
Gesetzen entfaltet, so ist nichts dem Menschen so 
zuwider, als jene scheinbare Willkühr der geisti- 
gen Natur, die in ihrem Gange bald ganze Ge- 
3chlechter beraubt, um ein Individuum übermässig 
au bereichern , bald die Gaben des Genie's so klein- 
lich unter Tausen^e versplittert, dass kein vorra- 
gendes Haupt sich aus der Menge erhebt. Der Zu- 
i 



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1 f 

Cor 

sammenhang dieser Willkühr mit dem allgemeinen 
Entwickelung's-Plan der Menschheit ist das grosse 
Problem ihrer Geschichte. Es ist also sehr na- 
türlich, dass die frühere Entfaltung der Cultur 
unter Griechischem Himmel bald als ein urplötzli- 
ches Phänomen , bald als das nothwendige Product 
eines höhern Natur- Gesetzes betrachtet werden 
durfte. Im allgemeinen ist leicht zu begreifen , wie 
im Glänze des Wortes Homer alle andere, frü- 
here Sterne erloschen sind. Indem wir aber nicht, 
w ie vor Alters , den Urquell der Griechischen Cul- 
tur aus einem einzigen Nahmen ableiten können , — 
da der Nähme selbst, wie gesagt, jetzt einen 
vollen Zeitabschnitt bezeichnet, — so ist gewiss 
kein Gegenstand für die Betrachtung anziehender 
oder reicher an Erfahrungen aller Art , als die 
nähere Bekanntschaft mit jetter unhistorischen Pe- 
riode, in welcher die Civilisation des Orients zum 
ersten Mal sich einen Weg nach Griechenland 
bahnte. 

* „Gleich auf den Orient überspringen* 1 — sagt 
Hermann in jenen Briefen (S. 64.) — »wie mehrere 
„Mythologen gethan haben, und in der Griechi- 
schen Mythologie nichts als eine Copie der Orien- 
talischen finden, heisst den Knoten zerhauen. 41 



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( «O 

Wie sehr mir diese Worte — und überhaupt der 
ganze gewichtvolle Brief — willkommen sind , mag 
aus einer Stelle einer früheren Schrift erhellen (*). 
Auch ich habe es gewagt, zu protestiren gegen 
diese für Kunst und Wissenschaft so gefährliche 
und zugleich so unkritische Tendenz ; aber natür- 
lich mit der bloss negativen Kritik ist noch nicht 
geholfen, und es ist um ein Beträchtliches leichter, 
eine fremde Theorie siegreich anzugreifen, als 
eine eigne Hypothese gründlich aufzustellen , eine 
Hypothese, die zugleich den strengen kritischen 
Sinn und die reitzbare Phantasie befriedigen möchte. 

Die Existenz einer Vor-Homerischen, Priester- 
lichen , aus dem Orient herstammenden Poesie 
icheint jedoch von Hermann und Creuzer nun an- 
erkannt zu seyn; obgleich der erstere ihr wohl 
den Charakter des Symbolischen (S. i5.) absprechen 
möchte. Aber das Anerkennen einer uralten Poe- 
sie, vom Homerischen Zeitalter durch ein oder 
mehrere Jahrhunderte getrennt, scheint der Zeit 
und des Raumes wegen mit grossen Schwierig- 
keiten verbunden. Leichter würde das Räthsel ge- 
löst, wenn man annehmen wollte, dass diese Pe- 



(*) Nonnos von Panopolis, der Dichter. 1816. — S. 89. 



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( II ) 

riode der Theogonisch-Kosmogonischen Ur- Poesie 

0 

bloss Orientalisch gewesen sey. Dass wenig Spu- 
ren von Ähnlichkeit zwischen den uns bekannten 
Asiatisch -Kosmogonischen und den altern Griechi- 
schen Dichtungen vorhanden sind , zeigt nur , dass 
uns für die Verbindung Mittel - Glieder fehlen. 
Diese Ansicht werde ich in wenigen Worten durch- 
zufuhren suchen , um sie dem Urtheil der Kritiker 
als Hypothese unter Hypothesen vorzulegen. 

Homer und die Homeriden setzen eine lange 
Zeit der Cultur nothwendig voraus , die man an- 
nehmen müsste , wenn auch kein Zeugniss der 
Alten dafür spräche. Mit der Homerischen Dich- 
tung aber fängt nur das erste Zwielicht der Ge- 
schichte an, und obgleich die Alten uns etliche 
Vor- Homerische Dichter -Nahmen aufbewahrt ha- 
ben, sc sind diese doch bloss Töne ohne Haltung 
und Leben; und dieses Gesländniss liegt deutlich 
in der wichtigen, so oft angefochtenen Stelle de« 
Herodot ausgesprochen (L. n. c. 53. von Homer 

und Hesiod: oi 7toii\<iWTes deoyovifiv "E&tjai)* 
Offenbar hat er dadurch die Unmöglichkeit aner- 
kannt, einen historischen Nahmen vor Homer s Zei- 
ten zu finden ; und in diesem Sinne konnte er wohl 
untadelhaft sagen, dass diese beyden die Schöpfer 



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(-») 

der Theogonie für Griechenland waren» Indem 
wir also hier den historischen Grund und Bo- 

i 

den verlassen, müssen wir uns durch Analogie 
der Begriffe zu helfen suchen , und von dem Be- 
kannten auf das Unbekannte schliessen. Wäre die 
Poesie des Homer in ihrer Quelle, wo diese auch 
seyn mag, bloss ein plötzliches Treiben und Spiel der 
Phantasie ohne Zusammenhang zum Ganzen , ohne 
irgend eine Art von Symbolik oder eine Spur untere 
liegender Philosopheine, so hätte sie nur durch 
ein Wunder entstehen können. Ein zweytes Wun- 
der müsste man ßich ferner denken, wenn man 
annehmen wollte, dass durch blossen Zufall aus 
den Homerischen Mythen und Nahmen sich später 
Philosopheme entwickeln Hessen. Es wären spie- 
lend hingeworfene Lettern , die sich von selbst zu 
sinnvollen Worten zusammengesetzt hätten. Aber 
von keiner Seite ist ein solche Muthmasung halt- 
bar. Unter dem spielendsten Mährchen der Phan- 
tasie liegt entweder ein symbolisch dargestellter 
Gedancke, also eine Art von Natur- Philosophem — 
denn hier könnte das Wort wohl gleichbedeu- 
tend mit Priester - Weisheit und Dogmen -Lehre 
seyn — oder Bruchstücke älterer, überlieferter 
Dichtungen , verstanden oder unverstanden , zu 

* • 



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( ,3 ) 

neuen Gestaltungen zusammengereiht , verschönert 
oder verunstaltet, idealisirt oder in das Gemeine 
vermahlt. Das erste Mährchen , wo es auch ent- 
stand , war symbolisch; aber dieser symbolische 
Sinn konnte bald misverstanden , ja ganz vergessen 
werden. Diese Betrachtung erklärt die scharfsin- 
nige Auseinandersetzung der Verhältnisse Homer's 
zum Urquell der Poesie, nach Hermann's Ansichten 
(i 1 1 er Brief) j aber dieser Urquell lag gewiss sehr 
weit von Griechenland. Dem Wunsche, zwey ver- 
schiedene Epochen der Dichtkunst in Griechenland 
vor Homer zu entdecken , stehen chronologische 
Schwierigkeiten entgegen , die nach den bestehen- 
den Principien kaum zu beseitigen sind. Meines 
Erachtens ist es ein höchst wichtiger Umstand, 
dass keiner von den früheren Vor - Homerischen 
Dichter-Nahmen eigentlich Griechenland angehört $ 
Olen, Thamyris, Orpheus, Linus, Pamphus be- 
2eichnen den Ubergang der Cultur au« dem Orient 
nach Griechenland. Dass die höhere Cultur, haupt- 
sächlich die Poesie, nicht allein den südlichen Weg 
über Ägypten und Phönicien , sondern auch wohl 
den nordischen durch Lycien über Thracien ge- 
gangen ist , erhellt schon aus dem Umstände, dass 
alle diese Nahmen dort einheimisch zu seyn schei- 



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( «4) 

nen (*). Diese Ansicht ist auch die von Hermana 
(Briefe über Homer und Hesiod. SS. i3. 14.)- Uber- 
haupt wird man verführt, zu glauben, man könne 
die beiden Elemente der Griechischen Civilisation, 
das nördliche und das südliche , noch auf Grie- 
chischem Boden erkennen,, und von einander son- 
dern (**). Aus ihrer Mischung mit dem rein -helle- 
nischen Elemente entstand das ganze innere Leben 
der Griechischen Welt. Diese Mischung aber und 
die weite Entfernung desUr-Born's können eben 



(*) Eine Stelle des Pausanias (X- 5.) zeigt , dass Olen der älte- 
ste Sänger, älter als Orpheus, für einen Hyperboreer gehal- 
ten wurde; also ein Mann des Nordens, Auch Uithjia be- 
zeichnet die erste Religions Verpflanzung aus dem Nord-Osten, 
wovon die Griechen Nachricht hatten. (Vergl. überOlen und' 
Ilithyia Creuzer's Symbolik. B. II. S. Il3 u. folg.) Ilithyia 

. hiess für die Griechen die Kommende , *EXf vB'd oderE/Xi#t/ioc f 
denn sie war ihnen aus Nord - Osten gekommen. Merk- 
würdig ist die Ähnlichkeit dieser Benennung mit dem Wor- 
te "EXtvcif. Wäre hier nicht etwas mehr als blosse Zufäl- 
ligkeit? — Auf diese Art könnte die Hypothese, vom nor- 
dischen Gange der höheren Lehre , eine Stütze mehr ge- 
Winnen. 

(**) „Samothrake und Thrakien waren die Brücken, worüber 
„Cultur und Götterdienst den Griechen zugeführt wurden.' c 
Qeujer's Symbolik. B. I. S. 167. 

1 



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( i5 ) 

begreiflich machen , wie die Begriffe sich so schnell 
verunstaltet und verbildet haben. Homer und He- 
siod, d.h. die beyden ältesten Stämme der bekann- 
ten religiösen Lehrer und Dichter , erhielten bloss 
die Form. Ihnen war offenbar der Geist dieser 
Natur -Poesie schon entflohen. Vielleicht yerlor 
sich der Sinn dieser alten Dichtungen schon beym 
Übergange der Cultur nach Griechenland. Ent- 
scheiden dürfen wir nicht, ob Olen , Thamyris , 
Orpheus u. s. w. oder vielmehr die durch diese 
Nahmen symbolisirte und bezeichnete Epoche etwas 
von dem innern Sinne dieser Poesie aufbewahrt 
hatte : denn schon zu Herodot's Zeiten waren dies© 
Dichter- Nahmen biossein leerer Schall, und viel- 
leicht war zum Theile das Herumtragen apokry- 
phisch - erkünstelter Dichtungen ein Grund zum 
strengen Urtheil des Historikers , der es für nöthig • 
hielt, durch eine Art von Machtspruch , allen Vor- 
Homerischen Nahmen die historische Existenz ab- 
zusprechen j was auch Creuzer zum Theile ange- 
deutet hat. (Briefe über Homer S. 27.) 

Durch den Verlust aller positiven Kentniss von 
dieser Periode des Uberganges entstand also natür- 
licher Weise eine Lücke , die hauptsächlich Ursa- 
che der Vermengung aller Begriffe geworden seya 

9 

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( i6 ) 

mag. Da auf diese Art die Mittel -Epoche auf imme» 
unhistorisch blieb, so standen nun die beyden Ex- 
treme , der Orient und Griechenland , durch den 
Verlust des bindenden Princip's in weiter mora- 
lischer und physischer Entfernung da, ohne irgend 
einen Zusammenhang, und wie zwey getrennte To- 
talitäten. — Das einzige Denkmahl der Mittel -Epo- 
che möchten wohl die Orphlschen Gesänge seyn ; 
in denen alles neu und unächt ist, abgerechnet die 
Idee, die der Interpolation zum Grunde liegt. In 
sofern deuten sie wohl richtig genug den Geist der 
alten Gesänge in dieser Periode des Uberganges an : 
philosophisch - religiöse Natur - Anschaung , ver- 
bunden mit einer mystischen Anordnung der Litur- 
gie, was sich, wie es scheint, auch in den religiösen 

* 

Hymnen der Indier und in dem angeblichen Zend- 
Avesta wieder findet. Ein vergleichendes Studium 
dieser Quellen könnte wohl unerwartetes Licht 

■ 

über diese Zeit verbreiten. 

Auch in der Ansiedelung der frühem Cultur 
in Griechenland waltete ein besonderes Schicksal. 
Aus zwey entfernten Gegenden erhob sich schnell 
nach einander die erwachende , jugendliche Dich- 
tung. Am Ufer des Ionischen Meeres und am Fusse 
der Böotischen Berge entstanden zwey lichteQuel- 

> 

4 

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( '7 ) 

len der Poesie, zwey Dichter -Stämme, getrennt 
durch Meer und Land Vielleicht auch durch inne- 
res Leben , aber von aussen gleichförmig gestaltet 
und einem Gesetze der Sprache unterthan. Das Ver- 
hältniss beyder Stämme ist, meines Erachtens , 
noch nicht geprüft worden. Ihre wechselseitige 
Wirkung auf einander, das Abweichende des Gei- \ 
stes und das wunderbare Zusammenfliessen der 
form, mit^inem Worte, die eigene Charakteristik 
beyder könnte noch reichen Stoff zu wichtigen 
Untersuchungen darbiethen. Den Ionischen und 
den Böotischen , wie es gewöhnlich geschieht , in 
9in Ganzes gewaltig zusammen zu drängen , ist auf 
keine Weise befriedigend, noch kritisch haltbar. 
Es ist ein Vorzug der neueren Theorie , über alle 
Verhältnisse des Cultur-Processes Licht zu ver- 
breiten, und Mies nach gehörigem Maasse zu wür- 
digen. Vieles konnte auf die Gestaltung der Dich- 
ter-Stämme Einfluss gehabt haben: Böotien lag 
Thracien und dem Norden näher , und deswegen 
konnte der Geist sich leichter an das Theogonisch- 
Kosmogonische binden (*). In dem Homerischen 

(*) Die Sage, daas Kadmos von "Ägypten oder Phönicie* 

nach. Böotien gekommen sey, ist wohl bedeutend. Sie zeigt, 

«Ui« schon in grauer Voraeit Böoütn für tinen lichten Pirna 

2 



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( «8 ) 

Stamms herrscht ein höherer Grad der Nationalität, 
und er trägt mehr Spuren der Local -Umgebung 
an sich. In den Gesängen Homer s keimt schon die 
Blüthe der Griechischen Welt. Er tritt auf den 
Boden des reinen Epos, verherrlichend Local -Tra- 
ditionen, historische Überlieferungen, und sie ver- 
mählend, unbekümmert um den tiefen Sinn und 
strengen Charakter der religiösen Gesänge der Vor- 
zeit, — ein Dichter der Menschheit und des Lebens. 
Auf diese Weise konnte viel Verschiedenartiges , 
Etymologie , Symbolik , Allegorie . .historische 
Nahmen und Traditionen, sich in seinen Gesängen 
begegnen , ohne dass das Eine den Sieg über das 
Andre davon tragen durfte. Auf diese Art konnte 
Homer vieles vernachlässigen, vieles sogar igno- 
riren, manches nur fragmentarisch auffassen, man- 
ches verwischen , manches verbilden. So bestätigt 
sich klar und einfach das von Hermann und Creu- 
zer angenommene Verhältniss Homers zum Urquell 



der Culiur gehalten wurde. (S. Crcuzcr's Symbolik. B. I. 
S. 267.) Dass wiederum Ionicu mit PhÖnicien und zugleich 
mit Babylon und Assyrien ausammenhieng, ist höchst wahr- 
»rheinlicb. (S. Creuzer's Symb. S. II.) Überhaupt durch- 
kreuzen sich die Wege der Cultur in Griechenland auf das 
sonderbarste. 



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I 



(»>) 

der Poesie. Dass er mehreres nicht mehr verstan- 
den , wie Iene es behaupten , lässt sich durch ein 
aufmerksames Lesen seiner Werke gar leicht fas- 
sen 5 und in diesem Sinne ist die Odyssee , wo die 
Kritik überhaupt ein noch ganz neues Feld vor sich 
hat, besonders reich an Anwendungen nach Her- 
mann's Ansichten. So, wenn die Sirenen , im XII. 
Buche, den Odysseus zu sich locken, singen sie 
ihm von dem glücklichen Fremdling vor, derbey 
ihnen geweilt hat : (V. 188.) 

eye Te(\pccfjLevo? vSr&t, kcc) 7r\slovx etSdoc 
*l$peY yd? roi 7tccvB\ oor ev) Tfoly evgely %. 7» X« 
Hier hat offenbar eine Vermengung der Be- 
griffe statt gefunden: In der That erwartet man 
nach: yoiq rot 7rdcyroc etwas ganz anderes, 

als — Troja's Geschichten, die dem Odysseus näher 
bekannt waren als den Sirenen. In den alten Dich- 
tungen fand Homer die Sinn-und-Bilderreiche My- 
the von den Sirenen — über die , so viel ich weiss , 
Creuzer noch nichts mitgetheilt hat — und brauchte 

* 

diese in seinem Gedichte, je sicherer ein allgemei- 
nes Bild des Lebens, nach Creuzer's Bemerkung (*), 

(*) Die Alten geben sebon Anlass zu dieser Ansicht: Tijv 
3 03uffffttuv 9 xecXov avfyuirttQv ßtov xuronl^ov. Alcidamts 
apud Ariitot. Rhttor. L. III. c. 3. 



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t 



( 20 ) 

dem Dichter vor Augen schwebte 5 aber es ent- 
gieng ihm der hohe Sinn und die tiefe Bedeutung 
dieser Natur-Poesie 5 es entgieng ihm die Verwandt- 
schaft dieser Mythe mit den heiligen Traditionen 
des Orients , in denen die Schlange dem Menschen 
ebenfalls Ali- Wisserey verspricht, und den Viel- 
kundigen, TtXetcvcc &SotcCj in den Abgrund des 
Verderbens stürzt. So sezte Homer zu den Wor- 
ten des alten Gedichtes: ftp«? yu( rot nuvrcty 
sein modernes: o<r 'ivlTfoig ffff/f u. s. w. un- 
bekannt mit dem ächten Sinn, oder absichtlich 
ihn verwischend; welches letztere doch nicht 
recht wahrscheinlich ist. 

Eine von den schwersten Aufgaben, mit diesen 
Ansichten verbunden , ist gewissermasen: die Ge- 
staltung der ältesten Mythologie sammt ihren Phi- 
losophemen, und zunächst den Untergang dieser 
Philosopheme in dem Volcks- Glauben deutlich zu 
bestimmen. Dass überhaupt diese Natur -Philo- 
sopheme nicht das Werck einer müssigen Specu- 
lation waren , und dass sie weder aus einem Kopfe 
noch aus einer Caste entstehen konnten, ist für. 
jeden ausgemacht, der im Gange des menschlichen 
Geistes Spuren einer ihm inwohnenden übersinn- 
liehen Kraft zu erkennen gewohnt ist. Sucht man 



> 

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diese Spuren im Orient, so verknüpfen sie sich mit 
den ersten Offenbarungen, die schlicht und ein- 
fach , nur Hieroglyphen der Gottheit waren , und 
die nicht in dem ausgebildeten Wissen, sondern 
vielmehr in der Erfassungskraft selbst, nicht in der 
Rede, sondern im Laute, nicht als Gedicht, sondern 
als Poesie ursprünglich erscheinen konnten. Spä- 
ter musste sich ein Doppeltes bilden: entweder 
Unglaube und Klügeln, oder, wie bey Homer, ein 
unschuldiges Spiel, auf eigne Weise mit den unbe- 
kannt gewordenen heiligen Zeichen schaltend, die, 
wie die Natur selbst, tausendfaches Leben in sich 
haben, und zu allen Dingen passen. Dann wird 
die uralte Lehre des Weisen natürlich zum „Ei- 
,,genthum der Volckslehrer und Priester,, (Briefe 
über Homer. S. 16.) und so ist das Verhältnis! 
des Volcks - Glaubens zur Geheim - Lehre klar 
ausgesprochen. Die Untersuchung, in wiefern ein 
Zusammenhang dieser Theorie mit den Mysterien 
der alten Welt statt findet, hat für mich einen 
besondern Reitz und Werth , und ich werde es 
wagen , etliche Ideen darüber näher darzustellen. 

Vom Griechischen Standpuncte aus muss die 
Sache betrachtet werden: denn er allein giebt 
«inen allgemeinen Uberblick \ von diesem Stand* 



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( 12 ) 

puncte also, bestand die gesammte Ideen -Welt 
nur aus zwey Elementen : Polytheismus und Pan- 
theismus. Diese Doppel - Natur der alten Welt 
habe ich in einer anderen Schrift folgendermasen 
. anzudeuten gesucht : „Der höchste Standpunct der 
„alten Welt ist Pantheismus $ nicht schwach und 
„ abgelebt, wie er unter uns sich manchmal zu 
„zeigen wagte, sondern mächtig durch seine in- 
„nere Consequenz. Creuzer hat sehr richtig be- 
merkt, dass alle die Religionen, aus denen die Grie- 
chische Mythenlehre geflossen ist, nicht über da« 
„Emanations- System hinausgehn. Die Religion der 
„Alten bestand eigentlich nur aus zwey Theiien : 
„Polytheismus für die Menge und Pantheismus für 
„die kleine Zahl der Geweihten. Dass der mensch- 
liche Geist beyde Extreme zugleich berührte 

• 

„und dass beyde Extreme sich in ein System ver- 
binden Hessen, lag in dem Wfesen der Dinge : Aus 
„der unendlichen Vielheit des sich ewig fortbil- 
denden Volcks - Cultus flüchtete der Geist zur 
„entgegengesezten strengsten Einheit. Auf diese Art 
„war die Verbindung durchaus wesentlich: dem 
„Volcke war Alles Gott, dem Philosophen Gott 
' .Alles (»). 

(*) höaao% t. Panopolis. S. 24. 



1 



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w Früh versiegte im Orient für die Menschheit 
der Ur-Quell des reinen Monotheismus. Schnell ver- 
breiteten sich die durch die Kraft des Gegensatzes 
so mächtig verbundenen Principien derEmanations- 
Lehre, und bildeten sich überall in willkührliche 
und doch streng consequente Formen aus. Uberall 
gieng das höhere Wissen in Pantheismus über 5 Pan- 
theistisch ist die uralte Weisheit derlndier; Pan- 
theistisch die Lehre des Confu-tsee; Pantheistisch 

das System der berühmten mystischen Dichter des 

j 

Orients, der Persischen Sofi's: Pantheistisch war 
dieStoa und die Akademie, so Xvie auch die ge- 
sammte Philosophie der Griechen, so bald sie nicht 
rein Atheistisch erschien ; die Völker verirrten sich 
in der Vielheit des gemeinen Cultus , die alten 
Weltweisen aller Zeiten hatten keine andere Lehre, 
als die des mehr oder weniger materiellen Pan- 
theismus , des Ausflusses aller Dinge aus Gott und 
der Wiedervereinigung dieser mit ihm. Mit der Cul- 
tur zugleich kam das religiöse Wissen aus dem 
Oriente zu den halb wilden Griechen hinüber. AU 
synthetisches Princip, blieb der Pantheismus, auch 
auf Griechischem Boden , innig mit dem Oriente 
verbunden ; suchte sich aber auf Griechischem Bo- 
den einen nothwendig neuen Gegensatz zu bilden 5 



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( *4) 

und deswegen ist die Volcks-Lehre f der auflösende 
Polytheismus, durchaus Griechisch gestaltet, und hat 
wenig Spuren der fremden Abkunft an sich. Daraus 
entstand eigentlich das wunderbare Misverhaltniss, 
das zwischen dem rein- orientalischen Pantheismus 
und dem vollkommen Griechisch geformten Poly- 
theismus waltete , ein Mis Verhältnis« , das sich 
übrigens überall offenbaret, wo Spuren der Doppel- 
Lehre zu merken sind. Deswegen scheinen uns 
beyde Lehren so abweichend unter einander: der 
Sinn alt und wichtig, ein Anklang an höheres Wis- 
sen, die Form neu und rein - griechisch gestaltet f 
oft dem Sinne widersprechend und ihn sogar ver- 
* wirrend, oft ohne Sinn und Bedeutung, ein entseel- 
tes Wort, allein durch den Gegensatz der Geheim- 
Lehre existirend , und wiederum jener als hebende 
Folie dienend, und dadurch ihr Form und Charakter 
verleihend. - 
Aber mit der Pantheistisch - Kosmogonischen 
Lehre der alten Sänger war auch zugleich ein Fun- 
ken hinüber getragen worden, der in mystischem 
Dunkel aufbewahrt , bald im Innern erwählter 
Tempel zur hellen Flamme für eine kleine Schaar 
der Geweihten aufloderte. Es w^ar das theuerste 
Pfand der Menschheit, gerrettet aus der allgemeinen. 



I 

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( *5 ) 

Verwirrung der Begriffe, ein Überbleibsel der 
Vorzeit, das heilige Vermächtniss der Väter. Ans 
welchen Elementen diese reine Offenbarung der 
Gottheit bestand , und wie sie gestaltet war , ist 
nicht zu errathen. Dass sie nicht aus blossen Phi- 
losophischen Aphorismen zusammengesetzt war, 
lehrt uns schon die Vernunft. Dass zugleich die 
Lehre der Mysterien weit über die Lehre der phi- 
losophen hinausgieng, und etwas sehr Reelles ent- 
hielt, ist offenbar: denn wie hätte sie sonst eine 
Geheim- Lehre bleiben können? Endlich dass man 
den Geweihten in den kleinen Mysterien einen ge- 
läuterten Polytheismus (*); in den grossen aber 
einen reinen Pantheismus vortrug, scheint bewie- 
•enfür jeden, der sich mit diesem wichtigen Ge- 
genstande ernstliqh beschäftiget hat. Aus dem hö- 
heren Polytheismus gelangte man z-um Pantheismus, 
aus dem höheren Pantheismus zum — Monotheismus, 
oder besser gesagt, hier löste sich alles auf,hier gien- 
gen im neuen Lichte beyde Principien des Emana- 
tions-Systems unter, und auf ihrenTrümmern schloss 
sich für den Geweihten eine neue Gestaltung der 
moralischen Welt auf, welche die bestehende Ord- 
nung schlechterdings zerstört hätte, wäre sie jemals 
_ 

(*) Essai sur ics Mysterei d'Eleusii. 



( ,6) 

aus dem Innern der Mysterien -Lehre hinausgetre- 
ten. Deswegen war alles so sorgfältig berechnet r 
jede Äusserung so unmöglich gemacht, dass nie 
das Geheimniss gemisbraucht worden ist. Ein son- 
derbares Phänomen in der Welt- Geschichte, eine 
nie wiederkehrende Verknüpfung ganz einziger 
Umstände! — . 

In dieser Lage der Dinge hatte, wie natürlich, 
dieser Funken von Monotheismus , nur einen sehr 
geringe^ Einfluss auf die Welt - Ordnung ; nicht 
allein die so kleine Zahl der höheren Geweihten, 
sondern vielmehr das Abstracte des Begriffes , und 
vielleicht auch dessen unvollkommene Anschauung 
und verwirrende Anwendung — erinnere man sich 
nur, dass ich vom Standpuncte des alten Pantheis- 
mus ausgehe!« — machten ihn fruchtlos und isolirt 
auch für die Besten j ja, für die hellsten Köpfe 
des Alterthum's war der Monotheismus kaum eine 
Ahndung , die sich nie zum klaren Begriff aus- 
bildete. Polytheismus und Pantheismus , in ihrer 
unzertrennlichen Verbindung , behaupteten die 
Herrschaft über die Welt , bis endlich eine höhere 
Macht die alte Doppel -Lehre stürzte, und den Mo- 
notheismus in seiner ursprünglichen Reinheit zur 
Seele einer neuen Religion machte. 



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( *7 ) 

Dass in der Mittheilung der höheren Mysterien- 
Weihe heilige Uberlieferungen , wichtige Priester- 
Traditionen und Gesänge , Fragmente aus einer 
unbekannten Zeit , Nahmen und Zeichen eine 
Hauptrolle gespielt haben , ist mir aus so mancher- 
ley Gründen erwiesen , dass sogar das Zeugniss des 
Galenus, « — dessen Wichtigkeit auch Creuzer aner- 
kannt hat, obgleich er auf diese Stelle nicht so viel 
Werth zu legen scheint, als ich, — dass auch dieses 
Zeugniss nicht einmal erforderlich wäre, um der 
höheren Weihe der Mysterien einen traditionellen 
Charakter beyzulegen. Wie eigentlich diese Weihe 
eingerichtet war, mag nicht zu erweisen seyn ; aber 
ohne einen innern , lebendigen Zusammenhang mit 
den Ur-Traditionen des menschlichen Geschlechts , 
wäre sie wohl schwerlich zum Brenn -Punct alles 
höheren Wissens , aller mystischen Anschauung in 
der alten Welt geworden. Man muss sich aber 
ganz auf den Standpunkt des Pantheismus versetzen 
können , um zu begreifen , wie in jener alten Ord- 
nung der Dinge ,' Monotheismus eine auflallende, 
blendende Erscheinung seyn modite. Ueberhaupt 
hat dieses Studium die grosse Schwierigkeit an 
sich , dass man sich immerfort von seinen eignen 
Ideen trennen muss , um die Entwickelung der 



( ) 

allgemeinen Ideen richtig zu fassen und zu begrei- 
fen (*). 

In meinem Versuche über die Mysterien zu Eleu- 
si& habe ich vorausgesetzt, das« die Ausbildung der 
Griechischen Mysterien später als das Homerische 
Zeitalter statt fand, und dieses eben durch Homer 1 * 
Stillschweigen zu beweisen gesucht. Von mehreren 
Seiten ist diese Behauptung angefochten worden, 
upd doch sehe ich keinen Grund ein, um meine 
Meinung darüber zu ändern« Es sey mir vergönnt, 
zu bemerken , dass hier einzig und allein die Frage 
entstehn kann, ob Homer die Mysterien aus Absicht 
oder aus Unwissenheit nicht genannt habe? — Dass 
er sie absichtlich und bloss aus Willkühr ver- 
schwiegen hätte , scheint nicht einleuchtend ; denn 
eben die anerkannte Wahrheit, dassHomer's Dich- 
tung eine jugendliche, ja sogar eine kindliche sey, 
entfernt jede Idee von absichtlicher Täuschung in 
der Art des Verfahrend (**). Das Weitere ist von. 

(*) Also in dem feindlichen Verhältnisse des philosophischen 
Pantheismus zum Monotheismus der Geheim-Lehre liegt der 
Haupt - Grund jener Opposition der Philosophie a wie ich 
anderwärts angedeutet hahe, und was wohl keinem Zweifel 
unterworfen seyn kann. 

(**) Vgl. Briefe üher Homer undHesiod. SS. 45. 74. und Ul« 



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( a 9 ) ! 
Hermann und Creuzer treflich auseinandergesetzt 
worden, übrigens scheint wohl die Frage selbst 
gewissermasen unwesentlich zu seyn. Nur eins 
kann als wichtig für uns gelten : dass nehmlich die 
Griechischen Mysterien sich wircklich spat entwi- 
ckelt haben ; obgleich der eigentliche Keim der 
Mysterien in der That der Periode des Uberganges 
angehört, und sicher Vor- Homerisch ist. Wahr- 
scheinlich ist es, dass die Tempel -Gesänge der mitt- 
lem Periode, mit den Nahmen Olen , Orpheus, Li- 
nus u. s. w. bezeichnet , zum Theil auf die My- 
sterien berechnet waren. Die grossartigen, viel- 
sagenden Typen der Ur- Poesie des Orients hatten 
sich in Tempel-Poesie verwandelt; noch ist ein 
schwacher Schimmer dieser Gesänge in den Or- 
phischen späteren Nachbildungen vorhanden. Die- 
se Epoche war schon gewissermasen eine Periode 
des Sinkens , des blossen Nachlallens , des Strebens 
nach einem verlorenen Paradiese. Die erste Pe- 
riode hatte nicht lange gedauert, und die Scheidung 
der Stamme blieb zugleich eine Haupt- Ursache 
und ein Haupt -Resultat dieser wichtigen Begeben- 
heit. 

Ohne Zweifel musste der spätere Pantheismus 
gar mancher Umwandlung sich unterwerfen. Seine 



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( 3o) 

Orientalische Reinheit konnte er wohl schwerlich 
behauptet haben; und es wäre ein preis würdiges 
Unternehmen, die Abstufungen, Abweichungen 
und Verirrungen dieses weit- umfassenden System's 
mit prüfendem Blicke , von den Ufern des Ganges 
bis in den Hain der Akademie allmihlig zu ver- 
folgen. Gleichen Schrittes giengen Philosophie und 
Volcks - Glaube dem Verderbniss entgegen , und 
beyde befanden sich in der sonderbarsten Auflö- 
sung, als mit den Neu -Piatonikern eine neue Epo- 
che, die lezte und vielleicht die merkwürdigste 
der alten Religion , sich der Welt offenbarte. An- 
derwärts (Essai sur les Myst^res d'Eleusis) habe 
ich den Kampf des Christen thum's und des Neu- 
Platonismus zu schildern gesucht,* der wohl nichts 
anders , als der Kampf des erwachenden Monotheis- 
mus und des an Entkräftung sterbenden Pantheis- 
mus war: denn alles hatte sich verändert - 7 das 
grosse Räthsel der alten Welt lag enthüllt vor aller 
Augen da. Was im tiefsten Dunckel der Tempel 
tter Vorwelt, als Disciplina Arcani, aufbewahrt ge- 
wesen war, war inThat und Wort in das Leben 
herausgetreten. Der abgezogene, abstracte Begriff 
war nun sinnlich verkörpert; die Doppel -Lehre , 
alsein abgelebtes Princip, aufgehoben, und mäch- 



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\ 

I 

1 » 

tig regte sich das jugendliche Christenthum im mor- 
schen Gebäude des menschlichen Wissens , als 
sich eine kleine Zahl Menschen erhub, in der Ab- 

» 

sieht , den Welt-Geist zu bekämpfen und mit küh- 
ner Hand in die Entfaltung der Menschheit ein- 
zugreifen. Es waren die Neu-Platoniker. Da sie 
als die lezten Verfechter der alten Lehre erschie- 
nen, hatten siesämmtlich einen Zweck : das We- 
sentliche des Pantheismus zum Orientalischen Ur- 
Quell zurückzuführen, seinen Werth durch Theur- 
gie und Magismus zu steigern , den Polytheismus 
als einen verschleyerten Monotheismus zu retten, 
und unter diesem Panier dem Monotheismus ent- 
gegen zu wircken. Der Geist war gross, die An- 
strengungen ungeheuer; aber derPlan mislang, wie 
alles mislingen muss, was als Oppositions-Partey 
gegen die Menschheit auftritt. 

Ich breche hier ab, — fürchtend die Gränzen 
eines blossen Aufsatzes schon verkannt zu haben. 
Sey es mir erlaubt, in kurzen Aphorismen die Haupt- 
Ideen aufzufassen, die ich hier darzustellen ver* 

■ 

suchte : 

i.) DerUr-Quell der Vor- Homerischen Prie- 
sterlichen Poesie liegt fern von Griechenland , im 
Orient. 

/ 



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( 3* ) 

2. ) Aus dem Orient ist sie zum Theil über 
Thracien nach Griechenland gekommen. Die Nah- 
men: Olen, Thamyris, Orpheus, Linus, u. s. w. 
bezeichnen diese Periode des Uberganges j ausser- 
dem sind es symbolische Nahmen, ohne historische 
Anwendung. 

3. ) Die Ansiedelung der Poesie fand auf zwejr 
fern gelegenen Puncten zugleich statt. Der Ionische 
Stamm der Sänger und der Böotische , die man ge- 
wöhnlich nicht unterscheidet , sind in gar mancher 
Hinsicht verschieden; obgleich einem Gesetze der 
Sprache unterworfen. 

4«) Pantheismus^ und Polytheismus sind die 
beyden unzertrennlichen Bestand -Theile der alten 
Religion. Der Monotheismus, tief in den Mysterien, 
verborgen , konnte keinen Einfluss auf die Welt- 
Ordnung haben. 

5.) Der Neu -Piatonismus hat den Geist seiner 
Zeit misverstanden , indem er sich dem Monotheis- 
mus, den Christus Lehre ausgebildet, entgegensetz te > 
und die alte Lehre zu vertheidigen suchte. 

Schliesslich bemercke ich noch, dass die wohl- 
wollende Prüfung dieser Ideen durch die beyden 
treflichen Männer , die zu diesem Aufsatz Anlas* 
gaben , der beste Preis meiner Arbeit seyn wird. 



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( 33 ) 

ley Ihnen durch diese , flüchtig mitten unter zer- 
treuenden Geschäften niedergeschriebenen, Zeilen 
wenigstens bewiesen 9 mit welchem Fleisse ich 
hre Wercke stets gelesen habet — 

Ouwaroff. 



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