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Full text of "Das Gilgamesch-Epos"

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DAS GILGAMESCH-EPOS 

NEU ÜBERSETZT VON ARTHUR UNGNAD 

UND GEMEINVERSTÄNDLICH ERKLÄRT 

VON HUGO GRESSMANN 








Das Gi]gamescli-Epo8 



Neu übersetzt von ARTHUR UNGNAD 



und 



gemeinverständlich erklärt von HUGO GRESSMANN 




Gottingen V 

Tandenhoech & Ruprecht 
19]] 




Forschungen zur Eeligion und Literatur 
des Alten und Neuen Testaments 

In Verbindung mit 
Dr. Herrn. Ranke und Dr. Artb.. TJngnad 

Prof. d. Aegyptol. in Heidelberg Prof. d. oriental. Philol. iu Jena 

herausgegeben von 
D ^Wilh.. Bousset und i) Herrn. G-ixnkel 

Prof. d. Theol. in Göttingen Prof. d. Theol. in Gießen 

14. Heft. 



Ü6erjc^xtnc5§rec^t öorbe^atten. 
(Sop^rigijt 1911 b\) Jöanben^oecJ & SRu^ve^t. 



Üniv.-Uuchdruckerei von K. 4. Uuth, Göttingen. 



Vorwort. 

Jensen hat uicht nur das Verdienst, durch seine Forschungen 
über das Gilgames-Epos das Interesse weiterer Kreise geweckt zu 
haben, sondern er hat auch für das Verständnis dieser Dichtung 
in philologischer wie in exegetischer Hinsicht eine feste Grund- 
lage geschaffen, auf der die beideai Verfasser des vorliegenden 
Buches trotz mannigfacher Widersprüche im einzelnen wie im 
ganzen weiter gebaut haben, wie sie dankbar bekennen. 

Ungnad hat dem W^unsche Gressmanns, eine neue Über- 
setzung mit kurzen Noten anzufertigen, bereitwillig entsprochen, 
weil dieser seine literar- und religionsgeschichtlichen Studien über 
das babylonische Epos und eine begründete Kritik der Thesen 
Jensens nur im Anschluß an eine Übersetzung vorlegen wollte, 
die dem Leser, soweit als möglich, ein eigenes Urteil erlaubt. Um 
auch denen, die sich außerhalb des engen Kreises der Fachge- 
nossen für die behandelten Fragen interessieren, das Verständnis 
zu ermöglichen, ist so gut wie nichts als bekannt vorausgesetzt 
worden. 

Wie schon aus dem Titelblatt und aus den Überschriften 
der beiden Teile des Buches hervorgeht, ist Ungnad ausschließ- 
lich für die Übersetzung, Gressmakn ausschließlich für die Er- 
klärung verantwortlich. 

Die Verfasser. 



IV 



Nachträge und Verbesserungen. 

[ ] bedeutet Ergänzung von Lücken, ( ) Ergänzung, die der Sinn 
erfordert. 

Die einzelnen Verse sind, wenn möglich, in Halbverse zerlegt. In 
zerstörten oder unklaren Stellen entsprechen je drei oder vier Punkte 
einem Worte des Originals; fünf Punkte besagen, daß unsicher ist, 
ob ein oder zwei Worte dort gestanden haben. 

S. 15 Z. 285 f. lies wohl besser: 

[So] redet [die Dirne] zu Engidu; 
[Gilgames zu sehen, gehen] die beiden. 
Vgl. S. 88 Anm. 5. 

S. 15 Die Einordnung des Fragmentes A in Tafel II geht auf den 
Vorschlag Gressmanns zurück. Vgl. S. 90 Anm. 1. 

S. 17 F gehört gewiß vor IV F (S. 26). Vgl. S. 91 Anm. 1. 

S. 40 Z. 40 lies „unten" statt ,, unter". 

S. 64 Z. 317 lies wohl besser: „auch habe ich das Schiff am Ufer 
zurückgelassen". Vgl. S. 144 Anm. 2. 

S. 67 Z. 98 könnte man statt [ib-r]a „Freund" auch [pag-r]a ,,Leib'" 
ergänzen; vgl. S. 228 Anm. 1. 

S. 69 No. 3 Kol. I lies von Z. 8 an: 

(8)?; (9) [. . .] den Leuten [. . . (10) in ihrem Leibe] mögen [wenig 

werden] (?) die Kräuter, (11) [ ] möge Kammän kostbar (= selten) 

werden lassen. Vgl. S. 209 Anm. 10. 

Ungnad. 



Erster Teil. 
Übersetzung 

von Arthur "üngnad. 



Yorbemerkungen. 

Die Texte, aus denen das Gilgames-Epos rekonstruiert werden 
kann, wurden von P. Haupt, Das babylonische Nimrodepos'^ (= Assy- 
riologische Bibliothek, herausg. von Friedrich Delitzsch und Paul 
Haupt, Bd. III), Leipzig 1884 und 1891 ediert. Nachträge finden sich 
teils in P. Haupts Aufsatz Die zwölfte Tafel des babylonischen Nimrod- 
JEpos (= Beiträge z. Assyr. u. vergl. sem. Sprachwiss.^ I, S. 49 ff.), teils 
bei A. Jere:>iias, Izdubar-Nimrod^ , Leipzig 1891. Einzelne Ver- 
besserungen zum Texte bietet P. Haupt, Ergebnisse einer neuen Kol- 
lation der Izdubar-Legenden (= BA I, S. 94-152 und 318—322). 

Übersetzungen geben hauptsächlich folgende Arbeiten: A. Jeremias, 
INS. 14 ff.; P. Jensen in Keilinschriftliche Bibliothek, Bd. VI 1, S. 116 ff.*, 
P, Dhor^vie, Choix de Textes Religieux Assyro-babylonietis, Paris 1907, 
S. 100 ff. 182 ff. Auszüge auch von A. Ungnad in Altorientalische Texte 
und Bilder zum alten Testament, in Verbindung mit Ungnad und Eanke 
herausgegeben von Lic. Dr. Hugo Gressmann^ Tübingen 1909, S. 39 ff. 

Zur Erklärung vgl. außerdem H. Zevoiern in Die Keilinschriften 
und das Alte Testament, 3. Aufl., Berlin 1903, S. 566 ff.; 0. Weber, Die 
Literatur der Babylonier und Assyrer, Leipzig 1907, S. 71ff. ; und be- 
sonders P. Jensen, Das Gilga7nesch-Upos in der Weltliteratur I, Straß- 
burg 1906, S. Iff. ; endlich auch H. Schneider, Die Entwicklung des 
Gilgameschepos (= Leipziger Semitistische Studien V 1), Leipzig 1909. 

Zur Sintfluttafel (XI), deren Text auch in The Cuneiform In- 
scriptions of Western Asiu , Bd. 4, 2. Aufl., London 1891, S. 43 f. ver- 
öffentlicht ist, vgl. noch P. Haupt in Die Keilinschriften und das Alte 
Testament, 2. Aufl., S. 55ff. ; H. Zevijiern bei H. Gunkel, Schöpfung und 
Chaos in Urzeit und Kndzeit, Göttingen 1895, S. 423 ff.; A. T. Clay, 
Light on the Old Testament fr om Babel, Philadelphia 1907, S. 77ff. ; 
A. Jeremias, Das alte Testament im Lichte des alten Orients, 2. Aufl., 



1. Abgekürzt NE. 2. Abg. BA. 3. Abg. IN. 

4. Abg. J. — Jensen gebührt das Hauptverdienst in der Inter- 
pretation des Epos. Seine Übersetzung ist bisher nur an wenigen 
Stellen überholt worden. 5. Abg. TB. 

Forschungen 14: GUg.-Epos. 1 



2 Das Gilgames-Epos. 

Leipzig 1906, S. 124 ff. H. Winckler, Keilinschriftliches Textbuch zum 
Alten Testament, 3. Aufl., S. 80 ff. 

Das Epos wurde in Asurbanipals Bibliothek zu Kujundschik- 
Niniveh in mehreren sehr fragmentarischen Exemplaren aufgefunden. 
Alle Texte sind assyrisch geschrieben mit Ausnahme der Fragmente E, if 
und \p^, die neubabylonische Schrift aufweisen. Jede Tafel enthielt ur- 
sprünglich je drei Kolumnen auf Vorder- und Kückseite (in unserer Über- 
setzung mit A, B, C, D, E, E bezeichnet). Am Ende jeder Tafel befand 
sich zunächst die Anfangszeile der folgenden Tafel (Folgeweiser, Kolophon 
oder Kustos genannt), dann wurde angegeben, welche Tafel des Epos 
die betreffende ist, den Beschluß bildet bisweilen die Angabe, daß die 
Tafel „entsprechend einem älteren Texte abgeschrieben 2" sei und der 
Bibliothek Asurbanipals angehöre. Das Gedicht wurde in XII Tafeln 
eingeteilt, wie wir aus der Bibliothekssignatur von a' und b' ersehen, 
die als „Tafel XII" bezeichnet werden, aber keinen Folgeweiser haben, 
demnach nicht einer weiteren Tafel vorhergingen. Bezeichnet wird das 
Epos in den Unterschriften entweder mit den Anfangsworten ,,Der 
alles (?) sah" oder als „Gilgames-Serie" , bisweilen finden sich beide 
Bezeichnungen nebeneinander. Der Probe wegen sei die Unterschrift 
des Fragmentes A (= NE S. 105) mitgeteilt: 

1 An einem Tage ließ er (?) fürwahr ein Netz (?) im Hause eines Zimmer- 

manns. 

2 Tafel XI „Der alles (?) sah", Serie GilgameS, 

3 einem alten (Exemplar) gemäß abgeschrieben und dann kollationiert (?). 

4 Eigentum (?) Asurbanipals, Königs der Welt, Königs von Assyrien. 

Hier finden wir zunächst (in Z. 1) den Anfang der folgenden Tafel ge- 
nannt, dann die Nummer der vorliegenden Tafel (Z. 2), dann die 
Notiz, daß die Tafel die Abschrift eines älteren Textes darstellt, und 
endlich den Vermerk, daß sie der Bibliothek Asurbanipals angehört. 
Leider wird nie gesagt, in welcher Stadt die alten Originale aufbewahrt 
wurden. Man darf wohl annehmen in Uruk, dem Schauplatz des Ge- 
dichtes. 

Durch die Bibliothekssignaturen läßt sich die Stellung der ein- 
zelnen Fragmente im Epos größtenteils bestimmen. Es soll zunächst 
ein Verzeichnis der Keilschriftfragmente des Gedichts gegeben werden. 

Die Texte werden in unserer Übersetzung durch am Kande an- 
gebrachte Buchstaben bezeichnet, und zwar sind für die mit völliger 
Sicherheit einzuordnenden Stücke lateinische Buchstaben gewählt, für 
Tafel XI große — in Übereinstimmung mit NE S. 133 — für Tafel I, 
IV, V, VI, IX, X, XII kleine. Die nur mit Wahrscheinlichkeitsgründen 
eingereihten Fragmente werden mit griechischen Buchstaben bezeichnet. 
Bei Tafel XI war es aus äußerlichen Gründen nicht möglich, jedesmal, 
sobald ein P'ragment beginnt oder endet, die Buchstaben aller andern an 
der betreffenden Stelle noch inbetracht kommenden Fragmente anzugeben, 
wie das bei den übrigen Tafeln geschehen ist. Statt dessen ist jedes- 
mal, wo ein Fragment aufhört, der entsprechende kleine Buchstabe ge- 



1. Es ist sehr unsicher, ob i/^ zum Epos gehiirt; s. u. Anhang 1. 

2. So auf Fragment o, p, A, C, a', b'. Vgl. für diese Bezeich- 
nungen unten S. 3. 



Vorbemerkungen zur Übersetzung. 



8 



setzt. Diese kleinen lateinischen Buchstaben haben hier also eine andre 
Bedeutung als bei den übrigen Tafeln der Dichtung. Beispielsweise 
sind auf P'ragnient H alle Stellen erhalten, die jedesmal zwischen H 
und h liegen, d. i. Z. 55-64, 108—123, 247-2öl'und 297-307. 

Publikationsstelle 

NE 120 = Nr. 59 

NE 121-123 = Nr. 60 

NE 124 = Nr. 61 

NF 125 = Nr. 62 

NE 126. 127 = Nr. 63 

NE 128. 129 = Nr. 64 

NE 125 = Nr. 65 

NE 125 = Nr. 66 

NE 130 = Nr. 67 

NE 130 = Nr. 68 

NE 75+87. 88» = Nr.39+48 

NE 18. 19 = Nr. 6 

NE 16. 17 = Nr. 5 

NE 94 = Nr. 55 

NE 14. 15 = Nr. 4 

NE 20 = Nr. 7 

NE 21 = Nr. 8; vgl. INBl.I 

NE23 = Nr.lO;vgl.INBl.I 

NE 52 = Nr. 24; 

NE 80 = Nr. 44 vgl. INBl.I 

NE [22.] 81—84 = Nr. [9.] 

45 
NE 58-^ = Nr. 31 
NE 572 = Nr. 30 
NE 52 = Nr. 25 
NE 94 = Nr. 54 
NE 55. 56 = Nr. 27 
NE 53. 54 = Nr. 26 
NE 68 = Nr. 35 
NE 74 = Nr. 38 
NE 86 = Nr. 47 
eigne Abschrift, in Um- 
schrift J 198 
NE 56 = Nr. 29 
NE 68 = Nr. 36 

Die Anordnung der Fragmente ergibt sich kurz aus folgenden 
Indizien : 

Von Tafel I sind zwar keine Unterschriften erhalten, die die 
Tafelzahl angeben, da aber das Gedicht die Bezeichnung „Der alles (?) 



Unsere I 


Unsere 


Ab- 


Publikationsstelle 


Ab- 


kürz ui 


^K 


kürzung 


a 


NE Seite 1 = Nr. la 


D(-d) 


b 


NE [6.] 79 = Nr. [If.] 43 


E(-e) 


c 


NE 4-6 = Nr. le; IN 


F(-f) 




Blatt II III 


G(-g) 


d 


NE 8—13 = Nr. 3 


H(-h) 


e 


NE 2 = Nr. Ib 


I(-i) 


f 


NE 2 = Nr. Ic 


K(.k) 


g 


NE 3 = Nr. Id 


L(-l) 


h 


eigne Abschrift, in Um- 


M(-m) 




schrift J 130 


N(-n) 


1 


NE 7 = Nr. 2 


« 


k 


NE 27. 28 = Nr. 12 


ß 


1 


NE 24-26 = Nr. 11 


7 


m 


NE 34 = Nr. 18 


rf 


n 


NE 29 = Nr. 13 


s 





NE 30. 31 = Nr. 14 


C 


P 


NE 37 41 = Nr. 21 


V 


q 


NE 150 = Nr. 71 


^ 


r 


NE 32. 33 = Nr. 15 


c 


8 


NE 33 = Nr. 16 


X 


t 


NE 34 = Nr. 17 


k 


u 


NE 35 = Nr. 19 




V 


NE 36 = Nr. 20 


." 


w 


NE 59—64 = Nr. 32 


V 


X 


NE 85 = Nr. 46 


.' 


y 


NE 65-66 = Nr. 33 





z 


NE 67-72 = Nr. 34 


TT 


z' 


NE 73 = Nr. 37 


Q 


a' 


BA I 57— 65 = Nr. 54 


a 


b' 


BA I 49. 50 = Nr. 51 


r 


c 


BA I 53 = Nr. 52 


V 


d' 


BA I 55 = Nr. 53 


</' 


A(-a) 


NE 95-105 = Nr. 56 




B(-b) 


NE 96-113 = Nr. 57 


X 


C(-c) 


NE 114—119 = Nr. 58 


^ 



1. Jetzt vereinigt. 

2. |U und V gehören möglicherweise zur gleichen Tontafel. 

1* 



4 Das Gilgames-Epos. 

sab" führte, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß a und b, deren 
erste Zeile so lautet, den Anfang darstellen. Durch das Ineinander- 
greifen der einzelnen Fragmente läßt sich Tafel I aus den Stücken a— i 
bis auf einige Lücken rekonstruieren. 

Von Tafel II ist nur die erste Zeile durch den Folgeweiser von c 
sicher einzuordnen. 

Die nächste Tafel, deren Zahl nach Unterschriften feststeht, ist 
Tafel VI, auf o, p, v als Tafel YI bezeichnet. Die Fragmente m— v 
rekonstruieren die Tafel fast vollständig. Da ihre Anfangszeile erhalten 
ist und Fragment 1 diese Zeile als Folgeweiser hat, gehört 1 zu Tafel V. 
Auf 1 ist ebenfalls die erste Zeile der Tafel erhalten; daher gehört k, 
das diese Zeile als Folgeweiser ^ hat, zu Tafel IV. 

Von Tafel VII ist nur die erste Zeile durch den Folgeweiser auf 
0, p, V sicher einzuordnen, 

"Weiter ist Tafel X durch die Unterschrift von y zu bestimmen. 
Mit Hilfe von z und z' läßt sich die Tafel größtenteils herstellen. Da 
ihr Anfang auf w als Folgeweiser genannt wird, muß dieses Fragment 
der Tafel IK angehören; x ist ein Duplikat. 

Die Einordnung von Tafel XI ergibt sich teils aus dem Folgeweiser 
von y, vor allem aber aus den Unterschriften der Fragmente A und C. 
Zur Tafel gehören die Fragmente A — N. 

Von Tafel XII ist Z. 1 durch den Folgeweiser auf A und C er- 
halten. Weiterhin werden die Fragmente a' und b' als Tafel XII be- 
zeichnet. Zur gleichen Tafel gehören dann auch c' und d . 

Schwieriger sind die übrigen Fragmente einzuordnen, da hier 
Bibliothekssignaturen fehlen. Eine gewisse Hilfe bietet dabei die An- 
ordnung der einzelnen Kolumnen. 

« hat Keste von 6 Kolumnen, f gehört eng damit zusammen, da 
es teilweise dieselben Worte wie « hat, die aber jedesmal von einem 
andern gesprochen werden-. Mit 8 ist ^ teilweise identisch. Auf das 
in ß und dem teilweise parallelen Bruchstück y Erzählte wird in J — e 



1. Nach persönlicher Mitteilung Kings gehören NE 27 und 28 der- 
selben Tafel an, woran Zweifel erhoben worden sind. Bedenklich ist 
nur der Umstand, daß k keine weitere Signatur außer dem Folgeweiser 
trägt; jedenfalls ist Eaummangel der Grund hierfür. 

2. Vgl. vorläufig Tafel III. Allerdings wäre auch eine andre Möglich- 
keit nicht ganz ausgeschlossen, daß nämlich « zu Tafel VIII gehört. Es 
müßte dann von ß—8 getrennt werden. Der Zusammenhang wäre dann 
dieser: Auf J, s verweist Öamas Engidu auf die Ehren, die Gilgames 
ihm erzeigen wird, und deutet darauf hin, daß Gilgames seinetwegen 
„über das Feld dahineilen" werde. In « klagt Gilgames zunächst über 
Engidu (Kol. B). Hierzu würde unser VIII B (Frgm. r, v) gut passen. 
In Kol. C von « (bei uns vorläufig noch unter III B eingereiht) weist 
OilgameS auf die Ehren hin, die er Engidu erzeigt hat, und spricht 
seine Bereitwilligkeit aus, seinetwegen „über das Feld dahinzueilen". 
Soviel ich sehe, spricht nur die Form ü-ses-nb-ka gegen diese Auffassung, 
da sie leichter als Praesens „ich lasse dich bewohnen" denn als Prae- 
teritum „ich habe dich l)ewolinon lassen" erklärt werden kann. Aber 
bei der nicht gerade immer korrekten Spraclie des Ei)()S könnte auch 
dieser Anstoß hinfällig sein. Kol. 1) (vorläufig 111 1) 60 ff.) und E auf 
Fragment « geben keinen Anhalt für die P]inreihiing des Fragmentes. 



Vorbemerkungen zur Übersetzung. 5 

Bezu<^' «genommen, es ist also ebendort einzuordnen. Welcher Tafel 
entstammeu diese zueinander gehörenden Frat,'niente? Sie gehören in- 
haltlich vor die IJuiubaba-Episode, also zu Tafel II, III oder IV; ferner 
sind sie vor dem Komplex C—x einzureihen. Die Fra^e der Einordnung 
ist abhiin^ng von der Stellung von A. Dieses Fragment wird von Jknskn 
in Tafel IV untergebracht. Da es aber von einem Kampf zwischen 
(jJilgames und Engidu zu berichten scheint, geh<»rt es wohl eher zu 
Tafel II. In diesem Falle muß a—t zu Tafel III, C-x zu Tafel IV ge- 
hören. Ob o und ^ Stücke von Tafel II bezw. III sind, ist unsicher. 

C gehört mit /; und x zusammen, da sie stellenweis identisch sind. 
Da der Zug gegen Humbaba als bevorstehend erwähnt wird, ist ihre 
Einordnung nach «— « wahrscheinlich. Sie gehören dann zu Tafel IV. 
& und c scheinen ebenfalls zusammen zu gehören. Dann hat i Reste der 
Kol. A und B, ^ solche von B und C. Da sie inhaltlich den Frag- 
menten C, n, X nahe stehen, ist ihre Einordnung in Tafel IV wahr- 
scheinlich. 

Über das Fragment l vgl. oben 

jU und V, die eng zusammengehören und vielleicht sogar dem 
gleichen Fragment entstammen, erwähnen Träume, die jedenfalls mit 
dem Kampfe gegen Humbaba zusammenhangen. Deshalb ist ihre Ein- 
ordnung in Tafel V wahrscheinlich. 

n und Q sind teilweise identisch. Da von einer schmerzhaften 
Krankheit Engidus die Eede zu sein scheint, gehören sie hinter Tafel VI, 
aber vor Tafel IX, wo Engidu bereits tot ist. Sie gehören wohl zu 
Tafel VII, wenn auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen erscheint, 
daß sie einer früheren Tafel angehören, weil von der „Tür des Haines" 
und der „hohen Zeder'' gesprochen wird. Man könnte etwa auch an 
Tafel V denken. 

a bildet den Anfang einer Tafel, könnte also zu III, IV oder VIII 
gehören. Da auch hier von einer schmerzhaften Krankheit Engidus ge- 
sprochen zu werden scheint, dürfte das Fragment den Anfang der 
Tafel VIII bilden, in die ziemlich sicher auch die Erzählung vom Tode 
Engidus auf r und dem hiermit teilweise identischen v einzureihen ist. 
Endlich gehört wohl auch (/ zu Tafel VIII, zumal es auch die in IX 
und X stereotyp wiederholten Fragen nach Gilgames's Kummer in etwas 
abweichender Form bringt. 

Ob die Paralleltexte / ^n^^ ^ (s- Anhang 1) überhaupt zum Ge- 
dicht gehören, ist zweifelhaft. 



Aus Asurbanipals Bibliothek stammt auch der Text NE 131 
= Nr. 69, der im Anhang 2 mitgeteilt wird. Er ist auch von 
F. Delitzsch, Assyrische Lesestücke, 3. Aufl., S. 101, und im 4. Bd. 
der Cnneiform Inscriptions from Western Asia, 2. Aufl., London 1891, 
Additions, p. 9 veröffentlicht. Vgl. zuletzt TB I, S. 57 und Hilprecht, 
Der neue Fund zur Sintßutgeschichte, Leipzig 1910, S. 38 f. 

Aus altbabylonischer Zeit stammen die im Anhang 3—5 über- 
setzten Stücke. Das erste (Anhang 3) ist datiert vom 28. Sabat des 
11. Jahres Ammisaduga's, d. i. etwas nach 2000 v. Chr. Es wurde von 



6 Das Gilgames-Epos. 

V. ScHEiL in Jtecueil de Travaux relatifs a la jihilohgie et ä V arche.ologie 
egyptiennes et asst/riennes, Bd. XX, S. 55 tf. veröfiFentlicbt, Vgl. zuletzt 
TB I, S. 57 f. 

In etwas frühere Zeit gehört wohl seiner Schrift und Sprache 
nach das von B. Meissner in den Mitteilungen der Vorderasiatischen 
Gesellschaft 1902, Nr. 1, veröffentlichte, hier im Anhang 4 übersetzte 
Fragment einer aus vier Kolumnen bestehenden Tafel. Vgl. zuletzt 
TB I, S. 49f. 

Das in Anhang 5 mitgeteilte Bruchstück aus Nippur, das von H. V. 
HUiPRECHT in The Bahylonian Expedition of the University of Pennsyl- 
vania, Ser. D. Vol. V 1, Philadelphia 1910, und Der neue Fund zur 
Sintßutgeschichte, Leipzig 1910, veröffentlicht wurde, soll aus der Zeit 
des Keichs von Isin stammen (etwa 2350—2130 v. Chr.). Ehe sichere 
Beweise geboten werden, wird man es als etwas jünger wie das 
Meissner sehe Fragment ansetzen dürfen, wenn es nicht sogar erst der 
zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends angehört. 



Tafel I. 

a, b, c 1 Der alles (?) sah, [ ] des Landes (?), 

2 [der jeglich]es kennen lernte, alle[s verstjand (?), 

a, b 3 [durchschautje (?) allzumal [ ], 

4 [verborgne Tie]fen (?) der Weisheit, von allem [. . .]. 

5 [Verjwahrtes sah er und Verdecktes [öffnete er (?)], 

6 brachte Kunde von (der Zeit) vor der Sintflut; 

7 einen fernen Weg ging er, sich mühend und auch [. . .], 

8 [schrieb (?)] dann auf eine Steintafel die ganze Mühsal. 

9 [Er ließ] machen die Mauer des umfriedigten Uruk, 



I 1. Statt „alles" ist auch „den Quellort" oder „die Quelle" 
möglich, aber wenig wahrscheinlicli. Der Schluß der Zeile ist sehr un- 
sicher; auch „(die) Pfeiler" wäre möglich. Man könnte auch daran 
denken, \a-di pa]-a-ti mdti zu ergänzen, d. i. „bis zu den Grenzen des 
Landes". Z. 1 findet sich als Sif^natur auch auf p, q, v, w, y, a', A. 
3. Anfang sehr unsicher, vielleicht \ib-r^i-ma'^ — 4. Wörtlich „[Ver- 
borgejnes der Weisheit". Die Ergänzung ist jedoch unsicher. — 6. 
Sintflut = abübu, wohl genauer ,,mit Überschwemmungen verbundener 
Zvklon". 



Übersetzung I 1 — 73. 7 

10 |vom| heiligen Eanna, dem reinen Tempel, 

11 [legte er das Fun(la|ii;ont, dessen [Festigkeit (?)] wie Erz ist, 
a 12 [. . .] seine Schutznuiuer (?), die nicht verlassen [die 

Mannen (?)|, 

13 [. . .] eine (?) Steinplatte, die seit aljters . . .] 

Lücke. Z. 15 noch „verlassen" oder „verläßt" erhalten. 
Fohlen etwa 37 Zeilen. 

c 51 Zwei Drittel von ihm ist Gott, [ein Drittel von ihm ist 

Menschj, 

52 das Bild seines Leibes [ J, 

53 [Fü]lle (?) [ ] 

Lücke von etwa 4 Zeilen. 

b 58 Er hat nicht [seinesgleichen ], 

59 aus dem Netz (?) [werden getrieben ], 

60 er hält am Leben (?) [ ]. 

61 Nicht lä[ßt Gilgames den Sohn zum VaterJ, 

62 [Tag] und (?) [Nacht ], 

63 [er ist der Hirt des umfriedigten Uruk], 

64 er ist (?) [ihr] Hirt (?) [und ], 

b, d 65 [der st]arke, [herrliche, kundig der Weisheit (?)]. 

66 [Nicht] läßt [Gilgames die Jungfrau zu . . .], 

67 die Tochter eines He[lden, die Gattin eines Mannes]. 

68 Ihr Wehklagen [hörten die großen Götter (?)], 

d69 die Götter des Himmels, die (?) Herren [des unfriedigten] 

Uruk: 

70 „Du hast fürwahr geschaffen den mächtigen Wildstier, 

[ ]: 

71 „er hat nicht seinesgleichen [ ], 

72 „aus dem Netz (?) werden getrieben [ ]. 

73 „Nicht läßt Gilgames den Sohn zum Vater, 
„Tag und Nacht [ ], 

10. „Tempel" eigentlich wohl „verschlossener Ort". — 12- Oder 
„die er nicht verläßt [. . .]". — 51. Ergänzt nach IX 51. — 58 ff. Er- 
gänzungen nach Z. 71 ff. Doch sind diese Ergänzungen nicht immer 
sicher. — 59. „getrieben" wörtlich: zum Aufstehen gebracht. — 68. „Ihr", 
d. i. der Leute; ebenso 64, 75 und 79. — 69. Oder ist zu ergänzen: 
die Götter des Himmels [riefen] den Herrn von Uruk, [den Gott 
Anu]? — 70. „Du" kann masc. oder fem. sein. 



8 Das Gilgames-Epos. 

74 „er ist der Hirt des [umfriedigten] Uruk, 

75 „er ist ihr Hirt und [ ], 

76 „der starke, herrliche, kundig [der Weisheit (?)]. 

77 „Nicht läßt Gilgames die Jungfrau zu [. . .], 

78 „die Tochter eines Helden, die Gattin eines Ma[nnes]." 

79 Ihr Wehklagen hörte [der erhabene (?)] Gott [Anu (?)], 

80 Aruru riefen sie, die große: 
„Du, Aruru, schufst [ ], 

81 „jetzt schaffe ein Ebenbild (?) von ihm: 

„zu der Zeit, da es ihm beliebt, sei [ ]; 

82 „sie sollen mit einander wetteifern, damit Uruk Ruhe [be- 

kommt]." 

83 Als Aruru dieses hörte, 

d, e schuf sie in ihrem Herzen ein Ebenbild (?) Anu's ; 

84 Aruru wusch ihre Hände, 

d Lehm kniff sie ab, spie (?) darauf. 

85 [. . .] Engidu, schuf einen Helden, 

einen erhabenen Sproß, eine Heerschar Niuib's. 

86 [Bedeckt] (?) mit Haar war sein ganzer Körper, 
er trug das Haupthaar wie ein Weib ; 

87 [das Gebi]lde (?) seines Haupthaares sproßte wie Nisaba. 

88 Er wußte [nichts] von Land und Leuten; 

mit Kleidung war er bekleidet wie der Gott Sumukan. 

d, f89 Mit den Gazellen ißt er Kräuter, 

90 mit dem Vieh versorgt er sich an der Tränke, 

91 mit dem Gewimmel des Wassers ist wohlgemut sein Herz. 

92 Einem Jäger, einem Fängersmann, 

93 stellte er sich entgegen vor der Tränke; 

94 einen Tag, einen zweiten und dritten (stellte er sich ihm 

entgegen) vor der Tränke. 



79. „hörte" masc. oder fem. Jensen ergänzt fragend „die Göttin 
[Aruru]." — 80 b. Ob [Gilgames] zu ergänzen ist, ist unsicher. — 

— 84. Statt „spie darauf" vielleicht „warf (den Lehm) auf das Feld". 

— 86. Wörtlich wohl: er war behandelt hinsichtlich des Haupthaares, 

— 87. Lies [pi-]tt-ik „Machart, Gebilde" ? — 88. Wörtlich : von Leuten 
und Land. — 92 f. Oder: ein Jäger . . stellte sich ihm entgegen. — 
94. Die in ( > stehenden Worte sind im Text durch das Wiederholungs- 
zeichen ausgedrückt. 



ÜbersetzuDg I 74—121. 9 

95 [Es sjah ihn der Jäger, da ward sein Antlitz verstört: 

96 |e]r und sein Vieh ging hinein in sein Haus; 

97 |er ward be|trübt, versüirt, er schrie; 

98 (es fürchtete sich {?)J sein Herz, sein Antlitz ward finster, 
il 99 |es zog] Wehklagen in sein Herz, 

100 [einem Wandrer] ferner [Wege[ (?) glich er an Aussehen. 

101 Der Jäger tat [seinen Mund] (auf), spricht und sagt [zu 

seinem Vater] : 

102 „[Mein] Vater, [ein] Mann, der gekommen [ist vom Ge- 

birge], — 

103 „[im Lande] ist stark [seine] Kraft, 

104 „[wie eine Heerschar] Anu's sind gewaltig [seine Kräfte]. 

105 „[Er geht einher] auf dem Gebirge b[eständig (?)]; 

106 „[beständig] beim Vieh [ ], 

107 „[beständig] sind seine Füße vor der Tränke [. . .]. 

108 „[Ich habe Furcht, deshalb] nahe ich ihm nicht; 

109 „[gefüllt hat er] meine Grube, die [ich selbst] gegraben, 

110 „[ausgerissen hat er] meine Fallen (?), die [ich selbst ge- 

legt (?)]. 

111 „[Er hat aus meinen Händen entkommen lassen] das 

Vieh, das Ge\vimmel des [Feldes], 

112 „[er gestattet] mir [nicht], [. . .] zu machen". 

113 [Sein Vater tat seinen Mund auf], spricht und sagt zum Jäger : 

114 „[ ] Uruk Gilgames, 

115 „[ ] auf seinem Rücken liegend (?), 

116 „[ gewaltig] sind seine Kräfte, 

117 „[ ] dein Antlitz, 

118 „[ ] Kraft des (?) Menschen. 

119 „[Erbitte dir eine Hierodule (?) und mit dir] führe (sie). 

120 „[ ] wie ein Starker (?). 

d, e 121 „[Wenn dann das Vieh dahinzieht (?)] zur (?) Tränke, 



95. Wörtlich: zog sich zusammen. Ebenso Z. 97. — 99. Vgl. IX 4. 
— 100. Vgl. X 9. — 102 ff. Vgl. zu den Ergänzungen Z. 129 ff. — 
103f. Vgl. Z. 278f. — 112. Ergänze se[ra] .,Feld" ? In letzterem Falle 
übersetze „das Feld zu bearbeiten'', was indes zur Tätigkeit des Jägers 
nicht recht paßt. Jensen: das Tun des Feldes = die Feldjagd auszu- 
üben. — 115. Vgl. XI 6? Oder übersetze: ]. . seines Feldes? — 116. 
Ergänze nach Z. 104. 279? — 119. Kaum nach Z. 141 zu ergänzen. — 
121. Vgl. Z. 142 ff. Ergänze dort i-sa-[am-di-hu]? 



10 Das Gilgames-Epos. 

122 „[soll sie] ihre Klei[dung ausziehen und er] dann ihre 

Fülle [hinnehmen]. 

123 „[Wird er sie sehen,] so wird er sich ihr nahen ; 

124 „fremd werden wird ihm sein Vieh, [das auf] seinem 

Felde [aufwuchs]." 

e 125 Auf den Rat seines Vaters [ ], 

126 der Jäger ging davon [ ], 

127 machte sich auf den Weg, in Uruk tr[at er ein]. 

g 128 [Er geht zu (?)] Gilgames [und sagt zu ihm (?)]: 

129 „Ein Mann, der ge[kommen ist vom Gebirge] — 

130 „im Lande ist stark [seine Kraft], 

131 „wie eine Heerschar Anu's [sind gewaltig seine Kräfte]. 

132 „Er geht einher auf [dem Gebirge beständig (?)]; 

133 „beständig beim [Vieh ], 

134 „beständig sind seine Füße [vor der Tränke . . .]. 

135 „Ich habe Furcht, deshalb nahe ich [ihm] nicht; 

136 „gefüllt hat er meine Grube, die [ich selbst gegraben], 
(1, g 137 „ausgerissen hat er meine Fallen (?), [die ich selbst ge- 

legt (?)]. 

138 „Er hat aus meinen Händen entkommen lassen das Vieh, 

[das Gewimmel des Feldes], 

139 „er gestattet mir nicht, [. . . zu machen], 

140 Gilgames [sagt] zu ihm, [zum Jäg]er: 

d 141 „Geh, mein Jäger, mit dir führe eine [Hierodule, eine 

Dirne]. 

142 „Wenn dann das Vieh da[hinzieht (?)] zur (?) Tränke, 

143 „soll sie ihre Kleidung ausziehen und er dann ihre Fülle 

[hinnehmen]. 

144 „Wird er sie sehen, so wird er sich ihr nahen; 

145 „fremd werden wird ihm sein Vieh, das auf seinem Felde 

aufwuchs." 

146 Es ging der Jäger, mit sich führte er eine Hierodule, eine 

Dirne, 

147 dann gingen sie davon und machten sich geraden Wegs auf. 

128. Die Ergänzung [i\l-llak ana] ist sehr unsicher. — 129. Vgl. 
zur Ergänzung Z. 220. - 130 ff. Vgl. Z. 278 f. Ferner Z. 103 ff. 



Übersetzung I 122—172. 11 

148 Am dritten Tage langten sie an dem bestimmten Felde an: 

149 der Jäger und die Hierodulc ließen sich an ihrem Platze 

nieder. 

150 Einen Tag, einen zweiten Tag saßen sie vor der Tränke: 

151 es kommt das Vieh herbei, von der Tränke trinkend, 

152 es kommt das Gewimmel des Wassers, wohlgemut ist sein 

Herz, 

153 auch er, Eugidu, sein Sproß . . . 

154 Mit den Gazellen ißt er Kraut, 

155 mit dem Vieh trinkt er von der Tränke, 

156 mit dem Gewimmel des Wassers ist wohlgemut sein Herz. 

157 Es sah ihn die Dirne, den vollkräftigen Menschen, 

c, dl58 den Gewaltigen, den Herumtreiber (?) von mitten des 

Feldes. 

159 „Das ist er, Dirne, löse deinen Busen, 

IGO „deine Scham öffne, daß er deine Fülle hinnehme! 

161 .,Zaudre nicht, nimm hin seine Gier (?)! 

162 „Wird er dich sehen, so wird er sich dir nahen. 

163 „Deine Kleidung mach weit, dann soll er sich auf dich legen, 

164 „errege ihm „Vollkraft", das Werk des Weibes: 

165 „fremd werden wird ihm sein Vieh, das auf seinem Felde 

aufwuchs. 

166 „Seine Brüste (?) werden sich auf dich pressen". 

167 Es löste die Dirne ihren Busen, ihre Scham öffnete sie, 

daß er ihre Fülle hinnahm. 
c, d, il68 Sie zauderte nicht, nahm hin seine Gier (?), 

169 ihre Kleidung machte sie weit, dann legte er sich auf sie. 

170 Sie erregte ihm „Vollkraft", das Werk des Weibes. 

171 Seine Brüste (?) preßten sich auf sie. 

172 Sechs Tage und sieben Nächte erhob sich Engidu und 

pflog mit der Dirne der Liebe. 



148. Wörtlich „Feld der Bestimmung". — 157- Wörtlich: die 
Vollkraft (Üppigkeit) von Mensch. — 158. , »Herumtreiber" sehr un- 
sicher; ebenso andre Übersetzungen wie „Zerstörer" u. ä. — 166. „Auf 
dich", eigentlich „auf deinen Rücken", doch ist das schwerlich wörtlich 
zu verstehen. Ahnlich Z. 171. 



12 Das Gilgames-Epos. 

173 Nachdem er sich an ihrer Üppigkeit gesättigt, richtete er 

sein Antlitz auf sein Vieh: 

174 kaum sahen sie Engidu, da eilen die Gazellen dahin, 

175 das Vieh des Feldes wich vor ihm zurück. 

176 Da stutzte (?) Engidu, (wie) gebannt war sein Leib; 

177 es standen seine Knie, weil sein Vieh (davon )ging. 

d, 1178 Es mäßigte sich (?) Engidu, [nicht] war wie früher sein 

Ungestüm, 
179 und er — er hö[rt hin, öff]net das Ohr. 
d, g,il80 Er kehrte um und [setzte] sich zu Füßen der Hierodule, 

181 der Hierodule ins Angesicht blickend, 

182 und während die Hie[rodu]le spricht, hören seine Ohren. 

d,gl83 [Die Hierodule] sagt zu ihm, zu Engidu: 

184 „[Sch]ön bist du, Engidu, wie ein Gott bist du, 

185 „warum willst mit dem Gewimmel du dahineilen übers 

Feld? 

186 „Komm, ich will dich führen [nach] dem umfriedigten 

Uruk hinein, 

187 „zum reinen Hause, der Wohnung Anu's und Istar's, 
c, d, g 188 „wo Gilgames (weilt), einzig an Kraft, 

189 „und wie ein Wildstier mächtig waltet über das Volk." 

190 Sie redet zu ihm, bis ihre Worte ihm genehm sind, 

c, dl91 einen, der sein Herz kennt (?), einen Freund sucht er. 

192 Engidu sagt zu ihr, der Hierodule: 

193 „Wohlan, Dirne, nimm mich mit (?) 

194 „zu dem reinen heiligen Hause, der Wohnung Anu's und 

Istar's, 

195 „wo Gilgames (weilt), einzig an Kraft, 

196 „und wie ein Wildstier mächtig waltet über das Volk. 

197 „Ich selbst will ihn auffordern und will den Gewaltigen (?) 

(herbei) ru[fen] (?); 

198 „[Ich will aus]rufen in Uruk : «ich bin fürwahr ein Ge- 

waltiger, 

199 „«[ich all]ein (?) andre das Schicksal, 



175. Wörtlich: wich von seinem Leibe. — 178. „Ungestüm" wört- 
lich ,, Dahineilen". — 191. Oder: Kundig seiner selbst, sucht er einen 
i'reund ? 



Übersetzung I 173—227. 13 

200 „«|der auf] dem Felde geboren ist, | mächtig] in seiner Kraft, 

201 „«[ I möge [schajuen dein Antlitz! 

202 „«[Alles, was (?)] sein wird, weiß ich fürwahr.»" 

203 |. . .| Engidu und die |Hierodule nach] dem umfriedigten 

Uruk, 

204 [. . .] die Leute [. . .] Binden (?), 

205 bei Tag (?) [und Nacht (?)] ward das Fest gefeiert, 

206 wo I ] . . ., 

207 und I ] . . Gestalt, 

208 Fülle [ ] . . Frohlocken, 

209 aus (?) ..[...] ließen die Großen herausgehen. 

210 „Engidu [ ] . . Leben, 

211 „ich will [dir (?)] zeigen Gilgames, den frohen Menschen; 

212 „blick ihn an und schaue sein Antlitz: 

213 „an Männlichkeit ist er schön, Kraft hat er, 

214 „erfüllt ist von [Stärke] (?) sein ganzer Körper, 

215 „gewaltigere Kraft besitzt er als du, 

216 „er, der nicht ruht bei Tag und bei Nacht. 

217 „Engidu, ändere seine . . .! 

218 „Den Gilgames liebt Samas, 

219 „Anu, Enlil und Ea machten weit seinen Verstand; 

220 „bevor du kamst aus dem Gebirge, 

221 „hat Gilgames in Uruk Träume über dich geschaut. 

222 „Es erhob sich Gilgames, legt die Träume dar, sagt zu 

seiner Mutter: 

223 „„Meine Mutter, einen Traum schaute ich diese Nacht: 

224 „ „Es waren da die Sterne des Himmels, — 

225 „ „wie eine Heerschar Anu's fiel es da auf mich, 

c 226 „ „ich suchte ihn hoch zu heben, (aber) er war zu stark 

für mich, 
227 „ „ich suchte ihn loszureißen (?), (aber) ich vermochte ihn 

nicht zu bewegen. 

201. „Dein" ist wohl auf Gilgames zu beziehen. — 207 — 209. 
Jensen ergänzt und übersetzt: und die D[irn]en — [gejhörig sind sie 
an Gestalt, mit Überkraft . [. . sind sie b]elad[en, sind vjoll Jauchzens, 
vertreiben die Großen aus dem Sch][afgemach ..]... — 217. Statt 
„seine" bietet ein Duplikat „deine". — 221. Wörtlich „pflegte zu 
schauen". — 226. Wörtlich „ich hob ihn hoch'' ; entsprechend auch im 
folgenden Verse. 



14 Das Gilgames-Epos. 

228 „ „Das Land Uruk stellt sich hio gegen [ihn]. 

Wohl eine kleine Lücke. 

h, i 230 „ „[ ] gegen [ihn], 

231 „ „[ ], indem sie seine Füsse küssen, 

232 „ „[und ich — wie auf ein] Weib preßte ich mich auf ihn, 
„ „[ ] warf [ich] ihn zu [deinen] Füssen, 

233 „ „[ ] stelltest du ihn mir gleich." 

234 „[Risat-Ninlil, die da ken]nt jegliche Kunde, sagt zu 

[ihrem] Herrn, 
d, h, i 235 „[Risat-Ninlil], die da kennt jegliche Kunde, sagt zu Gil- 

g[ames] : 
236 „ „[Gilgames, daß da wa]ren (?) die Sterne des Himmels, 
h, i 237 „ „[daß es wie eine Heerschar A]nu's da auf dich fiel, 
238 ,, „[du ihn hoch zu heben suchtest, er (aber) zu stark] 

für dich [war], 
i 239 „ „[du ihn loszureißen (?) suchtest,] ihn (aber) nicht zu 

bewegen vermochtest, 

240 „ „[ , ihn warfst] zu meinen Füßen, 

241 „ „[ stellte ich ihn] dir [gleich] : 

Lücke von etwa 20 Zeilen, zu deren Ergänzung vielleicht 
Z. 277 ff. zu benutzen ist. 

c 262 ,, „[ erzähle mir (?)] deinen Traum." " 

263 „[Gilgames sagt zu ihr,] zu seiner Mutter: 

264 „„[Meine Mutter, ] den zweiten Traum: 

265 „ „[ ] eine Axt gelegen und zu ihm sind sie ver- 

sammelt; 

266 „ „[das Land Uruk] stellt sich hin gegen ihn, 

267 „ „[ ] gegen (?) ihn. 

268 „ „[ ] auf ihm, 

269 „„I ] warf ich ihn zu deinen Füßen; 

270 „ „[und ich — wie auf ein Weib preßte ich mich auf ihn, 

271 „ „[ ] stelltest du ihn mir gleich." 

228. Vgl. Z. 266. — 230. Oder „auf ihn", bezw. „zu ihm". — 
232b scheint auf i zu fehlen. — 234. „Herrn" verschrieben für „Sohn"? 
Vgl. Z. 272. Die Zeile fehlt wohl auf i. — 262 ff. Es ist wahrschein- 
lich, daß auch hier noch die Hierodiile dem P]ngidu hcrichtet. — 265. 
Statt „zu ihm" ist auch „gegen ihn" möglich. — 266. Vgl. Z. 228. 



Übersetzung I 228—11 B 37. 16 

272 „|Risat-Nin|lil, die da kennt jegliche Kunde, sagt zu ihrem 

Sohne, 

273 „[Risat-Niujlil, die da kennt jegliche Kunde, sagt zu Gil- 

games : 

274 „ „|Gilgani]es, daß du einen (?) Menschen sahst, 

275 „ „[indem du wie] auf ein Weib dich auf ihn preßtest, 

276 „ „I ] stellte ich ihn dir gleich: 

277 „ „[so bedeutet dies (?)| einen Mächtigen, einen Genossen, 

der den Freund rettet. 

278 „ „[Im Lande ist stark (?)] seine Kraft, 

279 „ „[wie eine Heerschar AJnu's sind gewaltig seine Kräfte." 

280 „[Gilgames] sagt [zu ihr], zu seiner Mutter: 

281 „ „[ . . eines (?)] großen möge er fallen, 

282 „ „[dann und] ich möge bekommen! 

283 „ „[ will] ich selbst gehen." 

284 „[Engidu, dies sind (?)] seine Träume." 

285 [Da kam Gilgames herbei und (?)] redet zu Engidu: 

286 [ ] die beiden. 



Tafel n. 

c 1 [ ] vor ihr. 

Das hier eingeordnete Fragment ). reiht Jensen in Tafel IV ein. 
Unsere Tafel III ist bei Jensen Tafel II, unsere Tafel III Tafel IV. 

A. 

X Von Kol. A sind auf X nur einige Endzeilen erhalten; man er- 

kennt: (38) sein [. .]; (39) groß (?); (42) [Engijdu; 

B. 

Der Anfang fehlt, 

35 [ ] auf der Marktstraße des [umfriedigten] Uruk, 

36 [. . .] das Werk der Macht [ ], 

37 er versperrte den Weg [ ], 

278 f. Vgl. Z. 103 f. — 284. So etwa zu ergänzen, wenn noch die 
Eede der Hierodule vorliegt, die Z. 210 beginnt. 



16 Das Gilgames-Epos. 

38 das Land Uruk stellt sich hin [gegen ihn], 

39 das Land ist versammelt, [ ], 

40 es wendet sich (?) das Volk [ ], 

41 die Leute fallen (?) [ ], 

42 gleich einem schwachen Kinde [ ]; 

43 alsbald hat ein (?) Mann, schön [ ], 

44 der Göttin Ishara das Ruhebett (?) [ ], 

45 dem Gilgames gleich einem Gotte ward berei[tet (?) . . .]. 

46 Engidu, am Tore des Familienhauses, versperrte den Zu- 

[gang], 

47 daß Gilgames hineingelassen werde, gestattet er nicht: 

48 sie packten sich (?) an der Tür des Familienhauses, 

49 auf der Straße kämpften (?) sie, er drückte nieder das 

Land (?), 

50 [ ] . ., die Wand ..[..]• 

C. 

Es ist fast nichts erhalten; man erkennt: (45) des [Humbaba (?)]; 
(46) sie (?) (oder: hohe); (47) die Mutter des Gilgames; (48) sagt; (49) 
Eisat-Nin[lil]; (51) bitterlich. 

D. 

1 [ l 

2 das Volk (?)..[ ]; 

3 es erlosch (?) an der Türe [ ], 

4 bitterlich schreit er (?) [ ]. 

5 Nicht hatte Engidu [ ], 

6 das aufgelöste Haupthaar [ ], 

7 auf dem Felde ist er geboren, deshalb (?) kann [nijemand 

(?) [. . .]. 

8 Es stellt sich Engidu hin, [ ], 

9 es verfinstert sich und wird düster (?) [ ], 



II B 38. Vfri. I 228. 266. — 45. Oder: dem Gilgames gleich dem 
hohen Anu|. . .]. Aus rhythmischen Gründen ist die oben gegebene 
Übersetzung vielleicht vorzuziehen. — 46. Wörtlich „Sch[rittJ". — 49. 
Darf it-te-ig-ru{-u) gelesen werden? Die Zeile ist im zweiten Teile 
palaeoj^raphisch höchst unsicher. 

C 45. Die Ergänzung ist sehr unsicher. Vielleicht eher: des 
Gottes [. . .J. — 4711". Die erhaltenen Worte sind Zeilcnanfänge. 

D 4. Lies ü-nam-ba? — 7- Erhalten ist in der zweiten Hälfte nur: 
deshalb jemand. 



Übersetzung II B 38— F 9. 17 

10 seine Augen füllen sich | ], 

11 seine Seiten lösten sich, [seine] Kräfte [. . .], 

12 ergriffen wurden (?) gleichzeitig [ ]. 

Im folgenden erkennt man noch: (13) seine Hände; (15) [Engijdu 
sagt (las Wort. — Dann folgt eine Lücke bis zum Beginn der nächsten 
Kolumne. 

E. 

1 Um heil zu erhalten die Zeder, 

2 hat zur Furcht für die Leute Enlil ihn (ein)gesetzt: 

3 Humbaba, — sein Ruf ist ein Zyklon, 

sein Mund ist . [. .], sein Schnauben (?) . [. .]. 

4 Es hört [. . .] ... des Waldes, 

wer auch hinabsteigt zu seinem Walde. 

5 Um heil zu erhalten die Zeder, 

hat zur Furcht für die Leute Enlil ihn (ein)gesetzt, 

6 und wer hinabsteigt zu seinem Walde, den ergreift Schwäche. 

7 Gilgames [sagt] zu ihm, [zu] Engidu: 

Man erkennt noch die Schlußworte zweier Zeilen: (8) spreche (?); 
(9) mein Herz. 

F. 

Unsicher ist die Stellung des Fragments o, das vielleicht zu 
Tafel II gehört. Erhalten ist: 

o 2 Gilgames [tat seinen] Mund [auf und spricht, sagt zu Engidu] : 

3 j,Mein Freund, nicht [ ], 

4 „nicht Kinder . . [ ]." 

5 Engidu tat seinen Mund (auf) und [spricht, sagt zu Gilgames]: 

6 „Mein Freund, der, zu dem wir gehen werden, [ ], 

7 „Humbaba, zu dem wir [gehen werden, ]". 

8 Gilgames tat seinen Mund (auf) [und spricht, sagt zu Engidu] : 

9 „Mein Freund, wir wollen [ ] 

Kest abgebrochen. 



11. Die erste Hälfte bedeutet: seiije Kräfte ließen nach. — 12. 

Oder: es packten sich allzumal [ ]. — 13. Allenfalls „ihre". 

E 1—6. Vielleicht Kede Engidu's. 



Forschungen 14: Gilg.-Epos. 



18 Das Gilgames-Epos. 

Tafel III. 

Bei Jensen Tafel IL 

Über eine Möglichkeit, a in Tafel VIII einzureihen, vgl. oben 
S. 4, Anm. 

A. 

Auf a sind nur unverständliche Keste der ersten vier Zeilen von 
Kol. A erhalten. 

B. 

«1 „Hört mich, ihr Ältesten, [ ] mich! 

2 „Ich, — wegen (?) Engidu's, meines [. .], weine ich, 

3 „wie ein Klageweib schreie ich bitterlich. 

4 „Die Axt an meiner Seite, [. . .] in meiner Hand, 

5 „das Schwert an meinem Gürtel, [. . .] meines Antlitzes, 

6 „das Gewand für meine Festtage, [. . .] meiner Kraftfülle, — 

7 „ein böser (?) [. . .] hat sich erhoben, und mich alsdann [. . .]." 

8 [ in] der Mitte (?) des Feldes. 

Es folgt eine Lücke, in die einige Zeilen gehören, die auf « den 
Anfang der Kol. C gebildet haben, auf ß aber noch auf Kol. B gestan- 
den haben müssen. Sie decken sich fast völlig mit C 35ff. Vgl. jetzt 
Jensen, Gilgamesch-Epos, S. 9 Anm. 1. Die Zeilenzahlen sind natur- 
gemäß nur annähernde. 

36 „Auf [wohlbereitetem] Ruhebett [werde ich dich ruhen lassen]; 

37 „ich werde dich bewohnen lassen [eine ruhige Wohnstätte, 

eine Wohnstätte zur Linken], 

38 „die Fürsten des Erdbodens [werden deine Füße küssen]; 

39 „ich werde für dich weinen lassen die Leute [des umfriedigten 

Uruk, werde sie für dich jammern lassen], 

40 „die zahlreichen Leute [werde ich dir dienen lassen], 

41 „und ich selbst werde nach dir [schmutzige Gewänder (?) 

meinen Leib tragen lassen], 



III B 2. Ergänze „meines [Freundes]"? — 4. ,,in meiner Hand" 
oder ebenfalls „an meiner Seite". — 8. Möglicherweiso jedoch „Panter(?) 
des Feldes". — 36 fr. Vgl. zu den Ergänzunf^en C 36 ff. Auch B 34 f. 
wird nach C 34 f. ergänzt werden können. — 39. Der Text bietet das 
fem. Pronomen „dich"; doch ist das gewiß ein Versehen, zumal Z. 41 
die masc. Form bietet. — 41 f. Vgl. XI 25211. — „Nach dir" gewiß 
„nach deinem Tode". 



Übersetzung III A 1— C 23. 19 

42 „werde (ihn) |mit Löwenjfellen bekleiden |und über das 

Feld dahineilen]." 

43 Sobald ein Schimmer vom Morgen er| glänzte], 

44 löste er seine Zurüstung auf, | ], 

45 [. . .] Rotstein (?) | ]. 

Nach einer kleinen Lücke folgt: 

c. 

ß 1 A ], 

„seinen Reichtum vernichte, seine Kraft mindere, 

2 „[ ] sein [. .] vor dir, 

3 „[ ] mögen vor ihm hervorgehen!" 

ß,y 4 [. . .] der (?) Jäger, [. . .] die Fülle seines Herzens; 

5 [der Hierodu]le, der Dirne [Schicksal (?)] zu verfluchen (?), 

trieb (?) es (ihn): 

6 „Dein [Schicksal], Dirne, [. . .], will ich dir bestimmen, 

7 „[das im] Lande kein Ende nehmen wird für alle Ewigkeit; 

8 „[wohlan, ich will] dich verwünschen mit einer großen Ver- 

wünschung, 

9 „[. .]. . . meine (?) Verwünschungen sollen sich zu dir erheben ! 

10 „[. . .] dich (?) Habe (?), das Haus deiner Fülle, 

11 „[. . .] du bewohnst (?), [. . .] deiner Nachkommenschaft (?), 

12 „[ ] der Weiber. 

Folgen einige Zeilenenden: (13) möge . .; (14) [möge] (?) mischen; 
(15) ihre Töpfer[. .] ; (16) [mögest du (?)] bekommen; (17) [wird er (?)] 
in dein Haus werfen. 

ß 18 „[ ], die Straße sei deine Wohnung, 

19 „[der Schatten der Mauer sei] dein Aufenthaltsort, 

20 „[ ] deine Füße, 

21 „[Ausgestoßene (?) und Ausgeplünderte (?) mögen] dich auf die 

Backe schlagen! 

Folgt noch: (22) dein [. .] möge rufen; (23) sie werden (?) richten; 



44. Zurüstung = Kultischer Apparat. 

C 2. „Dir" = masc. — 4. D. i. „alles, was sein Herz begehrt". — 
9 ff. Text unsicher. Statt „meine" scheint eher „ihre" (fem. sg.) dazu- 
stehen. — 18 ff. Ergänzt nach den ähnlichen Versen in der Höllenfahrt 
der Istar, Z. 108 ff. (TB I, S. 68). 

2* 



20 



Das Gilgames-Epos. 



dann heißt es, vielleicht nach einer kleinen Lücke, in der die letzte 
(f Zeile mit „welche(r) Hunger" beginnt: 

(f, {25 „weil du mich [ ], 

26 „und mich [hin weggeführt hast (?)] von meinem Felde!" 

27 Samas hörte [die Rede] seines Mundes, 

28 alsbald [vom] Himmel her ruft er ihn an: 

29 „Warum, o Engidu, verwünschst du die Hierodule, die Dirne, 

30 „die dir zu essen gab Speisen, wie sie (nur) einer Gottheit 

zukommen, 

31 „mit Wein dich tränkte, wie er (nur) einem König zukommt, 

32 „dich bekleidete mit einem großen Gewände 

33 „und den herrlichen Gilgames dir als Genossen verschaffte ? 

34 „[Nun]mehr ist ja Gilgames dein nächster Freund. 
e 35 »[Er] läßt dich ruhen auf einem großen Ruhebett, 

36 „[auf] wohlbereitetem Ruhebett läßt er dich ruhen; 

37 „[er läßt] dich bewohnen eine ruhige Wohnstätte, eine 

Wohnstätte zur Linken, 

38 „[die Fürsten] des Erdbodens küssen deine Füße; 

39 „[er läßt] für dich weinen die Leute des umfriedigten Uruk, 

läßt sie für dich jammern, 

40 „[die zahlreichen] Leute läßt er dir dienen, 

41 „[und e]r selbst wird nach dir schmutzige Gewänder (?) 

seinen Leib tragen lassen, 

42 „[wird ihn] mit Löwenfellen [bekleiden] und über das Feld 

dahineilen." 

43 [Da hörte] Engidu das Wort des Helden Samas, 

44 [ ], sein grimmiges Herz beruhigte sich. 

Nach einer kleinen Lücke folgt: 



D. 

1 „[ ], dem (?) fernen, soll er (?) zurückkehren einen 

(?) Weg [. . .], 

2 „[Könige, Für]8ten und Große sollen lieben [. . .], 

3 „[ ] soll sein Fell schlagen (?), 

4 ,,[ ] soll sein Haar zausen (?)! 



26. Lies und er^'änzo tul{?y[fe-s{-m]-ni? — 34. Wörtlich wohl 
„Freund deines leiblichen Bruders". — 36 fi". Vgl. B 3Gff. — 42. Kaum 
„Hundefellen", was der Schrift nach möglich wäre. 



Übersetzung III C 25— D 40. 21 

5 „I I soll der Führer (?) dir seinen Gurt lösen, 

C „[ I Lapislazuli und Gold, 

7 „[ I ... wollen wir dir geben (?)! 

8 „[ 1 . . ist sein Überfluß ausgeschüttet, 

9 „[ ] der Götter soll er dich hineinführen, 

10 „[um deinetwillen (?) soll] verlassen werden die Mutter von 

sieben (Kindern), die Jugendgattin!" 

11 [. . . Engi]du Schmerzen sein Herz, 

12 [ ] geht einsam zur Ruhe (?), 

13 [ ] . . das, was ihn bedrückt, seinem Freunde: 

14 „[Gilgames, mein Freund (?)], Träume schaute ich diese 

Nacht: 

15 „[es rief] der Himmel, die Erde antwortete; 

16 „[ ] trete ich allein hin: 

17 „[ ] ist düster sein Antlitz, 

18 „[ ] gleicht er an Aussehen. 

19 „[ ] Adlerkrallen (sind) seine Nägel, 

20 „[ ] machte er mich stark, 

21 „[ • • •] steigt empor, 

22 „[ • • •] versenkte er mich, 

23 „[ ] auf mir, 

24 „[ meines] Leibes. 

Lücke von einigen Zeilen. 

/S, j/32 „[ ] ließ er mich umkehren 

33 „[und versah mit Flügeln (?)] einem Vogel gleich meine Arme: 

34 „ „[Ste]ig mir hinab, steig mir hinab in das Haus der 

Finsternis, die Wohnung Irkalla's, 

35 „ „in das Haus, aus dem nicht wieder hinausgehen, die es 

betreten, 

36 „ „nach dem Wege, dessen Bahn sich nicht wendet, 

37 „ „in das Haus dessen Bewohner des Lichts entbehren, 

38 „ „wo Erdstaub ihre Nahrung, ihre Speise Lehmerde ist. 

39 „ „Bekleidet sind sie wie ein Vogel mit Flügelkleide, 

40 „ „und Licht sehen sie nicht, in Finsternis wohnen sie." 

i 

D 5. Die Pronomina der zweiten Person sind hier und im folgenden 
feminin. — 15. Vgl. V D 15. — 16. Jensen vermutet am Anfang [elt 
dan]-nu „gegen einen Gewaltigen". 



22 Das Gilgames-Epos. 

41 „[In dem Hause des Erdjstaubs, wo ich hineintrat, 

42 „[ ], sind niedergebeugt Tiaren, 

43 „[dort wohnen (?)] die Tronträger, die seit der Vorzeit Tagen 

das Land beherrschten, 

44 „[. . .] Anu's und Enlil's setzen vor gebratenes Fleisch, 

45 „Gebackenes setzen sie vor, geben kaltes Getränk, Wasser 

aus Schläuchen. 

46 „In dem Hause des Erdstaubs, wo ich hineintrat, 

47 „wohnen Hoherpriester und Priesterknecht, 

48 „wohnen Beschwörer und Derwisch, 

49 „wohnen Ozeansalber der großen Götter, 

50 „wohnt Etana, wohnt Sumukan, 

ß51 „[wohnt] die Königin der Erde Eres-kigal; 

52 „[BMit]-seri, die Schreiberin der Erde, kniet vor ihr, 

53 „[ ] . . und liest ihr vor. 

54 „[Sie erhob] ihr Haupt und erblickte mich, 

55 „[ ] und nahm diesen Menschen (?)'*. 

Bald darauf folgen noch einige Zeilen der Kol. D auf «, die auf 
ß jedenfalls schon zur Kol. E gehörten: 

« 60 Zu seinem (?) Freunde [. . . ] : 

61 „Deinen Dolch [. . . ], 

62 „mein reiner Spiegel [ ], 

63 „dem Gotte Bibbu [ ]. 

Nunmehr folgt eine größere Lücke. 

E. 

40 „[ die . .] ., die (?) wir [. .], 

41 „[ ] sie selbst (?), sein Name ist To[d] (?). 

42 „[ ] Richter der Anunna[ki]." 

43 Als Gilgames dieses hörte, 

44 machte er sich [in seinem Herzen] ein Bild (?) von dem Strome. 

45 Sobald ein Schimmer vom Morgen erglänzte, öffnete Gil- 

games [. . .], 



41. Vj(l. Z.46. — 44. Kaum: bereiten ihm (setzen ihm vor) Fleisch- 
brühe. — 49. Ozeansalber: bestimmte Priesterklasse. 

E 41. Oder: „seinen Namen 8a[gt er]" o. ä. - 44. Zur Ergänzun<2 
vgl. I 83. 



Übersetzung III D 41— IV A 28. 23 

46 brachte heraus einen Tisch aus . .-Holz, einen großen (?), 

47 einen Napf (?) aus Rotstein füllte er mit Honig, 

48 einen Napf (?) aus Lapislazuli füllte er mit Butter, 

49 [den Tisch (?)] belud er und ließ die Sonne (ihn) sehen (?). 

Sehr zweifelhaft ist die Stellung des Fragments f, das Jensen zur 
Kol. C unserer Tafel zieht; man erkennt auf diesem Bruchstück, das 
den Anfang einer Kolumne darstellt, nur : 
^ (2) Wolfes (?); (3) [höjrt (?), (ihr) Hüter; (4) [Enjgidu einen (?) 

Hüter . . .; (5) in das Haus ist gesetzt (?); (6) das (?) umfriedigte üruk 
zu [. .] . 



Tafel IV. 

Bei Jensen meist Tafel III. 

A. 

Der Anfang fehlt. Nach drei ganz fragmentarischen Zeilen liest 
man : 

Cl2 „[ ] seinen Freund schützte er, 

13 „[ ] vor dir, 

14 „[ ] des Zedernwaldes, 

15 „[ ] der Kampf wird (?) angezeigt, 

16 „[. . . seinen Leib (?)] schützte, möge den Gefährten heil 

erhalten, 

17 „[ ] möge seinen Leib bringen, 

18 „[ ] . . und gaben auf dich acht, o König, 

19 „[ ] du wirst auf uns achtgeben, o König!" 

20 [Gilgames] tat seinen Mund (auf) und spricht, 

21 [sagt] zu Engidu: 

22 „[Mein Freund, wir wollen] gehen zum (Tempel) Egalmah, 

23 „[zur Dienerin (?) der Nin]sun, der großen Königin, 

24 „[zu Risat-Ninlil], die da kennt jegliche Kunde, 

25 „[ . .] . . zu unsern Füßen, 

26 „[ . . .] in seine Hand." 

27 [ ] gehen sie zum (Tempel) Egalmah, 

28 [zur Dienerin (?) der Ninsun,] der großen [König]in. 

49. Diese Zeile ist paläographisch sehr unsicher. 
IV A 13. „Dir" = masc. - 16. Vgl. IV F 41. ~ 24. Vgl. I 234 f. 
272 f. — 26. Die Zeile gehört vielleicht nicht mehr zur Kede Gilgames's. 



24 Das Gilgames-Epos. 

Es kommt eine Lücke von etwa rund 20 Zeilen, an deren ScMuß 
tnoch folgende Zeilenenden gehören: (46) zweites Mal (?); (47) möge sein; 
(48) vor dir; (49) des Gilgames, ihres Sohnes; (50) hörte. 

B. 

^ 1 [ ] trat (?) sie ein, 

2[ ]... 

3 [ ], was ihrem Leibe zukam, 

4 [ ], was ihrer Brust zukam, 

5 [ ] ihre Tiara hatte sie auf, 

6 [ ] mit Wasser (?) versorgte sie den Erdboden, 

C,^ 7 [ ] stieg hinauf auf das Dach, 

8 sie stieg hinauf [vor] Samas, legte Käucherwerk hin, 
C,r),x 9 legte eine Weihgabe (?) hin, vor Samas erhob sie ihre Hände: 

10 „Warum hast du [meinem Sohne] Gilgames ein Herz bereitet, 

dessen Ungestüm (?) keine Ruhe findet? 

11 „Auch jetzt hast du ihn angerührt, daß er gehen will 

12 „einen fernen Weg (zur) Stätte Humbaba's. 

13 „Einem Kampf, den er (noch) nicht kennt, wird er begegnen, 

14 „einen Weg, den er (noch) nicht kennt, wird er fahren: 

15 „bis zum Tage, da er geht und (wieder) zurückkehrt, 

16 „bis er gelangt zum Zedern walde, 

17 „bis er Humbaba, den Gewaltigen, zu Boden wirft 

18 „und alles Böse, was du haßt, vernichtet aus dem Lande, 
Cxl9 „an dem Tage, da du • • • [ ], 

20 „möge sie sich nicht zu dir wenden, Aja, (deine) Braut, 

möge [dich daran] gedenken lassen! 

21 „Er selbst wird (?) den Wachen der Nacht das Herz (?) [. . .], 
y.22 „[. . .] Abend [ ] . 

^ Folgt eine Lücke, in die einige unsichere Zeilenenden gehören. 

Weiter heißt es: 

^, c 45 „zu den Pä[ssen (?) des Gebirges wird er gela]ngen (?), 

46 „Gebirge [ J Weg, 

47 „das Vieh (?) des Feldes [ J, 

48. „Dir" = fem. 

B 3. Ihrem = fem. sing. Ebenso Z. 4. — 10. Lies te-bit-su? — 
19. Die Zeile fehlt auf x. — 20. Lies si-i a-a. Nach unserer Auffassung 
will G/s Mutter, daß Aja erst dann wieder ihrem Gemahl willfährig 
sein soll, wenn er G. heil zurückgebracht hat. Das auf x noch auf a-a 
folgende si ist wohl fehlerhaft. 



Übersetzung IV A 4G— E 39. 26 



48 „wird (?) warten f ], 

49 „[ I . ., ^ 

50 „[ J Gilgames. 

C. 

r} Nur einige Zeilenanfängo sind erhalten: (1) Leichnam; (2) zu 

richten (?); (3) gen Aufgang [der Sonne]; (4) die Anunnaki; (5) sie möge 
nicht; (6) er selbst: (7) einen Weg, den [er nicht kennt (?)]; (8) rühre 
an; (9) weil; (10) eine Straße; (11) auch; (12) bis H[umbaba] (?); (13) sei 
es; (14) sei es; (15) sei es; (16) in. . . — Nach einer Lücke folgt: 

^ 32 sie machte viel (?) des Räucherwerks [ ], 

33 Engidu rief sie (?) und [sagt zu ihm (?)]: 

34 „Engidu, Starker, meine Freude allein [bist du (?)], 

35 „jetzt [ ] 

36 mit der Weihgabe (?) an [Samas (?) . . .]!" 

37 Die Gottesschwestern, die erhabenen [ ], 

38 Stützen (?) legte sie (?) auf [ ]; 

39 die Gottesschwestern nahmen [ ], 

40 und die Gottestöchter machten gro[ß (?) ]. 

41 „Ich, Engidu, [ ], 

42 er (?) nahm für [ ] . 

43 „Engidu, für [ ] 

44 Gilgames nicht [ ] . 

45 „Je[tzt (?), Engijdu, ist mein Wunsch (?) [ ], 

46 „[.^ ] . . . . [ ], 

47 „bis (?) [zum Tage, da er (?)] geht und [wieder zurück- 

kehrt (?)] 

48 [und] zum [Zedernwalde gelangt (?)], 

49 „sei es ein (?) Monat [ ], 

50 „sei es ein Jahr [ ]. 

E. 

k37 [. . .] die Rede [seines] Mundes [ ], 

38 [. . .] er trat zu (?) ihm [ ], 

39 [. .] . zum Haine (?) [ ], 



C 5f. Vgl. B 20f. — 7. Vgl. B 14. — 8. Vgl. B 11. — 13ff. Vgl. 
Z. 49 f. — 37. Gottesschwestern sind bestimmte Priesterinnen. — 38. 
„Sie" oder „er" (Engidu). - 47 f. Vgl. B 15f. — 49 f. Vgl. Z. 13 ff. 



26 Das Gilgames-Epos. 

40 [. .] bekleidete mit sieben Mänteln [ ], 

41 [. .] ist bekleidet, darauf legt er sechs ab, 
diese [. . . ], 

42 wie (?) ein mächtiger Wildstier . . [ ], 

43 . . . rief er, und voll war [. . .]; 

44 [den] Wächter des Waldes ruft er: 
„Wohlan, [ ], 

45 „Humbaba wie [. . . ] ." 

F. 

Anfang fehlt. 

26 [Engidu] tat seinen [Mund] (auf) und [spricht, sagt zu 

Gilgames] : 

27 „[Mein Freund, wir wollen nicht (?)] hinabsteigen, in (?) 

[ l 

28 „[ ] . . und gelähmt (?) [sind meine Hände (?)]." 

29 [Gilga]mes tat seinen Mund (auf) und spricht, sagt [zu 

Engidu] : 

30 „Mein Freund, wie ein Schwacher sollst du nicht (?) 

[handeln (?)]! 

31 „[Nicht (?)] ging weiter (?)... [ ], 

32 „[ • • •] unser Antlitz, 

..[ ] 

33 „[. . .] kundig (?) des Kampfes, 
„der [ ], 

34 „[. ..]... und du wirst nicht fürchten (?)[.. .], 

35 „[. . .] [. .....], 

36 „[. . .] Tamburin sei . . [ ]; 

37 „[es] gehe fort (?) die Lähmung deiner Hand, und die 

Schwäche erhebe sich [. . .]! 

38 „[Wir wollen (?)] hintreten, mein Freund, zusammen wollen 

wir [. . .], 

39 „[. . .] trieb (?) dein Herz (?) zum (?) Kampfe, 

„den Tod vergiß, dann [wirst du keine Furcht haben] (?). 

40 „[. . .] ... möge (?) umsichtig sein der Mensch, 

41 „[. .] . seinen Leib schützte, möge den Gefährten heil er- 

halten ! 

F 41. Vgl. A 16. 



Übersetzung IV E 40— V B 26. 27 

42 „[Für| (?) ihre [. . .] habeu sie einen Namen sich gemachl." 

43 [ J erreichten die beiden; 

44 [. . -1 ihre Worte, (und) sie selbst blieben stehen. 



Tafel V*). 
A. 



k, 1 1 Sie stellten sich hin und schauen den Wald an : 
1 2 von der Zeder betrachten sie ihre Höhe, 

3 von dem Walde betrachten sie seinen Zugang, 

4 wo Humbaba einhergeht, seine Schritte setzend. 

5 Die Wege sind gerade angelegt, schön zugerichtet der Pfad; 

6 sie sehen den Zedernberg, die Wohnstätte der Götter, 

das Heiligtum der Irnini. 

7 Vor dem Berge trägt die Zeder ihre Fülle: 

8 schön ist ihr Schatten, ist voller Jubel, 

9 [es bijrgt sich (darin) Dorngestrüpp (?), es birgt sich (darin) 

dunkler (?) [Stechdorn (?)], 

10 [es bergen] sich (?) unter der Zeder wohlriechende . . . 

-Pflanzen [...]. 

11 [ ] je eine Doppelstunde [. . .], 

12 [ .] auf zwei Drittel [. . .], 

Es folgen noch einige Bruchstücke von Zeilen; man erkennt nur 
(13) Macht (?) ; (14) wie R[egen] (?). 

B. 

1 Es sind nur Eeste erhalten: (5) ei[ner]; (6) bege[hrte]; (7) Hum- 

ba[ba]; (8) nicht g[ing] (?) ; (9) nicht g[ing](?): (17) [EJnlil (?) ; (18) sein 
Mund (?); (19) Humbaba; (20) je einer; (23) dich (?); (24) sechzig (?); 
(25) gewaltiger, zwei junge H[unde] (?); (26) dein [. .] befestige (?). 



*) Hierher gehören möglicherweise auch die vorläufig unter Tafel VII 
untergebrachten Frgm. n^ q. 



V A 4. Wörtlich „den Schritt setzend", möglich wäre auch „hoch 
an Schritt" = „hohen Schrittes". 



28 Das Gilgames-Epos. 

Weiterhin dürften in die Lücke zwei Fragmente gehören, deren 
Zugehörigkeit zur Tafel Y äußerlich nicht zu erweisen ist. Sie gehören 
dann zu Kol. C und D, vielleicht auch zu Kol. B und C. Es sind die 
folgenden : 

C(?). 

i'Sl „[Mein Freund, ich sah einen zweiten Traum], 

32 „[und der] Traum, den ich [sah, war ganz schrecklich (?)]: 

33 „[auf der Sp]itze (?) eines Berges [standen wir beide (?)], 

34 „[da] fiel der [Berg] nieder [ ], 

35 „[und w]ir, wie eine kleine (?) Rohrfliege [ ], 

36 „[. . .] ward (?) geboren und dann auf [ ] ." 

37 [Er] sagt zu seinem Freunde: „Engidu, der Traum [. . .], 

38 „mein [Freund], gut ist [dein] Traum [ ], 

39 „der Traum ist köstlich [ ]. 

40 „Mein [Freund], der Berg, den du sahst, [ ]: 

41 „[wir werden] ergreifen Humbaba, wir [werden ihn nieder- 

schlagen (?)], 

42 „[und] seinen Leichnam [werden wir] aufs Feld [werfen], 

43 „[zur] Zeit (?) der Morgendämmerung werde ich (?) [ ] ." 

44 Bei zwanzig Doppelstunden aßen (?) sie [einen Bissen], 

45 bei dreißig Doppelstunden machten sie [Rast], 

46 vor der Sonne gruben sie eine Grube, 

[ ] • 

47 Es stieg hinauf Gilgames und [. . .] auf [. . .], 

48 sein Getreide (?) schüttelte er [ ]: 

iw, a'49(.l) „Berg, bringe einen Traum [ ], 

50(.2) „mach ihm [ ]!" 

D (?). 

3 [Es ging vor]über (?) ein Schauer, . . [ ]; 

4 [er] legte ihn nieder (?), darauf [ ], 

5 [er] selbst (?), wie Getreide auf dem Berge (?) [ ], 

6 Gilgames, auf die Kniee [knieend], stützte seinen Ellbogen (?). 

C 31 f. Vgl. D 13 f. — 44f. Vgl. XI 300f. 318 f. — 49. Auf (x be- 
ginnen Z. 49. 50 die neue Kolumne. Sollte ,u doch zur gleichen Ton- 
tafel wie V gehören, so sind Z. 1 und 2 zu übersetzen: 

1 [Der Berg brajchte einen Tr[aum ], 

2 [er] machte ihm [ ] . 



Übersetzung V C 31— VI 3. 29 

7 [Ein Schlajf (?), wie er sich über die Leute ergießt, fiel auf ihn; 

8 [in der] mittleren (Nachtwache) beendete er seinen Schlaf. 

9 Er stand auf und redet zu seinem Freunde: 

10 „Mein Freund, riefst du mich nicht? Warum bin ich wach? 

11 „Rührtest du mich nicht an? Warum bin ich erschreckt (?)? 

12 „Ging nicht ein Gott vorüber? Warum ist gelähmt (?) mein 

Fleisch ? 

13 „Mein Freund, ich sah einen dritten Traum, 

14 „und der Traum, den ich sah, war ganz schrecklich (?): 

15 „es rief der Himmel, während die Erde brüllt, 

16 „ein Wetter zog sich zusammen, Finsternis ging hervor, 

17 „ein Blitz [blitzte] auf, ein Feuer entfachte sich, 

18 „[die Wolken (?)] verdichteten sich (?), es regnete Tod, 

19 „[. . .] Helligkeit (?), es erlosch das Feuer, 

20 „[. . ., der (?)] niederfiel, wurde zu Asche (?). 

21 „[Wir wollen hinabjsteigen (?), und dann können wir auf 

dem Felde Rat pflegen." 

22 [ ] Engidu legt ihm seinen Traum dar und sagt zu 

Gi[lgames]: 
Große Lücke. 

E. 

1 Nur Spuren der Anfänge der letzten fünf Zeilen erhalten. 

F. 

. . . .] unter zehn (?) [. . .], 

.] unter 260 (?) nebst (?) [. . .], 
.] warfen sie (?) [• • • • • •]> 

.] zwei . [. .] Engidu [. . .], 
.] Haupt des Humbaba [ ]. 



145 [. 

46 [. 

47 [. 

48 [. 

49 [. 



Tafel VI. 

p, q 1 Er wusch seine Waffen, reinigte seine Waffen, 

n,o,p,q 2 ließ sein Haupthaar (?) fallen auf seinen Rücken, 

3 warf (fort) seine schmutzigen (Kleider), kleidete sich in seine 

reinen, 

D 18. Entweder „[. . .] sättigten sich" oder „[. . .] wurden dicht". 
F 46. Oder: unter dem Öl des ... — 48. Vielleicht 2 «s 20 = 
2 Schock -1- 20 = 140; kaum 2 us-lat „zwei Adern". 



30 Das Gilgames-Epos. 

4 mit . . bedeckte er sich, umbindend das Brusttuch (?); 

5 Gilgames setzte seine Tiara auf, umbindend das Brusttuch (?). 

6 Da hob auf Gilgames's Schönheit das Auge die Majestät 

der Istar: 
n, 0, p 7 „Wohlan, Gilgames, (mein) Gatte sollst du sein! 

8 „Deine Frucht schenke, ja schenke mir! 

9 „Du sei mein Mann, ich sei dein Weib! 

10 „Ich will dich anschirren lassen einen Wagen aus Lapis- 

lazuli und Gold, 

11 „dessen Räder Gold sind und Edelstein (?) seine Hörner; 

12 „als Gespann sollst du täglich haben mächtige Maulpferde. 
0, p 13 „In unser Haus unter Zedernduft tritt ein! 

14 „Wenn du eintrittst [in] unser Haus, 

15 „sollen [die, die auf] Thronen [sitzen], deine Füße küssen, 

16 „[beugen sollen sich (?)] unter dir Könige, Herren und 

Große ; 

17 „[jegliche (?) Ga]be (?) von Berg und Land sollen sie dir 

als Tribut bringen. 

18 „Deine [. .] . . ., dein Kleinvieh soll Zwillinge werfen! 

19 „[Beladen mit (?)] Tribut sollen Maultiere kommen. 

20 „Dein [Pferd (?)] am Wagen sei herrlich im Dahinstürmen, 

21 „[dein Maultier (?)] im Joch soll nicht seinesgleichen haben!" 

22 [Gilgames] tat seinen Mund (auf) und spricht 

23 [sagt] zu Istar's Majestät: 

p 24 „[ ] für dich deine [. .]! 

25 „[ ] mein Leib (?) und mein Hemd, 

26 „[ ] meine Kost und meine Nahrung, 

27 „[ ] Speise, wie sie (nur) einer Gottheit zukommt, 

28 „[ Tran]k, wie er (nur) einem König zukommt. 

29 „[ ] band (?); 

30 „[ ] das ist dein Sitzplatz (?); 

31 „[ be]kleiden mit Mantel; 

32 „[ ] ergreift dich, 

33 „[ J Schauer. 

0, p 34 „Eine Hintertür, [die nicht zurück]hält Wind und Sturm, 
VI 31. Oder „bekleidet". — 32. Oder „(ich) crji^reife dich". 



Übersetzung VI 4— C8. 31 

35 „ein Palast, der da zerschmefttert] die Helden, 

36 „ein Elefant, |der . . .| seine Decke, 

37 „Erdpech (?), das f. . .| seinen Träger, 

38 „ein Schlauch, der |. . .] seinen Träger, 

39 „ein Kalkstein, der [. . .| eine Steinmauer, 

40 „ein Jaspis (?), [der . . .] Feindesland, 

41 „ein Schuh, der |. . .| seinen Besitzer. 

42 „Welchen Gatten [von dir liebtest du] ewig, 

43 „welcher Schäfer (?) von dir vermochte [. . .]? 
0, p, r 44 „Wohlan, ich will [. . all] dein Unheil (?), 

45 „will der Rechnung (?) Summe (?) ziehen (?)! 

46 „Dem Dumuzi, deinem Ju[gen]dgeliebten, 

47 „hast Jahr für Jahr du Weinen bestimmt. 

48 „Den bunten Schäfer (?) gewannst du lieb: 

49 „du schlugst ihn, seine Flügel zerbrachst du, 

50 „er steht im Walde, ruft „kappi". 

51 „Du gewannst lieb den Löwen, den an Kraft vollkommenen: 

52 „sieben und (abermals) sieben grubst du ihm Fanggruben. 

53 „Du gewannst lieb das Roß, das kampfesfrohe: 

p, r 54 „Peitsche, Sporn (?) und Geißel bestimmtest du ihm, 

55 „sieben Doppelstunden dahinzustürmen, bestimmtest du ihm, 

56 „aufzuwühlen und (dann) zu trinken bestimmtest du ihm, 

57 „seiner Mutter, der Göttin Silili, bestimmtest du Weinen. 

58 „Du gewannst lieb den Hirten, den Hüter, 
p 59 „der ständig Asche (?) dir streute, 

60 „täglich dir Zicklein schlachtete. 

61 „Du schlugst ihn, in einen Wolf (?) verwandeltest du ihn: 

62 „es verjagen ihn seine eignen Hirtenknaben, 

63 „und seine Hunde zerbeißen ihm das Fell. 

64 „Du gewannst lieb Isullanu, den Gärtner deines Vaters, 

65 „der ständig einen Strauß (?) dir brachte, 

66 „täglich erstrahlen lassend deinen Tisch. 

67 „Die Augen erhobst du zu ihm, ihn verlockend (?): 

68 „ „Lieber Isullanu, deine Liebe (?) wollen wir genießen, 



48. Es handelt sich um einen Vogel. — 50. Für „er steht" bietet 
eine Variante „er wohnt". — kappi == „mein Flügel". 



32 Das Gilgames-Epos. 

69 ,, „auch hole deine Hand hervor und berühre unsere . . .!" 

70 „Isullanu spricht zu dir: 

71 „ „Was verlangst du von mir? 

72 „ „Hat meine Mutter nicht gebacken , habe ich nicht 

gegessen, 

73 „ „daß ich essen sollte Speisen von Bosheiten (?) und 

Flüchen (?), 

74 „„die Dorn und Distel . . . [. .]?" 

75 „Du hörtest [diese] seine Rede: 

76 „da schlugst du ihn, in einen Dallalu verwandeltest du [ihn], 

77 „gabst ihm Wohnung inmitten von [. . ], 

78 „indem er nicht hinaufsteigt auf das Dach (?), nicht hinab- 

steigt ..[..]• 

79 „Und jetzt gewannst du mich lieb und wirst mich wie jene 

[behandeln (?)]!" 

p, s 80 Als Istar dieses [hörte], 

81 ergrimmte Istar, und zum Himmel [stieg sie empor]. 

82 Es ging Istar vor Anu, [ihren Vater,] 

p 8, r 83 vor Antu, ihre Mutter, ging sie und [spricht] : 

84 „Mein Vater, Gilgames hat mich verwünscht, 
s, r 85 „Gilgames hat hergezählt meine Bosheiten (?), 

86 „meine Bosheiten (?) und meine Flüche (?)". 

87 Anu tat seinen Mund (auf) und spricht, 

88 sagt zu Istar's Majestät: 

89 „Fürwahr (?), Du fordertest heraus (?) [. . ], 

90 „und Gilgames hat hergezählt deine Bosheiten (?), 

91 „deine Bosheiten (?) und deine Flüche (?)." 

p, s, r 92 Istar tat ihren Mund (auf) und spricht, 

93 sagt zu [Anu, ihrem Vater]: 

94 „Mein Vater, einen Himmelsstier schaffe, G[ilgames soll er 

vernichten (?)], 

p, s 95 „mit F[euer (?) sollst du] füllen [ J . 

96 „Wenn |du| mich | nicht erhörst (?)|, . . [ ], 

p 97 „zerschlage ich [ ], 



76 üallalu, ein nicht f,'(3nau zu bestimmendes Tier. — 97 ff. Vgl. 
Höllenfahrt der IStar, Z. 17 If. = TB 1, S. 65. Dort beißt es: 
17 zerschlage ich die Tür, zerbreche ich den Riegel, 



Übersetzung VI G9— 135. 33 

98 „setze (?) ich [ |, 

99 „werde ich | J, 

100 „mehr als | |." 

101 Anu |tat seinen Mund auf und spricht], 
p, 1 102 sagt |zur Maje|stät der Is|tar|: 

1 103 „|Meine Tochter, was| verlangst du von mir? 

104 „I I sieben Jahre (leeren) Strohs; 

105 „I I hast |du| (?) gesammelt, 

106 „I I hast |du] (?) wachsen lassen Kräuter?" 

107 |Istar tat ihren Mund] (auf) und spricht, 

108 [sagt zu A]nu, ihrem Vater: 

109 ,,[Mein Vater, . . .J häufte ich an, 

110 „[ J habe ich werden lassen; 

111 „[ sieben] Jahre (leeren) Strohs, 

112 „[ habe ich (?)] gesammelt, 

113 „[ habe ich (?) wachsen lassen] Kräuter. 

114 „[ ] ihn. 

Kleine Lücke, 
ml 16 ,,[. . .] des Himmelsstieres [ ]." 

117 [Da hör]te Anu diese [ihre Rede]. 

118 [Er ließ hinab]steigen einen Himmelsstier, nach [Uruk 

sandte er ihn (?)]; 

119 [. . .] zieht (?) [ ], 

m,rl20 [mitten] in (?) Uruk [ ]; 

121 [...].. [ ]. 

r 122 [Wie er (?)] daherjagte, da [. . .] Engidu den Himmelsstier, 
123 [. . .] erfaßte er ihn an [dem Ende (?)] seines Schwanzes (?). 

t Folgt eine Lücke, in die folgende Zeilenenden gehören, deren ge- 

nauere Stellung nicht ganz sicher ist: (128) unter den Mannen; (129) 
nach der Mitte; (130) dreihundert Mannen; (131) nach der Mitte; (132) 
gegen (?) Engidu; (133) seines Kampfes; (134) [Engijdu pack[te] den 
Himmelsstier; (135) an [seinen] Hörnern; (137) machte ihn (?) [. . .]. 

18 zerschlage ich die Schwelle, reiß weg die Türen, 

19 führe ich hinauf die Toten, daß sie essen und leben, 

20 mehr als Lebendige soll der Toten es geben. 

Abweichend ist jedenfalls Z. 18 = oben Z. 98. Wenn man die übrigen 
Zeilen oben einsetzen will, müßte man die zweite Hälfte von Z. 96 etwa 
ergänzen ,,so steige ich zur LTnterwelt hinab." — 116 ff. Das hier ein- 
^^epaßte Fragment m scheint sich in Z. 121 mit r zu berühren. — 133. 
Oder ,, seiner (Körper)mitte" ? 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 3 



34 Das Gilgames-Epos. 

i^ 141 Bei (seinem) zweiten Schnauben [ ], 

142 zweihundert Mannen | |. 

143 Bei (seinem) dritten Schnauben [ ], 

144 Engidu . . | J, 

145 es sprang hinauf Engidu | ], 

146 den Himmelsstier vor ihm faßte (?) |. . . ], 

p, nl47 an der Dicke seines Schwanzes [ .]. 

148 Engidu tat seinen Mund [auf und spricht,] 

149 sagt [zu Gilgames]: 

150 „Mein Freund, wir haben herrlich gemacht (?) [ ]. 

Das folgende ist nur schlecht erhalten; man erkennt am Anfang 

u der Zeilen folgende Wörter: (^151) wenn wir entsprechen (?); (152) mein 

Freund, ich sah; (153) auch meine Kraft; (154) ich will . .; (155) ich: 

(156) ich will fassen; (157) ich will füllen (?); (158) in. . . — Dann folgt 

eine größere Lücke. 

p 167 Und Gilgames wie ein [. .]-Mann [ ], 

168 ein starker un[d . . .], 

169 zwischen dem Nacken [. . .] die Hörner und [. . .]. 

170 Nachdem sie den Himmelsstier niedergeschlagen, [beruhigte 

sich ihr (?)] Herz, 

171 vor Samas [ ]; 

172 sie entfernten sich (?), und dann vor bamas, [dem Helden (?)J, 

173 setzten sie sich nieder, die be[iden| Brüder. 

174 Da ging hinauf Istar auf die Mauer des [umfriedigten] Uruk, 
p, ul75 sprang auf die Zinne, ließ einen Fluch herab: 

176 „Wehe über Gilgames, der mich beleidigte (?), 

177 den Himmelsstier tötete." 

0, p, ul78 Es hörte Engidu diese Rede der Istar: 

179 da riß er los (?) den rechten (Schenkel) (?) des Himmelsstieres, 

180 warf (ihn) ihr ins Gesicht (?): 

181 „Könnte ich auch dich kriegen, 

182 wie ihm tat ich dir dann! 

183 „Seine Därme bände ich an deine Seite!" 

184 Da versammelte Istar die Tempelmädchen, 

185 die Dirnen und Hierodulen, 



179. Wörtlich ,,dio Rechte" oder „rechte Seite". — 180. Oder: 
warf (ihn) ihr vor. — 182. Var. : ich machte dich ihm gleich. 



Überpetzung VI 141 — 211. 35 

186 über den rechten (Schenkel) (?) des Himnielsstieres ver- 

anstaltete sie eine Klage. 

p. u 187 Es rief Gilganie§ die Meister, die Handwerker allzumal: 
p. «1, ul8S die Dieke seiner Hörner loben die Meister; 

189 je dreißig Minen Lapislazuli war ihre Masse (?), 

p, n 190 je zwei Finger ihre Schale (?). 

191 Sechs Kur Öl, soviel beide (Hörner) faßten, 

192 schenkte er als Salböl seinem Gotte Lugalbauda, 

193 brachte (sie in den Tempel) und hängte |(sie) auf am Throne 

(?) seiner Majestät (?). 

194 Im Euphratflusse wuschen sie ihre Hände, 

195 machten sich auf und ziehen dahin, 

196 auf der Marktstraße von Uruk fahrend. 

p, V 197 Es sammelten sich die Leute von Uruk, schauend [ihr Antlitz]. 

198 Gilgames — zu den Dienerinnen (?) [seines Palastes] 

199 sagt er das Wort: 

200 „Wer ist schön unter den Mannen, 

201 „wer ist herrlich unter den Männern ?" 

202 „ „[Gilgames] ist schön unter den Mannen, 

203 „„[Gilgames (?)] ist herrlich unter den Männern!" 

204 ,,[ ] zoge[n (?) in] unserem Zorn. 

0. p, V 205 „[ ] Marktstraße, einen der [sein Herz] zufrieden 

stellt (?), hat er nicht, 

206 „[ den] Weg (?) seines [. .]." 

207 Gilgames in seinem Palaste machte ein Freudenfest: 

208 es ruhen die Mannen, auf nächtlichem Lager liegend, 

209 es ruht Engidu, Träume schauend. 

210 Es erhob sich Engidu, legt die Träume dar, 

211 sagt zu Gilgames: 



189. Mine etwa Va Kilogr. — 190. Gemeint ist wohl die Dicke 
der Hornmasse. — 191. Kur = etwa 120 Liter. — 193. Sie = die 
Hörner. — Jensen vermutet Lagerstatt für Thron. Beides ist sehr un- 
sicher. — 197. Var. „die Mannen". — 203. Oder ist „[Engidu]" zu er- 
gänzen ? 



36 Das Gilgamos-Epos. 



Tafel VII. 



A. 



0, p, V 1 „Mein Freund, warum haben sich [. .] beraten die großen 

Götter?" 

TT Lücke von etwa 10 Zeilen. Weiterhin sind nur einige Zeilenanfänge 

zu verstehen: (12) jetzt; (13) ich; (14) sei es; (15) sei es Gi[lgames] (?) ; 
(16) mein Name; (18) seine Worte hö[rte]; (19) Gilgames [hörte] das 
Wo[rt]; (20) Gilgames [tat] seinen Mund [auf]. — Es folgt eine kleine 

Q Lücke. Dann erkennt man die folgende Zeilenanfänge : (28) Engidu [tat 
seinen] Mund [auf]; (29) sagt [zu Gilgames]; (30) wohlan; (31) in; (32) 
die Tür; (33) ihr Holz (?); (37) Engi[du]. — Dann heißt es: 

38 Mit der Tür redet (?) er wie [ ]: 

39 „Tür des Haines, [ ], 

40 „ihr Verstand ist nicht vorhanden [ ], 

41 „auf zwanzig Doppelstunden habe ich auserwählt (?) dein 

Holz |. . .], 

42 „bis ich die hohe Zeder sah [. . .]; 

43 „nicht hat sie dein fremdartiges Holz [. . .]; 

44 „6 Gar ist deine Höhe, 2 Gar deine Breite [. . .]; 

45 „dein Vorbau (?), dein Bogen (?) und dein Überbau (?) [. . .]; 

46 „es machte dich ein Patesi (?) in Nippur [. . .]. 

47 „Hätte ich gewußt, Tür, daß dieses [. . .] 

48 „und dieses die Schönheit [. . .], 

49 „so hätte ich das Beil erhoben, hätte [. . .], 

50 „ein Rohrgeflecht (?) hätte ich zusammengefügt [ ]. 

Große Lücke. 



F. 

7j 17 „(Mein Freund, der mit mir durchjwauderte alle Schwierig- 

|keiten], 
^^ 18 „. . I ], was ich durchwanderte |. . .], 

s 

VII A 1211". Es ist fraglich, ob Frgm. tt, q hierher gehören oder 
zu Tafel V. — 37. Am Ende der Zeile vielleicht noch mit Jensen 
l'erjhob (?) [das Beil]"; vgl. Z. 49. — 44. 1 Gar meist - 12 Ellen. — 
46. Patesi = Titel der alten sumerischen Fürsten; die Übersetzung 
nimmt mit Diioiime an, daC) assakku = inHakka (d. i. Patesi) ist, was 
jedoch zweifelhaft ist. 

F 17. Vgl. die altbab. Kezension 11 3. 



71 



ÜbersetzuDg VII 1— VIII A 14. 37 

10 ,,nK'in Freimd, es erfüllt sich (?) der Tnium, der (?) nicht 

I r- 

20 Am Tage, da er den Traum sah, war erfüllt [. . .|, 

21 Es liegt nieder Engidu einen Tag, [einen zweiten TagJ^ 

22 für Engidu wird auf seiner Lagerstätte | |; 

23 einen dritten Tag und einen vierten Tag | |, 

24 einen fünften, einen sechsten und siebenten, einen achten, 

einen neunt[en und zehnten], 

25 Eugidu's Schmerz [ ], 

26 einen elften und zwölften Tag [ ], 

27 Engidu auf [seiner] Lagerstätte [ ]. 

q2S Er rief Gilgames und [ ]: 

29 „Es verwünschte mich, mein Freund, [ ], 

30 „wie einer, der inmitten der Schlacht (?) [ ], 

31 „ich fürchtete den Kampf [ ]. 

32 „Mein Freund, wer im Kampfe [ ], 

33 „ich (aber) [ ]. 

Kest zerstört. 



Tafel VIII. 
A. 



<7 1 [Sobald] ein Schimmer [vom Morgen erglänzte], 

2 [. . .] Gilgames [ ], 

3 En[gidu ]. 

Es folgt nach einigen Zeilenanfängen [(4) und; (5) des Todes (?); 
(6) und; (7) derSchm[erz] (?); (8) stark (?); (9) stark (?) ;] eine Lücke von 
wenigen Zeilen. Hieran dürfte sich das folgende Fragment anschließen, 
das vielleicht aber in Kol. B hineingehört. 

11 „[ ] einer (?) Gazelle, 

12 „[ ] dich, (ja) dich, 

13 „[ haben (?)] dich groß gemacht, (ja) dich, 

14 „[ ] alle Mädchen (?)." 

20. Gehört Z. 20 noch zur Eede G.s? Wer ist aber dann „er"? 



T 



38 Das Gilgaraes-Epos. 

Auch vom folgenden sind nur die Zeilenenden erhalten: (15) Zedern- 
wald; (16) Nacht und Tag; (17) dem breiten [. .] des umfriedigten Uruk: 
(18) werden nach uns einen Se<?enswuusch sprechen; (19) die weiten (?) 
[. .] von Berg (?) (und) Gebirge; (20i ich lege mich nieder; (21) . . wie 
deine Mutter; (22) Öl (?) der Zeder; (23) durch unsern Zorn; (24 j . . eine 
Hyäne (?) ; (25) . . des Feldes; (26) an ihrer Seite; (27) [Eujphrat (?) ; 
(29) umfriedigte [Uruk]. — In die nächste Kolumne gehört die zweite 
Kolumne von r, ergänzt durch v. 

B (?). 

T, ull „Engidu, mein junger Freund, [der Panter des Feldes], 

12 der alles . . ., sodaß wir [den Berg] bestiegen, 

13 „den Himmelsstier packten und dann [erschlugen], 

14 „Humbaba niederwarfen, der im [Zedernjwalde [wohnte], — 

15 „was ist das jetzt für ein Schlaf, der [. . .] packte? 

16 ,, Finster siehst du aus und hörst nicht [meine Stimme]!" 

17 Doch der erhebt nicht (mehr) [sein Auge]. 

18 Er berührte sein Herz, doch es schlägt nicht (mehr)! 

19 Da deckte er den Freund zu wie eine [. . .] Braut. 

20 Einem Löwen gleich ...[...], 

21 einer Löwin gleich [•••]• 

22 Er wendet sich hin zu [. . .], 

23 er rauft und schüttet . . [ ], 

24 er reißt aus und . . . der (?) erste [. . .]. 

25 Sobald ein Schimmer [vom Morgen] erglänzte, 

26 [. . .] Gi[lgames ]. 

Größere Lücke. 

(f, Das Fragment (f) ist vielleicht in Tafel VIII einzuordnen; die er- 

haltenen Koste gehören einer Kol. D und E oder E und F au. Von 
der ersten Kolumne (D oder E) sind nur einige Zeilenanfänge erhalten, 
deren Zählunjr hier willkürlich ist: (35) Füße (?); (36) der nicht; (38) 
aut das Wort (?j; (40) am Tage (?); (41) und. . . — Dann folgt die nächste 
Kolumne desselben Fragmentes. 



VIII A 19. Die Ausgabe bietet: die weiten (?) [. .] des Getreides 
dos Gebirges. — 21. Deine = masc. — 24. Eij^entlich „Wimmerer". 
26. Ihrer = Rg fem. 

B 11 ff. V^ri. zu den Ergänzungen X 206 ff. — 18. Er = Gilgames; 
sein = Engidu. 



Übersetzung VIII A 15— IX 8. 39 

E (?). 

31 [ ], 

32 [ tötelte (?) die Löwen, 

33 [ sagt zu ihm,] zu Gilgames: 

34 „[ ], der du den Wächter erschlugst, 

35 „[IJumbjaba | niederwarfst], der im Zedern walde wohnte, 

36 „[in den Schluchten (?)] des Gebirges Löwen tötetest, 

37 „[den Himmels]stier erschlugst, der vom Himmel herab- 

stieg, 

38 „[warum sind abgezehrt] deine (!) Wangen, gebeugt dein 

Antlitz, 

39 „[betrübt dein Herz, aufger]ieben deine Gestalt? 

40 „[(Warum) ist Wehklagen in] deinem (!) Herzen, 

41 „[bist einem Wandrer ferner Wege] du gleich an Aussehen, 

42 „[ist von . ., Schauer und . .] verbrannt dein Antlitz, 

43 „[ ] eilst du übers Feld dahin?" 

Das weitere fehlt. Ob hier die gleichen Zeilen zu ergänzen sind, 
wie X 39ff. , 108 ff. , 199 ff. , ist nicht sicher festzustellen, aber wohl 
möglich. 



Tafel IX. 



w, X 1 Gilgames um Engidu, seinen Freund, 

2 weint bitterlich und eilt dahin über das Feld: 

3 „Ich selbst werde sterben, (werde ich) dann nicht wie En- 

gidu (sein)? 

4 „Wehklagen ist eingezogen in mein Herz, 

5 „Todesfurcht habe ich bekommen, deshalb eile ich über das 

Feld dahin; 

6 „zur Kraft (?) Ut-napistim's, Sohnes des Ubara-Tutu, 

7 „ergreife ich den Weg und gehe eilends! 

8 „Zu den Schluchten des Gebirges gelangte ich nachts, 



E (?). Die Zeilenzählung ist willkürlich. — 32- So wenn die Spuren 
zu \t-du]k zu ergänzen sind, — 38 fi. Ergänzt nach X 102 ff. — Statt 
„deine" bietet das Original „meine". — 40. Statt „deinem" bietet das 
Original ,, seinem". 



40 Das Gilgames-Epos. 

9 „Löwen sah ich und fürchte mich deshalb: 

10 „ich erhob mein Haupt, zu Sin flehend, 

11 „zu [Istar, der Stajrken (?) unter den Göttern, pflegten zu 

gehen mein Gebete, 
w 12 „[Auch jetzt (?)] schützt mich!" 

13 [. . .] legte er sich nieder (?), [. .] . ein(en) Traum: 

14 [ ] freute sich des Lebens; 

15 er erhob die Axt an seine Seite, 

16 zog heraus das [Schwert] seines Gürtels; 

17 wie ein (?) Wurf[speer (?)] fiel es [zwisch]en sie, 

18 zerschlug, [. . ., tö]tete (?), sprengte. 

Es folgt eine Lücke, in der nur einige Zeilenanfänge verständlich 
sind: (19) und; (20) er warf (?); (21) er zeichnete (?); (22) der Name des 
ersten; (23) der Name des zweiten; (24) er erhob; (25) zu. . . — Dann 
fehlen etwa 10 Zeilen*). 

36 des Gebirges Name (?) ist Mäsu. 

37 Als er zum Gebirge Mäsu gelangte, — — 

38 die täglich bewachen [der Sonne] Aus- [und Eingang], 

39 über ihnen ist der Himmelsdamm [. . .], 

40 ihre Brust erreicht unter die Unterwelt, 

41 Skorpionmenschen bewachen sein Tor, 

42 deren Furchtbarkeit schrecklich, deren Anblick Tod ist; 

43 ihr entsetzlicher Schreckensglanz wirft Berge nieder, 

44 bei der Sonne Aus- und Eingang bewachen sie die Sonne. 

45 Es sah sie Gilgames, von Furcht 

46 und Schrecken verdüsterte sich da sein Antlitz. 

47 Er nahm seinen Mut zusammen und verneigte sich vor ihnen. 

48 Der Skorpionmensch ruft sein Weib an: 

49 „Der zu uns gekommen, dessen Leib ist Götterfleisch." 



IX 14. Weniger wahrscheinlich „freuten". — 17. „Wurfspeer" heißt 
auch der Stern Beteij^euze (Vj. Gewiß wird hier noch der Traur.i erzählt. 
V^l. X 83 ff. — 36. Das Wort se-mu Name ist sehr bedenklich. Sollte 
man ie zum Vorhergehenden zu ziehen haben und MU als iiumu fassen? 
Dann wäre zu übersetzen „des Getreidegebirges Name". Vgl VIII A 19 
und IX 126. — 41. Sein, d. i. des Gebirges. — 47. Wörtlich: er faßte 
seinen Sinn (Verstand). 



*; iiAUi'T schätzt die Länj^o der Kolumne auf ca. 50 Zeilen, doch ist 
•das ganz unwahrscheinlich, da nach dem Zusammenhango hinter Z. ISS' 
nur .5 Zeilen fohlen können; auch sonst spricht manches dafür, daß die 
Kolumnen nur etwa 35 Zeilen iiatten. 



Übersetzung IX 9—119. 41 

50 Dem Skorpionnicnschen entgegnet sein Weib: 

51 „Zwei Drittel von ihm ist Gott, ein Drittel von ihm ist 

Mensch." 

52 Der männliche Skorpionmensch ruft, 

53 I I Götter sagt er das Wort: 

54 „[ I einen fernen Weg, 

55 „[ I bis vor mich hin, 

56 „[ ], deren Überschreiten schwierig ist, 

57 „[ |, deinen |WegJ (?) will ich wissen, 

58 „[ ] gesetzt, 

59 ,,[ ] will ich wissen! 

Eine Lücke von etwa 10 Zeilen. 

69 „[Die Kraft] (?) Ut-napistim's, meines Vaters, [ ], 

70 „der da hintrat in der Versammlung [der Götter und das 

Leben erschaute]; 

71 „Tod und Leben [ ].'' 

72 Der Skorpionmensch tat seinen Mund (auf) [und spricht], 

73 sagt zu [Gilgames]: 

74 „Nie gab es, Gilgames, [ ], 

75 „im Gebirge hat niemand einen We[g gefunden (?)]. 

76 „Zwölf Doppelstunden hin ist das Lmere [des Gebirges (?)], 

77 ;,dicht ist die Finsternis, nicht [gibt es Licht]. 

78 „Zum Ausgang der Sonne [ ], 

79 „Zum Eingang der Sonne [ ]. 

80 „Zum Eingang der [Sonne ], 

81 „sie führen (?) hinaus [. . . ], 

82 „sie führen [hinein (?)... ]. 

Vom Folgenden sind noch einige Zeilenanfänge erhalten: (83) 
wenn (?) du; (84) du wirst hin[eingehen] (?); (85) schön (?). Sodann 
folgt eine Lücke von gut 80 Zeilen. 

116 „in Wehklagen [. . . ], 

117 ,,in Schauer [. . . ], 

118 „in Jammer [. . . ], 

119 „jetzt [. . .] du (?) [ ]." 



50. Vgl. I 51. — 69. „Vater'' = „Ahn". — 70. Vgl. XI 7. — 
75. Lies du-u[r-ga-su]? — - 77. VgL bes. Z. 152. — 81. Die gramra. Form 
spricht mehr für die Übersetzung „sie führten hinaus". — 82. Lies 
ü-ser-ri-[bu]? — llßfF. Worte G.'s. 



42 Das Gilgames-Epos. 

120 Der Skorpionmensch [tat seinen Mund auf, spricht und 

sagt zu Gilgames]: 

121 „Gilgames, [ ], 

122 „geh, Gilgames, [ ], 

123 „die Berge von Mäsu [ ], 

124 „Berge, Höh[en ], 

125 „wohlbehalten möge [. . ]; 

126 „Das Tor der Länder (?) [ ]." 

127 [Als] Gilgames [dies hörte], 

128 [machte er sich auf den Weg] nach dem Geheiß [des 

Skorpionmenschen], 

129 den Weg der Sonne [ ]. 

130 Eine Doppelstunde [erreichte er . . . .]: 

131 dicht war die Finsternis, [nicht gab es Licht], 

132 nicht läßt [ihre . . ihn sehen das, was hinter ihm liegt]. 

133 Zwei Doppelstunden [erreichte er ]: 

134 [dicht war die Finsternis, nicht gab es Licht], 

135 [nicht läßt ihre . . ihn sehen das, was hinter ihm liegt]. 

136 [Drei Doppelstunden erreichte er ]: 

137 [dicht war die Finsternis, nicht gab es Licht], 

138 [nicht läßt ihre . . ihn sehen das, was hinter ihm liegt]. 

139 Vier [Doppelstunden erreichte er ]: 

140 dicht [war die Finsternis, nicht gab es Licht], 

141 nicht lä[ßt ihre . . ihn sehen das, was hinter ihm liegt]. 

142 Fünf Doppelstunden [erreichte er ] : 

143 Dicht war die Fin[sternis, nicht gab es Licht], 

144 nicht läßt [ihre . . ihn sehen das, was hinter ihm liegt]. 

145 [Sechs Doppelstun]den er[reichte er ]: 

146 dicht war die Finsternis, [nicht gab es Licht], 

147 nicht läßt [ihre . . ihn sehen das, was hinter ihm liegt]. 

148 Sieben Doppelstunden erreichte [er ]: 



126. Nach der Ausgabe ist statt „Länder'' eher „Gebirge des Ge- 
treides" zu lesen. Vgl. dazu die Anm. zu Z. 36. — 130. „Erreichte 
er" wörtlich „bei seinem Erreichen". Die Er<4iinzun<,^on hier und im 
folgenden stammen aus den besser erhaltenen j)aralielon Zeilen (z. B. 
14B. 148. 152). — 132. llire = der Finsternis; ergänze etwa „ihre Dich- 
tigkeit" 0. ä. 



Übersetzung IX 120-194. 43 

145) dicht war die Finst('i|nisJ, nicht [gab es Licht], 

150 nicht läßt [ihre . . . ihn sehen das, was hinter ihm liegtj. 

l;')! Acht Doppelstunden [erreichte er; J da schreit er; 

152 dicht war die Fin[sternis, nicht] gab es Licht, 

153 nicht läßt ihre [. . ihn sehen] das, was hinter ihm ist. 

154 Neun Doppelstunden [erreichte er; • • •] Norden, 

155 [ • • •] sein Antlitz; 

156 [dicht war die Finsternis, nicht] gab es Licht, 

157 [nicht läßt] ihre [. . ihn sehen] das, was hinter ihm liegt. 

158 [Zehn Doppelstunden er]reichte er: 

159 [ . . .] ist nahe. — -' 

IGO [Elf Doppelstunden ] vier Doppelstunden; 

ICl [ giög] heraus (?) vor (?) der Sonne. 

162 [Zwölf Doppelstunden erreichte er,] da ward es helle. 

163 [. . .] Garten (?) der Götter, als er ihn sah, ging er dar- 

rauf zu. 

164 Rotstein trägt seine Frucht, 

165 mit Ranken behangen, gut anzuschauen; 

166 Lapislazuli trägt . . ., 

167 Frucht trägt er, begehrenswert anzusehen. 

Lücke von etwa 15 Zeilen. 

183 [Wie eine üppige (?)] Zeder [ ], 

184 an seinem [. .] ist . .-Stein [ ]; 

185 der Tang (?) des Meeres [trägt (?)J . .-Stein, 

186 wie Dorn und Distel [ist üppig (?)] . .-Stein. 

187 Die Carobe (?)[... . . .] in Samen, 

188 . .-Stein, . .-Stein [ ]; 

189 Üppigkeit (?) und Fülle [ ], 

190 wie [ ] auf . . . 

191 Des Rohres [ ] Meer, 

192 hat [ ] Fülle (?). 

193 Gilgames [hielt ein (?) in] seinem Gehen, 

194 hob auf [sein Auge zu] jenem Gött[ergarten (?)]. 

160. Fraglich, ob die Er^jänzung hierher oder in die folgende Zeile 
gehört. — 164. „Seine" bezieht sich wohl auf „Rotstein". Die Stein- 
naraen sind jedenfalls Subjekt. — 184 ff. Die Steine sind nicht näher 
zu bestimmen. — 187. Carobe oder Johannisbrotbaum. — 189. Lies 
7w[ies-/']i-6^? 



44 Das Gilgames-Epos. 



Tafel X. 

w, y 1 Die Göttin Siduri-Sabitu sitzt da auf dem Throne (?) des 

Meeres, 
j 2 sitzt da und [ ], 

3 man hat ihr gemacht (?) einen Gürtel (?), hat ihr gemacht (?) 

[ ], 

4 mit einer Decke ist sie bedeckt [ 1. 

5 Gilgames lief hin und [ ], 

6 mit Fell ist er bekleidet, Fur[chtbarkeit (?) . . .], 

7 er hat Götterfleisch an [seinem Leibe], 

8 es ist Wehklagen in [seinem Herzen], 

9 einem Wandrer ferner Wege [glich er an] Aussehen. 

10 Sabitu — nach der Ferne hin schaut [ihr Antlitz], 

11 sie redet zu sich und [sagt] das Wort, 

12 mit sich selbst [geht] sie [zu Rate]: 

13 „Ist etwa jener einer, der [ ]? 

14 „Wo geht er hin in [ ]?" 

15 Als Sabitu ihn sah, verschloß sie [ihr Tor], 

16 verschloß sie ihr Tor und verschloß [. . .]; 

17 er aber faßte den Entschluß, Gilgames, zu [. . .], 

18 erhob seinen Ellbogen (?), setzte [. . .]. 

19 Gilgames [sagt[ zu ihr, [zu Sabitu]: 

20 „Sabitu, was sahst du [ ], 

y, z 21 ,,dein Tor verschlössest du [. . . .]. ., 

22 „ich zerschlage die Tür, [den Riegel zer]brech ich, 

z Noch einige Zeileuenden sind erhalten: (23) meines [. .]; (24) Feld; 

(26) Tor. Folgt zunächst eine Lücke von etwa 5 Zeilen, die nicht er- 
gänzt werden kann: das weiterhin Fehlende bis Z. 58 läßt sich aus den 
Parallelstellen wie folgt ergänzen: 

32 [Sabitu sagt zu ihm, zu Gilgames: 

33 „Warum sind abgezehrt deine Wangen, gebeugt dein Antlitz, 

34 „betrübt dein Herz, aufgerieben deine Gestalt? 

35 „(Warum) ist Wehklagen in deinem Herzen, 

X 7. Zur Er^ränzun^r vgl. IX 49. — 8. Vgl. IX 4. — 9. Vgl. 1 100- 
— 10 ff. Vgl. Z. 103 fr. — 17. Wörtlich „er hatte das Ohr". — 21. Spuren 
von [8i-ik-ku\-ri ,,Kie^'el"V — 32 ff. Vgl. zu den Ergänzungen Z. 101 fi". 



Übersetzung X 1 — 61. 45 

36 „bist einem Waiulrer ferner Wege du gleich an Aussehen, 

37 „ist von . ., Schauer und . . verbrannt dein Antlitz, 

38 „ eilst du übers Feld dahin?" 

39 Gilgames sagt zu ihr, zu Sabitu: 

40 „Wie sollten nicht abgezehrt sein meine Wangen, nicht ge- 

beugt mein Antlitz, 

41 ,, nicht betrübt mein Herz, nicht aufgerieben meine Gestalt! 

42 „Wie sollte nicht Wehklagen sein in meinem Herzen, 

43 „ich einem Wandrer ferner Wege nicht gleichen an Aus- 

sehen, 

44 „sollte von . ., Schauer und . . nicht verbrannt sein mein 

Antlitz, 

45 „ ich nicht übers Feld dahineilen! 

46 „Mein junger Freund, der Panter des Feldes, 

47 „Engidu, mein junger Freund, der Panter des Feldes, 

48 „der alles . . ., sodaß wir den Berg bestiegen, 

49 „den Himmelsstier packten und dann erschlugen, 

50 „Humbaba niederwarfen, der im Zedernwalde wohnte, 

51 „in den Schluchten (?) des Gebirges Löwen töteten, 

52 „mein Freund, der mit mir durchwanderte alle Schwierig- 

keiten, 

53 „Engidu, mein Freund, der mit mir Löwen tötete, 
„der mit mir durchwanderte alle Schwierigkeiten, — 

54 „es erreichte ihn das Schicksal der Menschheit! 

55 „Sechs Tage und Nächte habe ich über ihn geweint, 

56 „bis ließ ich ihn nicht begraben. 

57 „Ich fürchtete mich . . ., ihn, 

58 „. . fürchtete ich den Tod, so eile ich über das Feld dahin,] 
„das Schicksal meines Freundes [lastet schwer auf mir], 

59 „[einen fernen Weg eile ich deshalb übers Fe]ld dahin, 
„das Schicksal Engidu's, [meines Freundes, lastet schwer 

auf mir], 

60 „[eine ferne Bahn] eile ich deshalb [übers Feld dahin]. 

61 „[Wie kann ich (es) verschweigen (?),] wie kann ich (es) 

herausschreien ! ? 



58. „Schicksal", wörtlich „Angelegenheit"; ebenso Z. 59 und an 
den Parallelstellen. 



46 Das Gilgames-Epos. 

62 „[Mein Freund, den ich liebe, ist] zu Erde [geworden], 
„Eugidu, mein Freund, den ich liebe, ist [zu Erde ge- 
worden] ! 

63 „[Werde nicht auch ich wie] er mich niederlegen müssen, 

64 ,,[ohne wieder aufzustehjen in alle Ewigkeit!" 

65 [Gilgames] sagt (weiterhin) zu ihr, zu Sabitu: 

06 „[Nun,] Sabitu, welches ist der Weg zu Ut-napistim? 

67 „[Was] ist sein Zeichen, gib es mir! 
„Gib mir sein Zeichen, mir! 

68 „Wenn es möglich ist, will ich das Meer überschreiten, 

69 „wenn es nicht möglich ist, will ich über das Feld dahin- 

eilen!" 

70 Sabitu sagt zu ihm, zu Gilgames: 

71 „Nicht gab es, Gilgames, je eine Überfahrtsstelle, 

72 „und niemand, der seit der Vorzeit Tagen ankam, kann das 

Meer überschreiten; 

73 „wohl hat überschritten das Meer Samas, der Held, 
„doch außer Samas — wer wird (es) überschreiten? 

74 „Schwer zugänglich ist die Überfahrtsstelle, schwierig der 

Weg dahin, 

75 „und tief sind die Wasser des Todes, die hindernd davor 

liegen. 

76 „Wie (?), Gilgames, willst du das Meer überschreiten? 

77 „Wenn du zu den Wassern des Todes kommst, was willst 

du dann tun? 

78 „Gilgames, es ist daUr-Sanabi, der Schiffer des Ut-napistim, 

79 „bei welchem Stein- . . sind; im Walde pflückt er . . . 

80 „|ihn] möge dein Antlitz schauen! 

81 „I Wenn es mögjlich ist, geh mit ihm hinüber, 
„wenn es nicht möglich ist, kehr wieder um!" 

82 [Als Gilga]mes dies hörte, 

83 [erhob er die] Axt an [seine Seite], 

84 [zog heraus das Schwert seines Gürtels], 
er . . ., stieg dann hinab | ], 

85 [wie ein (?) Wurfspeer fi|el es zwischen sie. 



66f. Vgl. Z. 134f. — 67. Sein = des Weges. — 88ff. Vgl. IX15ft'. 



Übersetzung X 62—123. 47 

V(»m Foljjfendeii sind nur oini^o Zoilenonden vorständlich: (88) ihn; 
(89) (JilfxumeS: (91) das SchilV; (92) [Wasser (?)J des Todes; (93) das 
weite l^loor {?)]; [M) hemmte; (95) zum Flusse; (90) SchifT; (97) am 
Ufer; (98) ScIiifTer; (100) dich. 

V 

z' 101 Ur-Sanabi sagt zu ihm, zu |Gilgames]: 

102 „Warum sind abgezehrt deine Wangen, geb|eugt dein 

AntlitzJ, 

103 „[bet|rübt dein Herz, [aufgerieben deine Gestalt]? 

104 „(Warum) ist Wehklagen [in deinem Herzen], 

105 „[bist einem] Wandrer ferner Wege [du gleich an Aus- 

sehen], 
lOG „[ist von . .], Schauer und . . verbra[nnt dein Antlitz], 

107 „[ eilst] du [übers Feld dahin]?" 

108 [Gilgames] sagt [zu ihm,] zu [Ur-Sanabi, dem Schiffer]: 

109 „[Wie sollten nicht abgezehrt sein] meine Wangen nicht 

[gebeugt mein Antlitz], 

110 „[nicht betrübt] mein Herz, nicht aufgerieben [meine Ge- 

stalt] ! 

111 „[Wie sollte nicht] Wehklagen [sein] in [meinem Herzen], 

112 „[ich einem Wandrer ferner AVege nicht gleichen an] Aus- 

[sehen], 

113 „[sollte von . ., Schauer und . .] nicht verbrannt [sein 

mein Antlitz], 

114 „[ ich nicht übers Feld dahineilen]! 

115 „[Mein junger Freund, der Panter des Feldes,] 

116 „[Engidu, mein junger Freund, der Panter des Feldes,] 

117 „[der alles . . ., sodaß wir den Berg bestiegen,] 

118 „[den Himmelsstier packten und dann erschlugen,] 

119 „[Humbaba niederwarfen, der im Zedernwalde wohnte,] 

120 „[in den Schluchten (?) des Gebirges Löwen töteten,] 

z 121 „mein Freund, [der mit mir durchwanderte alle Schwierig- 
keiten], 

122 „Engidu, [mein Freund, der mit mir Löwen tötete], 
,,[der mit mir durchwanderte alle Schwierigkeiten], — 

123 „es erreich[te ihn das Schicksal der Menschheit]! 



102 ff. Zu den Ergänzungen vgl. Z. 109 ff. und 200 ff. Ferner 
Till B 11 ff. — 123. Ergänzt nach dem altbbab. Text (s. Anhang 4) 
II 4. 



48 Das Gilgames-Epos. 

124 „Sechs Tage [und Nächte habe ich über ihn geweint], 

125 „bis [ ließ ich ihn nicht begraben]. 

126 „Ich fürchtete mich [. . ., ihn], 

127 „[. . fürchtete ich den Tod, so eile ich über das Feld 

dahin,] 
„[das Schicksal meines Freundes lastet schwer auf mir,] 

128 ,, einen fernen [Weg eile ich deshalb übers Feld dahin] 
„[das Schicksal Engidu's, meines Freundes, lastet schwer 

auf mir], 

129 „eine fer[ne Ba]hn [eile ich deshalb übers Feld dahin]. 

130 „Wie kann ich (es) versch[weigen, wie kann ich (es) heraus- 

schreien]!? 

131 „Mein Freund, den ich liebe, [ist zu Erde geworden]^ 
,,[Engidu, mein Freund, den ich liebe, ist zu Erde geworden]! 

132 „Werde nicht auch ich wie er mich nieder[legen müssen], 
„[ohne wieder aufzustehen in alle Ewigkeit]!" 

133 Gilgames sagt (weiterhin) zu ihm, zu [Ür-Sanabi, dem 

Schiffer]: 

134 „Nun, Ur-8anabi, welches [ist der Weg zu Ut-napistim]? 

135 „Was ist sein Zeichen, gib es mir! 
„Gib [mir sein Zeichen, mir]! 

136 „Wenn es möglich ist, will ich das Meer überschreiten, 
„wenn es nicht möglich [ist, will ich über das Feld dahin- 
eilen]!" 

137 Ur-Sanabi sagt zu ihm, zu [Gilgames]: 

138 „Deine Hände, Gilgames, haben verhindert [. . .]: 

139 „du zerbrachst die Stein-. ., du [. . . . . .]. 

140 „Die Stein-, . sind zerbrochen, deshalb [. .] nicht [. .]. 

141 „Erhebe, Gilgames, die Axt an (deine Seite], 

142 „steig hinab zum Walde, und Stangen (?) zu je 5 Gar [. . .], 

143 „verpiche (?) (sie) und setze einen Napf (?) hin, 
„bringe | ]." 

144 Als Gilgames dieses [hörte], 

127. Von hior ab v^d. zu den Ergänzungen auch Z. 58 ff. — 
139. V^'l Z. 7f>. 141. V^ri. Z. 145. -_ 142 1 (Jar in der Regel 

-= 12 Ellen. 



Übersetzung X 124—168 40 

145 erhob er die Axt an seine Seite, 

zo[g heraus das Schwert seines Gürtels], 
14G stieg hinab zum Walde und Stangen (?) zu je 5 Gar [. . .|, 

147 verpichte (?) (sie) und setzte einen Napf (?) hin, 
brachte [ J. 

Y 

148 Gilgames und Ur-8anabi bestiegen [das Schiff], 

149 das Schiff warfen sie auf die wogende Flut und sie 

[fuhren dahin], 

150 einen Weg von einem Monat und fünfzehn Tagen; als 

er am dritten Tage hin[blickte] (?), 

151 da hatte Ur-Sanabi erreicht die Wasser des [Todes]. 

152 Ur-Sanabi sagt zu ihm, [zu Gilgames]: 

153 „Sofort (?), Gilgames, ni[mm eine Stange (?)], 

154 „die Wasser des Todes möge deine Hand nicht be- 

rühren [. .]! 

155 „eine zweite, eine dritte und vierte Stange (?) nimm, Gil- 

games! 

156 „eine fünfte, eine sechste und siebente Stange (?) nimm, 

Gilgames! 

157 „eine achte, eine neunte und zehnte Stange (?) nimm, Gil- 

games! 

158 „eine elfte, eine zwölfte Stange (?) nimm, Gilgames!" 

159 Bei zwei Schock hatte Gilgames die Stangen (?) verbraucht, 

160 und er selbst löste seinen Gurt [. . .]; 

161 Gilgames zog aus (?) [seine] Klei[dung], 

162 mit seinen Händen machte er den Mastbaum hoch. 

163 Ut-napistim — nach der Ferne hin schaut [sein Antlitz], 

164 er redet zu sich und [sagt] das Wort, 

165 mit sich selbst geht er [zu Rate]: 

166 „Warum sind zerbrochen des Schiffes [Stein-. .] 

167 „und fährt einer [im Schiffe], der nicht zu mir gehört (?)? 

168 „Der da kommt, ist doch gar kein Mensch, 

„die Rechte eines Ma[nnes (?) hat er doch nicht]! 

145. Vgl. IX15f. — 148f. Vgl. XI272f. — 150. Oder etwa: einen 
Weg von einem Monat und fünfzehn Tagen zo[gen sie] in drei Tagen? 
Der Rhythmus spricht jedenfalls dafür. — 160. Gurt, wörtlich „Taille". 
Es folgt noch das Namendetermiuativ; ergänze also [Gilgames] oder [ür- 
Öanabi]. — 166. Vgl. Z. 139. — 168. Eechte = rechte Seite. 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 4 



50 Das Gilgames-Epos. 

169 „Ich blicke hin, aber nicht [ ], 

170 „ich blicke hin, aber nicht [ ], 

171 „ich blicke hin, [ ]: 

172 „[wie] ich selbst (?) [ ]. 

Es folgt eine Lücke, die man nach etwa 20 Zeilen auf Grund der 
Paralleltexte (bes. Z. 101 fif.) zunächst ergänzen kann: 

192 [Ut-napistim sagt zu ihm, zu Gilgames: 

193 „Warum sind abgezehrt deine Wangen, gebeugt dein 

Antlitz, 

194 betrübt dein Herz, aufgerieben deine Gestalt? 

195 (Warum) ist Wehklagen in deinem Herzen, 

196 bist einem Wandrer ferner AVege du gleich an Aussehen, 

197 ist von . ., Schauer und . . verbrannt dein Antlitz, 
198 eilst du übers Feld dahin?" 

199 Gilgames sagt zu ihm, zu Ut-napistim: 

200 „AVie sollten nicht abgezehrt sein meine Wangen, nicht 

gebeugt mein Antlitz,] 

201 „[nicht betrübt mein Herz, nicht aufgerieben] meine Gestalt! 

202 „[Wie sollte nicht Wehklagen sein in] meinem Herzen, 

203 „[ich einem Wandrer ferner Wege ] nicht gleichen [an 

Aussehen], 

204 „[sollte von . ., Schauer und . . nicht verbrannt] sein 

mein Antlitz, 

205 „[ ich nicht] übers Feld dahin eilen! 

206 „[Mein junger Freund,] der Panter des Feldes, 

207 „[Engidu, mein junger Freund,] der Panter des Feldes, 

208 „[der alles . . ., sodaß wir] den Berg bestiegen, 

209 „[den Himmels]stier [packten und dann] erschlugen, 

210 „[Humbaba niederwarfen, der im] Zedern walde wohnte, 

211 „[in den Schluchten (?) des Gebirges] Löwen töteten, 

212 „[mein Freund, der mit mir durchwanderte] alle Schwie- 

rigkeiten, 

213 „[Engidu, mein Freund, der mit mir Löwen] tötete, 
„(der mit mir durchwanderte alle Schwierigkeiten), 



207. „Panter des Feldes" nur durch das Wiederholungszeichen an- 
{^edeutet. — 213. Die zweite Hälfte dieser Zeile ist nur durch das 
Wiederholungszeichen ausgedrückt. 



Übersetzung X 1G9— 235. 51 

214 „|es erreichte ihn das Schicksal der Meu8chheit|! 
„1 Sechs Tage und Nächte] habe ich über ihn geweint, 

L'lf) ,,|bis ließ ich ihn nicht] begrabeu. 

21 G „|Ich fürchtete mich | ihn, 

217 „|. .] fürchtete ich den Tod, [so eile ich über das] Feld [dahin], 

218 ,;[das Schicksal meines Freundes lastetj schwer auf mir, 
„einen fernen Weg jeile ich deshalb übers Fe]ld [dahin], 

219 „[das Schicksal Engidu's,] meines Freundes, (lastet schwer 

auf mir), 
„[eine ferne] Bahn [eile ich deshalb übers Feld dahin]. 

220 „[Wie] kann ich (es) verschweigen, wie kann ich (es) her- 

ausschreien!? 

221 „[Mein Freund], den ich liebe, ist zu Erde geworden, 
„Engidu, mein Freu[nd, (den ich liebe, ist zu Erde ge- 
worden)] ! 

222 „Werde nicht auch [ich] wie er mich niederlegen müssen, 
„ohne w^ieder aufzustehen in [alle] Ewigkeit!" 

223 Gilgames sagt (weiterhin) zu ihm, zu Ut-napistim: 

224 „[Ich dachte (?)], ich will gehen, um Ut-napistim, von dem 

man redet, zu sehen; 

225 „[deshalb (?)] zog ich hin und her durch alle Lande, 

226 „[deshalb (?)] zog ich .hinüber über schwer zugängliche Gebirge, 

227 „[deshalb (?)] überschritt ich alle Meere. 

228 „An gutem [. . .] sättigte sich nicht mein Antlitz: 

229 „[. . .] mich selbst in Trübsal, 
„meinen Leib füllte ich mit Wehklagen. 

230 „[Zum Ha]use (?) der Sabitu war ich (noch) nicht gelangt, 

da war meine Kleidung schon dahin, 

231 „[. . .], . .-Vogel, Eule (?), Löwe, Panter, Schakal (?), 

Hirsch, Steinbock, Vieh [ ], 

232 „ihr [Fleisch] esse ich, ihre Felle . . [. . .]. 

233 „[. . .] mögen sie ihr Tor verriegeln, mit Erdpech und 

As[phalt ], 

234 „[ ] . . Jubel nicht [ ], 

^35 „[ ] [. . .y 



219. Auch hier ist wie Z. 213 das Wiederholungszeichen verwendet. 
— 221. Das Wiederholungszeichen war verwendet. — 233. „Ihr" 

= fem. sg. 

4* 



52 Das Gilgames-Epos. 

236 [Ut-napistim] sagt zu ihm, zu [Gilgames] : 

Vom Folgenden ist nur noch wenig verständlich: (237) Gilgames, 
Wehklagen (?); (238) Götter und Menschen; (239) dein [Vater] und deine 
Mutter machten (?) ; (240) Gilgames ... — Nach einer größeren Lücke 
heißt es Aveiter: 

y274 „Nicht [ ], 

275 „wütend ist der To[d ]. 

276 „Macheo wir ewig ein Haus, siegeln wir ewig, 

277 „teilen Brüder ewig, 

278 „findet ewig Zeugung statt auf [Erden], 

279 „hob der Fluß ewig die Hochflut empor und fü[hrt sie 

dahin]? 

280 „Der Kulilu- Vogel den Kirippä- Vogel [ ], 

281 „schaut sein Antlitz das Antlitz der Sonne? 

282 ,.Seit jeher gibt es keine [Dauer (?)]: 

283 „der Neugeborene (?) und der Tote wie sie einander [. . .], 

284 „zeichnen nicht des Todes Bi[ld] (?)! 

285 „Nachdem der Aufpasser (?) und der Zuriegler (?) [. . .] 

begrüßt, 

286 „versam[meln sich] die Anunuaki, die großen Götter, 

287 „Mammetum, die Schicksalsschaffende, be[stimmt] mit 

ihnen die Geschicke, 

288 „sie legen hin Tod und (?) Leben, 

289 „ohne zu bestimmen des Todes Tage." 



Tafel XI. 



A, C, ü 1 Gilgames sagt zu ihm, zu Ut-napistim, dem Fernen : 

2 „Ich schau dich an, Ut-napistim, 

3 „deine Maße sind nicht anders, gerade wie ich bist auch du, 

4 „ja, du bist nicht anders, gerade wie ich bist auch du; 
E5 „gänz|lich] (?) ist mein Wesen dazu geschaffen (?), Kampf 

zu führen, 

239. In diese Lücke gehört auch ein Stüclc von y, das vielleicht 
Anfan^^Bzeichen von Z. 242—250 enthält. — 288. Statt „und" wäre auch 
„oder" möglich. 

XI 5. Der Text ißt nicht sicher: man könnte auch denken: voll- 
endet (= dazu berufen) ißt dir das Herz (= Wesen), Kaiupf zu führen. 



Übersetzung X 236 -XI 36. 53 

6 „[du jiber(?)| bist inüssig (?), auf deinem Rücken (liegend). 

7 „Wie tratst [du Jiur] hin in der Götterversammlung und 

erschautest Leben?" 

8 Ut-uapi§tim sagt zu ihm, zu Gilgame§: 

[) „Ich will dir eröffnen, Gilgames, eine verwahrte Kunde, 

10 „und ein Geheimnis (?) der Götter will ich dir sagen. 

11 „burippak ist eine Stadt, die du selbst kennst, 

12 „a[m Ufer] des Euphrat gelegen, — 

13 „selbige Stadt war alt und die Götter standen ihr nahe (?). 

14 „Da trieb die großen Götter ihr Sinn, einen Zyklon [zu] 

machen, 
cl 15 „[Es . .] ihr Vater Anu, 

16 „ihr Berater, der Held Enlil, 

17 „ihr Herold Ninib, 

18 „ihr Fürst Ennugi. 

0)^19 „Nin-igi-azag, Ea, hatte mit ihnen (zu Rat) gesessen; 

20 „ihre Rede teilte er einer Rohrhütte mit: 

21 „„Rohrhütte, Rohrhütte, Wand, Wand! 
d 22 „ ,,Rohrhütte höre, Wand vernimm! 

23 „ „Mann aus burippak, Sohn des Ubara-Tutu, 

24 „ „zimmere (?) ein Haus, bau ein Schiff, 

25 „ „laß fahren Reichtum, suche Leben, 

26 „ „Hab' und Gut verachte; das Leben rette, 

27 „„führ allerlei Lebenssamen in das Schiff hinein! 

28 „ „Das Schiff, das du bauen sollst, — 

6 29 „ „seine Maße seien (genau) abgemessen (?), 

F 30 „ „es sollen sich entsprechen (?) seine Breite und Länge, 

31 „ „[. . .] Süßwassermeer versieh es mit Dach!" 

32 „Ich begriff und sage zu Ea, meinem Herrn: 

33 „[Einverstanden bin ich] (?), mein Herr, mit dem, was du 

da sagst, 

34 „[ich halte] (es) hoch und werde (es) ausführen. 

35 „[Was aber] sollte ich wohl sagen der Stadt, dem Volk 

und den Ältesten? 

36 „Ea tat seinen Mund (auf) und spricht, 

15. Ergänze etwa ,,68 treten zusammen" o. ä. — 19. Nin-igi-azag 
„Herr des hellen Auges" = Beiname Ea's. — 24. Oder: reiß nieder das 
Haus. 



54 Das Gilgames-Epos. 

37 „sagt zu seinem Knechte, (zu) mir: 

^38 ,,[Men]sch (?), also sollst du zu ihnen sagen: 

39 «[Fürwa]hr (?), gegen mich hat Enlil Widerwillen gefaßt, 

40 «deshalb werde ich nicht wohnen bleiben in eurer [Stadt], 
c 41 «[auf] Enlil's Erdboden werde ich mein Antlitz nicht mehr 

richten. 

42 «Hinab zum Süßwasserozean [werde ich] steigen, um bei 

[Ea], meinem Herrn, zu wohnen. 

43 «[Über] euch aber wird er regnen lassen Reichtum: 

44 «[(reichen) Fang an] Vögeln, (reichen) Fang an Fischen, 
f45 «[ eine gro]ße (?) Ernte, 

46 «[wenn eines Abends (?) die Regenten (?)] der Finsternis (?) 

47 «[über euch niedergehen lassen] einen furchtbaren (?) Regen.» 

48 „[Sobald ein Schimmer vom Morgen] erglänzte, 
g Z. 49 — 58 sind zerstört. 

A,H54 ,,es (?) [ ] die geöffnete (?) [Tür (?)], 

55 „der Schwache (?) [. . .] trug (?) Asphalt (?), 
B, E 56 „der Starke [. . .] brachte das Notwendige. 

C57 „Am fünften Tage entwarf ich seinen Bau: 

58 „nach dem Entwurf (?) waren je 10 Gar hoch (?) seine 

Wände, 

59 „je 10 Gar war dementsprechend (?) der Rand (?) seines 

Daches ; 

60 „ich entwarf den Vorderbau (?) und zeichnete es. 

61 „Ich deckte (?) es sechsfach, 

62 „teilte es [außen (?)] siebenfach, 
a 63 „innen (?) teilte ich es neunfach. 

h 64 „Wasserpflöcke schlug ich ihm in seine Mitte. 

65 „Ich ersah (mir) eine Stange (?) und legte das Not- 

wendige hin. 

66 „Sechs Sar Asphalt schüttete ich an die Innenwand (?), 

67 „drei Sar Erdpech [schüttete ich] hinein, 



46, Zur Ergänzun^^ vpfl. Z. 88. 91. — Statt „die Keprenten" auch 
,,der Eegent" möf^lich. — 47. Kaum „einen Weizen re^en", da dies Z. 88. 
91 nicht paßt. Vielleicht war das Wort zweideutig. — 57. Seinen = 
des Schiffes. - 58. Gar meist = 12 Ellen. — 66. Var.: 3 Sar. Das 
Maß ist nicht genau zu hostimmen. Statt ,,an die Innenwand" wäre 
auch „in den Schmelzofen" möglich. 



Übersetzung XI 37—90. 55 

G8 ,,drei Sar schleppen nn ()1 (herbei) die Leute, die seinen . . 

tragen, 
69 ,,abgesehen von einem Sar Ol, das das Opfer (?) verzehrte, 
A 70 „(und) zwei Sar Ol, die der Schiffer barg. 

c 71 „Den | Leuten) schlachtete ich Rinder, 

72 „tötete ich [Schafe] täglich, 
.1 73 „mit Most, Sesamwein, Ol und Traubensaft 

74 „[tränkte ich] das Volk wie mit Flußwasser, 
C 75 „ein Fest [veranstaltete ich] wie am Neujahrstage, 

e 76 .jöffnete [(iie Salbbüchse (?)], legte in Salbe meine Hände. 

77 „Vor Sonnenuntergang war das Schiff fertig. 

78 „[Da ] schwierig war, 

79 „lassen oben und unten die Bauleute Schiffs- . . bringen, 

80 „[ ...].. zwei Drittel von ihm. 

81 „[Alles, was ich hatte,] lud ich darauf, 

A 82 „alles, was ich hatte^ lud ich darauf an Silber, 

83 „alles, was ich [hatte], lud ich darauf an Gold, 

84 „alles, was ich hatte, [lud ich] darauf an allerlei Lebens- 

samen. 
'^ 85 „Ich ließ aufs Schiff gehen meine ganze Familie und Sippe, 

86 „Vieh des Feldes, Getier des Feldes, alle Handwerker ließ 

ich hinaufgehen. 

87 „Einen Zeitpunkt hatte mir Samas angesetzt : 

88 ,, „Die Regenten (?) der Finsternis (?) werden eines Abends (?) 

niedergehen lassen einen furchtbaren (?) Regen ; 

89 „ „dann tritt in das Schiff und verschließ deine Tür". 

90 „Selbiger Zeitpunkt kam herbei: 

91 „die Regenten (?) der Finsternis (?) regnen eines Abends (?) 

einen furchtbaren (?) Regen. 
A 92 „Des Wetters Aussehen betrachtete ich, 
^^ 93 „das Wetter anzuschauen hatte ich Angst. 

94 „Ich ging hinein in das Schiff und verschloß mein Tor, 

95 „dem Lenker des Schiffes, dem Schiffer Puzur-Amurri (?), 

96 „übergab ich den (Schiffs-)Palast nebst seiner Habe. 



68. Seinen (des Schiffes) sussulu. Was das bedeutet, ist unklar; 
schwerlich „Korb". — 88. Vgl. Z. 46. 91. — 91. Vgl. 46. 88. Var. auch 
hier „lassen niedergehen-'. 



56 Das Gilgames-Epos. 

97 „Sobald ein Schimmer vom Morgen erglänzte, 

98 „stieg auf vom Fundamente des Himmels schwarzes Gewölk, 

99 „Rammän donnerte darin, 

100 „die Götter Müjati und Lugal gehen voran, 

c, glOl „gehen als Herolde über Berg und Land. 

102 „Den Schiffspfahl reißt Irragal heraus, 

103 „es geht Ninib, läßt den Widerstand (?) einherziehn, 

104 „die Anunnaki erhoben (ihre) Fackeln, 

105 „mit ihrem Schreckensglanze das Land erleuchtend. 

106 „Rammän's Wüten dringt bis zum Himmel, 

107 „alle Helligkeit in Finsternis verwandelnd. 

H, al08 „[. . .] das Land wie [. . .] zerbrachen [sie] (?). 

109 „Einen Tag lang [. . .] der Sü[dsturm . . .] ; 

110 „eilends brauste er dahin [und ließ die Wasser] (?) das 

Gebirge [erreichen]: 

111 „es fallen (?) [die Wasser] her über die Leute (?) wie 

eine Schlacht. 

112 „Nicht sieht einer den andern, 

A113 „nicht sind kenntlich die Leute im Himmel. 

114 „Die Götter fürchteten sich vor dem Zyklon, 

115 „flüchteten und stiegen hinauf zum Himmel Anu's; 

116 „die Götter kauerten sich nieder wie Hunde, an der 

Mauer (?) gelagert. 

117 „Es schreit Istar wie eine Gebärende, 

118 „es brüllt die Götterherrin, die schönstimmige: 

119 „„Die einstige Zeit ist fürwahr zu Lehmerde geworden, 

120 „ „weil ich in der Versammlung der Götter Böses befahl. 

121 „„Wie konnte ich nur befehlen in der Versammlung der 

Götter Böses, 

122 „„zur Vernichtung meiner Leute den Kampf befehlen! 
h 123 ,5 ,,Ich allein gebäre meine Leute! 

1124 „„Wie Fischbrut erfüllen sie (nun) das Meer!" 

125 „Die Götter unter den Anunnaki weinen mit ihr, 

126 „die Götter sind gebeugt, sitzen weinend da, 
„in der Qual (?) des Wehs [ J. 

118. Im Hiramel können die Götter nichts von der Welt erblicken. 
— 117. Var. : wie eine volle = schwangere (?). — 126 b. Nur auf einem 
Exemplar. 



Übersetzung XI 97—150. 57 

a 127 „Verschlossen sind ihre Lippen, |. . .| . . . . 

128 „Sechs Tage und Nächte 
A 129 „goht der Sturm, (der Zyklon,) wirft der Südsturni das 

Land nieder. 

130 „Als der siebente Tag herbeikam, ließ ab der Südsturm 

(der Zyklon) im Kampfe, 

131 „den er gekämpft gleich einem Heere; 

132 „es beruhigte sich das Meer, zog sich zusammen, der 

Orkan (der Zyklon) hörte auf. 

133 „Ich blickte nach dem Wetter, da war Stille eingetreten (?), 

134 „und alle Menschheit war zu Lehmerde geworden: 

135 .,Wie ein Söller, war ebenmäßig das Gefilde (?). 

136 „Da öffnete ich eine Luke und das Licht fiel auf mein 

Antlitz. 

137 „Ich kniete nieder und setzte mich weinend hin, 

138 „über mein Antlitz gehen nieder meine Tränen. 

139 „Ich blickte hin nach den Richtungen . . . des Meeres; 

140 „nach der zwölften zu (?) stieg auf eine Insel. 

141 „Nach dem Berge Nisir trieb (?) das Schiff. 

C 142 „Der Berg Nisir hielt das Schiff und ließ (es) nicht 

wanken; 
i 143 „einen Tag, einen zweiten Tag, hielt der Berg Nisir (?) 

das Schiff und ließ (es) nicht wanken; 

144 „einen dritten, einen vierten Tag, hielt der Berg Nisir das 

Schiff und ließ (es) nicht wanken ; 

145 „einen fünften, einen sechsten hielt der Berg Nisir (?) das 

Schiff und ließ (es) nicht wanken. 

146 „Als der siebente Tag herbeikam, 

147 „ließ ich eine Taube hinaus, ließ (sie) los: 

148 „die Taube zog fort und kam zurück; 

X 149 „da sie keine Ruhestätte hatte, kehrte sie um. 

150 „Ich ließ eine Schwalbe hinaus, ließ (sie) los: 

127. Var. „verbrannt" (?). — 129 ff. Die eingeklammerten Worte 
sind wohl Glossen, bezw. alte Textvarianten. Z. 129 bietet eine Yar. 
„[geht] der Sturm, der Wolkenbruch, der Südsturm, der [Zyklon . . . .]". 
133. Var. „nach dem Meere". — 141. Oder Nimus. — 143. Die Worte 
„hielt das Schiff und ließ (es) nicht wanken" sind in Z. 143—145 nur 
durch das AViederholungszeichen angedeutet. — 149. Euhestätte, wört- 
lich „Standort", dsgl. 152. 



58 Das Gilgames-Epos. 

c 151 „die Schwalbe zog fort und kam zurück; 
152 „da sie keine Ruhestätte hatte, kehrte sie um. 

kl53 „Ich ließ einen Raben hinaus, ließ (ihn) los: 

154 „der Rabe zog fort, sah das Versiegen (?) des Wassers, 

155 „frißt, wühlt (?), krächzt (?), kehrte nicht um! 

156 „Da ließ ich (alle) hinaus nach den vier Winden und brachte 

ein Opfer dar, 

157 „verrichtete ein Streuopfer auf dem Gipfel des Berges. 

158 „Sieben und (abermals) sieben . . .-Gefäße stellte ich hin, 
L 159 „unter ihnen schüttete ich (auf) Rohr, Zedernholz und 

Myrthe. 

1 160 „Die Götter rochen den Duft, 

161 „die Götter rochen den an[genehmen] Duft, 

162 „die Götter — wie Fliegen sammelten sie sich über (?) 

dem Opfernden. 

163 „Sobald die Götterherrin herbeikam, 

164 „hob sie die großen Edelsteine (?) empor, die Anu nach 

seinem Wunsche gemacht: 

165 „„Ihr Götter hier, sowahr ich den Lapislazuli an meinem 

Halse nicht vergessen will, 

166 „„will ich dieser Tage gedenken und sie ewiglich nicht 

vergessen ! 

167 „ „Die Götter mögen kommen zum Streuopfer, 

168 „ „Enlil soll nicht kommen zum Streuopfer, 

169 „„weil er unüberlegt den Zyklon machte 

170 „„und meine Leute dem Verderben bestimmte." 

171 „Sobald Enlil herbeikam, 

172 „sah er das Schiff, da ergrimmte Enlil, 

173 „voll Zorn ward er über die Götter, die Igege: 

174 „„Was für ein Lebewesen ist da entkommen? 

175 „„Es soll nicht leben bleiben ein Mensch im Verderben!" 

176 „Ninib tat seinen Mund (auf) und spricht, 

177 „sagt zum Helden Enlil: 

178 „„Wer kann wohl außer Ea etwas planen; 

179 „ „Ea versteht ja doch jedwede Sache!" 



162. „Über" oder „zu". 164. Statt ,, seinem" w<äro allonfallf? 

auch ,, ihrem" möglieh. — 178. Wörtlich „eine Sache schaffen, bauen". 



Übersetzung XI 151—204. 59 

180 „Ea tnt seinen Mund (auf) und ppriclit, 

181 „sagt zum Helden Enlil: 

182 „„Du Weiser (?) unter den Göttern, Held, 

183 „„wie konntest du nur unüberlegt einen Zyklon machen! 

184 „„Dem, der Sünde hat, leg auf seine Sünde, 

185 „„dem, der Frevel hat, leg auf seinen Frevel, 

18G „„doch sei gnädig (?), daß nicht vernichtet, sei lang- 

mütig (?), daß nicht [vertilgt werde die Menschheit (?)]! 

187 „ „Statt daß du einen Zyklon machtest, 

188 „„hätte ein Löwe sich erheben und die Leute vermindern 

können. 

189 „„Statt daß du einen Zyklon machtest, 

190 „„hätte ein Wolf (?) sich erheben und die Leute ver- 

mindern können. 

191 „„Statt daß du einen Zyklon machtest, 

192 „„hätte eine Hungersnot entstehen und das Land [nieder- 

schlagen (?)] können. 

193 „„Statt daß du einen Zyklon machtest, 

194 „„hätte Irra sich erheben und das Land niederschlagen (?) 

können. 

195 „„Ich selbst eröffnete nicht das Geheimnis (?) der großen 

Götter; 

196 „„den Hochgescheiten ließ ich Träume schauen, so er- 

fuhr er das Geheimnis (?) der Götter. 

197 „„Jetzt nun schafft für ihn Rat!" 

198 „Da stieg Ea in das Schiff hinein, 

199 „faßte mich bei den Händen und führte mich ans Land, 

200 „führte ans Land und ließ niederknien mein Weib an 

meiner Seite, 

201 „berührte unsere Stirn, und in unsere Mitte tretend, segnet 

er uns: 

202 „ „In früherer (Zeit) war Ut-napistim nur ein Mensch, 

203 „ „jetzt sollen Ut-napistim und sein Weib uns Göttern 

gleich sein! 

204 „„Wohnen soll Ut-napistim in der Ferne an der Mündung 

der Ströme!" 



186. Sehr unsicher. — 194: Var. „die Leute". — 196. Atra-hasis 
„Hochgescheiter" = Xisuthros, d. i. hsis-atru. — 198. Kaum Enlil. 



60 Das Gilgames-Epos. 

205 „Sie nahmen mich, in der Ferne an der Mündung der 

Ströme gaben sie mir Wohnung. 
20G „Jetzt aber, was dich betrifft, wer von den Göttern wird 

dich (zu sich) versammeln, 

207 „daß du das Leben, daß du suchst, ebenfalls findest? 

208 „Wohlan, lege dich nicht nieder sechs Tage und sieben 

Nächte!^' 

209 Wie er nun dasaß auf seinem Hintern, 

210 bläst gegen ihn an der Schlaf wie ein Orkan. 

211 Ut-napistim sagt zu ihr, zu seinem Weibe: 

212 „Sieh den Starken an, der Leben verlangte, 

213 „der Schlaf wie ein Orkan bläst gegen ihn an." 

214 Sein Weib sagt zu ihm, zu Ut-napistim, dem Fernen: 

215 „Berühre ihn, damit aufwache der Mensch! 

216 „Den Weg, den er kam, möge er wohlbehalten zurücTi- 

kehren, 

217 „in das Tor, aus dem er herausging, möge er zu seinem 

Lande zurückkehren!" 

a218 Ut-napistim sagt zu ihr, zu seinem Weibe: 
219 „Das Elend (?) der Menschheit macht dich elend (?). 
A, F 220 „Wohlan, backe Brote für ihn, lege (sie) hin zu seinem 

Haupte!" 

221 Und als er sich niederlegte an der Wand seines Schiffes, 

222 buk sie Brote für ihn, legte (sie) hin zu seinem Haupte. 

223 Und als er sich niederlegte an der Wand, tat er ihm 

kund (?): 
M 224 eins ist geknetet (?) als Brot für ihn, 

225 ein zweites ist ausgezogen (?), ein drittes angefeuchtet, 

226 ein viertes ist weiß (?) geworden als Röstbrot für ihn, 

227 ein fünftes ist alt (?) geworden, 

228 ein sechstes ist gekocht, 

f229 ein siebentes — plötzlich rührte er ihn an, und es er- 

wachte der Mensch. 



219. Oder: elend (= böse) ist die Menschheit; sie wird dir Böses 
tun. — 221. Oder: die Tage über, da er lag? — 223. Statt „er" ist in 
der zweiten lUUta des Verses auch „sie" möglich. Die erste Hälfte ist 
mit der ersten Hälfte von Z. 221 identisch. — 227. Wörtlich „warf 
graues Haar"? Ebenso 239. 262. 



Übersetzung XI 205-257. Gl 

230 Gilgames sagt zu iliin, zu Ut-napiStim, dein Fernen: 

231 „Ich ward betäubt (?) vom Schlaf, der sich über mich er- 

gossen (?), 

232 „eilends rührtest du mich an und scheuchtest mich auf!" 

233 Ut-uapistim [sagt zu ihm], zu Gilgames: 

a 234 „[Wohlan, Gilga|mes, gezählt sind (?) deine Brote, 

235 „[ J sei dir bekannt (?): 

236 „[eins war geknetet (?)| als Brot für dich, 

I 237 „[ein zweites war ausgejzogen (?), ein drittes angefeuchtet,. 

238 „ein viertes ward weiß (?) als Röstbrot für dich, 

239 „[ein fünftes ward] alt (?), 

240 „ein sechstes war gekocht, 

241 „[ein siebentes] — plötzlich (rührte ich dich an, 
A242 „(und)) du wachtest auf". 

243 Gilgames sagt zu ihm, zu Ut-napistim, dem Fernen: 

244 „[Wie] (?) soll ich handeln, Ut-uapistim, wohin soll ich 

gehen, 

245 „[ich, dessen . . .] gepackt hat ein Räuber (?)! 
i 24G „[In] meinem Schlafgemach wohnt der Tod, 

H, m247 „und wo [ich auch w^eile] (?), ist er, der Tod!" 

248 Ut-napistim [sagt] zu [ihm], zu Ur-Sanabi, dem Schiflfer: 

249 „Ur-Sanabi, dich soll die Ufer[mauer (?) . . .], die Über- 

fahrtsstelle soll dich nicht (mehr) mögen, 

250 „wer an ihrem Ufer einhergeht (?), den beraube ihres 

Ufers! 
Ii251 „Der Mensch, vor dem du einhergingst, 

252 „(dessen) Leib ein schmutziges Gewand (?) bedeckt, 

253 „(dem) Felle genommen haben die Schönheit seines Leibes, 
N254 „nimm ihn (mit), und dann, Ur-Sanabi, bringe ihn zur 

Waschstelle, 
255 „daß er seine schmutzigen Gewänder (?) in Wasser rein 

wasche! 
C256 „Er werfe (ab) seine Felle, daß das Meer (sie) forttrage! 

257 „Schön möge erscheinen (?) sein Körper! 



234. Oder „zähle". — 241 f. Die in eckigen Klammern stehenden 
Worte fehlen auf einem Exemplar (1), auf einem andern (B) die darauf 
folgenden. -- 245. „Räuber (?)" ist unklar; sicher nicht „Totengeist". 
— 247. Erste Hälfte' sehr unsicher. — 253 ff. Vgl. III B 41 f. C. 41 f. 



62 Das Gilgames-Epos. 

258 „Erneuert werde das Kopftuch auf seinem Haupte, 

259 „mit einem . .-Gewand sei er bekleidet als einem Hemde 

für seine Scham! 

260 „Bis er kommt nach seiner Stadt, 

261 „bis er gelangt auf seinen Weg, 

262 „soll das . .-Gewand nicht alt werden (?), sondern sich 

(stets) erneuern!" 

263 Da nahm ihn Ur-banabi (mit) und brachte ihn zur 

Waschstelle; 

264 seine schmutzigen Gewänder (?) wusch er im Wasser rein, 

265 er warf (ab) [seine] Felle, daß das Meer (sie) forttrug; 

266 schön erschien (?) sein Körper. 

267 Erneuert ward [das Kopftuch auf] seinem Haupte, 

268 mit einem . .-Gewand ward er bekleidet als einem Hemde 

für seine Scham. 

269 Bis er k[äme nach seiner Stadt], 

n 270 bis er gelange auf seinen Weg, 

271 [sollte das Gewand nicht alt werden, sondern] sich er- 

neuern! 

272 Gilgames und Ür-Sanabi bestiegen das Schiff, 

273 das Schiff warfen sie [auf die wogende Flut], und sie 

fuhren dahin. 

274 Sein Weib sagt zu ihm, zu Ut-napistim, dem Fernen: 

275 „Gilgames ist gegangen, hat sich abgemüht (und) ge- 

quält (?), 

276 „was willst du geben, daß er in sein Land zurückkehre?" 

277 Und er erhob die Stange (?) Gilgames, 

278 (und) näherte das Schiff dem Ufer. 

c 279 Ut-napistim [sagt] zu ihm, [zu] Gilgames: 

280 „Gilgames, du bist gegangen. hast dich abgemüht (und) 

gequält (?), 

281 „was soll ich dir geben, daß du in dein Land zurück- 

kehrst? 

282 „Ich will eröffnen, Gilgames, eine verwahrte Kunde, 

283 „un[d ein Kraut (?) will ich] dir sagen. 

b 284 „Selbiges Kraut wie ein Stechdorn | ] . . ., 

262. Vgl. Z. 227. — 273. Vgl. X 149. — 282 f. Vgl. Z. 91'. 



Übersetzung XI 258—314. G3 

285 „seiu Dorn wie „Stiichelwein" | ]. 

286 „Wenn jenes Kraut deine Hände erreichen, | J." 

287 Als Gilgames dieses vernahm, 

288 öffnete er die R|inne (?) ], 

289 band schwere Steine | |, 

E 290 sie zogen ihn nach dem Süßwasserozean [ ]. 

291 Er selbst nahm das Kraut, und | |, 

292 er schnitt ab die schweren Steine [ ], 

293 dann (?) legte er es an seine Seite (?). 

294 Gilgames sagt zu ihm, zu Ur-Sanabi, dem Schiffer: 

295 „Ur-Sauabi, dieses Kraut ist ein Kraut der Verheißung (?), 

296 „wodurch ein Mensch seine Begierde (?) erreicht. 

H 297 „Ich will es bringen nach dem umfriedigten Uruk, will 

(es) essen lassen [. . .], will (?) es abschneiden, 
C 298 „sein Name ist: Als Greis wird (wieder) jung der Mensch. 

299 „Ich selbst will (es) essen, um zu meiner Jugend zurück- 

zukehren." 

300 Bei zwanzig Doppelstunden aßen (?) sie einen Bissen, 

301 bei dreißig Doppelstunden machten sie Rast. 

302 Da sah Gilgames eine Grube, deren Wasser kalt waren, 

303 er stieg in sie hinab und badet sich mit dem Wasser. 

304 Eine Schlange roch den Duft des Krautes, 

305 [. . .] stieg empor und nahm das Kraut. 

306 Als er zurückkehrte sprach er eine Verwünschung aus; 
h 307 sogleich setzte Gilgames sich nieder und weint, 

308 über sein Antlitz rinnen seine Tränen. 

309 [ ] des (?) Ur-Sanabi, des Schiffers: 

310 „[Für] wen, Ur-Sanabi, haben sich abgemüht meine Arme? 

311 „Für wen geht dahin das Blut meines Herzens? 

312 „Nicht wirkte ich Gutes für mich selbst, 

313 „[für] den Erdlöwen habe ich Gutes getan! 

314 „Jetzt nach zwanzig Doppelstunden erhebt sich (?) die Flut(?), 

285. Jensen ergänzt die zweite Hälfte: „[wird deine Hand] durch- 
[bohren]". Das ist indes sehr unsicher. — 288. Vgl. Z, 315. — 291. 
Jensen: „und es durch[bohrte seine Hände]". Vgl. Z. 285. Ebenfalls 
sehr unsicher. — 310 f. Wörtlich wohl ,,für wen von mir". — 313. Vgl. 
unser „das ist für die Katz". — 314. Die Übersetzung der zweiten 
Hälfte: „trägt ein Wissender (?) (oder: die Flut) das Kraut weg'' ist 
nicht einwandfrei. 



64: Das Gilgames-Epos. 

315 ,,als ich die Rinne (?) öffnete, [..]•• ^Je Geräte. 

31 G „Das Meer (?) möge nicht . . als mein Zeichen (?) [. . .], ich 

selbst will weichen (?), 
317 „und das Schiff werde (?) ich am Ufer lassen." 

e318 Bei zwanzig [Doppelstunden] aßen (?) sie einen Bissen, 

319 bei dreißig Doppelstunden machten sie Rast; 

320 (so) gelangten sie hinein nach dem umfriedigten Uruk. 

321 Gilgames sagt zu ihm, zu Ur-§anabi, dem Schiffer: 

322 „Steig hinauf, Ur-Sanabi, auf der Mauer des umfriedigten 

Uruk gehe einher, 

323 „die Grundlage betrachte, die Ziegel schau an, ob ihre 

Ziegel nicht gebrannte Ziegel (?) sind 

324 „und ihre Fundamente nicht gelegt haben die sieben Weisen. 

325 „Ein Sar Stadtgebiet, ein Sar Gärten, ein Sar . ., ... 

vom Tempel der Istar, 
a, c 326 „(im ganzen) drei Sar und . . . werde ich (?) Uruk [. . .]." 



Tafel XII. 



A, C 1 An einem Tage ließ er (?) fürwahr ein Netz (?) im Hause 

eines Zimmermanns. 
Lücke von etwa 9 Zeilen. 

a' 11 „Gilgames [ ], 

12 „wenn zu[r Unterwelt du willst hinabsteigen 

13 „zum Heiligtum [. . . ] 

14 „ein reines Hemd [sollst du nicht anziehen 
a', c'15 „als ob du ein Genosse wärst (?), [sollst du zu deinem] 

Vaterhause (?) [. . .]. 
16 „Mit gutem Öl aus dem Alabastron (?) darfst du dich nicht 
salben, 

316. Jensen: „ich sehe das Wahrzeichen, das zu meinem Zeichen 
^'efmacht] ward". Sehr unsicher. — 324. Weisen, eig. Ratgeber. — 
325. VAn Sar ist etwa = 35 qra. — 

XII 1. Oder: wurde fürwahr ein Netz (zuriick)gelassen". Mö^-lich 
wäre es auch, daß die Zolle noch zur Rodo G.'s gehört, mit der Tafel XI 
schließt. Dann könnte statt „er" auch „ich" übersetzt werden. — 
12. Er^'änzung unsicher. — 15. Genosse — gewöhnlicher Mann? 



Übersetzung XI 315— XII 56. 65 

a', b',c'17 „(sonst) werden sie bei seinem Gerüche sich zu dir scharen. 

18 „Den Bogen darfst du nicht auf die Erde setzen, 

19 „(sonst) werden die vom Bogen Erschhigenen dich umringen. 

20 „Das Szepter darfst du nicht in deine Hand nehmen, 

21 „(sonst) werden die Totengeister vor dir erzittern (?). 

22 „Schuhe darfst du nicht an deine Füße tun, 

23 „Lärm zur Erde hin darfst du nicht machen. 

24 „Dein Weib, das du liebst, darfst du nicht küssen, 

25 „dein Weib, das du nicht magst, darfst du nicht schlagen ; 
a', b'26 „dein Kind, das du liebst, darfst du nicht küssen, 

27 „dein Kind, das du nicht magst, darfst du nicht schlagen; 

28 ,,der Jammer der Erde wird dich (sonst) packen. 

29 „Die da ruht, die da ruht, die Mutter Nin-azu's, die da ruht, 

30 — „ihre reinen Seiten (?) sind mit einem Hemde nicht bedeckt, 
b' 31 „ihre Brust ist wie ein Alabastron (?) mit einer Tasche (?) 

[nicht . . .] — 

d' Von Z, 32 — 40 sind nur einige Endzeichen erhalten, die nichts er- 

geben. Dann darf man wohl nach Z. 14flf. ergänzen: 

41 [Ein reines Hemd zog er an], 

42 [mit gutem Öl aus dem Alabastron (?) salbte er sich], 

43 [den Bogen setzte er auf die Erde], 

44 [das Szepter nahm er in seine Hand], 

45 [Schuhe tat er an seine Füße], 
4G [Lärm zur Erde hin machte er]. 

47 [Sein Weib, das er liebte, küßte er], 

a' 48 [Sein Weib, das] er nicht mochte, [schlug er] ; 

49 [sein Kind,] das er liebte, [küßte er], 

50 [sein] Kind, das er nicht mochte, schlug [er]. 

51 Der Jammer der Erde packte ihn. 

52 Die da ruht, die da ruht, die Mutter Nin-azu's, die da ruht, 

53 — ihre reinen Seiten (?) sind mit einem Hemde nicht bedeckt, 

54 ihre Brust ist wie ein Alabastron (?) mit einer Tasche (?) 

nicht ... — 

55 . . [. .] Engidu, aus der Erde empor[zusteigen]. 

56 Namtar hat ihn nicht [gepackt], Krankheit hat ihn nicht 
I gepackt, die Erde [hat ihn gepackt]; 

, 17. Sie =- die Toten. — 28. Erde = Unterwelt, - 31. Vgl. Z. 54. 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 5 



66 Das Gilgames-Epos. 

57 der Aufseher [NergaFs], der schonungslose, hat ihn nicht ge- 

packt, die Erde [hat ihn gepackt]; 

58 am [Karapfjplatz der Männer ist er nicht gefallen, die 

Erde hat ihn [gepackt]. 

59 [. . .] Ninsun, über ihren Knecht Engidu weint sie. 

60 Nach [Ekur], dem Hause Enlil's, ging er allein hin : 

61 „Vater [Enlil], an einem Tage hat ein Netz (?) zur Erde 

mich geschlagen, 

62 „ein Fallstrick (?) hat zur Erde mich geschlagen, 
d' 63 „Engidu, den hinaufzuführen [ ] : 

64 „Namtar hat ihn nicht gepackt, Krankheit [hat ihn] nicht 

[gepackt, die Erde hat ihn gepackt]; 

65 „der Aufseher Nergal's, der schonungslose, hat ihn nicht ge- 

pa[ckt, die Erde hat ihn gepackt]; 

66 „am Kampfplatz der Männer ist er nicht [gefallen, die 

Erde hat ihn gepackt]." 

67 Vater Enlil erwiderte [ihm] kein Wort. 

68 „Vater Sin, an einem Tage hat ein Netz (?) [zur Erde 

mich geschlagen], 

69 „ein Fallstrick (?) hat [zur Erde mich geschlagen]. 

70 „Engidu, den hinaufzuführen [ ]: 

71 „Namtar hat ihn nicht gepackt, Krankheit [hat ihn nicht 

gepackt, die Erde hat ihn gepackt]; 

72 „der Aufseher Nergal's, der schonungslose, [hat ihn nicht 

gepackt, die Erde hat ihn gepackt]; 

73 „[am Kampfplatz der Männer ist er nicht gefallen, die 

Erde hat ihn gepackt]." 

74 [Vater Sin erwiderte ihm kein Wort]. 

75 „[Vater Ea, an einem Tage hat ein Netz (?) zur Erde 

mich geschlagen,] 

76 „[ein Fallstrick (?) hat zur Erde mich geschlagen]. 

77 „[Engidu, den hinaufzuführen :] 

a' 78 „Nam|tar hat ihn nicht gepackt, Krankheit hat ihn nicht 

gepackt, die Erde hat ihn gepackt]; 

79 „der Aufseher Nergal's, der schonungslose, [hat ihn nicht ge- 
packt, die Erde hat ihn gepackt;] 

68 ff. Vgl. oben Z. 61 ff. — 75 ff. Ergänzt nach 61 ff., 68 ff. 



Übersetzung XII 57—123. 67 

80 ,,nm Kiimpfplatz der Miiimer [ist er nicht gefallen, die 

Erde hat ihn gepackt.]" 

81 Der Vater Ea [hörte diese seine Rede (?)]; 

82 zu dem Helden, |dein mannhaften Nergal, sagt er das Wort]: 

83 .,Mannhafter Held, Ner|gal |, 

84 „sogleich [öfTueJ ein Loch (?) [in der Erde], 

85 „den Schattengeist [Engidu's führe aus der Erde herauf (?)], 

86 „damit er [seinem] Bruder [ ]!" 

87 Als der mannhafte Held Nergal dies[es hörte], 

88 öffnete er sogleich ein Loch in der Erde, 

8*9 den Schattengeist Engidu's führte er gleich einem Winde aus 

der Erde herauf. 

90 Sie . . . und [ ], 

91 sie berieten sich . . .: 

92 ..Sag an, mein Freund, sag an, mein Freund, 

93 „die Satzung der Erde, die du schautest, sag an!" 

94 «Ich will es dir nicht sagen, mein Freund, ich will es dir 

nicht sagen; 

95 «wenn ich die Satzung der Erde, die ich schaute, dir sagte, 

96 «würdest du dich den ganzen [Tag] (?) hinsetzen und 

weinen!» 

97 „[So] will ich mich [den ganzen Tag] (?) hinsetzen und 

weinen !" 

98 «[Siehe, der Freu]nd (?), den du anfaßtet, sodaß dein 

Herz sich freute, 

99 «den frißt das Gewürm wie ein altes [Kleid (?)]! 

100 «[Engidu (?), den du] anfaßtest, sodaß dein Herz sich freute, 

101 «[ist wie ] voll von Erdstaub! 

102 «[In Stau]b (?) ist er hingesunken, 

103 «[in Stau]b (?) ist er hingesunken! 

104 «[ ] sah ich, 

Lücke von etwa 17 Zeilen. 

122 wie ein schönes Panier [ ], 

123 wie [ ], 



82. Ergänzt nach Z. 83. — 84 f. Vgl. Z. 88 f. 



68 Das Gilgames-Epos. 

Lücke von etwa 25 Zeilen. 

b' 149 „Wer in [. . starb (?), sahst du (einen solchen)?"] — «Ich sah; 

150 «sogleich zu [. . .] » 

151 „Wer den Tod des Eisens (?) [starb, sahst du (einen 

solchen)?'* — «Ich] sah; 
a', b'152 «auf einem Ruhebett ruht er, reines Wasser trinkt er.» 

153 „Wer in der Schlacht getötet ist, sahst du (einen solchen)?" 

— «Ich sah; 

154 «sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt, und sein 

Weib ist über [ihn gebeugt (?)].» 

155 „Dessen Leichnam auf's Feld geworfen ist, sahst du (einen 

solchen)?'^ — «Ich sah; 

156 «sein Totengeist ruht nicht in der Erde.» 

157 „Dessen Totengeist einen Pfleger nicht hat, sahst du (einen 

solchen)?" — «Ich sah; 

158 «im Topf Zurückgebliebenes, Speisebissen, die auf die Straße 

geworfen sind, ißt er.» 

Ende. 



Anhang. 
1. Zwei unsichere Fragmente. 

Die folgenden Fragmente (/, \p) von denen eins (i//) neubabylonische 
Schrift zeif^t \ gehören vielleicht nicht zum Gilgames-Epos, sondern 
entstammen einer ßauinschrift: 

1/y 1 Auf das Wort des Samas [. .] den Mauerring (?) [ 

7, 1/^ 2 am Tore Marduk's [ 

3 an der Brust des Wassers [ 



150. Zweite Hälfte schwerlich „or reißt Pflöcke aus". — 158. Wört- 
lich „(bereits) zum Ksson GogGbencs(, diiK) im T()i)le (ist)". — Das Frag- 
ment b' hatte augenscheinlich nur ,,im To\A' Zuriickgobliobenes [ißt erj". 

1. Von Jenben in Tafel VII eingeordnet (S. 190 f.). 



Übersetzung XII 149—158. Anhang 1—3. 69 

4 meine (?) Seite . . [ 

5 am Zedern tore [ 

G Gilgames [. .] die Wafffe (?) 

7 und (?) Eugidu | 

Rest zerstört. 

2. Eine zweite ninivitische Rezension der Sintflutsagfe.^ 

Der Anfang der Tafel ist zerstört: man erkennt: (1) sei; (2) wie 
die Enden (?) [von Himmel und Erde (?)] ; (3) er (?) sei mächtig oben 
und un[ten]; (4) verschließ und dann . . .; 

5 „[Zu dem] Zeitpunkt, den ich [dir] angeben ^ werde, 

6 „geh [du (?)] hinein (auf's Schiff) und verschließ die Tür 

des Schiffes! 

7 „[Bring] hinein deine Gerste, dein Gut und deine Habe, 

8 „dein [Weib (?)], deine Familie, deine Sippe und die Hand- 

werker; 

9 „[Vieh] des Feldes, Getier des Feldes, soweit sie Grünes 

[fressen (?)], 

10 „[werde ich] dir angeben, daß sie deine Tür hüten." 

11 [Der Hoch]gescheite tat seinen Mund (auf) und spricht, 

12 sagt zu Ea, [seinem] Herrn: 

13 „[Noch] nie habe ich ein Schiff gemacht [ ], 

14 „[auf den Erd]boden zeichne eine [Zeichnung von ihm]! 

15 „[Die Zeich]nung will ich mir ansehen und danach das 

Schiff [bauen]. 

16 „[E]a (?), auf den Boden zeichne [eine Zeichnung von ihm], 

17 „[. . .], das du befahlst, [will ich tun (?)]! 

Rest fehlt. 

3. Sintflutbericht aus der Zeit Ammisadug'a's.^ 

Kol. I. 

(1) [. .] ging nicht [. . . (2) . . .J ich will blitzen (?), die Leute 
[. . . (3) . . .] . . werden ersetzen (?); (4) [...].. regnete; (5) [. . .] 

ihr (der Leute) Geschrei; (6) [ ] der großen; (1) [ ] der 

Menschheit; (8—9)?; (10) [. . .] den Leuten [. . . (11) . . .] möge Kam- 



1. S. 0. S. 5. — 2. Wörtlich „senden" = „mitteilen". — 3. Vgl. 
oben S. 5 f. 



70 Das Gilgames-Epos. 

man töten (?) lassen; (12) zerbrochen^ [. . zum (?)] Flusse gingen 

wir [?); (13) [ ] sagte ich; (14) [er] gehe (?) [. . . (15) . . .] ich 

sagte [. .] er möge . .; (16) Wolken (?) mögen mir (?) regnen (?) 
(17) [ ] möge nicht tropfen ; (18) [. . .] das Feld seinen Ertrag (?). 

Folgt eine Lücke. 

Kol. II. 

(9) er möge [ ]; (10) er möge ..[...]; (11) er möge 

töten (?)••[...]; (12) am Morgen möge er Pest regnen lassen ; (13) 
er möge . . in der Nacht [. . .]; (14) er möge regnen lassen ..[...]; 
(15) das Feld macht er größer (?), seinen ...[...]; (16) den Kammän in 

der Stadt geschaffen [. . .] ; (17) sie sagten und riefen [ ] ; (18) 

Lärm ließen sie emporsteigen (?) [. . ,]; (19) sie fürchteten nicht [. . .]. 

Folgt eine große Lücke. 

KoL VII. 

(10) [. . . tat] seinen Mund (auf) (11) (und) sagt zu [. . .] : (12) 
„Weswegen tötetest du [. . .]? (13) Ich will meine Hand ausstrecken (?) 
[. . .]; (14) den Zyklon, den du gebiete[st, . . .]. (15) Wer es auch sei, 
ich [. . .]. (16) Ich allein gebäre [meine Leute] 2; (17) sein Werk ist 

[...]; (18) sie mögen ..[...]; (19) ich gebäre [ ]; (20) sie 

mögen gehen in [. . .]; (21) mein (?) Schiffspfahl [ ]; (22) sie 

mögen ge[hen ]. 

Folgt eine Lücke. 

KoL VIII. 

(2) [ ] vollkommen [. . . (3) ] mache den Leuten!" 

(4) Der Hochgescheite tat seinen Mund (auf) und (5) sagt zu seinem 
Herrn. (6) 37 ^ (7) Zweite Tafel (der Serie) „als der Mensch da lag (?)".'' 
(8) 439^ (9) Azag-Aja, der Schreibergehilfe. (10) 28. Sabat, (11) Jahr, 
da König Ammisaduga (12) Dür-Ammisaduga (13) an der Mündung des 
Euphrat (14) erbaute. 

4. Das MEissNER'sche Fragrment. ^ 
KoL I. 

Anfang fehlt. 

1 „|. .]....[....] 

2 „[. . .J ihre Felle, er ißt Fleisch, 

1. Dies ist eine vom Schreibor zugofüj^te Notiz, die besagt, daß 
das Orif^inal, von dem er abschrieb, an der betreffenden Stelle be- 
Bc.hädif^t war. — 2. Vj^l. XI 123. — 3. Zalil der Zeilen in der betreffenden 
Kolumne. — 4. AUenfallons „Als der Schutz^ott" (wörtlich „Gott des 
Menschen"). — 5. Gesamtzahl der Zeilen auf der Tafel. — 6. Vgl. oben 
S. 6. Der Held wird hier (Gott) GiS genannt. 



Übersetzung, Anhang 3 — 4. 71 

3 „|. .| . . ., Gis, die niemals da waren, 

4 „niemals wird das Wasser mein (?) Wind treiben." 

5 Öamas ward bekümmert, er . . ihn, 

6 er sagt zu Gis: 

7 „Gis, wohin läufst du? 

8 „Das Leben, das du suchst, findest du (doch) nicht!" 

■V y 

9 Gis sagt zu ihm, zum Helden bamas: 

10 „Seit ich auf dem Felde . . wie ein Elender (?) 

11 „(und) auf der Erde ein ^ Stern abgenommen hat 

12 „(und) ich da gelegen habe alle Jahre, 

13 „mögen meine Augen die Sonne sehen, möge ich mich an 

Helligkeit sättigen! 

14 „Fern (?) ist die Finsternis, wenn reichlich ist (?) Helligkeit. 

15 „Wann dürfte wohl der Tote schaun den Glanz der Sonne? 



Koi. n.2 

Anfang fehlt. 

1 „(der) mit mir durchwanderte alle Schwierigkeiten, 

2 „Engidu, den ich liebe gewaltig, 

3 „(der) mit mir durchwanderte alle Schwierigkeiten, 

4 „ist gegangen zum Schicksal der Menschheit! 

5 „Tag und Nacht habe ich deshalb über ihn geweint, 

6 „ich ließ ihn nicht begraben. 

7 „Mein Freund (?) . . .^ erhebt sich auf mein Geschrei. 

8 „Sieben Tage und sieben Nächte 

9 „fiel er auf sein Antlitz wie ein Wurm. 

10 „Seit er fort ist, finde ich das Leben nicht, 

11 „streife umher wie ein Jäger* mitten auf dem Felde. 

12 „Jetzt, Sabitu, schaue ich dein Antlitz; 

13 „den Tod, den ich fürchte, möchte ich nicht schauen!" 

14 Sabitu sagt zu ihm, zu Gis: 



1. Oder ,,der". Allenfalls wäre eine Kollektivbedeutung ,,die 
Sterne" möglich. — 2. Vgl. IX 52 ff. — 3. Kaum „es schaute ein Gott 
(oder Anu) und erhebt sich". Ist ma-an für ma-ti verschrieben ? Dann 
übersetzte: „Wann wird sich mein Freund erheben auf mein Geschrei 
hin?-' Doch ist dies alles sehr unsicher. — 4. Wörtlich „Fänger". 



72 Das Gilgames-Epos. 

Kol. III. 

1 „Gis, wohin läufst du? 

2 „Das Leben, das du suchst, findest du (doch) nicht! 

3 „Als die Götter die Menschheit schufen, 

4 „setzten sie den Tod ein für die Menschheit, 

5 „das Leben (aber) behielten sie in ihrer Hand. 

6 „Du, Gis, — dein Leib sei gefüllt, 

7 „Tag und Nacht sei du vergnügt (?), 

8 „täglich mache ein Freudenfest! 

9 „Tag und Nacht, tanz (?) und juble (?)! 

10 „Rein seien deine Kleider, 

11 „dein Haupt sei gewaschen, in Wasser sei gebadet, 

12 „schau (froh) das Kind an, das deine Hand erfaßt, 

13 „das Weib vergnüge sich in deinen Armen! 

Lücke. 

Kol. IV. 

1 Jene zerbrach i er in seinem Zorn. 

2 Er kehrte zurück und tritt dann zu ihm hin. 

3 Den Sur-Sunabu schauen seine Augen. 

4 Sur-Sunabu sagt zu ihm, zu Gis: 

5 „Welches ist dein Name, sage mir an! 

6 „Ich bin Sur-Sunabu, der (Mann) des fernen Uta-naistim". 

7 Gis sagt zu ihm, zu Sur-Sunabu: 

8 „Gis ist mein Name, 

9 „der ich hergekommen bin von dem . . Anu's (?), 

10 „ der Berge, 

11 „einen fernen Weg von Sonnenaufgang (?). 

12 „Jetzt, Sur-Sunabu, schaue ich dein Antlitz; 

13 „laß mich sehen Uta-naistim, den fernen!'' 

14 Sur-Sunabu sagt zu ihm, zu Gis: 

Kest abgebrochen. 

1. Vgl. X 139. 



Übersetzung, Anhang 4—5. 73 

5. Der Sintfluttext aus Nippur.* 

Vorderseite. 

Es ist nur zweimal das Zeilenende „[sovijele vorhanden sind" 
erhalten. 

Rückseite. 

1 ,.f ] ihr (?)2 werden (?) dich f. .]. 

2 „I • • •] werde ich losmachen, 

3 „[ ] . . wird alle Leute allzumal ergreifen, 

4 ,.[ I vor dem Hervorgehen des Zyklons, 

5 ,,[. .] . ., soviele vorhanden sind, mögen . ., mögen ... .3 

6 „[. . .] ein großes Schiff baue, 

7 „[. . .] sei sein 3au; 

8 „selbiges [Schiff] sei ein . .-Schiff, es sei eine Schützerin 

des Lebens. 

9 „[ ] mit starkem Dach bedecke! 

10 „[ das] du machen wirst, 

11 „[ ], Getier des Feldes, Vögel des Himmels, 

12 „[ ] die gesamte Anzahl, 

13 „[ ] ...[..]• 

Eest zerstört. 

1. Vgl. oben S. 6. — 2. = der Leute (?). — 3. Hilprecht inter- 
pretiert die zweite Hälfte ,,will ich bringen Vernichtung, Zerstörung, 
Zermalmung". Diese Deutung scheint mir nicht ganz einwandfrei 
zu sein. 



Eigennamenverzeichnis k 

Adad, s. Rammdn. 

Aja, geschr. AN.A.A, die Gattin des Sonnengottes Warnas (s. d.); 
sie führt häufig den Beinamen Kallätu „Braut": IV B 20. — Die Le- 
sung Aja ist nicht völlig sicher, die früher gebräuchliche Malkat aber 
nicht haltbar. — Vgl. Azag-Aja. 

Ammisaduga, vorletzter König der ersten babylonischen oder Ham- 
mwrapi-Dynastie, regierte etwa 1984 — 1964 v. Chr., nach andern Ansätzen 
noch etwas später, gründete in seinem 11. Jahre die Stadt Dur- Ammi- 
saduga^ d. i. Ammisadugasburg; aus diesem Jahre stammt der altbaby- 
lonische Sintfluttext Anh. 3; s. ebend. Kol. VIII 11. 12. 

Amurru, s. Puzur-Amurri. 

Antu, die Gattin Anu'^ (s. d.), spielt in der bab. Mythologie nur 
eine ganz untergeordnete Eolle: VI 83. 

Anu, der „Vater der Götter'", einer der drei Hauptgötter der Su- 
merer, mit seinen Brüdern Enlil (s. d.) und Enki = Ea (s. d.) eine 
Dreiheit bildend (vgl. I 219), Sohn von Ansur (obere Welt) und Küar 
(untere Welt); vgl. Weltschöpfung (TB I, S. 5 ff.), Tafel I 13 f. Er ist 
im besondern der Herr des Himmels und Stadtgott von Uruk (s. d.), 
tritt aber im Laufe der Zeit gegenüber seiner Tochter lUar (s. d.) mehr 
und mehr in den Hintergrund als eine dem Menschen unerreichbare 
Göttergestalt. I [69] (?). [79] (?). 83. 104. 131. 187. 194. 219. 225. 237. 
279. II B 45 (Anm.). III D 44. VI 82. 87. [93]. 101. 108. 117. XI 
15. 115. 164. Anh. 4 II 7 (?). IV 9 (?). - Als „Heerschar ^m^'s" oder 
„iVm^■6's" (s. d.) gelten die Sterne: I 104. 131. 225. 237. 279. 

Anunnaki, Sterngottheiten des südlichen Himmels (vgl. Igege), 
gleichzeitig Schicksalsbestimmer in der Unterwelt. Die Fackeln der 
Anunnaki sind vielleicht als Wetterleuchten zu deuten. III E 42. IV C 4, 
X 286. XI 104. 125. — Als Kichter der Anunnaki gilt der deifizierte 
Gilgames\ vgl. den Hymnus (NE S. 93 Nr. 53) Z. 1 „Gilgames, einzig- 
artiger König, Richter der AnnHmi\akiY\ Vgl. auch die Höllenfahrt der 
Istar (TB I, S. 65 ff.) Z. 115 ft'. 

ArurUy die Bildnerin unter den Göttern; sie schafft die Menschen 
aus Lehm. I [79] (?). 80 (bis). 83. 84. — Vgl. bes. auch das babyl. Lehr- 
gedicht von der Weltschöpfung (TB I S. 26 ff.) Z. 21. 

Atra-hasts, altb. Atram-liaüis (vgl. zur Bildung den altbab. Namen 
Natnrom-kirür) „der Hochgescheite", Beiname des Ut-napistim (s. d.), bei 

1. Bei jedem Namen sind sämtliche Belegstellen angeführt; wo 
der betreffende Name nur ergänzt ist, steht die Verszahl in Klammern. 



Eigennaniou Verzeichnis. 76 

Berossos Sioovfi^Qoi. XI 196. Auh. 2, 11. 13 VIII 4. — Vgl. auch den 
Mythus voll Ea und Atrahasis in TH 1, S. Gl ff. 

Azaj^-Aja, d. i, „Strahlend ist A/a'\ Name des öchroiberlehrlings, 
der das im Auhau«^ 8 mitgeteilte altbabyl. Sintflutfragment kopierte: 
ebend. VIII 9. 

Belit-ili, <l. i „Götterherrin", Beiname der Istar: XI 118. 163. 

Belit-serl, d. i. die ,, Herrin des Feldes", die Schreiherin der Erde 
(= Unterwelt): III D 52. 

Bibbu bezeichnet zunächst jeden Planeten, insbesondere aber den 
Merkur, der später als Gestirn des Gottes Nabu gedacht wurde. III D 63. 

Dumuzi, d. i. „der echte {zi) Sohn [dumuY, eigentlich Bezeichnung 
jeder Sohnesgottheit S die zugleich den göttlichen Vater vertritt; dann 
im besondern ein Vegetationsgott, und zwar der Gott der sommerlichen 
Fülle, der mit dem Aufgang des Sirius = Istarsternes (s, Istar) dem 
Tode verfällt; semitisiert Du'nzu oder Tamüzu: VI 46. 

Dür-Ammisaduga: Anh. 3 VIII 12, s. Ammisaduga. 

Ea, der semitische Name der sumerischen Gottes Enki^ des Gottes 
des Meeres und Freundes der Menschen. Er bildet mit Anu (s. d.) und 
EnUl (s. d.) die höchste Götterdreiheit. Stadtgott von Eridu (heute 
Abu-Schahrein), das ehemals am persischen Meer und an einem Süß- 
wassersee {apsü) lag, Gott der Ströme und Quellen, die man sich aus 
dem apsü hervorkommend dachte, auf dem die Erde selbst ruht; Gott 
der Weisheit und der Handwerke: I 219. XI 19. 32. 36. [42]. 178. 179. 
180. 198 (?j. XII [75]. 81. Anh. 2, 12. 16(?). Ein Beiname von ihm 
ist Nin-igi-azag (s. d.). — Fraglich ist, ob das Ideogramm AN . BAD 
(XI 198) mit Enlil oder Ea wiederzugeben ist; die Kegel ist, daß 
AN . BAD in assyrischen Texten den Gott EnUl, in babylonischen den 
Gott Ea bezeichnet. Der Zusammenhang spricht für Ea , den Freund 
der Menschen und Berater Ut-naptsfitn s, nicht für EfdiL Man hat also 
wohl anzunehmen, daß die betr. Schreibung auf ein babyl. Original 
zurückgeht. Jedenfalls findet sich das Ideogramm nur auf Fragm. B 
erhalten, das assyrische Schrift aufweist. Vgl. Engidu und Ur-Sanahi. 

Ea-bäni, s. Engidu. 

Eanna, d. i. „Haus des Himmels" oder „Himmelsgottes*', Name des 
Haupttempels in Uruk (s. d.), Wohnung Aiiu\ (s. d.) und Istar's (s. d.), 
I 10; vgl. auch I 187. 194. 

Egalmah, d. i. „Erhabener Palast", Tempel in Uruk (s. d.), wo Gü- 
games's Mutter als Priesterin tätig war: IV A 22. 27. 

Ekur, d. i. „Berghaus", der Tempel Enlü's (s. d.) in Nippur (s. d.), 
bedeutendste Kultstätte in der sumerischen Periode (vor der Blütezeit 
Babylons unter der Hammurapi-Dynastie): XII [60]. 

Engidu, sumerisch, d. i. ,,Emji (= Euki oder Ea, s.d.) ist Schöpfer", 
Name des Freundes Gilgames&, geschrieben AN. EN. KI -DU (Zeichen 

KAK) oder AN. EN. KI -DU (Zeichen HI), letztere Schreibung in der 
älteren Kezension (Anhang 4), erstere sonst. Die phonetische Schrei- 
bung En-gi-dü findet sich im 18. Bd. der Cuneiform Texts, PI. 30, Z.IO. 
Daß der Name sumerisch zu lesen sei, bezeugt auch die Form des 

1. So ist Nabu der „echte Sohn" 3Iarduk's, Ninih der „echte Sohn" 
EnUrs u. s. w. 



76 Das Gilgames-Epos. 

Gottesnamens Eyiki. die ^e^enüber dem semitischen Ea (s. d.) sumerisch 
ist und nur in sumerisch zu lesenden Eigennamen sich findet. I 85. 
153. 172. 174. 176. 178. 183. 184. 192. 203. 210. 217. [284] (?). 285. II 
A 42. B 46. D 5. 8. 15. E 7. F [2]. 5. [8J. III B 2. C 29. 43. D 11. 
Frgm. i (S. 23) Z. 4. IV A 21. C 33. 34. 41. 43. 45. F [26]. [29]. V 
C 37. D 22. F 48. VI 122. 132. 134. 144. 145. 148. 178. [203] (?). 209. 
210. VII A 28. 37. F 21. 22. 25. 27. VIII A 3. B 11. IX 1. 3. X 
[47]. [53]. 59. 62. [116]. 122. [128]. [131]. [207]. [213]. [219J. 221. 
XII 55. 59. 63. 70. [77]. [85]. 89. [100] (?). Anh. 1, 7; 4 II 2. 

Enlil oder Illü\ der früher Bei gelesene Gott von Nippur (s. d.), 
mit Anu (s. d.) und Enki oder Ea (s. d.) die höchste Götterdreiheit der 
alten Sumerer bildend, der „Herr der Länder", d. i. der Erde als Wohn- 
orts der Menschen. I 219. II E 2. 5. III D 44. V B 17 (?). XI 16 
39. 41. 168. 171. 172. 177. 181. XII 60. [61]. 67. - Über die Stelle XI 
198 vgl. Ea. 

Ennugi, d. i. „Herr der Nichtrückkehr", Gott der Unterwelt^ und 
wohl wesensgleich mit Nergal (s. d.) und Irkalla (s. d.); er wird aber 
auch als „Herr der Gräben und Kanäle", sowie als „Herold EnliV^'' be- 
zeichnet: XI 18. 

Ereskigal, d. i. „Herrin der großen Erde", Göttin der Unterwelt, 
Gattin NergaVs (s. d.) oder Irkalla & (s. d.); semitisch auch Allatu ge- 
nannt: III D 51. Vgl. auch den Mythus von Nergal und Ereskigal TB 
I 69 ff. Identisch auch mit Mam?nefum (s. d.). 

Etana, ein mythischer Held, der auf einem Adler gen Himmel fuhr, 
schließlich aber zur Erde herabfiel und vermutlich dabei den Tod fand. 

III D 50. Vgl. den Siegelzylinder TB II, Abb. 226, S. 110. 

Euphrat, bab. Purattu, der Hauptfluß Babyloniens, berührte in 
seinem früheren Laufe die Hauptorte des Landes. VI 194. VIII A 27(?). 
XI 12. Anh. 3 VIII 13. 

Gilgames, der Held der Dichtung, geschr. 'it* Iz-tu-bar und deshalb 
zuerst Izdubar o. ä. gelesen; nach einem Syllabar (Bab. and Orient. Kec. 

IV 264) sind die Zeichen jedoch HuGi-ü-ga-mes (also Gilgames) zu lesen. 
Indes steht nicht fest, ob beide Schreibungen nicht nur Varianten des- 
selben Namens sind; das Zeichen Iz kann Gis, vielleicht sogar mit 
einem im Sumerischen häufigen Lautwandel Gil, das Zeichen tu kann gi, 
das Zeichen bar kann mas gelesen werden, sodaß sich eine phonetische 
Lesung Gisgimas oder gar (>ilgimus ergibt. Im 12. Bd. der Cuneiforra 
Texts, PI. 50, K 4359, Z. 17 findet sich die Gleichung Gis-tu-mas-si 
(schwerlich ra) = Gisbil-ga-\mes\; letztere Schreibung findet sich auch 
sonst. Der Name ist wohl sumerisch und bedeutet „der Gott Gil 
[Gisbil oder Gis) möge . . ."; die Meinung des Verbs ist zweifelhaft. 
In der altbabylonischen Version wird statt Gilgames vielmehr AN . GI§ 
geschrieben, was wohl als „Gott GiP' zu fassen ist. Eine bloße Ab- 
kürzung des Namens liegt f^ewiß nicht vor, da derartige Abkürzungen 
nur in Listen und Aufzählungen hin und wieder gebräuchlich sind. 
Der Gott Gts, Gil oder Gisbil ist wohl mit dem Feuergott 6^«6i7 identisch. 

Gilgames wird zuerst genannt in einer Inschrift aus der Zeit des 
Königs Sin-gämil von Uruk; vgl. zuletzt Tiiureau-Danüin, die sumeri- 

1. Weniger gut Ellil. 2. Bdl irsitim genannt. 



Eigen minien Verzeichnis. 77 

sehen und akkadischen Köni^'Rinschriften, Leipzig 1907, S. 222f. Die 
Inschrift lautot: „Ananm, der Älteste (?) des Volks von Uruk, der Sohn 
dos Ihin-semea, der <lio JMauor von Uruk, don alten JJau des GU(jameii\ 
wiederherj,'estellt hat". Der Text gehört wohl kurz vor die Zeit llam- 
murapi^ (um 210() v. Chr. oder etwas jünger). Nicht viel später fällt 
dio Erwähnung Gihjames^ in einer Trivaturkundc aus dem (>. Jahre 
Samsuilunas, des Sohnes IJarntnurapiß'^, in der ein Feld als «wr 'i'^GiS- 
hil-qa-niü bezeichnet wird. Was damit gemeint ist, wird nicht recht 
klar. I [ßlj. [G()J. 73. 77. [80](?). 114. 128. 140. 188. 195. 211. 218. 
221. 222. 235. [236J. [263J. 273. 274. [280]. [285] (?). II B 45. 47. C 47 
E 7. F 2. [5J. 8. III C 33. 34. D [14]. E 43. 45. IV A [20]. 49 
B 10. 50. C 44. F [26]. 29. V C 47. D 6 22. VI 4. 5. G. [22j. 84 
85. 90. 94(?). [149]. 167. 176. 187. 198. [202]. [203] (?). 207. 211. VII 
A 15(?). 19. 20. [29]. F 28. VIII A 2. B 26. E 33. IX 1. 45. [73]. 
74. [120]. 121. 122. 127. 193. X 5. 17. 19. [32]. [39]. [65]. 70. 71. 76. 
78. 82. 89. [101]. [108]. 133. [137]. 138. 141. 144. 148. [152]. 153. 155. 
156. 157. 158. 159. [160] (?). 161. [192]. [199]. 223. [236]. 237. 240. 
XI 1. 8. 9. 230. 233. 234. 243. 272. 275. 277. 279. 280. 282. 287. 294. 
302. 307. 321. XII 11. Anh. 1, 6. Vgl. ferner Gis. 
Gira, s. Sumukan. 

Gis (mit Gottesdeterminativ) = Gilgames; so in dem altbab. Frgm. 
Anh. 4 I 3. 6. 7. 9. II 14. III 1. 6. IV 4. 7. 8. 14. Vgl. die Bemer- 
kungen über den Namen unter GilgameL 

Humbaba, wohl elamitischer mit dem Gottesnamen Hutnba zu- 
sammengesetzter Name (vgl. aber auch Ko/ußaßog, den Wächter der Stra- 
tonike; LuciAN, de syria dea 19 ff.): der Feind Gilgamess: II C [45] (?). 
E 3. F 7. IV B 12. 17. C 12(?). E 45. V A 4. B 7. 19. C 41. F 49. 
VIII B 14. E 35. X [50]. [119]. [210]. 

Igege, Sterngottheiten des nördlichen Himmels (vgl. Anunnaki), 
dann auch die Himmelsgottheiten überhaupt: XI 173. 
Illil, s. JEnm. 

Irkalla, chthonischer Gott und Gatte der Ereskigal (s. d.); der 
Name ist wohl identisch mit Irra (s. d.) und Irragal (s. d.): III D 34. 
Irnini, ein Name der Göttin Istar (s. d.), vielleicht aus dem su- 
merischen Innini = Innamia entstanden. Ob ein volksetymologischer 
Zusammenhang mit irnu = erinu ,, Zeder" vorliegt, ist nicht sicher zu 
entscheiden: V A 6. 

Irra, früher fälschlich Dihharra gelesen, chthonischer, besonders 
Pestgott, identisch mit Irragal (s. d.), Nergal (s. d.) und wohl auch 
Irkalla (s. d.). Die Lesung Ir-ra statt Ur-ra verdient deshalb den 
Vorzug, weil der Lautwert ir für das betr. Zeichen schon in den ältesten 
Zeiten zu belegen ist. XI 194. 

Irragal, auch Irrakal, d. i. ,,der große (bezw. starke) Irra'% Bei- 
name des Irra (s. d.). XI 102. 

Ishara, auch JEshara, eine Göttin, deren Wesen nicht näher zu be- 



1. Geschrieben '^" Gis-hil-ga-mü. 

2. Babyl. Exped. of the Univers, of Pennsylvania, Vol. VI 2 (ed. 
Poebel) Nr. 26. 



78 Das Gilgames-Epos. 

stimmen ist; im allgemeinen mit Istar (s. d.) identisch; sie begegnet 
bereits in altbabylonischen Texten. II B 44. 

Istar, die Stadtgöttin von Uruk (s. d.), Tochter des Himraelsgottes 
Anu (s. d.). In ihrer Person sind mehrere weibliche Gottheiten zusam- 
mengeflossen, vor allem die Göttermutter {Belit-üi s. d.), die Liebes- 
und Vegetationsgöttin, die Kriegsgöttin und eine Sterngottheit (Sirius 
und Planet Yenusl I 187. 194. VI 6. 23. 80. 81. 82. 88. 92. 102. [107]. 
174. 178. 184. IX 11. XI 117. Vgl. ferner Belit-ili, Irnini und Ishara. 

Isullanu, Gärtner Anu'^, sonst nicht näher bekannt: VI (j4. 68. 70. 

Lugal, d. i. „König", eine niedere Gottheit, Herold der Götter. 
Wenn auch Marduk diesen Titel führt, so liegt doch kein Grund vor, 
auch XI 100 Luyal mit Marduk zu identifizieren. Er findet sich auch 
sonst mit Mvjati zusammen als Se-na-t-la-na, d. i. ,, Zweigottheit" ge- 
nannt. 

Lugalbanda, Familiengott der Könige von Uruk; vgl. Thureau- 
Dangin, Die sumerischen und akkadischen Königsinsehriften, Leipzig 
1907, S. 218 ff.; daher auch Schutzgott Gih/ames's: VI 192. Seine Gattin 
ist Ninsun (s. d.). 

Mammetum, die Göttin des Geschicks, auch als Gattin NergaVs. 
(s. d.) bezeichnet und daher im wesentlichen mit Ereskigal (s. d.) iden- 
tisch. X 287. 

Marduk, Stadtgott von Babylon, Sohn J^a's, begegnet hier nur 
Anh. 1, 2. Vgl. Lugal. 

Mäsu, ein Gebirge am Ende der Welt: IX 36. 37. 123. 

Müjati, geschrieben AN. PA, eine niedere Gottheit, später mit iVaiw 
identifiziert; vgl. das zu Lugal bemerkte. XI 100. 

Nabu, s. Mnjafi. 

Namtar, Pestdämon, auch Vezier und Gesandter der Unterwelt. 
XII 56. 64. 71. 78. Vgl. besonders den Mythus von Nergal und Eres- 
kigal, TB I, S. 69 ff. 

Nergal, der Pestgott und Gott der Unterwelt, identisch mit Ir- 
kalla (s. d.), Irra{gal) (s. d.), Gatte der Ereskigal: XII [57]. 65. 72. 79. 
[82]. 83. 87. Vgl. bes. den Mythus von Nergal und Ereskigal, TB I, 
S. 69 ff. 

Nim US s. Nisir. 

Nin-azu, Heilgott, identisch mit Ninih (s. d.), gilt aber auch als 
Gatte der Ereskigal (s. d.). XII 29. 52. 

Ninib, Lesung provisorisch, in aramäischen Umschriften rtüijs ge- 
schrieben, der Sohn EnliVs, (s. d.), Gott des Krieges und Heilgott, als 
letzterer unter dem Namen Nin-azu (s. d.) verehrt. I 85. XI 17. 103. 
176. Die Sterne gelten als Heerschar NiniVs, (I 85) oder Anu's, (s. d.) 

Nin-igi-azag, „Herr des hellen Auges", Beiname Ea\ (s. d.), beson- 
ders in seiner Eigenschaft als Gott der Weisheit: XI 19. 

Ninlil 8. Risat-Ninlil. 

Nin-sun, die Gattin des Lugalbanda (s. d.), die Schutzgöttin der 
Könige von Uruk König iSin-gäsid (vor 2000 v. Chr.) von Uruk be- 
zeichnet sie als seine Mutter, sich selbst als ihren Sohn. „Dienerin 
der Ninsun"- bedeutet nicht „Priestcrin der N.'\ sondern bezeichnet die 
Göttin als Schutzgöttin der betreifenden; dasselbe gilt für die Bezeich- 
nung „Knecht" der Ninsun, wie XU 59 Engidu genannt wird: diese 



Eigennamenverzeichnis. 79 

Stelle bosa^'t wohl zugleich, daßisW/iW// alsMitf^^litMl der Familie des Oilf/fimeS 
(als Adoptivbnidor dos ]Ioldon) anerkannt war. IV A 211 |28J. xil 59. 

Nippur, heute Nulfar am Schatt-en-Nil, einst die bedeutendste 
Kultzentralo Babylonieus, namentlich in der ältesten, sumerischen Zeit; 
Sitz (\o^ (Jott Jilnlü (s. d.). VII A 4G. 

Nisaba oder Nidaha, eine Vegetations-(Getreide-)Gottheit, ursprüng- 
lich wohl Stadtfi^iittin vom Umma bei Lagas. I 87. 

Nisir, ein Berg, nach den Annalen Asurnasirpals zwischen Tigris 
und unterem Zab gelegen ; statt Ni-sir ist auch Ni-mus möglich. XI 
141. 142. 143. 144. 145. 

Puzur-Amurri ', d. i. „Geheimnis des Gottes Atnurru'', Schiffer des 
T7t-fioptstim während der Sintflut, der Person nach mit Ur-l^anabi (s. d.) 
identisch. XI 95. 

Rammän, oder ^c^acf, der Wettergott, geschrieben AN. IM. XI 99. 
106. Anh. 3 I 11. II 16. 

Risat-Ninlil^ die Mutter des Gilgames; die Unrichtigkeit der Le- 
sung Rimat des ersten Bestandteils dieses Namens wird durch Schrei- 
bungen wie Ri-sd-at- 'i^Aja (Cuneiform Texts VI 15 Kol. III 5) erwiesen. 
Risat-Ninlil bedeutet wohl „die erste (an Eang) ist Ninlil^^. I [234]. 
[235]. 272. 273. II C 49. IV A [24]. 

Sabttu, eine Meeresgöttin. Der Name bedeutet sicher nicht „Sa- 
bäerin", da er bereits in der Zeit der ersten babyl. Dynastie als Frauen- 
name (neben Za-hi-tumY begegnet. Sie führt auch den Beinamen Sidnri 
(s. d.). X 1. 10. 15. [19]. 20. [32]. [39]. 65. 66. 70. 230. Anh. 4 II 12. 14. 

Samas, d. i. „Sonne", der Sonnengott: I 218. III C 27. 43. 
IV B 8. 9. C [36] (?). VI 171. 172. X 73 (bis). XI 87. Anh. 1, 1. 
Anh. 4 I 5. 9. — Es scheint, als ob Samas im Gedicht vielfach mit 
Lugalhanda (s. d.), dem Familiengott des Gügames^ identifiziert wird. 

Siduri, Beiname der Sahitu (s. d.); ein Wort si-du-ri wird als ar- 
datu „Weib" erklärt. X 1. 

Silili, eine sonst unbekannte Göttin, die Mutter des Eosses : VI 57. 

Sin, der Mondgott: IX 10. XII 68. [74]. 

Sumukan oder Sumugga[n), früher Gira gelesen, ein Vegetations-, 
hauptsächlich wohl Berggott, Sohn des Sonnengottes Samas. I 88. 
III D 50. 

Surippak, oder Suruppak, heute Fara, nördl. von Uruk^ früher am 
Euphrat, jetzt am Schatt-el-Kär gelegen, eine der ältesten Stätten su- 
merischer Kultur. Die Hauptgottheit der Stadt Sukurru, die sonst mit 
EnliVs Gemahlin Ninlil {Bellt) identifiziert wird, begegnet in der Sint- 
flutsage nicht, tritt aber wohl in der Kolle der Istar (s. d.) oder „Götter- 
herrin" [BeUt-ili, s. d.) auf. XI 11. 23. 

Sur-Sunabu, d. i. „Diener des Gottes Sunabu (= Ea)", geschrieben 
Su-ur-Su-na-bu, Name des Schiffers des Ut-napistim in der altbabyl. Fas- 
sung (Anh. 4): IV 3. 4. 6. 7. 12. 14. Vgl. Ur-Sanabi. 

1. Der Gott des Westlandes, geschrieben '^"KUE.GAL, was auch 
Enlil gelesen werden könnte. 

2. Ninlil oder Belit ist die Gemahlin EnliVs. 

3. Es fragt sich, ob man dies als Sahitum „Gazelle" fassen darf 
oder ob es nur eine orthographische Variante für Sabitum ist, da za 
häufig für sa, sa aber nie für sa steht. 



80 Das Gilgames-Epos. 

Tamüzu, s. Dumuzi. 

Tutu, s. TJbara-Tutu. 

Ubara-Tutu, sumerischer Name = „Schützling des Gottes Tutu^^^, 
Vater des Ut-napiUim (s. d.), hei Berossus (Eusehius) in £lTiaQTr]g ver- 
schrieben; vgl. TB I, S. 38 f. IX 6. XI 23. 

Urra(gal), s. Irra{gal). 

Ur-Sanabi, geschr. Ur- AN.XXXX, was semitisch auch Amel-Ea 
gelesen werden könnte; die altbabyl. phonetische Schreibung Su-ur- 
Su-na-hu (s. d.) zeigt aber, daß der Name sumerisch ist, Ur darf viel- 
leicht auch Sur, Sanahi darf gewiß auch Sunabu gelesen werden, sodaß 
beide Schreibungen als identisch zu betrachten sind. Der Name be- 
deutet „Diener des Gottes Sanahi (= Ea)"'. Der Person nach ist er 
auch mit Puzur-Amurri (s. d.) gleichzusetzen. X 78. 101. [108]. [133]. 
134. 137. 148. 151. 152. [160] (?). XII 248. 249. 254. 263. 272. 294. 295. 
309. 310. 321. 322. 

Uruk, heute Warka, im A.T. tj-^s, am Euphrat, die Hauptstadt 
Gilyames^, Kultstätte Anu's, (s. d.) und Istar's (s. d.), spielt bereits in 
der ältesten sumerischen Geschichte eine Rolle. Schon Eannatum von 
Lagas, einer der ältesten sumerischen Fürsten, berichtet, daß er Uruk 
unterworfen habe. I 9. [63]. 69. 74. 82. 114. 127. 186. 198. 203. 221. 
[266]. II B 35. 38. III B 39. C 39. Frgm. | (S. 23) Z. 6. VI [118]. 
120. 174. 196. 197. VIII A 17. [29]. XI 297. 320. 322. 326. 

Uta-naTstim , Name des Sintüuthelden in der altbab. Rezension 
(Anh. 4) : IV 6. 13. Vgl. Ut-napistim. Der Ausfall des p ist völlig un- 
erklärlich. 

Ut-napistim, Name des Sintfluthelden, Sohnes des Ubara-Tutu (s. d.), 
führt auch den Beinamen Atra-hasis (s. d.). Die Lesung des ersten 
Bestandteils als Ut, nicht Pir, Lah o. ä. wird durch die altbab. Schrei- 
bung U-ta-na-ü-tim (s. d.) endgültig erwiesen. Die Bedeutung des Na- 
mens ist noch zweifelhaft; wahrscheinlich bedeutet der Name „er hat 
Leben (wörtl. Seele) gefunden"; XI 207 wird dasselbe Verbum in der 
gleichen Bedeutung gebraucht. Die grammatische Form Uta-)%a{2))istim 
in der altbab. Rezension, für die man Utta'^-napistam, also die Akkusativ- 
form des Nomons, erwartet, läßt sich ebensowenig erklären, wie der 
Ausfall des p. Auch die von Thureau-D angin vorgeschlagene Erklä- 
rung „Uta ist mein Leben", wonach Uta oder Ut die sumerische Form 
des semitischen Samas (s. d.) ist, befriedigt nicht recht. IX 6. 69, 
X 66. 78. [134]. 163. [192]. [199]. 223. 224. [236]. XI 1. 2. 8. 202. 203. 
204. 211. 214. 218. 230. 233. 243, 244. 248. 274. 279, 



1. Später mit Marduk, dem Gott von Babylon, identifiziert. 

2. Die Defektivschreibung Uta für Utta (Intensivstamm von atü 
„sehen, finden") bietet keine Schwierigkeit, da derartige Schreibungen 
sehr häufig sind. 



Zweiter Teil. 



Erklärung 

von Huiz:o Gressmann. 



TorbemerkuDgen. 

Ein geschichtlicher Zusammenhang zwischen Parallelen ist nach 
meiner Auffassung nur da vorhanden, wo ich ihn ausdrücklich betone. 
Überall sonst aber sollen die Parallelen ausschließlich dem Vergleich 
dienen und zur Erhellung des Sinnes beitragen. 

Die Erklärung ist so geordnet, daß zunächst eine zusammen- 
hängende Analyse des jeweiligen Textes gegeben wird und daß in den 
darauf folgenden Paragraphen besondere Einzelheiten herausgegriffen 
werden, die einer genaueren Erörterung bedürfen. Die Analyse geht 
von der vorstehenden Übersetzung Ungnads aus und will vor allem das 
Verständnis des Zusammenhangs mit fördern helfen. Darum ist der 
Text mit Absicht nicht wörtlich zitiert, sondern frei umschrieben 
worden. Auch der Grad der Sicherheit konnte nur an wichtigen Punkten 
angedeutet werden, um unnütze Wiederholungen zu vermeiden. Wer 
also nachprüfen will, muß stets die Übersetzung Ungnads zu Rate 
ziehen, die sich mit peinlicher Sorgfalt zu zeigen bemüht, wie weit fester 
Boden vorhanden ist. 

Die verwendeten Abkürzungen sind folgende: 
AO = Der alte Orient. Gemeinverständliche Darstellungen, herausge- 
geben von der Vorderasiatischen Gesellschaft. 
AE. = Archiv für Religionswissenschaft. 
AT = Altes Testament. 
ATAO = Alfred Jere:miäs: Das Alte Testament im Lichte des Alten 

Orients. 2. Aufl. Leipzig 1906. 
Gruppe GrMuRG = 0. Gruppe: Griechische Mythologie und Religions- 
geschichte (Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft von 
Iwan Müller V 2). München 1906. 
Jensen GE = P. Jensen: Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur I. 

Straßburg 1906. 
KAT = Die Keilinschriffen und das Alte Testament, 3. Aufl. hrg. von 

H, Zeveniern und H. Winckler. Berlin 1903. 
KB = Keilinschriftliche Bibliothek. 

MDOG = Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. 
Forschnngeu 14: Gilg.-Epos. 6 



82 Das Gilgames-Epos. 

Ed. Meyer GA = Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. 2. Aufl. 
Stuttgart und Berlin 1907 ff. 

KiCHARD M. Meyer AGKG = Kichard M. Meyer: Altgermanische Re- 
ligionsgeschichte. Leipzig 1910. 

OLZ = Orie?italistische Literaturzeitung . 

Schneider LSSt = H. ScHNEroER: Die Entwicklung des Gilgameschepos 
(Leipziger Semitistische Studien V 1). Leipzig 1909, 

TB = Altorientalische Texte und Bilder zum Alten Testament, in Ver- 
bindung mit A. Ungnad und H. Ranke hrsg. von H. Gressmann. 

VAB = Vorderasiatische Bibliothek. 

ZA = Zeitschrift für Assyriologie. 

ZATW = Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft. 



1. Einleitung. Unter den Erzählungen der Babylonier, 
die bisher bekannt geworden sind, ist das Gilgames-Epos ein 
durch Umfang wie durch Inhalt hervorragendes Werk. Denn es 
ist die einzige uns überlieferte ausführliche Heldensage. Nicht 
Götter oder Dämonen, sondern ein König und sein Freund, Gil- 
games und Engidu, stehen im Mittelpunkt des Interesses. Zwar 
sind Himmel und Unterwelt noch nicht durch eine tiefe Kluft 
von der Erde getrennt und ins unerreichbare Jenseits verlegt, 
zwar erscheinen auch Götter und Tote, Dämonen und Selige auf 
der Bühne und greifen hin und wieder in die Handlung ein, 
zwar ist der Hauptheld selbst zu einem Zweidrittelgott erhöht und 
sein Freund einem Gotte gleich an Schönheit und Kraft, dennoch 
kann in der vorliegenden Form von einem Mythos ^ keine Rede 
sein. Die beiden Helden bleiben Menschen, wenngleich vom 
Schimmer der Vorzeit verklärt; sie leben, leiden und sterben wie 
wir, wenngleich von der Gottheit geschaffen und ausgezeichnet 
durch übermenschliche Taten. Die Ortsgebundenheit haftet auch 
ihnen an und hemmt den göttlichen Flug. 

Der Name des Gilgames^ ist auch außerhalb des nach ihm 
bezeichneten Epos überliefert. Er begegnet uns zuletzt in einer 



1. Unter „Mythos" verstehe ich die mythische Erzählunj^, nicht 
die mythische Einzelvorstellun}^. 

2. S. 0. S. 76. 



Erklärung. 1. Einleitung. 83 

syrisch geschriebenen Liste der babylonischen Könige^ von Theodor 
bar Choni (um 893 n. Chr.). Ferner weiß die griechische Sage ^ 
von der wunderbaren Geburt eines Knaben Gilganios, der später 
Herrscher der Babylonier ward. Unter den einheimischen Tra- 
ditionen ist von besonderer Wichtigkeit die sumerische Inschrift 
einer Steintafel, wonach Ana-am „die Mauer von Uruk, den alten 
Bau des Gilgames, wieder hergestellt hat" ^. Der hier genannte 
Anam lebte wohl kurz vor Hammurapi (um 2100 v. Chr.). Wenn 
schon zu seiner Zeit die Stadtmauer als das Werk des Gilgames 
betrachtet wurde, so ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß 
dieser ein historischer König des dritten vorchristlichen Jahr- 
tausends w^ar. Aber zwingend ist der Grund nicht, denn schon 
sehr früh haben sich mannigfache Sagen um uraltes Gemäuer 
gerankt, begreiflich deswegen, weil die Mauerbautechnik der ältesten 
Zeit bisweilen geradezu erstaunlich war und schon damals den 
Nachfahren Eindruck machte. Wir reden noch heute von „Ky- 
klopenmauern" ; so schrieb schon das Altertum die Errichtung der 
Stadtmauern von Mykene und Tiryns den Kyklopen zu*, während 
man in Troja Apollon und Poseidon, in Theben Amphion und 
Zethos als Erbauer feierte^. Weil Gilgames ein Riese an Kraft 
war, mochte man schon um 2000 v. Chr. die gewaltigen, uralten 
Bauten Uruks auf ihn zurückführen. Notwendig historisch brauchen 
nur eben diese Stadtmauern zu sein, deren Reste man wohl bei Aus- 
grabungen aufdecken würde, wie die gigantischen Mauern Jerichos 
wieder ans Tageslicht gefördert sind, die das Volk Israel mit 
dem Schall seiner Posaunen umblies^. Die Stadt Uruk, im 
Alten Testamente Erek '^, heute Warka genannt, ist im südlichen 
Babylonien am unteren Stromgebiet des Euphrat zu suchen ; der 
Fluß, der heute über zw^ei Stunden nach Westen entfernt ist, 
scheint einst in unmittelbarer Nähe der Stadt vorübergelaufen zu 
sein, wie ein trockenes Bett bezeugt^. 



1. Vgl. M. Lewin: Die Scholien des Theodor bar Koni zur Pa- 
triarchengeschichte. Berlin 1905. S. 2 Z. 8, dazu die Anm. 2 auf 
S. 25. Überliefert sind die beiden Schreibungen ci-cr^j und ci;'o^a; 
nimmt man vom ersten Wort die zweite, vom zweiten die erste Silbe 
als richtig an, so erhält man cto;V;. 

2. Aelian: De nat. anim. XII 21. 3. S. o. S. 77. 

4. Vgl. Gruppe GrMuRG S. 330 Anm. 2. 

5. Ebd. S. 88. 138. 1154. 

6. MDOG No. 41. Dez. 1909. 7. Gen. 10, 10. 

8. Vgl. R. Zehnpfund: Babylonien in seinen wichtigsten Ruinen- 

6* 



84 Das Gilgames-Epos. 

Das Gilgames-Epos hat eine lange Geschichte erlebt, ehe 
es die jetzt vorliegende Form gewann. Beweis dafür sind nicht 
nur innere Gründe. Denn obwohl die Dichtung von einer großen 
Grundidee beherrscht wird und den Eindruck einer künstlerischen 
Komposition macht, klafft sie dennoch bei genauerer Analyse in 
die einzelnen Teile auseinander, aus denen sie allmählich er- 
wachsen ist. Als äußere Bestätigung kommt die altbabylonische 
Rezension hinzu, die von der späteren Fassung mannigfach ab- 
weicht. Leider ist sie nur in einem Bruchstück erhalten, das 
etwa aus der Zeit um 2000 v. Chr. stammt. Der Ursprung des 
Epos, so darf man behaupten, verliert sich im sumerischen ^ 
Dunkel. Denn der bisher unerklärte ^ Name des Gilgames ist 
nicht semitischer, sondern sumerischer Herkunft. Dasselbe gilt 
von dem Namen des zweiten Helden, den man früher Eabani zu 
lesen pflegte, der aber Engidu ^ gelautet hat. Sehr viel mehr 
wissen wir von dem Epos aus assyrischer Zeit. König Asur- 
banipal (668 — 626 v. Chr.) ließ die Erzählung für seine Biblio- 
thek in Niniveh aufzeichnen. Nach den Notizen, die sich mehr- 
fach auf diesen Tontafeln finden*, handelt es sich dabei um Ab- 
schriften älterer Texte. Doch fragt sich, ob diese „Originale" in 
die altbabylonische Epoche zurückreichten. Man geht jedenfalls 
am sichersten, wenn man sich mit der Tatsache begnügt, daß die 
uns überlieferte Hauptrezension dem siebenten vorchristlichen 
Jahrhundert und der assyrischen Zeit angehört. Auch mit der 
Nachricht eines keilschriftlichen Katalogs, wonach das Epos von 
dem Wahrsagepriester Sin-liki-unninni stamme ö, ist nicht viel an- 
zufangen. Denn schwerlich war eine zuverlässige Traditition über 
den ursprünglichen Verfasser vorhanden. Wenn die Kunde 



Städten (AO XI 3, 4). S. 48. Dort findet man auch eine kurze Dar- 
stellung der bisher in Uruk gemachten Funde. 

1. Die Sumerer, die mit Sicherheit in keine der uns bekannten 
Sprachgruppon eingereiht werden können, waren die ältesten Bewohner 
Babyloniens und wurden erst von der Mitte des dritten vorchristlichen 
Jahrtausends an durch die Semiten verdrängt. Die babylonische Kunst, 
Kultur, Literatur und Religion geht bis zu einem hohen Grade auf 
die Sumerer zurück; die Semiten haben das von ihren Vorläufern Über- 
nommene l'ortf^eluhrt und vollendet. So ist auch das Kpos, wenigstens 
in seinem Kern, von den Sumerern geschaffen worden. 

2. Versuche bei Jensen KB VI S. HO Anm.: 422. Zimmern KAT'' 
S, 5G6 Anm. 4. Prince: Babyloniaca II G2 und Unünad o. S. 76. 

3. S. 0. S. 75. 4. Vgl. 0. S. 2. 

5. Vgl. Unonad TB I S. 39 Anm. 17. Schneider LSSt. S. 53. 



P^klärunü:. 2. Analyse des ersten Teils. 85 

Glauben verdient, so möchte mau den Priester am ehesten für 
den letzten Bearbeiter halten. 

Das P]pos gliedert sich nach einem kurzen Vorwort des 
Sängern in vier Teile: Der erste handelt von dem Beginn der 
Freundschaft zwischen Gilgames und Engidu, der zweite erzählt 
ihre gemeinsamen Taten bis zum Tode Engidus, der dritte be- 
richtet die Abenteuer des Gilgames auf der 8uche nach dem 
ewigen Leben, der vierte enthält eine Totenbeschwörung. 

2. Analyse des ersten Teils. Als Vorwort hat der 
Spiel mann das Thema vorangestellt, genau so wie es in der 
Odyssee, in der Aeneis oder im Nibelungenliede geschieht. Er 
will singen von dem, der alles sah und jegliches kennen lernte, 
der die Tiefen der Weisheit schaute und das Dunkel des Geheim- 
nisses lichtete, der Kunde brachte von der Zeit vor der Sintflut 
und einen fernen Weg zog, um das Leben zu finden, der seine 
Abenteuer und Schicksale selbst auf eine Steintafel zeichnete. 
So hat der Rhapsode die Absicht, nicht frei Erfundenes, sondern 
Historisches zu melden, ein Herold dessen zu sein, was er auf 
uralten Inschriften entdeckt habe. Dieser ernsthaften Versiche- 
rung, in einem Lande mit hoher Kultur wohl begreiflich, werden 
wir heute nicht mehr Glauben schenken als der schalkhaften 
Einleitung der Märchenerzähler. Dennoch ist der Unterschied 
wohl zu beachten: Das Märchen will gar nicht mehr sein als ein 
Spiel, das ergötzt, als eine Übung der Phantasie i, die Sage hin- 
gegen will ursprünglich ein getreues Abbild der Wirklichkeit sein 
und erhebt darum Anspruch auf Glaubwürdigkeit. Was uns 
heute um seiner ünwahrscheinlichkeit willen als nicht tatsächlich 
geschehen anmutet, entzückte einst den gläubigen Hörer als Rea- 
lität. Die Möglichkeiten, die der antike Mensch kennt, sind eben 
andere als die des modernen. 

Vergleicht man das Thema mit der folgenden Ausführung, 
so fällt auf, daß — wie es scheint ^ — nur Ereignisse aus den 
letzten Teilen des Epos erwähnt werden: wie der große Welten- 
wanderer das Leben sucht und Aufschluß über die Geheimnisse 



1. Vgl. Eichard M. Meyer AGEG S. 14 f. 

2. Man kann schwanken, ob mit Taf. I v. 9fF. bereits der erste 
Teil beginnt, oder ob diese Verse noch zum Vorwort gehören. Eine 
sichere Entscheidung läßt sich wegen der folgenden Lücken nicht fällen. 
Jedenfalls ist in den Anfangszeilen weder von Humbaba noch vom 
Himmelsstier die Eede. 



86 Das Gilgames-Epos. 

der Urzeit und der Unterwelt erlangt. Auf diesen Begebnissen 
ruht in der Tat das Schwergewicht der ganzen Dichtung. Alles, 
was vorangeht, dient nur dazu, diesen Höhepunkt vorzubereiten. 
Äußerst wirksam nennt also der Sänger die Hauptsache, die am 
Schluß steht, zuerst, um das Interesse der Hörer zu wecken, aber 
er begnügt sich mit leisen Andeutungen, um die Pointe nicht 
vorwegzunehmen, sondern die Neugier anzufachen. 

Der erste Teil führt uns nach Uruk, wo Gilgames die 
Stadtmauer und Eanna, den Tempel des Anu und der Istar, 
bauen läßt. Vielleicht ^ wurde in dem nicht mehr erhaltenen Text 
erzählt, wie der höchste Gott Anu den Gilgames einem mächtigen 
Wildstier gleich^ geschaffen und als König über Uruk eingesetzt 
habe. Von der Gestalt des Gilgames heißt es hier wie anderswo: 
„Zwei Drittel von ihm ist Gott, ein Drittel von ihm ist Mensch". 
Die Gottähnlichkeit äußert sich nicht in Eigenschaften des Ver- 
standes, sondern des Leibes: „Sein Leib ist Götterfleisch" ^^ frei- 
lich nur zu zwei Dritteln*. Das göttliche Element in ihm be- 
fähigt ihn zu außerordentlichen Taten, die den gewöhnlichen 
Sterblichen versagt sind. Aber auch der Zweidrittelgott muß zu 



1. Ich setze voraus, daß Taf. I v. 69 gelautet hat: ,,Die Götter 
des Himmels [riefen] den Herrn von Uruk [den Gott Anu]'*. Der 
„mächtige Wildstier", den dieser nach v. 70 geschaffen hat, ist nach 
dem Zusammenbang wohl niemand anders als Gilgames, der ja v. 189. 
196 mit einem Wildstier verglichen wird. Als Anu der Götter Weh- 
klagen gehört (v. 79) und seine Einwilligung gegeben hat, ruft man 
(so ist wohl der Plural zu verstehen) Aruru, die große: „Du, Aruru, 
schufst [den Anu]". Wenn man wagen darf, v. 80 so zu ergänzen, dann 
wird auch v. 83 (vgl. v. 81) verständlich, wo Engidu als Ebenbild Anus 
bezeichnet wird. Von einer „Erschaffung" der himmlischen Götter weiß 
der Mythos enuma-elis (vgl. TB I S. 5 Z. 9 der ersten Tafel). Sind 
diese Ergänzungen richtig, dann hätten wir an dieser Stelle des Epos 
zuerst den Kettenstil, wie ich es nennen möchte: Die Einwohner von 
Uruk wenden sich an die Götter, diese an Anu und Anu wiederum an 
Aruru. 

2. Der Wildstier ist das königliche Tier; s. u. zum Himmelsstier. 

3. Vgl. S. 40 V. 49. 

4. Bei den Griechen und Eömern sind die Helden der Vorzeit 
Halbgötter, doch so. daß sie mehr vom Menschen als vom Gotte haben 
(vgl. Lucian: In dial. mort. 3; Servius in Aen. I 200). Im Alten Testa- 
mente bogegnet uns eine ähnliche Drittelung; denn nach 11 Kön. 2, 9 
erhält Elisa zwei Drittel vom Geist des Elia. Man erklärt diese Tat- 
sache gewöhnlich, wohl mit Recht, aus der Sitte, dem ältesten Sohn, 
dem Lieblingskindo, zwei Drittel der Erbschalt zu vermaclion. So wäre 
der Zwoidrittelgott (iilgames als das Sciioßkind des Himmels aufzu- 
fassen. Allerdings ist für Babylonien bisher nur, wie mir Unünad mit- 
teilt, nachgewiesen, daß in Nippur der älteste Solin einen Vorzugsanteil 
erbt, der aber nicht zwei Dritteln entspricht. 



Erklärung. 2. Analyse des ersten Teils. 87 

seinem Schrecken gewahr werden, daß er kein Vollgott ist und 
daß er zwar vieles, doch nicht alles vermag. Ein Drittel vom 
Menschen genügt, um auch ihm Wunden, Leiden und Tod zu 
sichern. Vergebens müht er sich ab, das Unmögliche möglich zu 
machen, ein warnendes Beispiel für die Nur-Menschen, die Hörer, 
die damals gewiß so dachten ! 

Schwer lastet die Hand des Hirten, des starken, herrlichen 
Königs auf den Einwohnern von Uruk. Unermüdlich bei Tag 
und Nacht zwingt er sie zu harter Fron *. Nicht läßt er den 
Sohn zu seinem Vater noch die Jungfrau zu ihrem Geliebten ^. 
Da rufen die Bedrückten die Götter zu Hülfe, und diese fordern 
Aruru, die Schöpfergöttin, auf, ein Ebenbild Anus zu schaffen, 
einen dem Gilgames ebenbürtigen Helden. Beide sollen mit 
einander wetteifern, damit Uruk Ruhe finde. Aruru feuchtet ihre 
Hände an, Lehm kneift sie ab und speit darauf, Engidu schafft 
sie, dessen Kraft gewaltig ist wie eine himmlische Heerschar. 
Sein ganzer Körper ist mit Haaren bedeckt, lange Locken trägt 
er wie ein Weib ^ bekleidet ist er mit Fellen ^. Mit den Gazellen 
zusammen ißt er Kraut, mit dem Vieh zusammen sättigt er sich 
an der Tränke, mit dem „Gewimmel des Wassers" freut sich sein 
Herz. 

Dieser Tiermensch, von dem behauptet wird, er sei vom Ge- 
birge^ gekommen, haust zunächst auf dem Felde und schützt die 
wilden Tiere gegen die Nachstellungen eines Jägers, dessen Gruben 

1. Wenn Taf. I v. 9 — 13 noch zum Vorwort gehören, dann ist es 
fraglich, ob die Einwohner wirklich über zu harte Fron beim Mauerbau 
klagen. Als Maurer dienten überdies gewöhnlich, wie in Ägypten, 
Sklaven oder Kriegsgefangene. Aus v. 51 ff. läßt sich nichts Sicheres 
über die Art der Bedrückung erschließen, doch vgl. die nächste Anm. 

2. Diese Ergänzung ist zweifelhaft. Ob man als Text von v. 66. 67 
vermuten darf: „Nicht läßt Gilgames die Jungfrau zu [Istar]"? Hindert 
der König vielleicht seine Untertanen, ihren kultischen (Liebes-)Pflichten 
gegen die Liebesgöttinistar nachzukommen? Vgl. u. zur Istar-Episode. 

3. In v. 87, wo es heißt, daß sein Haupthaar ,,wie Nisaba" sproßte, 
ist wohl an einen Vergleich mit dem Weizen gedacht, dessen Gottheit 
Nisaba gewesen zu sein scheint (vgl. Jensen KB VI S. 385 zu Z. 33). 

4. So ist wohl der Vergleich in v. 88 mit dem Gotte Sumukan zu 
verstehen, einem Gott der Tiere des Feldes; vgl. Jensen KB VI zur 
Stelle und Ungnad o. S. 79. 

5. Da die Raubtiere vom Gebirge kommen, gilt dasselbe von En- 
gidu, ihrem Genossen. Vielleicht aber darf man das „Gebirge" für eine 
metonymische Bezeichnung des „Himmels" halten, die aus dem babylo- 
nischen Hotstil geläufig und auch ins Alte Testament eingedrungen ist; 
vgl. Gressmann: Ursprung der isr-jüd. Eschatologie S. 111 ff. 271. 



88 Das Gilgames-Epos. 

er zerstört und dessen Fallen er vernichtet. Der Jäger trifft ihn 
an der Tränke, wagt aber nicht, ihn anzugreifen. Erschreckt zieht 
er sich in sein Haus zurück, das in der Nähe liegt, und wendet 
sich an seinen Vater um Hülfe. Der rät ihm, nach Uruk zu 
gehen und den König Gilgames um eine Dirne zu bitten, damit 
sie durch ihre körperlichen Reize Engidus Liebe entflamme und 
ihn so dem Vieh entfremde, mit dem er bisher aufgewachsen sei. 
Der Plan wird ausgeführt, die List gelingt. Als Engidu sechs 
Tage und sieben Nächte dem geschlechtlichen Trieb gefröhnt hat 
und übersättigt zu seinen Tieren zurückkehren will, da jagen die 
Gazellen vor ihm dahin, und seine früheren Schützlinge meiden 
ihn. Er aber „hört hin, öffnet sein Gehör", d. h. ist klug ge- 
worden ^ Traurig setzt er sich zu dem Mädchen, das ihn mit 
schmeichlerischen Worten lockt, mit nach Uruk zu kommen, wo 
Gilgames „wie ein Wildstier mächtig waltet über das Volk". 
Ihre Rede gefällt ihm; sich selbst erkennend, sucht er einen 
Freund. Und nun malt er sich aus, wie er in die Stadt ein- 
ziehen und den Gilgames zum Kampfe herausfordern werde ^. 

Engidu begibt sich darauf mit der Dirne nach Uruk'^ 
Beide gehen in den Tempel der Istar und feiern dort ein Fest. 
Das Mädchen bekleidet ihn mit einem Gewände aus der Schatz- 
kammer des Heiligtums ^ und gibt ihm Speise und Wein vom 
Altartisch. Als sie ihn so ausgestattet hat, ist sie bereit, ihn zu 
Gilgames zu führen. Zuvor aber warnt sie ihn vor dem Könige, 
der von den Göttern mit klugem Verstände begabt und an Kraft 
ihm überlegen sei. Um Engidu noch mehr zurückzuhalten, er- 
zählt sie ihm^ die beiden Träume des Gilgames. Das erste 



1. So übersetzt Jensen direkt: „macht sein Verständnis breiter"; 
vgl. Taf. I V. 219 „machten weit seinen Verstand" (wörtlich „sein Ohr"). 
Auch im Hebräischen und Aramäischen ist 'j^':: — „hören" und „ver- 
stehen". Wenn der babylonische Gott Marduk mit einem großen Ohre 
dargestellt wird, so wird damit sein kluger Verstand angedeutet. 

2. So ist wohl 0. S. 12 v. 197 ff. zu verstehen; man beachte, wie 
Enj,'idu mit seiner Kraft prahlt und wie ihm nachher v. 215 Gilgames 
als der Stärkere von der Dirne gegenübergestellt wird. 

3. 8. 13 V. 203 ergänze ich: „Engidu und die [Hierodule gingen 
nachj dem umfriedifi^ten Uruk". 

4. Vgl. zu dieser Behauptung o. S. 20 v. 29 ff . „Speisen wie sie 
einer Gottheit zukommen", also wohl TempelsjxMsen. Festgewänder 
wurden bisweilen im Tempel aufbewalirt und den Teilnehmern geliehen 
oder gar auf königliche Veranlassung geschenkt, vgl. II Kön. 10, 22. 

5. Die Vermutung Ungnads (o. S. 15 zu v. 284), daß von v. 210 
bis 284 die Dirne rede, leuchtet ein. Sonst müßte v, 222 eine neue 



Erklärung. 2. Analyse des er« tun Teils. 89 

Mal ist ein Stern aus der liininilisehen lleerschar auf GilgameS 
gefallen. Vergebens sucht er ihn abzuscdiütteln, weil jeuer mäch- 
tiger ist als er. Da preßt sich Gilganieö auf ihn wie auf ein Weib und 
wirft ihn seiner Mutter zu FüUen K Auch das zweite Mal kämpft 
jemand gegen Gilgames und ganz Uruk; niemand kann ihn be- 
zwingen, bis der König sich auf ihn preßt wie auf ein Weib und 
ihn seiner Mutter zu Füßen wirft. Beide Träume, die mit der- 
selben Pointe schließen, haben vermutlich denselben Sinn gehabt*. 
Risat-Ninlil, die zu deuten versteht, legt ihrem Sohne nur den 
letzten Zug aus: Gilgames soll einen Genossen zum Freunde er- 
halten, der ihn retten werde aus jeder Gefahr. Die Träume be- 
ziehen sich demnach auf Engidu. Wenn man auch kein Recht 
hat, alle ihre Einzelheiten ^ für die Rekonstruktion des Zusammen- 
hanges zu verwerten, so erwartet man doch, in der Folge von 
einem Zweikampf zwischen Gilgames und Engidu zu hören, in 
dem jener Sieger bleibt. Denn Engidu hat ja die Absicht aus- 



Szene beginnen. Aber dann erheben sich zwei Schwierigkeiten ; denn 
erstens fehlt jeder Übergang von 221 zu 222, und zweitens ist schwer 
verständlich, wie v. 285 wieder von einer Rede an Engidu erzählt sein 
kann. Allerdings lassen sich gegen die Ergänzung üngnads von v. 285 
Bedenken geltend machen, da von einem Zusammentreffen der beiden 
Helden vielleicht erst in Taf. II berichtet war. Vermutlich liegt nur 
ein Schlußsatz vor: ,,[So] redet [die Dirne] zu Engidu; [Gilgames zu 
sehen, gehen] die beiden". 

1. Man könnte an eine Mehrzahl von Kriegern denken, da von 
einer „Heerschar Anus" die Rede ist. Aber vgl. S. 8 v. 85, wo Engidu 
eine ,, Heerschar Ninibs" genannt, und S. 9 v. 104, S. 10 v. 131, wo 
er mit einer „Heerschar Anus" verglichen wird. Der Dichter spielt 
absichtlich mit dem Epitheton und will, daß sich der Hörer des Traums 
sofort an Engidu erinnert. 

2. Auch im Alten Testamente werden die Träume und die ihnen 
verwandten Visionen oft verdoppelt, nach demselben Gesetz der Wieder- 
holung, das sich im Parallelismus raembrorum auswirkt; vgl. Gen. 37, 
7f. 9f.: 40, 9ff. 16ff.; Jerem. 1, llf. 13f.; Amos 7, 1 ff. 4ff.; 7, 7fif. und 
8, Iff. Ferner ist die allegorische Art der Auslegung in Israel wie in 
Babylonien die gleiche. Auch die L'nanschaulichkeit der Bilder findet 
sich hier wie dort: Kühe fressen Kühe auf, Ähren verschlingen Ähren, 
ein Stern kämpft mit Gilgames. Immerhin besteht die ,, Heerschar 
Anus" aus Sternengeln oder Sterngöttern, die als Krieger gedacht sind 
wie die Heerscharen Jahve Zebaoths. 

3. Wenn sich Gilgames auf seinen Gegner preßt „wie auf ein Weib", 
so bandelt es sich wohl um den bekannten Ringerkniff. Päderastie ist 
weder hier noch anderswo in dem gegenwärtigen Text des Epos ange- 
deutet. — Wenn Gilgames den Engidu seiner Mutter zu Füßen wirft, 
so bedeutet dieser Zug vielleicht, daß Engidu von ihr an Sohnes statt 
angenommen und so zum Adoptiv-Bruder des Gilgames gemacht werden 
sollte; vgl. die Bezeichnung der Freunde als „Brüder" (S. 34 v. 173) 
und die Bemerkung üngnads o. S. 78 f. unter „Nin-sun". 



90 • Das Gilgames-Epos. 

gesprochen , den König herauszufordern , und die Dirne erzählt 
diese Träume nur, wie es scheint, um ihren Schützling vor der 
sicheren Niederlage zu bewahren i. 

In der Tat berichtet ein Bruchstück, das wohl zur zweiten 
Tafel gehört, von einem Kampf der beiden Helden. Soweit 
man bei dem lückenhaften Zustand des Textes Vermutungen 
wagen darf, handelt es sich um dasselbe Fest, das bereits bei 
der Ankunft Engidus und der Dirne in Uruk begonnen hatte 
und das nunmehr mit dem feierlichen Zuge des Königs in den 
Tempel der Istar ^ seinen Höhepunkt erreicht. Dem Gilgames 
ist gleich einem Gotte im Heiligtum selbst das Ruhebett bereitet, 
wohl um die Vermählung mit der Göttin zu begehen •^. Alle 
Einwohner sind versammelt, sich das Schauspiel anzusehen. Auch 
die Dirne ist mit Engidu anwesend, ihm den König zu zeigen, 
von dem sie ihm so viel erzählt hat. Als dieser erscheint, läßt 
sich Engidu trotz der Warnungen nicht halten; er stellt sich vor 
dem Tor des Tempels* auf und versperrt dem Gilgames den Zu- 
gang. Es kommt zu einem gewaltigen Kampf, dessen einzelne 
Phasen nicht erhalten sind. Endlich gelingt es dem Gilgames, 
so darf man wohl nach dem Traum ergänzen, Engidu zu besiegen. 
Überliefert ist nur noch ^ die Schilderung der ohnmächtigen Wut, 
die Engidu zuletzt gepackt hat. Seine Augen füllen sich mit 
Tränen, seine Seiten lösen sich, seine Kräfte verlassen ihn. Durch 
diesen Triumph wird der König ebenso sehr verherrlicht wie sein 
Gegner. Wenn der Tiermensch allein eine ganze Stadt in 
Schrecken gesetzt hat, wahrlich, wie majestätisch muß dann der 
Zweidrittelgott sein, der ihn bändigt! So sind beide einander 
wert und schließen Freundschaft. 

Im folgenden ist der Zusammenhang noch ziemlich dunkel. 
Es scheint, daß schon bei dem oder bald nach dem ersten Zu- 
sammentreffen der beiden Helden von Humbaba gesprochen wird, 
der von Enlil bestimmt ist, den Zedernwald zu bewachen. Viel- 



1. Darum bin ich überzeugt, daß das Fragment X zu Taf. II ge- 
hört; s. 0. S. 15. 

2. Hier ISliara genannt. Ob die Göttin hettitischen Ursprungs 
ist, wie Eu. Meyior GA I 2 S. 475 behauptet, sei liior dahingestellt; 
jedenfalls war sie den Babyloniern schon zur Zeit der ersten Dynastie 
bekannt. 

3. Vf(l. u. zur l8tarc])isode. 

4. „Tor des Farailienhauscs" ist wohl Namo eines Tempeltores. 

5. Vf^l. S. 16 Kol. D. 



Erklärung. 2. Analyse des ersten Teils. 91 

leicht* hat der Sonnengott Öamas j)ersönlich oder durch einen 
Boten den Gilganies aufgefordert, zusaninieu mit seinem Freunde 
einen Zug zur Bekämpfung llumbabas zu unternehmen. Die Ab- 
sicht ist nicht nur, den Einwohnern von Uruk die heiß ersehnte 
Ivuhe vor der Bedrückung des Tyrannen zu verschaffen, sondern 
zugleich wohl auch, den Engidu mit den neuen Verhältnissen 
auszusöhnen. Denn im Anfang der dritten Tafel klagt Gilgaraes 
zunächst vor den Ältesten seines Volkes^, also vermutlich in 
öffentlicher Ratsversammluug, über den Kummer, den ihm der 
soeben gewonnene Freund bereitet. Nach einer Lücke im Text 
wendet sich der König an Engidu selbst und macht ihm köst- 
liche Verheißungen: „Ich will dir ein Prunkbett zum Schlafen 
und einen Ehrensitz zu meiner Linken ^ anweisen. Die Könige 
der Erde sollen deine Füße küssen und die Leute von Uruk dir 
dienen! Nach deinem Tode will ich selbst schmutzige Kleider 
zum Zeichen tiefster Trauer über dich anlegen." Aber Engidus 
Kummer ist noch nicht beschwichtigt. In der nächsten Szene 
verwünscht er die Dirne, die ihn auf Veranlassung des Jägers 
nach Uruk gebracht hat, mit einem furchtbaren Fluche. Als der 
Sonnengott oamas die Rede seines Mundes hört, ruft er ihm 
vom Himmel her die Wohltaten des Mädchens und die hohen 
Versprechungen seines königlichen Freundes ins Gedächtnis. Da 
beruhigt sich das grimmige Herz des Helden, doch, wie es scheint, 
nur auf kurze Zeit*. Denn in der Nacht quälen ihn schreckliche 
Träume^, die er am folgenden Morgen seinem Freunde erzählt. 
So weit der Text erhalten ist, wird Engidu als Toten vogel von 
einem Totendämon mit Adlerkrallen in die Unterwelt geführt. 



1. Vgl. S. 24 Kol. B V. 11. Das Fragment o auf S. 17 (unter F) 
möchte ich als ein Bruchstück der Kol. F von Taf. lY ansehen und 
demnach auf S. 26 vor v. 26 einreihen. 

2. Vgl. 0. S. 18 Kol. B. 

3. Vgl. 0. S. 18 V. 37 und S. 20 v. 37. Jensen übersetzt: „werde 
ich dich sitzen lassen auf ruhigem (?) Sitze, einem Sitze zur Linken". 
Wegen des Zusatzes „zur Linken" möchte ich diese Übersetzung von 
subtu der üngnads vorziehen, 

4. Die Verse 1—10 auf S. 20f. müssen sich, da ein Femininum 
angeredet wird, ebenfalls auf die Dirne beziehen; doch enthalten sie 
wohl keinen Fluch, sondern ein Segenswort. Wenn diese Vermutung 
richtig ist, würde Engidu demnach versuchen, an der Dirne wieder gut 
zu machen, was er vorher gefehlt hat. — Zu dem Ausdruck „Mutter 
von sieben" (Kindern) vgl. ISam. 2, 5; Jerem. 15, 9. 

5. Man beachte den Plural S. 21 v. 14; vermutlich waren auch 
hier, wie sonst, zwei Träume erzählt. 



92 Das Gilgames-Epos. 

Die Schilderung dessen, was er dort sieht, ist von besonderem 
Interesse für die babylonischen Vorstellungen vom Totenreich, 
aber es fehlt jetzt der Schluß und damit die Pointe, die uns über 
den Zusammenhang der Träume mit dem Verlauf der epischen 
Handlung Aufschluß geben könnte. Die mancherlei Vermutungen, 
die man vorgebracht hat, lassen sich nicht zur Wahrscheinlichkeit 
erheben. Mit dem Ende der dritten Tafel schließt, soweit man 
erkennen kann, der erste Teil. 

3. Die Freundschaft zwischen Oilgames und Engidu. 
Was hat der Dichter gewollt und wie hat er sein Ziel erreicht? 
Er will erzählen, wie zwei ebenbürtige Helden Freunde wurden. 
Da Engidu auf Veranlassung der Einwohner von Uruk eigens 
um des Gilgames willen geschaffen wird, so sollte man als das 
Nächstliegende erwarten, daß Aruru oder die Götter ihn einfach 
in die Stadt bringen oder dorthin schicken, vielleicht durch einen 
im Traum erteilten Befehl. Aber das grade Gegenteil geschieht. 
Denn während Gilgames als König im strahlenden Palaste weilt 
und alle Güter des Lebens genießen kann, haust Engidu auf 
freiem Felde, ja er ist sozusagen mit der Natur verwachsen. Wie 
sollte er Freundschaft schließen mit der Verkörperung höchster 
Kultur? Was soll dies Steppenwesen in der Stadt? Wozu 
braucht Engidu, der die Tiere zu seinen Gespielen hat, überhaupt 
einen menschlichen Freund? So stehen sich hier zwei gegensätz- 
liche, in ihrer Art durchaus individuelle Gestalten gegenüber, die 
eher von einander weg als auf einander zu streben. Um ein 
analoges Beispiel aus der griechischen Mythologie zu konstruieren: 
wie wenn ein griechischer Dichter einen Bocksatyr dem Herakles 
zum Freunde geben wollte! Es gelingt zwar dem Babylonier 
nicht übel, beide Gestalten zusammenzuführen. Aber da mau 
nicht annehmen kann, er habe das Problem absichtlich verwickelter 
gemacht, als für seinen Zweck unbedingt notwendig war, so folgt 
mit annähernder Wahrscheinlichkeit, daß Engidu ebenso wie Gil- 
game§ dem Erzähler bis zu einem gewissen Grade schon gegeben 
waren. Namentlich darf man vermuten, daß die Freundschaft 
beider und gemeinsame Abenteuer einer älteren Überlieferung 
entlehnt sind. Diese Hypothese läßt sich durch andere Gründe 
noch erhärten. 

In Gilgames schlummert eine unbändige Kraft. Er selbst 
bedarf weder bei Tag noch bei Nacht der Ruhe, und darum schont 



Erklärung. 3. Die Freundschaft zwischen Gilgames und Engidu. 93 

er auch seine Untertanen niclit, sondern zwingt sie anscheinend 
zu harter Fron bei Mauer- und Tempel hau. Mag auch Gil- 
ganies keine historische Gestalt gewesen sein, jedenfalls war es für 
die althabylonischen Könige ebenso wie für die ägyptischen und 
israelitischen Herrscher typisch, den Ruhm ihrer Dynastie durch 
glänzende Prunkbauten zu erhöhen. Man begreift daher sehr 
wohl, wie der Dichter dies Motiv ^ auf Gilgames übertragen 
konnte. Aber er hat es in auffallender Weise verwertet. Denn 
überall sonst erzählt man von der Errichtung der Pyramiden, 
der Stadtmauern oder Heiligtümer, um den betreffenden König 
zu verherrlichen, und niemand denkt daran, daß diese Arbeiten 
eine ungeheure Belastung des Volkes bedeuten. Der Verfasser 
des Epos indessen legt grade hierauf den Nachdruck und beweist 
eben damit, daß er ein Dichter der „armen Leute" ist, die kein 
inneres Interesse am Heldentum haben. In der ursprünglichen 
Überlieferung waren wohl, wie noch heute im zweiten Teil der 
Dichtung, die kriegerischen Abenteuer die Hauptsache. Ein Tier- 
mensch und ein König, so mochte man sich erzählen, schlössen 
Freundschaft mit einander und zogen gemeinsam in den Kampf. 
Infolgedessen mußten sie natürlich die Stadt verlassen. Im Epos 
aber ist dieser älteren Tradition das Motiv des Mauerbaus und 
der Tyrannei hinzugefügt worden, um auf das Wehklagen der 
Einwohner von Uruk hin die Götter zu bestimmen, daß sie einen 
dem Gilgames ebenbürtigen Helden schaffen in der Absicht, mit 
diesem auch jenen aus der Stadt zu entfernen und dem Volke 
die verlorene Ruhe wieder zu geben. Der Dichter, der dem 
Kriege im innersten Herzen abhold ist und die Behaglichkeit vor- 
zieht, lebt demnach in einer Zeit relativ hoher Kultur, die in sich 
selbst volles Genüge findet. Die Epoche des Heldentums ist 
vorüber, das Zeitalter des Banausen hat begonnen. 

Während die Leute von Uruk unter der ihnen auferlegten 
Last zusammenbrechen, ist das unruhige Herz des Gilgames un- 
befriedigt von den Bauten, die schließlich von jedem Fürsten er- 
richtet werden können. Der Tatendrang treibt ihn zu Höherem. 
Ein moderner Dichter würde nun seinen Seelenzustand ausmalen, 
wie zunächst unbewußt, allmählich jedoch immer bewußter die 
Sehnsucht nach einem Genossen in ihm erwacht, mit dem er ge- 

1. Unter ,, Motiv" verstehe ich die kleinste literarische Einheit. 



94 Das Gilgames-Epos. 

meinsam allerlei Abenteuer bestehen und Gefahren auf sich nehmen 
kann. Denn neben den Bauten ist Kampf und Sieg das Königs- 
ideal jener Tage. Der antike Dichter aber stellt den subjektiven 
Vorgang objektiv dar: Träume, von der Gottheit geschickt, 
regen seine Wünsche an und verheißen zugleich Erfüllung. So 
wird beim Könige die Erkenntnis dessen, was ihm fehlt, von 
außen her geweckt. Die Götter durchschauen zuerst, was ihm 
frommt, aber auch sie bedürfen des Anstoßes durch das Weh- 
klagen der Einwohner von Uruk. Die Menschen wissen nur zu 
seufzen, während die klügeren Götter sofort zur Hülfe bereit 
sind und den Grund des Übels beseitigen. 

Anders wird das Erwachen der Sehnsucht bei Engidu ge- 
schildert, dessen Persönlichkeit freilich auch eine völlig anders- 
artige ist. Er ist am ganzen Leibe mit Haaren bewachsen, sieht 
also aus wie ein Tier und lebt auch demgemäß: er haust mit 
dem Vieh zusammen, frißt mit ihm Kraut auf dem Felde, säuft 
mit ihm Wasser aus der Tränke, und freut sich mit dem „Ge- 
wimmel des Wassers", d. h. mit Fröschen, Störchen, Schlangen. 
In einigen Märchen begegnet uns die ähnliche Gestalt eines 
Mannes, der „über und über mit Haaren bedeckt ist, fast wie ein 
unvernünftiges Tier"; dieser Tiermensch wird gefangen, in den 
Käfig gesperrt und meist wider den Willen des Königs freigelassen i. 
Nach Jensen 2 „stellt sich das Auftreten des Jägers als so un- 
motiviert wie nur möglich dar .... Aber wenn das Epos vom 
Himmel abgelesen ist, .... dann erklärt sich das Erscheinen des 
Jägers sofort: Am Himmel erscheint nach dem, dem Eahani 
(= Engidu) entsprechenden, Widder der gar nicht zu übersehende 
rote Jagd- und Pfeilstern, die Manifestation des Jagdgottes, in 
dem prachtvollen Sternbild des Orion" — nur leider ohne die 
Dirne! Doch wozu diese astronomische Deutung, wenn etwas 
völlig verständlich ist? Oder ist nicht, Tiere und Tiermenschen 
zu fangen, naturgemäß Sache der Jäger? Wie sich die primitive 
Phantasie diese Tiermenschen gedacht hat, lehrt ein Grimm'sches 
Märchen, das sich besonders nahe mit der Szene des babylonischen 
Epos berührt und sie zu erklären geeignet ist: Einst ging ein 

1. V^l. Elisabet Sklarek: Unj^arische Volksmärchen. Leipzig 
1901. S. 130 ff. Die Lebende von Joh. Chrysostonius bei Richard Benz: 
Logenden. Jena 11)10. 8. H2fT. Die Fürsten von Riidolstadt führen 
ihren Stammbaum auf einen solchen Waldmenschen zurück. 

2. GE S. 109 f. 



Erklärung. 3. Dio Freundschaft zwischen Gilgaraes und Engidu. 95 

„wilder Mann" bei den Bauern in den Garten und ins Korn und 
machte alles zu schänden. Der Gutsherr rief die Jäger zusammen, 
das „Tier" zu fangen. Der klügste unter ihnen ließ sich drei 
Flaschen Branntwein, Wein und Bier geben und setzte sie ans 
Wasser, wo sich das Tier alle Tage wusch. Dort verbarg er sich 
hinter einem Baum. Als das Wesen trunken war, wurde es ge- 
fangen und gefesselt. Um es aber zum Gehen zu bewegen, mußte 
es geweckt und mußte ihm noch mehr Alkohol versprochen werdend 
Während also hier der Alkohol als Lockmittel dient, durch das 
der Tiermensch bezwungen wird, läßt der Dichter des Gilgames- 
Epos, ähnlich einer indischen Sage^, die lockenden Reize einer 
Dirne spielen. Die List geht nicht vom Jäger aus 3, sondern von 
seinem Vater, der durch jahrelange Erfahrung schlauer ist als der 
Sohn. Bei dieser Gelegenheit hört Gilgames, der die Dirne aus 
Uruk entlassen muß, zum ersten Mal von dem seltsamen Engidu, 
ohne zu ahnen, daß dieser Tiermensch hernach sein Freund 
werden soll. 

Engidu ist zwar zum Menschen geworden *, aber seine ur- 
sprünglich tierische Herkunft ist noch unverkennbar. Er ist am 
ganzen Körper behaart, und das Haupthaar wallt üppig wie die 
Locken eines Weibes. Die Tierfelle, mit denen er bekleidet ist, 
sind wohl erst ein späterer Ersatz für das einst angewachsene 
Fell. Er streift über die Felder, frißt Kraut und säuft aus der 
Tränke, er jagt mit den Gazellen und freut sich mit Schlangen, 
Störchen, Fröschen, Wasservögeln, er ist ein Freund und Be- 
schützer des Wildes, schreckt den Jäger und treibt allerlei 
Schabernack. Bei dem Naturmenschen tritt wie bei dem Tier 



1. J. Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Bd. II (1815). Nr. 50. 
Weitere Parallelen bei Kelnhold Köhler: Kleinere Schriften. Weimar 
1898. Bd. I. 8. 333 Anm. 1. 

2. Vgl. Lüders: Die Sage von Rsyasrüga (Nachr. d. Gott. Ges. d. 
Wiss. Philol.-Hist. Kl. 1897 S. 87 ff.; den Hinweis hierauf verdanke ich 
Herrn Professor Edv. Lehäiaxn-B erlin). Als es einst im Lande des 
Königs nicht regnet, wird ihm der Eat gegeben, den Rs. zu holen, „der 
im Walde wohnt, die Weiber nicht kennt und sich am Kechten freut". 
Eine Hetäre erhält den Auftrag, ihn herbeizuschaffen. Es gelingt ihr, 
ihn zur Liebe zu reizen und in die Eesidenz zu bringen. 

3. Auch nicht von Gilgames, wie Schneider (LSSt. S. 60) ungenau 
behauptet. 

4. Ob er einem Gotte an „Schönheit" verglichen wird, ist wohl 
trotz S. 12 V. 184 zweifelhaft. Vielleicht ergänzt man besser: „[Stark] 
bist du, Engidu". 



96 Das Gilgames-Epos. 

neben der Gefräßigkeit i besonders der Geschlechtstrieb ^ hervor. 
In der Zeit der Brunst offenbaren sie Leidenschaft, Temperament, 
Charakter. So ist Engidu ein Tiermensch, den man vielleicht mit 
den Vegetationsdämonen zusammenstellen darf^, den Satyrn 
und Silenen des griechischen, den Faunen des römischen, den 
Kornböcken und Kornvvölfen des germanischen Volksglaubens, 
da ja auch sie im letzten Grunde nichts anderes sind als Tiere 
und demgemäß fast nichts anderes tun als fressen und sich be- 
gatten^. Die israelitische Literatur kennt bocksgestaltige Dä- 
monen, die auf dem Felde verehrt werden ^, und daher macht es 
keine Schwierigkeit, die überall in der Welt vorhandene Idee der 
Satyrn auch bei den Babyloniern vorauszusetzen, wenngleich man 
schwerlich ein Recht hat, die oft auf Siegelzylindern dargestellten 
stierleibigen Dämonen mit menschlichem Oberkörper als Bilder 
Engidus aufzufassen ^. Das Epos strebt zwar nach Vermensch- 

1. Die Gefräßigkeit ist bei Engidu nicht so stark betont wie bei 
seiner alttestamentlicben Parallelgestalt, bei Esau; vgl. ZATW 1910 
S. 22, besonders Anm. 3. 

2. Grade hier ist das tierische Wesen Engidus besonders deutlich; 
denn er verkehrt mit der Dirne, wie sich die Tiere zu begatten pflegen, 
s. 0. S. 11 V. 166. 171 und beachte die Anm. dazu! 

3. Ähnliche Vermutungen haben aufgestellt Jensen KB VI S. 423: 
,, Vermutlich ein Gott der tierischen Fruchtbarkeit oder ein Feld- und 
Flurengott", vgl. GE. S. 81. Auch Zimmern KAT=^ S. 568: „Ursprüng- 
lich ist demnach Eabani wohl als ein Flurengott zu denken". Ferner 
Schneider LSSt. S. 63, nach dem Engidu Züge des Sonnen- und des 
Vegetationsgottes trägt. Seinen weitgehenden Hypothesen vermag ich 
nicht beizustimmen, da namentlich nicht feststeht, daß Engidu ursprüng- 
lich ein Gott war. Das Gottesdeterminativ allein beweist nichts. 

4. Es ist mißverständlich, wenn Wundt in seiner Völkerpsychologie 
II 2 S. 412 von Naturgeistern redet, ,, deren Eigenschaften deutlich auf 
die in der Natur sich regenden Zeugungstriebe hinweisen, als deren 
mythologische Verkörperungen sie erscheinen". Das ist zu modern ge- 
dacht oder wenigstens ausgedrückt; bei primitiven Menschen darf man 
von „Personifikationen" oder „Verkörperungen" überhaupt kaum reden. 
Für die Vegetationsdämonen gilt gewiß dasselbe, was Wundt kurz 
vorher von den Eiben, Kobolden und Zwergen treffend ausführt: Sie 
verdanken ihre ursprüngliche Entstehung dem Spiel der Phantasie; 
diese bevölkert die Natur, der jeweilig von ihr angeregten Stimmung 
entsprechend, mit allerlei phantastischen Tiergestalten und legt ihnen 
die charakteristischen Eigenschaften der Tiere, vor allem die Geilheit, 
bei. Im übrigen aber ist für diese Naturgeister nur der Ort bezeich- 
nend, an dem sie sich aufhalten. Später wird dann den Vogetations- 
dämonen (im Unterschied von den Zwergen, Kobolden, Eiben) eine Tätig- 
keit zugeschrieben, die sie in unmittelbare Beziehung zur Vegetation 
setzt: Fortan hausen sie nicht nur im (ietreide, sondern sie veranlassen 
auch sein Wachstum oder seine Dürre. 

5. Vjrl. Lcv. 17, 5-7. 

6. Vgl. TB II Abb. 222 f. Noch weniger begründet erscheint mir 



Erklärung. 3. Die Freundschaft zwischen Gilgameä und Eugidu. 97 

lichung der Hauptpersonen und hat sie auch im allgemeinen er- 
reicht, läßt aber die einstige Tiergestalt noch in einzelnen Zügen 
durchblicken. „Die tierischen Attribute blieben am dauerndsten 
jenen dämonischen Wesen bewahrt, die mit Wald und Feld 
und Wiese in unmittelbarer Beziehung stehen .... die Satyrn, 
die Silene, der Pan"i. Die Annahme, daß Eugidu ursprünglich 
eine solche naturmythologische Gestalt war, ist demnach möglich, 
aber durchaus nicht notwendig, da Tiermenschen wie Vegetations- 
dämonen derselben Wurzel der Phantasie entsprossen sind und 
sich zu parallelen Stammbäumen entwickelt haben 2. 

Weil Engidu ein Tier ist, begreift man, daß das Geschöpf 
Arurus nicht unmittelbar zu Gilgames geführt wird, sondern zuvor 
auf freiem Felde mit dem Vieh zusammen leben muß. Mit 
größerer Sicherheit läßt sich jetzt die schon aufgeworfene Frage 
entscheiden, wie weit der Dichter des ersten Teils von überlieferten 
Stoffen abhängig gewesen ist. Schwerlich, so darf man sagen, 
würde in einem Kulturvolk ein Wesen wie Engidu zum Partner 
eines Königs gemacht worden sein, den man verherrlichen wollte, 
wenn nicht die Tatsache der Freundschaft in der Tradition bereits 
feststand. Nur als ebenbürtiger Gegner wäre er willkommen ge- 
wesen; er wird ja auch anfänglich einem wilden Raubtier gleich 
behandelt. Die Figur muß aus einer Zeit stammen, wo die Götter 
noch tiergestaltig gedacht wurden und wo auch die Menschen 
selbst noch als Nomaden in der Steppe schweiften, wo jedenfalls 
der Unterschied zwischen Mensch und Tier noch nicht als un- 
überbrückbar galt. Historisch betrachtet, ist Engidu eine weit 
ältere Figur als der König Gilgames, der nur in einem 
Kulturlande möglich ist, w^enngleich Engidu im Epos als der 
jüngere Bruder des Gilgames erscheint. Das Motiv der Freund- 



\ 



die Identifikation der nackten Figuren, die auf denselben Siegelzylindern 
oder auf anderen wie dem Siegel Sargons (vgl, Schneider LSSt Abb. 
S. 43) vorkommen, mit Gilgames. Die Schlüsse, die zuerst Ed. Meyer: 
Sumerier und Semiten S. 48 f. (vgl. GA I 2 S. 431 f.), dann viel weiter 
gehend Schneider LSSt. S. 42 fF. aus diesen bildlichen Darstellungen 
für die Urgestalt des Gilgames-Epos gezogen haben, sind zwar sehr 
interessant, aber schwerlich stichhaltig. Es fehlen Beweise, und darum 
ist eine Auseinandersetzung fruchtlos. Vgl. H. Prinz: Astralsymbole 
im altbabylonischen Kulturkreise (Habilitationsschrift Breslau) 1910 
S. 44 Anm. 2. 

1. Wundt: Völkerpsychologie II 2 S. 285 f. 

2. Zu den Tiermenschen vgl. auch L. Uhland in den Anmerkungen 
zu den „Volksliedern" ^ Cotta. Bd. III S. 42 fF. 

Forschungen 14 : Gilg.-Epos. 7 



98 Das Gilgames-Epos. 

Schaft war gegeben, aber die nähere Ausführung blieb dem 
Dichter vorbehalten. 

Er hat nun die Aufgabe, jenes Naturwesen in einen Kultur- 
menschen zu verwandeln und die Sehnsucht nach einem Freunde 
in ihm zu erwecken, auf seine Art glänzend gelöst. Ein mensch- 
liches Weib^ entflammt die Liebesleidenschaft Engidus. Sechs 
Tage und sieben Nächte kostet er den Keiz bis auf die Neige 
aus, sodaß er seine bisherigen Freunde völlig vernachlässigt. Als 
er, des Weibes überdrüssig, zu ihnen zurückkehren will, wollen 
sie nichts mehr mit ihm zu tun haben, betrachten ihn nicht mehr 
als einen der Ihrigen. Sein Wesen hat sich verändert, aber er ist 
durch den geschlechtlichen Verkehr mit dem Mädchen nicht etwa 
gesunken, wie man nach modernen Begriffen meinen könnte, als ob 
die Tiere sich angeekelt von ihm wegwendeten, sondern er ist im 
Gegenteil auf eine höhere Stufe gehoben. Der denkende Mensch 
in ihm ist erwacht; das geschlechtliche Leben hat das Naturhafte 
von ihm abgestreift und den Erkenntnisdrang gelöst. Die Funk- 
tion des sexuellen und des intellektuellen Triebes wird 
im Semitischen mit demselben Verb um „erkennen" bezeichnet, 
und ausdrücklich weist die Dichtung an dieser Stelle auf die 
Erweckung des Verstandes hin, die sich zunächst im Nachdenken 
über sich selbst äußert. Die Freunde, die Engidu in den Tieren 
besaß, hat er verloren. Aber die Liebe zum Weibe, das ihn nur 
sinnlich reizt, kann ihm die Freundschaft jener nicht ersetzen. 
So überfällt ihn ein Gefühl der Traurigkeit darüber, daß er ein- 
sam ist. Auf dem Boden der Einsamkeit wächst die Blume der 
Sehnsucht. Kundig seiner selbst, beseelt ihn nur noch der Wunsch, 
einen Freund zu haben, einen, mit dem er alles teilen kann. 
Wieder wird das Subjektive objektiv dargestellt: Was er selbst 
empfindet, kleidet das Mädchen in Worte. 

Den modernen Menschen muten diese Gedankengänge seltsam 
an. Durch das Christentum ist der Geschlechtsakt zum Sünden- 
fall geworden, im Anschluß an die Auslegung von Gen. 2 f. Und 
doch ist dort wenigstens insofern eine Parallele vorhanden, als dort 
genau so wie im Gilgames-Epos das Erwachen der menschlichen Er- 



1. Das Weib ist zwar eine Dirne, die kIcIi im Dienst der Istar 
prostituiert. Aber ihr Beruf wird nicht veraclitet, sondern gilt im 
Gegenteil als heilig. Daher wird auch die Dirne „die Geweihte'* 
(= Kedesche) genannt. 



Erklärung. 3. Die Freundschaft zwischen Gilgameä und Engidu. 99 

kenntnis mit dem Erwachen des Geschlechtstriebes verbunden er- 
scheint'. Die enge Verknüpfung stammt wohl aus der Beobachtung, 
<laU im Leben des orientalischen Kindes die beiden Funktionen 
ungefähr zu gleicher Zeit beginnen. Das Sexuelle hebt also den 
Menschen empor, weil es ihn (nach dem hier falsch angewendeten 
Kausalitätsprinzip) zu einem denkenden Wesen macht. Wenn 
Engidu, der Tiermensch, mit einem menschlichen Weibe verkehrt, 
so könnte man auch auf die Märchen von der „Meermaid" ^ 
verweisen, in denen derselbe Gedanke, nur mit vertauschtem Ge- 
schlecht, zum Ausdruck kommt: Wenn die Nixe, das Fisch- Weib, 
nach sexuellem Verkehr Verlangen hat, dann geht sie nicht zu 
ihresgleichen, sondern zum Menschen und lebt meist in der mensch- 
lichen Kultur, als ob nur so das wahre Glück zu finden sei. 

Im Grunde variiert der Dichter dasselbe Thema, das der 
israelitische Erzähler der Paradiesgeschichte behandelt hat, das 
Thema von dem „Gehülfen" des Mannes, der ihm ebenbürtig 
sei. Dort schafl^t Jahve zunächst die Tiere in der stillen Hoffnung, 
durch sie die Sehnsucht des „Menschen" befriedigen zu können. 
Es lag also auch dem alten Israeliten der Gedanke gar nicht so 
fern, daß die Tiere vielleicht dem Manne als Genossen genügen 
könnten. Solange das Tier dem „Menschen" näher stand als 
das Weib, solange man das Tier als ein übermenschliches Wesen 
wertete, konnte es auch als Freund gelten, wie ja noch mancher 
Märchenheld Löwen, Bären und W^ölfe zu Reisegefährten hat. 
Aber der israelitische Erzähler steht schon eine Stufe höher; nach 
ihm findet Adam keinen Ebenbürtigen unter den Tieren. Da 
bildet Gott das W^eib aus der Rippe des Mannes, und freudig 
begrüßt es dieser als seine Ergänzung. Das ist eine für den 
Orient und auch für Israel verhältnismäßig hohe Einschätzung 
des Weibes, die wohl mit der freieren Stellung der Frau im 

1. Man könnte auf den Unterschied aufmerksam machen: "Weil die 
Menschen vom Baum der Erkenntnis gegessen und zauberhaftes Wissen 
gewonnen haben, darum erkennen sie den Geschlechtsunterschied, ver- 
kehren mit einander und zeugen Kinder, wie wahrscheinlich ursprüng- 
lich in Gen. 2 f. erzählt wurde: vgl. AK 10, 354. Im Gilgames-Epos 
hingegen lautet der Satz umgekehrt: Weil Engidu geschlechtlich ver- 
kehrt hat, darum hat er Erkenntnis gewonnen. Aber charakteristisch 
ist doch in beiden Fällen, daß Erkenntnis und Geschlechtsverkehr aufs 
engste zusammenhängen. 

2. Ygl. FiiiEDRicH Kreutzwald: Ehstnische Märchen. Halle 1869 
S. 212 ff. Moderne Bearbeitungen bei H. C. Andersen, de la Motte 
FOUQUE u. A. 



100 Das Gilgames-Epos. 

israelitischen Volksleben zusammenhängt. Der babylonische Dichter 
denkt anders darüber. Mag auch für ihn die Frau mehr bedeuten 
als ein Tier, so kommt sie doch als Freund nicht in Betracht. 
Im Orient läßt sich eine solche Anschauung wohl begreifen, wenn- 
gleich das Altertum die Frau nicht so hermetisch im Harem von 
jeder Bildung und jeder Teilnahme am öffentlichen Leben abschloß, 
wie es heute meist im Gebiete des Islams geschieht. Dort spielt 
darum auch heute noch die Männer-Freundschaft eine viel größere 
Rolle als bei uns. Wenn David i die Freundesliebe Jonathans 
wundersamer empfunden hat als Frauenliebe, so lehrt diese fast 
hypermodern klingende Gegenüberstellung, wie nahe ein solcher 
Vergleich dem antiken Menschen gelegen hat. Tierliebe, Frauen- 
liebe, Freundesliebe, das sind die drei Wegstrecken, die Engidu 
zurücklegen muß, um sich vom Naturwesen zum Kulturmenschen 
zu entwickeln. Indem er die Frau gewinnt, verliert er die Tiere; 
er ist fortan nicht mehr ihr Genosse, sondern ihr Herr^. Dieselbe 
Wandlung vollzieht sich im Verhältnis zum Weibe. Wo der Freund 
höher geachtet ist, kann die Frau nur die Dienerin des Mannes 
sein. In der Geschichte der Menschheit ist also die Freund- 
schaft eher gewürdigt worden als die Frauenliebe in ihrer tiefsten 
Bedeutung. Es hat lange gedauert, bis das Weib den Freund 
überflügelte. Das konnte naturgemäß erst dann geschehen , als 
man in der Frau nicht mehr nur das Weib, sondern auch den 
Freund sah, und als man die geistigen Vorzüge höher schätzen 
lernte als den körperlichen Reiz. So klingt schon hier im Ein- 
gang des Gilgames-Epos das Motiv an, das nachher noch lauter 
und öfter wiederholt wird: das hohe Lied der Freundschaft. 

In der Art, wie diese Freundschaft vorbereitet und begründet 
wird, unterscheidet sich das Epos vom Märchen. Aber das Prinzip 
ist dasselbe. Denn das Märchen, ebenso die Sage und später 
zum Teil noch die Geschichtserzählung, lieben die Paarung: zwei 
Königskinder, zwei Brüder, zwei Feinde, zwei Freunde. Dies 
Paarungsmotiv, das uns aus dem Alten Testamente geläufig 



1. Vgl. llSam. 1, 2ß. 

2. Natürlich nur im Prinzip, da ja tatsächlich die Tiere vor Engidu 
fliehen. Man hat trcflVjnd auf den Unterschied von Gen.2f. und (Jen. 1 
hingewiesen: Dort, in der älteren Erzählung, wird mit der Möf^lichkeit 
gerechnet, daß die Tiere dem Menschen CJehüircn sein könnton. Hier 
dagegen, in der jüngeren Erzählung, wird der Mensch zum Herrn der 
Tiere eingesetzt. 



Erklärung. 4. Menschenschöpfnng. 101 

ist^ war auch der griechischen und germanischen Hehlensage 
heknnnt*, und entspricht überhaupt, wie seine weite Verbreitung 
bezeugt, einem Stilgesetz aller primitiven Literatur, das mit den 
Dioskuren oder irgend welchen Himmelserscheinungen nicht das 
mindeste zu tun hat^. Es beruht vielmehr auf der einfachsten 
poetit^chen Forderung nach Leben, Farbe, Kontrast, Abwechslung. 
Zur Handlung gehören immer zwei, und von da aus mag sich 
die Zweizahl auch in den Fällen festgesetzt haben, wo an sich 
Einer genügen würde und wo nun beide Personen dieselbe Rolle 
spielen. Bei der Freundschaft ist die Zweizahl um so eher be- 
greiflich, als der Mensch nur einen Freund zu haben pflegt. Die 
noch heute bei den Albanesen ^ herrschende Sitte eines Freund- 
schaftsbundes zweier Männer auf Leben und Tod darf unter 
primitiven Verhältnissen fast überall angenommen werden und 
mag die Dichter mit beeinflußt haben ♦''. 

4. MeilSChenscllÖpfung. Aruru ist die Schöpfergöttin. 
Die Technik ihres Schaffens ^ ist dem Beruf des Töpfers 
abgelauscht. Wenn der ein Tonbild formen will, wäscht er nicht 
nur die Hände, sondern läßt auch Wasser herbeibringen, um den 
trockenen Lehm anzufeuchten '. Darauf kneift er sich ein Stück 
davon ab, knetet es und gibt ihm die gewünschte Gestalt. Nicht 
ganz so plastisch, aber sachlich identisch ist die ErschaflTung des 
ersten Menschen durch Jahve nach dem israelitischen Mythos: 
„Da bildete Jahve Gott den Menschen aus Lehmerde" ^. Das 
im Hebräischen verwendete Verbum ist der Terminus technicus 
für das berufsmäßige Formen des Töpfers ^. In Ägypten war 



1. Abel und Kain, Abraham und Lot, Isaak und Ismael, Jakob 
und Esau, Mose und Aaron, David und Jonathan. 

2. Kastor und Polydeukes, Achilleus und Patroklos, Eteokles und 
Polyneikes, Atreus und Thyestes. Hagen und Gunter u. s. w. 

3. Vgl. Wundt: Völkerpsychologie II 3 S. 276 fe. 

4. Vgl. Hahn: Albanesische Studien I S. 168. 

5. Die These, daß ein Dioskurenmythus den Grundstock des 
Gilgames-Epos gebildet habe, wird besonders von Otto Weber: Die 
Literatur der Babylonier und Assyrer S. 91f. verfochten; doch vgl. auch 
ZimiERN KAT. S. 580. 

6. Vgl. 0. S. 8 V. 83 f. 

7. Vgl. die ägyptische Abbildung, wo Ziegelsteine aus Lehm geformt 
werden, TB II Abb. 253. 

8. Gen. 2, 7. ^zy bedeutet hier wie Lev. 14, 42. 45 nicht „Staub", 
sondern ,,Lehm". Vgl. Hiob 33, 6: „Von Ton bin auch ich abgekniffen". 

9. Über ähnliche griechische Vorstellungen vgl. Gruppe GrMuRG. 
S. 438 ff. 



102 Das Gilgames-Epos. 

dieselbe Idee verbreitet, wie zwar nicht aus Texten i, wohl aber 
aus Abbildungen ersichtlich ist: Im Tempel von Luxor ist dar- 
gestellt, wie der Gott Chnum Menschen auf der Töpferscheibe 
modelliert ''^, hauptsächlich wohl, um den Köpfen eine sanfte Run- 
dung zu verleihen. Der vorliegende Mythos ist demnach älter 
als die Erfindung der Töpferscheibe; die Vorstellungen, auf denen 
er beruht, waren aber, wenigstens in Ägypten, noch lebendig, als 
die Menschheit diesen technischen Fortschritt machte. Der Mythos 
konnte entstehen, weil man täglich vor Augen sah, wie der Töpfer 
seine menschlich gestalteten Tonfiguren formte^. Diese Tonfiguren, 
die man bei den Ausgrabungen überall im Orient gefunden hat ^, 
reichen in eine uralte Zeit zurück und sind als die ersten An- 
fänge einer äußerst primitiven Kunst zu werten, wie die rohen 
Züge, das Fehlen des Mundes oder der noch schwerer zu model- 
lierenden Ohren und andere Einzelheiten unwiderleglich lehrend 
Die Entwicklung der Technik hat auf den Mythos ein- 
gewirkt und neue, höhere Vorstellungen vom göttlichen Schaffen 
hervorgerufen 6. Dem jeweiligen Stande der Zivilisation entsprechend 



1. Doch vgl. Kanke TB I S. 180 f. 

2. Vgl. TB II Abb. 218. 

3. Vgl. Gunkel: Genesis^ S. 6. 

4. Vgl. TB II A.bb. 187 u. a Die Auffassung dieser Statuetten als 
Götterbilder ist nach den Funden in Kreta nicht von der Hand zu 
weisen; vgl. Karo AE VII S. 131. 

5. Die Töpferei darf wohl überhaupt für das älteste Kunsthand- 
werk im Orient erklärt werden (jedenfalls nicht die Scbmiedekunst, die 
nach Richard M. Meyer AGRG. S. 13 das älteste Kunsthandwerk der 
Männer auf germanischem Boden war). Im modernen Orient wird die 
gewöhnliche Töpferarbeit auf dem Lande von Frauen besorgt, für den 
alten Orient aber ist diese Sitte bisher nicht belegt. Wenn Aruru, 
Istar und andere Gottheiten als „Töpferinnen" bezeichnet werden (vgl. 
Jensen: Kosmologie S. 293 f.; KB VI S. 544 f), so ist dies Epitheton 
demnach wohl nicht aus dem Töpferberuf direkt, sondern aus den 
anthropogonischen Mythen abzuleiten. Weibliche Gottheiten bevorzugte 
man als Schöpfergottheiten violleicht deshalb, weil sie Geburtsgottheiten 
waren und weil Schöpfung und Geburt dem antiken Menschen als ver- 
wandte Begriffe galten. 

6. Für uns ist manches noch völlig undurchsichtig, vielleicht des- 
halb, weil die ursprüngliche Klarheit durch Ideenvermischung verworren 
wurde. Die mythischen Anschauungen liaben, wie man oft boohachten 
kann, eine magnetische Kraft besessen, durch die verwandte Motive 
angezogen wurden. Namentlicli sclieinen die Vorstellungen von Schöpfung 
und Zeugung miteinander vermengt zu sein (vgl. die vorige Anra.). — 
Sehr fraglich ist, ob man ein Kecht hat, in Jerom. 2, 27 einen anthro- 
pogonischen Mythos zu linden: ,,Sie sagen zum Holze: Mein Vater bist 
du, und zum Stein: Du hast mich geboren". Violleicht bekämpft und 
ironisiert der Prophet hier nur die religiöse Vorstellung: ,,Wir sind 



Erkläruug. 4. Menschenschöpfung. 103 

hat (lor hinunlische Künstler seine Gestalten aus Lehm geknetet, 
MUS Holz geschnitzt 1, aus Stein gemeißelt^ oder aus Metall ge- 
trieben^. Gewiß sind auch die geographischen Unterschiede nicht 
ohne Einfluß geblieben. Denn das Handwerk des Tischlers ist 
nur in einem holzreichen Lande denkbar, während das des Erz- 
schmieds erst erblühen kann, wenn der Bau von Bergwerken oder 



Kinder der Gottheit, von ihr gezeugt''. Jeremia will sagen: ,.Ihr müßtet 
dann von Holz und Stein abstammen, da eure Götter(bilder) ja aus 
Holz und Stein bestehen!" Doch vgl. die Parallelen bei Richard M. 
Meyer AGRG. S. 445 f. — Mit mehr Recht darf man auf Jes. 51, 1 
verweisen (vgl. Ed. Meyer: Die Israeliten und ihre Nachbarstämme 
S. 284): ,, Blickt auf den Felsen, aus dem ihr gehauen seid, und auf den 
Brunnenschwengel (?), aus dem ihr gehöhlt seid". Auf denselben Mythos 
scheint Matth. 3, 9 anzuspielen, wonach Gott dem Abraham aus Steinen 
Kinder ,, erweckte". Von einer Katastrophe zur Zeit Abrahams weiß 
auch Gen. 19, 31 (vgl. dazu Gunkel: Genesis'^ S. 219). Schwanken kann 
man, ob hier eine Schöpfung aus Stein und Holz (ein Herausgeraeißelt- 
werden aus dem Felsen und Aushöhlen aus dem hölzernen Brunnen- 
schwen^el) oder ein Hervorgehen aus den Tiefen der Erde (aus der 
Felshöhle und dem Brunnenschacht) vorausgesetzt wird oder ob beide 
Ideen mit einander vermengt sind. Eine Parallele aus dem modernen 
Orient bei W. Ron. Smith: Die Rel. der Semiten S. 62. 

1. Im 7. Buche des Somadeva wird von einer Stadt erzählt, deren 
Bewohner aus Holz geschnitzte bewegliche Figuren sind (Brockhaus 
in den Abb. d. kgl. sächs. Akad. d. Wiss. Leipzig. Phil. Hist. Kl. 13. 
S. 244). Nach von der Leyex (Indische Märchen S. 145f.) schnitzt sich 
ein Jüngling ein Mädchen aus Holz, ein zweiter bemalt sie, ein dritter 
verbessert sie und macht sie einer Frau ähnlich, ein vierter beseelt sie; 
so wird sie ein schönes Weib. Dies Märchen erinnert an den Mythos 
von der ,, Schöpfung" der ersten Menschen in der Edda (vgl. dazu 
VON der Leyen: Deutsches Sagenbuch I S. 74 ff.), richtiger sollte es 
heißen von der ,, Beseelung". Denn eigenartig genug finden die Äsen 
Ask und Embla (Esche und Ulme?) ,,am Meerstrand auf freiem Felde". 
Die ersten Menschen scheinen also bereits fertig zu sein; nur das ihnen 
noch fehlende Leben erhalten sie von den Göttern. — Wie sich das 
Schnitzen der Menschen aus Holz zu ihrem Hervorwachsen aus Bäumen 
verhält, bleibe dahingestellt; nur die Frage sei erlaubt, ob nicht zur 
Entstehung der letzten Idee auch Bilder beigetragen haben? Götter 
werden oft dargestellt, wie sie mit ihrem Oberkörper aus einem Baum- 
stumpf hervorzuwachsen scheinen ; vgl. z. B. Abb. 135 in TB IL 

2. Hierher gehören wohl die Mythen (wie der Deukalion-Mythos), 
die von der „Entstehung" der Menschen aus Steinen sprechen. Sie sind 
allerdings verdunkelt und mit anderen zauberhaften Motiven verbunden; 
vgl. die vorletzte Anm. und Richard M. Meyer AGRG. S. 445 f. 

3. Goldene und silberne Hunde, die ,,Hephaistos gebildet mit 
kundigem Geist der Erfindung" und goldene Jünglinge kennt die Odyssee 
(7? 83 ff.) im Palast des Alkinoos. Vgl. ferner ein finnisches Märchen bei 
JE^oiY Schreck. Weimar 1887. S. 9: Als dem Schmiede Ilmarinen das 
Leben ohne Weib zu einsam ward, da begann er, aus Kupfer ein Weib 
sich zu schmieden. Er sang ein Zauberlied, und es entstand ein 
Menschenbildnis. Er sang ein zweites Lied, und es kam Leben in das 
Herz des Weibes. 



104 Das Gilgaraes-Epos. 

die Einfuhr von Erzen begonnen hat. Die Ortsgebundenheit der 
Mythen und ihre Abhängigkeit von der Kultur zu verfolgen, ist 
mindestens ebenso reizvoll und notwendig wie die andere Auf- 
gabe, ihre Wanderungen über die Grenzen des Volkes hinaus 
aufzuspüren und die Verwandtschaft zeitloser Ideen aufzuzeigen. 

Die Figuren der Töpfer sind tot, wie die Statuen der Künstler, 
aus lebloser Materie gefertigt. Was die Menschengestalt vor ihnen 
voraus hat, ist das Leben. Wie wird das leblose Bild lebendig? 
Darauf werden mannigfache und doch parallele Antworten erteilt. 
Jahve blies den Odem seines Mundes Adam in die Nase, da 
wurde die Lehmfigur zu einem lebendigen Menschen ^. Zugrunde 
liegt der antike Glaube, wonach die Seele im Hauch des Mundes 
oder der Nase dem Körper des Sterbenden entströmt. Also muß 
es auch umgekehrt möglich sein, durch Einflößen des Atems in 
Mund oder Nase den Toten wieder lebendig zu machen. Freilich 
nicht jeder ist dazu im Stande, wohl aber Zauberer^, Dämonen 
und Götter. Später wird allerdings die ursprüngliche Idee des 
Hauchzaubers ^ von religiösen Anschauungen verdrängt und da- 
durch der Akzent verschoben. Tiefe Gedanken über den Ewig- 
keitswert jeder Menschenseele schließen sich an. 

Anders als Jahve handelt Aruru, die auf das Tonbild speit ^ 
und es dadurch zum Leben erweckt. Das Speien ist eine Pa- 
rallele zum Anblasen, auch der Speichel, der wie der Atem 
dem Munde entstammt, ist Träger der Seele, wieder anderswo der 
Schweißt Daher spucken bei primitiven Völkern Freunde ein- 
anders ins Gesicht; daher spuckten auch die Äsen und Wanen, 
nachdem sie Frieden gemacht hatten, in ein Gefäß und schufen 



1. Gen. 2, 7. 

2. Daß auch die Israeliten solche Zaubervorstellungen kannten, 
folgt aus II Kön. 4, 34 f. Vgl. Die Schriften des Alten Testaments in 
Auswahl II 1 S. 293. Babylonische Parallelen Daiches in OLZ 11 
Sp. 492 f. 

3. Vgl, WuNDT: Völkerpsychologie II 2 S. 53. 

4. Die Übersetzung ist allerdings fraglich, wird aber dadurch ge- 
rechtfertigt, daß sie einen guten Sinn ergibt, während die andere Mög- 
lichkeit (s. 0. S. 8 die Anm. zu v. 84) im Zusammenhang nicht recht 
verständlich ist. 

5. Vgl. allgemein Wundt, Völkerpsychologie II 2 S. 19. Zur 
Schöpfung aus Schweiß speziell Richard M. Meyer AGRG S. 454 und 
Bundahish 3, 19: „Bel'ore bis (Aharmans) Coming to Gäyömard, Afi- 
harmazd brought iorth a sweat upon Gäyömard, .... moreover, Au- 
harmazd formed that sweat into the youthful body of a man of fifteen 
years, radiant and tall". Statt „Schweiß" übersetzen Andere ,, Speichel". 



Erklüriiug. 4. Menschenschöpfung. 105 

aus dem kostbaren Gespei Kwasi*, den Weisesten der Weisen, 
weil ihm die Götter Soelenkraft verliehen hatten^. 

Eine dritte Möglichkeit, dem aus Lehm geformten Menschen 
eine Seele zu verschaffen, begegnet uns im Schö})fungs- Mythos, 
wenigstens in der Rezension, die von Berossos überliefert worden 
ist^. Danach ist der Mensch aus einer Vermischung der Erde 
mit Götterblut hervorgegangen. Denn im Blute sitzt die Seele, 
auf dem Blut beruht das Leben. Und dies rätselhafte Fer- 
ment, das mit der Geburt entsteht und mit dem Tode wieder 
vergeht, kann im letzten Grunde nur von den Göttern her- 
stammen. So rollt in unsern Adern Götterblut, so ist unsere 
Seele ein Gotteshauch. Daher vermag der Mensch zu atmen und 
„die Luft zu ertragen". Was ursprünglich* auch von den Tieren 
als belebten Wesen gilt, wird auf einer höheren Stufe, wo sich 
der Mensch nicht mehr den Tieren verwandt, sondern sich ihnen 
überlegen fühlt, zu einem charakteristischen Vorzug des Menschen. 
Er allein steht den Göttern nahe, weil er allein Vernunft besitzt, 
während den Tieren die Fähigkeit zu denken fehlt. Daher wird 
die Beimengung von Götterblut später auf die Bildung der Men- 
schen beschränkt: eben deshalb sind sie allein göttlicher Einsicht 
teilhaftig. Die beiden Varianten, die Eusebios unter dem Namen 
des Berossos überliefert, lehren demnach eine ganze Geschichte 
kennen und zeigen, wie sich ähnlich den Israeliten auch bei den 
Babyloniern die Wertung des Menschen im Laufe der Zeit zu 
seinen Gunsten gewandelt hat. 

Wie Adam nach dem Bilde Jahves, so wird Engidu, wie es 
scheint, nach dem Bilde Anus, des höchsten Gottes, geschaffen ^. 



1. Vgl. VON DER Leyen: Deutsches Sagenbuch I S. 65. 

2. Aus neutestamentliohen Wundererzählungen (Mark. 7,33; 8,22), 
aus antiken Nacbrihcten (Tacitus Hist. IV 81; Plinius Hist. nat. 
XXVIII 4) und geo^enwärtigen Volksbräuchen ist die belebende und Krank- 
heiten abwehrende Kraft des Speichels bekannt. 

3. Vgl. die Übersetzung Ungnads TB I S. 3 f. 

4. In dem bei Eusebios aufbewahrten Bericht des Berossos sind 
zwei Quellen vermischt. Nach der einen Variante befiehlt, der Bei ( = 
Marduk) einem andern Gotte, ihm den Kopf abzuschlagen, mit dem 
herabströmenden Blute die Erde zu vermengen und Menschen und Tiere 
zu bilden, die die Luft ertragen könnten. Nach der zweiten Variante 
schlägt der Bei sich selbst den Kopf ab; aus dem mit Erde vermengten 
Blute werden von den Göttern keine Tiere, sondern nur Menschen ge- 
schaffen, die vermöge ihrer Entstehung mit Vernunft begabt und gött- 
licher Einsicht teilhaftig seien. 

5. Vgl. 0. S. 8 V. 83. 



106 Das Gilgames-Epos. 

Wer sollte wohl dem Schöpfer Modell gestanden haben, wenn 
nicht er selbst oder eine andere Gottheit? Denn wie der irdische 
Töpfer seine Muster der menschlichen Umgebung entnimmt, so 
der himmlische Künstler der Götterwelt. Die Ebenbildlichkeit 
betrifft zunächst nur, wie bei Adam^, die äußere Erscheinung, 
den Körper, wenngleich man später auch die geistigen Kräfte mit 
einbezogen hat, wie ßerossos beweist. Falls nun Engidu von 
Hause aus ein Tier oder ein Tiermensch war, kann er nicht gut 
nach dem Bilde der Gottheit geschaffen worden sein. Beides 
schließt sich aus inneren Gründen aus. Denn wo der Mensch 
behauptet, die Züge der Gottheit zu tragen, ist er selbst weder 
ein Tier noch faßt er die Gottheit tiergestaltig auf. Da im Epos 
trotzdem beides neben einander steht, so muß man versuchen, 
das gegenwärtige Nebeneinander als ein Nacheinander verschiedener 
Stufen der Anschauung zu erklären: Das ursprüngliche Modell 
für Engidu war der Tiermensch, später aber ist die Vorstellung 
der Gottähulichkeit hinzugekommen. Der weit verbreitete Ge- 
danke^, daß der Mensch eiyMv d^eov sei, ist nicht durch sinn- 
liche Wahrnehmung angeregt worden, sondern ist eine reine und 
hohe Idee und ist wohl schon deshalb in verhältnismäßig junger 
Zeit entstanden. Vielleicht erwuchs er geradezu aus der Polemik 
gegen ältere anthropogonische Mythen: Der Mensch ist nicht aus 
Bäumen oder Steinen hervorgegangen, gehört auch nicht mit den 
Tieren zusammen, sondern ist von der Gottheit geschaffen und 
ihr aufs engste verwandt als der Gott dieser Welt 

5. Analyse des zweiten Teils (erste Hälfte). Der zweite 
Teil des Epos handelt von den gemeinsamen Abenteuern der 
beiden Freunde. An erster Stelle wird die Vernichtung Hum- 
babas genannt. Der Sonnengott Samas, der Beschützer des 
Königs, hat das unruhige Herz seines Lieblings noch unruhiger 
gemacht durch die Aufforderung, den schrecklichen Humbaba zu 
töten^, dessen Stimme dem Sturmwind gleicht, und der vom Gotte 
Enlil als Wächter über den Zedern wald eingesetzt ist, „um heil 
zu erhalten die Zedern"^. Wahrscheinlich hat aber Humhaba 



1. V^l. Gunkel: Genesis'' S. 112 zu Gen. 1, 27. 

2. V^l. die Parallelen bei (junkkl (s. vor. Anni.). 

3. Vgl. 0. S. 24 V. 10 fr. 

4. Vgl. 0. 8. 17 Kol. E, Die Forsclier (olino Ausnalimo) pflegen 
zu unterHcheiden zwischen dem Zedernwaldo und einer besonders hohen 
Zeder darin. Obwoljl dieser Unterschied nirgendwo klar ausgesprochen 



Erkliiruug. 5. Analyse des zweiten Teils (erste Hälfte). 107 

irgend einen Frevel begangen \ nnd Sanias, der alles siebt, der 
Ricbter, der das Böse baßt und die Übeltäter straft, will aucb 
ibn zur Rechensebaft zieben. 

Die vierte Tafel beginnt, soweit man nacb den vorliegenden 



wird, kann man dennoch den Text so verstehen, wie zugegeben werden 
muß. Indessen erheben sich, wie mir scheint, gewichtige Bedenken. 
Denn erstens stehen „Wald" und ,, Zeder" im Parallelisin\is membrorum 
(S. 27 V. 1 und 2). Zweitens bleibt S. 27 v. 7 bei jener Auslegung 
unklar Denn man begreift nicht recht, wie die eine, hohe Zeder, die 
auf dem Berge stehen müßte, „vor dem Berg" ihre Fülle tragen kann. 
In beiden Fällen wird {isu)crinu vielmehr mit „Zedern" zu übersetzen 
sein; die Schilderung, die v. 8 ff. entworfen wird, bezieht sich auch 
schwerlich auf die eine Zeder, sondern eher auf den ganzen Wald. Daß 
erinu hier wie in den andern Versen als Plural gedeutet werden muß 
(als Singular in kollektivischera Sinn), geht aus dem Namen des Berges 
hervor, der ^ndn {tsu)ertnu heißt („Zeder" im Singular), obwohl er mit 
einem „Walde" bedeckt ist. Die Annahme einer besonderen Zeder, die 
man als , .Lebenszeder" des Paradieses oder sonstwie mythologisch auf- 
fassen könnte, ist darum kaum gerechtfertigt. 

1. Das darf wohl aus S. 24 v. 17 f. geschlossen werden. Leider 
fehlt jede Möglichkeit, weitere Vermutungen zur Sicherheit zu erheben. 
Jensen hat die Hypothese aufgestellt (vgl. KB VI S. 444) und andere 
namhafte Forscher haben sie wiederholt (vgl Zimmern KAT^ S. 571 
Anm. 2; Ungnad TB I S. 42 Anm. 11 u. A.), Humbaba habe Istar aus 
üruk entführt und Gilgames sie wieder zurückgebracht. Für diese 
Möglichkeit sprechen manche Gründe : 1. Humbaba ist vielleicht ein 
elamitischer Name. Nun berichtet Asurbanipal, daß er bei der Er- 
oberung Susas (645 v. Chr.) die Statue der Göttin Nanna (= Istar) von 
Uruk in ihren Tempel zurückgeholt habe, die 1635 Jahre vorher der 
elamitische König geraubt habe. Die Kämpfe der Babylonier mit den 
Elamitern reichen in der Tat bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend 
zurück. Der historische Vorgang könnte wohl, wie man zugestehen 
muß, in die Sage übergegangen sein. Im Epos wäre dann aus dem 
Raub der Statue der Raub der Göttin selbst geworden. 2. Der Zedern- 
berg heißt S. 27 v. 6 ,,das Heiligtum der Irnini" (= Istar) 3. Im 
Anschluß an den Kampf mit Humbaba folgt die Episode, in der Istar 
von Liebe zu Gilgames entflammt ist, vielleicht weil er sie befreit hat. 
Diese Gründe sind indessen nicht zwingend; denn 1. ist es nicht über 
jeden Zweifel erhaben, daß Humbaba ein elamitischer Name ist. 2. läßt 
sich das Epitheton des Zedernberges „Heiligtum der Irnini" wohl auf 
andere Weise befriedigender erklären (s. u.). Konnte man wirklich von 
einem „Heiligtum" reden, wo sich die Göttin nur gezwungen aufhielt? 
3. würde man erwarten, daß die Episode mit Istar, wenn die Göttin 
wegen der Rettung in Liebe entbrannt wäre, auf dem Zedernberge selbst 
spielte und nicht in Uruk, wie es der Fall zu sein scheint. Entschei- 
dend aber läßt sich gegen jene Vermutung geltend machen, daß sie 
nirgends im Texte selbst augedeutet wird, auch nicht an Stellen, wo 
es denkbar wäre, z. B. bei den vielen Aufzählungen der Taten des Gil- 
games, oder in dem Gebet der Risat-Niulil (S. 24 v. lOff.), oder in dem 
Gespräch mit Istar selbst. Beachtenswert ist auch der Hinweis 
Schneedees (LSSt. S. 79), der sich ebenfalls sehr skeptisch über jene 
Hypothese äußert, auf den Unterschied der beiden Namen der Göttin 
(Irnini und Istar). 



108 Das Gilgaraes-Epos. 

Bruchstücken urteilen kann, mit einer Ratsversammlung ^ in der 
Gilsrames wohl von den Ältesten seines Volkes Abschied nimmt. 
Dann geht er mit Eugidu zur Königin-Mutter Risat-Ninlil, um 
auch ihr Lebewohl zu sagen. Die Königin legt ihr offizielles 
Gewand an und bringt dem Sonnengott ein Opfer dar, dessen 
Ritual genau beschrieben wird. Sie gießt zunächst Wasser auf 
die Erde, dann steigt sie auf den Söller hinauf. Auch aus israe- 
litischen Nachrichten wissen wir, daß man Altäre des Sonnen- 
gottes auf den Dächern aufzustellen pflegte 2. Dort „vor Samas"^ 
entzündet die Königin Weihrauch, legt ein Geschenk hin und 
breitet ihre Hände zum Gebet aus. Sie bittet den Sonnengott, 
ihren Sohn glücklich heimkehren zu lassen, und wendet sich zu- 
gleich an Aja, des Gottes „Braut", ihren Gemahl tagtäglich an diesen 
Wunsch zu erinnern, indem sie ihm einfach den ehelichen Ver- 
kehr verweigert! Auch sonst* liebte man es, den vielbeschäftigten 
Göttern durch untergeordnete Helfer dies oder jenes ins Ge- 
dächtnis zurückrufen zu lassen, brauchten doch auch die Könige 
einen „Erinnerer" ^ q\s vortragenden Rat. Im Folgenden ist der 
Text weggebrochen, sodaß sich nichts Sicheres aussagen läßt, ob 
die Königin für die Dauer der Unternehmung, möge sie Tage, 
Monate oder Jahre währen, ein Gelübde leistet, oder ob sie En- 
gidu auffordert, ihren königlichen Sohn zu schützen oder was 
sonst dagestanden haben mag. 

Auch von dem Zug^ zum Zedernwalde ist so gut wie 
nichts erhalten. Wie es scheint, treffen die beiden Freunde kurz 
vor dem Eingange einen Forstwächter 7, den sie erschlagen ^. In 



1. Man beachte, daß (S. 23 v. 19) eine Mehrzahl von Leuten („auf 
uns") den König anredet, wahrscheinlich die Ältesten; vgl. Taf. III B 1. 

2. II Kon. 23, 12. Es handelt sich hier also nicht um einen israe- 
litischen „Notbehelf" und um Ersatz der Stufentürme (gegen Stade: 
Bibl. Theol. des Alten Testaments S. 237), sondern um einfache Herüber- 
nahme des assyrischen Brauches. 

3. Dieser Ausdruck ist wahrscheinlich nicht von einem Bilde des 
Sonnengottes zu verstehen, sondern bedeutet ,, unter freiem Himmel" 
(vgl. z. B. S. 28 V. 4G „vor der Sonne"; derselbe Sprachgebrauch im 
AT. Num. 25, 4). 

4. Vgl. besonders Jes. 62, 6. 

5. Vgl. den hebräischen Amtstitel "f^st^s. 

6. Es ist nicht sicher, ob die Helden „fahren" oder „reiten"; das 
S. 24 V. 14 gebrauchte Verbum kann beides bedeuten. 

7. V^rl. 0. ö. 25 Kol. E, besonders v. 44 (S. 26). 

8. Vgl. 0. S. 39 V. 34. Es ist schwerlich anzunehmen, daß dieser 
,, Wächter" mit Humbaba selbst identisch ist. 



Erklärung. 5. Analyse des zweiten Teils (erste Hälfte). 109 

diesem Zusammenhange ist auch von sieben Kleidern die Rede, 
die jemand* wechselt; vermutlich sind es /auherhafte Sieghemdeu, 
die den Träger unverwundbar machen^. Trotz des Erfolges wird 
Engidu von Furcht ergriffen ^, seine Hände sind gelähmt, seine 
Füße versagen. Die Angst vor Humbaba hat ihn gepackt, der 
ihn gewiß noch viel gewaltiger dünkt als der eben getötete Forst- 
wächter *^ Nur dem eifrigen Zureden des Gilgames gelingt es, 
seineu Mut wieder aufzurichten. Seine Schwäche ist dem Erzähler 
nicht Selbstzweck, als sollte ihm Feigheit zum Vorwurf gemacht 
\verdeu, sondern sie ist nur Mittel zum Zweck: sie soll zunächst 
die Größe der Gefahr illustrieren , die beiden Freunden droht, 
dann aber auch die Folie zu dem tapfereu Heldenmute des 
Königs bilden, dessen Verherrlichung der Dichter vor allem er- 
strebt. 

Endlich treten die Beiden in den Wald, und köstlich malt 
der Anfang der fünften Tafel ihr Staunen. Schweigend stehen 
sie still und betrachten mit Verwunderung die prächtigen Stämme 
der Zedern, deren Schatten schön und „voller Jubel ist". Und 
unter den Zedern wachsen kleinere Büsche und gedeihen wohl- 
riechende Pflanzen. Die Schilderung ist äußerst anschaulich; man 
erkennt deutlich einen mit Unterholz durchsetzten Hochwald. 
Besonders hervorgehoben werden noch die graden und schönen 
Wege, die durch das Dickicht angelegt sind und auf die Spitze 
des Berges führen. Diese realistische Naturbeschreibung 
ist in der altsemitischen Literatur, soweit wir sie besitzen, völlig 
einzigartig und überrascht um so mehr, als sie uns in dem sonst 
oft so phantastischen Gilgames-Epos begegnet. Hier muß eine 
bestimmte Gegend Modell gestanden haben, da die Babylonier im 

1. Vgl. 0. S. 26 V. 40 f. Die Verse sind freilich sehr dunkel; vor 
allem erfährt man nicht, wer die Kleider wechselt. Man möchte an 
den Wächter denken, der eben deshalb getötet werden kann, weil er 
von seinen sieben Zauberkleidern zufällig sechs abgelegt hat. Aber hier 
ist alles fraglich. 

2. So deutet Schneider vielleicht mit Kecht; vgl. Jacob Gremim: 
Deutsche Mythol."* 1876. II S. 920. 

3. Hierher (d. h. vor v. 26 auf S. 26) gehört wohl die Kol. F auf 
S. 17. 

4. Man darf wohl an das Prinzip der Steigerung denken, das allen 
primitiven Erzählungen, den Märchen und Sagen vor allem , eigentüm- 
lich ist: erst wird der weniger Gefährliche, dann der Gefährlichere er- 
schlagen. Der Forstwächter ist also im letzten Grunde nichts Anderes 
als der Doppelgänger Humbabas, vom Erzähler geschafl'en, um durch 
Wiederholung und Steigerung die Spannung zu erhöhen. 



110 Das Gilgames-Epos. 

eigenen Lande weder Berge noch Zedernwälder kannten. Des- 
halb ist auch das sprachlose Staunen begreiflich, das die Wan- 
derer gepackt hat. Da mochten sie wohl glauben, „die Wohn- 
stätte der Götter" erreicht zu haben ! 

Je näher man dem Ziele kommt, desto mehr retardierende 
Momente werden eingeschoben, desto langsamer schreitet die Hand- 
lung vorwärts : erst die Besiegung des Wächters, dann die Schil- 
derung der Landschaft und darauf die Bergbesteigung mit 
ihren drei Träumen. Der Zedernberg scheint von gewaltiger Höhe 
gedacht zu sein, und seine Besteigung wird unter den Helden- 
taten als etwas besonders Schwieriges mit aufgezählte Drei Tage 
und drei Nächte, so darf man vielleicht vermuten 2, brauchen die 
beiden Freunde, um die Spitze zu erklimmen. Denn auf die 
Stationen des Weges sind drei Träume verteilt, deren erster ver- 
loren gegangen ist. Der erhaltene Text setzt beim zweiten ein: 
Engidu sieht, wie der Berg niederfällt und jemanden erschlägt 3, 
während die Freunde einer Rohrfliege gleich davonfliegen '^. Gil- 
games weiß sofort die Deutung, indem er den Berg allegorisch 
auf Humbaba bezieht: Humbaba soll gepackt und sein Leichnam 
aufs Feld geworfen werden. Nach der dritten Rast wird wiederum, 
wie wohl schon nach der ersten und zweiten, eine Grube ge- 
graben; Gilgames streut Getreide oder Mehl hinein und spricht 
eine Zauberformel: „Berg, bringe dem Engidu einen Traum!" 
Und der Berg bringt ihm einen Traum. Voller Entsetzen wacht 
Engidu auf, in dem Glauben, der Freund habe ihn angerührt 
oder ein Gott sei vorübergegangen und habe ihn gelähmt ^ Er 

1. Vgl. 0. S. 38 B Z. 12; S. 45 Z. 48; S. 47 Z. 117; S. 50 Z. 208. 
Die Aufzählungen sind insofern ungenau, als die Tötung Humbabas erst 
nach der des Himmelsstieres erwähnt wird (richtig S. 89 Z. 34 ff, wo 
aber die Bergbesteigung fehlt!). Mit der Vernichtung des Himmels- 
stiercs aber kann die Bergbesteigung nicht gut verbunden werden, da in 
jener Episode von keinem Berge die Kode ist. 

2. Vielleicht kann man nach S. 28 Z. 44 f. die Zeit auch anders 
berechnen. 

3. So ist wohl nach der Deutung des Traumes zu ergänzen. Da 
dieser „köstlich", also glückverheißend ist, und da die Rohrfliegen mit 
den Freunden identifiziert oder verglichen werden, so ist schwerlich im 
Traumbilde zu ergänzen, daß sie selbst wie Fliegen erschlagen wurden, 

4. Man könnte auch vermuten, daß die Fliegen sich auf das Aas, 
auf den Leichnam Humbabas, setzen. 

5. Eine ähnliche Scdiilderung entwirft Hiob (4, 14 ff.) in seiner 
Vision: ,,Ein Geist (d. h. ein Engel) gelit an mir vorüber, es sträubt 
sich das Haar meines Leibes", Hier wird demnach wie im ICpos der 
„panische Schrecken", der den Menschen besonders im Traume über- 



Erklärung. 0. Der Zederuberg. 111 

hat ein heftiges Gewitter geschaut: Der Himmel toste, die Erde 
brüllte, ein zündender Blitzstrahl fuhr hernieder und verwandelte 
alles in Asche. Nach der allegorischen Methode ist wahrschein- 
lich auch dieser Traum von Gilgames als ein Sieg über den Kiesen 
Ilumbaba ausgelegt worden. Die vielen Träume im Epos sind 
allein schon ein Beweis für die große Rolle, die sie damals im 
Leben des Volkes gespielt haben müssen. Doch melden auch 
die historischen Inschriften der altbabylonischen Könige, die Bau- 
berichte wie die Kriegsannalen, von zahlreichen Träumen. An 
Traumdeutern hat es wohl schon in der alten Zeit nicht gefehlt, 
wie für die jüngere Daniel am chaldäischen Hofe bezeugt i. 

Der Schluß des Abenteuers ist nicht erhalten. Sicher 
ist soviel, daß die beiden Helden, nachdem sie auf die Spitze 
des Berges gelangt sind, dem Humbaba glücklich den Kopf ab- 
gehauen und seinen Leichnam aufs Feld geworfen haben 2, mög- 
lich ist, daß sie auf der Rückkehr nach Uruk in den Engpässen 
des Gebirges mit Löwen zu kämpfen hatten 3. 

6. Der Zedernberg. Aus dem vorhandenen Text des 
Epos geht nicht hervor, wo der Zedernberg zu suchen ist. Fast * 
alle Forscher vermuten seine Lage im Osten, genauer in Elam 
oder in seiner Nähe. Diese Hypothese ist aus manchen Gründen 
bestechend, denn für sie spricht 1., daß Humbaba vielleicht ein 
elamitischer Name ist". Indessen ließe sich dagegen geltend 
machen, daß der in Syrien nachweisbare Name des Koj.ißaßog ^ 



fällt, auf das Vorübergehen eines gottheitlichen Wesens zurückgeführt: 
der Geist, der Dämon, der Gott ,,geht um" und ,, schlägt" den Men- 
schen; der Moderne redet vom Alpdruck! 

1. Vgl. Ungnad: Die Deutung der Zukunft bei den Babyloniern 
und Assyrern (AO X 3). S. 27 f. 

2. Vgl. 0. S. 28 Z. 42 und S. 29 Z. 49. Auch die Drachen werden 
gewöhnlich aufs Feld geworfen; d. h. es wird ihnen ein ehrliches Be- 
gräbnis versagt, vgl. Ezech. 29, 5; 32, 4; Ps. 74, 14; Ps. Sal. 2, 31. 
Ähnlich auch in den Märchen, z. B. Feiediiich Kreutzwald: Ehstnische 
Märchen. Halle 1869. S. 258. 

3. Vgl. die Aufzählung der gemeinsamen Abenteuer und ihre Eeihen- 
folge S. 45 Z. 51 und Parallelstellen! 

4. Jeremias ATAO S. 189 behauptet: „Der heilige Zedernberg 
.... ist vielleicht nach der Meinung des Epos Babylon". Aber weder 
liegt Babylon auf einem Berge noch wachsen dort Zedern. Das von 
Jereiviias angeführte Zitat beweist nichts, da es von Zypressen spricht! 

5. s. 0. S. 77. 

6. Auch Ungnad (0. S. 77) macht auf dies Bedenken aufmerksam. 
Vgl. Winckler: Geschichte Israels 11 S. 227 f.; Jensen KB VI S. 437 f.; 
Zevlmern KAT S. 570 Anm. 2. Außer dem Namen haben allerdings 



112 Das Gilgames-Epos. 

noch genauer mit Hiimbaba übereinstimmt als der elemitische 
Gottesname Humha. 2. Eulil, der den Humbaba einsetzt, könnte, 
wie man ^ vermutet hat, ursprünglich der Stadtgott von Susa ge- 
wesen sein, der oft als „Zedern -iVm/ö" bezeichnet wird. Aber 
Nimh und Enlil sind nicht identisch. 3. Die prächtige Zeder 
galt den Elamitern gewiß als ein heiliger Baum wie vielen an- 
deren Völkern ^. Merkwürdiger Weise haben auch die Babylonier 
und die Israeliten mehrfach Zedernöl im Kultus als Reinigungs- 
mittel benutzt^, obwohl sie es von weither beziehen mußten. Es 
ist auch möglich, daß in Elam selbst Zedern wuchsen, denn ihr 
Verbreitungsgebiet reicht vom westlichen Himalaya über Syrien 
und Kilikien durch Nordafrika bis Marokko, doch stets nur auf 
dem Rücken der Hochgebirge. Indessen „der" Zedernberg schlecht- 
hin war bis tief in die assyrische Zeit der Amanos, der Aus- 
läufer des Tauros am Golf von Alexandretta; erst als er abge- 
holzt war, trat der Libanon an seine Stelle*. Die älteste baby- 
lonische Nachricht, die wir darüber besitzen, stammt von Gudea, 
dem König von Lagas (um 2340 v. Chr.): „In das Zedernge- 
birge, wohin niemand gedrungen war, hat Gudea, der Großpriester 
Ningirsus, den Weg gemacht" 5. Die Vermutung dürfte darum 
erlaubt sein, daß der Dichter des Epos in der Schilderung des 
Zedernberges, auf dem Humbaba haust, Erzählungen über das 
Zederngebirge des Amanos verwertet hat, wie sie nach dem Zuge 
Gudeas in Babylonien umliefen. Der Name des Humbaba (= 
Kombabos) scheint ebenfalls nach dem Nordwesten, genauer nach 
Nordsyrien, zu weisen. 



Humbaba und Kombabos nichts gemein; vgl. Lucian : De Dea Syria 
§17 ff. 

1. Vgl. Jensen KB VI S. 441; Zimmern KAT S. 570 Anm. 3 und 
S. 485. 

2. Für die Elamiter vgl. Jensen KB. VI S. 441; für die Griechen 
vgl. Gruppe GrMuRG S. 782 Anra. 1; für die Israeliten vgl. Ps. 80, 11; 
104, 16. 

3. Zedernöl wird in sumerischen Texten häufijj^ erwähnt; vgl. 
Thureau-Dancjix VAB I S. 109. 111. Ferner in Bosch w()run<^en ; z. B. 
Jastkow: Rfdij^ion Bah. I S. 318 („Reines Öl", ,,()! der Beschwörung", 
„Ol der Linderung", ,,Ö1 des Lehens"). In Israel wird das Zedernholz- 
(öl ?) als Reinigungsmittel neben dem Ysop genannt Lev. 14, 4. 6. 51; 
Num. 19, 6. 

4. WiNCKLER KAT S. 190 liat die Zitate zusammenj^estellt. 

5. TiniJiEAu-l)AN(;iN VAB 1 S. 107 (ohen); v<rl. S. 69 No. 5. 28flf.: 
„Im Amanos, dem Zederngehirf^e .... machte er ... . und holte sie 
aus den Bergen". Die Zeitansetzung nach Ed. Meyer GA § 409. 



Erklärung. G. Der Zedernberg. 113 

Nun spielt aber noch die Idee des Götterberges hinein, 
der wiederum im Norden gesucht werden muß. Denn der Zedern- 
berg heißt „die Wohnstätte der Götter, das Heiligtum der Irnini"i, 
ist also mit dem Paradies identisch. Dies P^pitheton steht in- 
dessen im Widerspruch mit der Handlung des Epos, wenigstens 
soweit sie uns erhalten ist. Nach ihr könnte der Zedernberg nur 
als „Wohnstätte Ilumbabas" bezeichnet werden, da er allein dort 
wohnt. Ähnlich wie bei der Schöpfung Engidus^ sind auch hier 
verschiedene Vorstellungen im Gedicht zusammengeflossen, die wir 
wieder von einander sondern und in geschichtliche Reihenfolge 
bringen müssen. Das Ursprünglichste ist wohl die mythische 
Anschauung von einem hohen (irdischen) Berge als dem Sitz der 
Götter, dessen Lage nicht genauer bestimmt ist. Daß die himm- 
lischen Götter auf den Bergen wohnen, ist eine weit verbreitete 
Idee, an sich wohl begreiflich ; (auch nach dem Märchen ^ ruht 
der Himmel auf der Spitze des höchsten Berges), aufi'ällig nur 
in Babylonien , wo Berge fehlen und selbst am Horizonte nicht 
zu erblicken sind. Und doch ist auch dort dieselbe Anschauung 
geläufig gewesen, wie zahlreiche Abbildungen lehren *, vermutlich 
den Sumerern entlehnt, die aus einem Gebirgslande zu stammen 
scheinen. Erst später wird der Götterberg lokalisiert, wie bei 
den Griechen am Olympos, bei den Indern am Meru. Dadurch 
wird zugleich die ursprüngliche Vorstellung umgebogen, weil 
Berge, die jeder besteigen kann, nicht mehr in mythischem Sinne 
als Wohnsitz der Götter aufgefaßt werden. Der Götterberg wird 
zu einem stilistischen Epitheton, das die Dichter auf geographisch 
genau festzulegende Orte übertragen, wie es im Gilgames-Epos 
und im Alten Testament geschehen ist ^ Nun fehlen zwar bisher 
weitere babylonische Traditionen über die Lage des Götterberges, 



1. S. 0. S. 27 V, 6. Irnini (= Istar) ist hier die Vertreterin der 
weiblichen Gottheiten überhaupt. Zum Götterberg paßt auch sehr gut, 
daß Humbaba von Enlil eingesetzt worden ist; denn auf dem Götter- 
berg oder „Weltberg" thronte ursprünglich Enlil (vgl. Zemiviern KAT 
S. 355), thronen später aber auch andere, namentlich weibliche Gott- 
heiten (vgl. H. Prinz a. a. 0. S. 29 f.). 

2. S. 0. S. 106. 

3. Vgl. z. B. Elisabet Sklarek: Ungarische Volksmärchen S. 50. 

4. Sie sind jetzt gesammelt und besprochen von H.Prinz: Astral- 
symbole im altbabylonischen Kulturkreise (Habilitationsschrift Breslau). 
S. 29 ff. 

5. Besonders deutlich ist Ps. 48, 3, wonach Zion ,,an den äußersten 
Enden des Nordens" (d. h. auf dem Götterberge) liegen soll. 

Forschnngeu 14: Gilg.-Epos. 8 



114 Das Gilgames-Epos. 

doch kann diese Lücke mit großer Wahrscheinlichkeit durch 
israelitische Überlieferungen ausgefüllt werden, die von den Baby- 
loniern übernommen worden sind i. Danach wurde der Götterberg 
im Norden gesucht 2. Bestätigend kommt hinzu, daß man das 
Paradies nach Genesis c. 2 ebenfalls im Norden lokalisiert: da, 
wo Euphrat und Tigris entspringen ; auch diese Vorstellung muß 
in Babylonien entstanden sein ^. Sie würde sich am einfachsten 
bei der Annahme erklären, daß die Sumerer aus den Gebirgen 
Kleinasiens* nach Babylonien eingewandert sind. Dann war es 
natürlich, wenn spätere Generationen den Götterberg und das 
Paradies im Norden, genauer im Nordwesten, zu finden glaubten. 
Dazu stimmt vortrefflich die oft bezeugte Geburt der Könige in 
den „unbekannten Bergen", d. h. im Paradiese 0. Es muß im 
Norden gelegen haben, weil die parallelen Legenden von der 
Aussetzung des Königskindes erzählen, das in einem Kästchen 
vom armenischen Gebirge auf dem Euphrat nach Babylonien 
herabschwimmt 6. Was aus dem Alten Testament vermutungs- 
weise erschlossen wurde, wird so durch einheimische Überliefe- 
rungen als richtig erwiesen: die Idee vom Götterberge im Norden. 
So wäre auch von hieraus gegen die Identifikation des Zedern- 
berges mit dem Amanos nichts einzuwenden. Auf der jüngsten 
Stufe endlich wird der Götterberg im Himmel gesucht oder direkt 
dem Himmel gleichgesetzt '. 



1. Vgl. den ausführlichen Beweis dafür bei Gressmann: Ursprung 
der israelitisch-jüdischen Eschatologie S. 113 ff. 

2. Vgl. Jes. 14, 13; Ps. 48, 3. 

3. Den Beweis dafür glaube ich AE 10, 346 ff. erbracht zu haben. 

4. Ed. Meyer GA § 370: ,,Dies starke Hervortreten der Berggötter 
scheint für eine Herkunft der Sumerer aus den östlichen Bergen zu 
sprechen". Dagegen § 490: „Ob wir trotz des von den Kleinasiaten 
ganz abweichenden Typus der Sumerer Gudeas auch zwischen Klein- 
asiaten und Sumerern doch noch einen ursprünglichen Zusammenhang 
annehmen müssen, wird erst die Zukunft lehren". Prinz (a. a. 0. S. 29 
Anm. 3) betont besonders die (auch mir wahrscheinliche) Verwandt- 
schaft der sumerischen Eeligion mit der kleinasiatisclien. Im übrigen 
wird die Annalime eines klcinasiatischen Ursprungs der Sumerer nur 
selten vertreten, und soeben bringt King: The history of Sumer und 
Akkad S. 351 ff. neue beachtenswerte, aber keineswegs, wie er selbst zu- 
gibt, durchschlagende Gründe für die Herkunft der Sumerer aus dem Osten. 

5. Vgl. die Stellen bei Gukssmann: Ursprung der isr.-jüd. Escha- 
tologie S. 271. Der König wird hier als „Sohn Gottes" gefeiert. 

6. Vgl, die Geburtslegendo Surguns in der Übersetzung Ungnads 
TB I S. 79. Hier wohnen die Götter derauacli da, wo der Euphrat 
entspringt, d. h. in Armenien. 

7. So wird der Himmelsgott Anu am Nordhimmel lokalisiert; 



Erklärung. G. Der Zedernberg. 115 

Da der Prophet Ezechiel in Babylonien lebte, wird man für 
die mythischen Vorlagen, die er benutzt hat, von vornherein 
babylonischen Ursprung annehmen dürfen. Auch da, wo keine 
direkten Beziehungen zu der uns vorliegenden Rezension des 
Gilgames-Epos bestehen, ist nicht ausgeschlossen, daß er es in 
einer weiter entwickelten Form oder daß er Parallelerzählungen 
kennen lernte, die ihn zu seinen eigenen Dichtungen anregten. 
Nun singt dieser Prophet in einer Allegorie auf den Tod des 
ägyptischen Königs^ von einer „Libanonzeder" ^, die alle Zedern 
und Bäume des Gottesgartens an Schönheit und prächtigem Wuchs 
übertrifft: ihre Wurzeln reichen bis in die tiefsten Gründe des 
Urmeeres, und ihr Wipfel ragt bis in den Himmel. Zur Strafe 
für ihren Übermut wird sie gefällt. Ezechiel setzt demnach 
Zedern im Garten Gottes voraus ^, dem Götterberg des Gilgames- 
Epos entsprechend. Da die Zedern auch im Alten Testamente 
als „Gottesbäume" gepriesen werden ^ und da die Zedern dem 
Orientalen überhaupt als die schönsten Bäume galten, so ist an 
sich wohl begreiflich, daß man den Götterpark grade mit Zedern 
ausgestattet hat. Weil aber die uns überlieferte Paradieserzählung 
der Genesis von Zedern nichts weiß, so wird Ezechiel doch wohl 
von einer babylonischen Tradition abhängig sein. Allerdings 
kann das Gilgames-Epos nicht die direkte Quelle sein; denn dort 
schimmert in der Schilderung des Zedernberges der Gedanke des 
Paradieses nur noch undeutlich hindurch. Dort ist auch nicht, 
wie beim Propheten, vom „Weltbaum" ^ die Rede, sondern eher 
vom „Weltberge", der bis in den Himmel ragt, oder jedenfalls 
von einem gewaltig hohen Berge, dessen Besteigung nur den 
Helden der Vorzeit möglich ist. Es kann sich daher höchstens 
um verwandte Vorstellungen handeln, die der Dichter des Epos 
wie der Verfasser der Allegorie, jeder in seiner Art, verarbeitet 
haben. 



Zimmern KAT S. 352; Jensen: Kosmologie S. 16 ff. So ist Hiob 26, 7 
der „Norden" eine Bezeichnung für den ,,Hiuniiel"- 

1. Ezech. 31, Iff. 

2. D. h. einer gewaltigen Zeder. Auf diese Parallele hat schon 
Jensen KB YI S. 444 hingewiesen, ebenso auf die folgende. 

3. Ezech. 31, 8: ,, Zedern glichen ihr nicht im Garten Gottes". 

4. Vgl. Ps. 80, 11. 

5. Vgl. Daniel c. 4 u. a. Auch die Märchen kennen den Weltbaum, 
dessen Spitze in den Himmel und dessen Wurzel in die Hölle reicht; 
vgl. Elisabet Sklarek: Ungarische Volksmärchen S. 209. 

8* 



116 Das Gilgames-Epos. 

In einer anderen Allegorie vergleicht Ezechiel^ den König 
von Tyrus mit einem himmlischen Wesen, das ,,in Eden, dem 
Gottesgarten" „auf Gottes heiligem Berge" inmitten von Keruben 
und Gottessöhnen wandelte, uud dessen wunderbares Kleid mit 
allerlei Edelsteinen geschmückt war. Wegen seiner frevlen Uber- 
hebung wird auch seiner Herrlichkeit ein Ende bereitet. Der zu 
Grunde liegende Mythos scheint von einem Wächter auf dem 
Gottesberge erzählt zu haben 2, wie ja auch Humbaba die Zedern 
des Götterberges schützen soll. Wie jener so wird auch dieser 
um seiner Verschuldung willen getötet. Indessen ist durch die 
allegorische Auslegung der vom Propheten benutzte Mythos so 
undeutlich geworden und überdies die Humbaba-Episode so frag- 
mentarisch erhalten, daß kein historischer Zusammenhang mit dem 
Epos sicher behauptet, sondern nur fragend vermutet werden kann. 

7. Analyse des zweiten Teiles (zweite Hälfte). Das 
zweite gemeinsame Abenteuer der beiden Helden, von dem das 
Epos erzählt, ist die Vernichtung des Himmelsstieres, die durch 
die Istarepisode eingeleitet wird und in Uruk selbst zu spielen 
scheint 3. Gilgames ist nach Hause zurückgekehrt und hat die 
Spuren des Kampfes mit Humbaba und der AVanderung beseitigt. 
Er hat seine Waffen gewaschen, seine Kleider gewechselt, seine 
Köuigsmütze aufgesetzt und läßt sein Haar wieder lang auf den 
Rücken herabwallen. Da entbrennt die Göttin Istar in Liebe zu 
seiner kraftstrotzenden Schönheit und lockt ihn in schmeichle- 
rischen Worten, in ihr^ Haus zu treten. Sie bittet ihn, ihr Gatte 
zu sein, und verspricht ihm herrliche Dinge: einen Wagen aus 
Lapislazuli und Gold mit Rädern aus Gold und Hörnern aus 



1. Ezech. 28, IfiF. Vgl. dazu zuletzt Gunkel: Genesis ^ S. 34 f. 

2. Gunkel denkt bei dem himmlischen Wesen, das hier geschildert 
wird, an den ersten Menschen. Da in dem (leider verderbten) v. 14 von 
Keruben die Rede ist, so darf man wohl eher an einen Kerub denken; 
die Kerube aber sind nach Gen. 3, 24 Wächter des Paradieses, und 
bilden wenif^stens insofern eine Parallele zu Humbaba. 

3. Man könnte vermuten, daß die Istarepisode noch auf dem Ze- 
dernberg spiele, namentlich wegen S. 30 v. 13 ,,In unser Haus tritt, 
unter Zedernduft ein". Aber der Ausdruck erklärt sich auch, wenn 
man an den Duft des Zedernöls denkt, mit dem die Künif:je besprengt 
werden (vgl.z B. Thukeau-Dangin VAB I S. 111 §20Z.19). Entscheidend 
ist, daß der Himmelsstier in oder bei Uruk {getötet, dazwischen aber 
keine Heimkehr erzählt wird (vgl. S. 33 v. 120; S. 34 v. 174). Auch 
andere Einzelheiten j)as8en besser zu dieser Annahme. 

4. ,, Unser Haus" ist wohl Bezei(;luiunf^ d(!s Tempels, in dem lätar 
und Anu verehrt werden; vgl. o. S. 12 v. 187. 1Ü4. 



<i 



Erklärung. 7. Analyse des zweiten Teiles (zweite Hälfte). 117 

Edelstein, von einem Gespann prächtiger Maultiere gezogen. Und 
weiter die Herrschaft über die Welt: Könige, Herren und Große 
sollen kommen, ihm die Füße küssen und ihre Gaben als Tribut dar- 
l)ringen. Drittens üppiges Gedeihen des Viehes: die Schafe sollen 
Zwillinge werfen, die Maultiere und Pferde ihresgleichen nicht 
haben. Die Zusannnenstellung: Goldwagen, Weltherrschaft und 
Vit'hreichtum ist auf den ersten Blick etwas wunderlich, aber 
schließlich auch nicht auffälliger, als die Aufzählung dessen, worauf 
ein moderner Monarch Wert legt: auf einen großen Automobilpark, 
prunkende Audienzen und einen guten Rennstall. Das Königsideal 
der Weltherrschaft ist erst in einer Zeit möglich, wo gewaltige, 
welterobernde Reiche entstanden sind, in Babylonien also seit 2500 
V. Chr., wo Sargon von Akkad „seinen Schrecken über die Völker 
ausgoß". 

Gilgames wagt, die ihm von der Göttin angebotene Liebe 
zurückzuweisen. Ihr Werben ist ihm zu gefährlich. In neun^ 
Bildern vergleicht er die Istar mit Dingen, die ihrem Besitzer 
zum Verderben gereichen. Sie ist wie eine Tür, die Sturm und 
Regen nicht abhält, wie ein Palast, der seine Bewohner zer- 
schmettert oder wie ein Schuh, der seinen Träger drückt. Und 
der König rechtfertigt diese höhnende Anklage durch die Auf- 
zählung der sechs Geliebten, die von der Göttin bereits ins Un- 
glück gestürzt worden sind. Der erste war ihr Jugendgemahl, 
der Gott Tamuz^, der Jahr für Jahr beweint wird. Der zweite 
w^ar ein Schäfer 3, jetzt ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, der 
im Walde kläglich flötet: kappi d. h. „mein Flügel". Der 
dritte ist in einen Löwen verwandelt*, der jetzt durch Fallgruben 
verfolgt wird, der vierte in ein Roß, das mit Peitsche, Sporn und 
Stachel gequält wird, das sieben Doppelstunden weit galoppieren 
und immer das Wasser erst aufwühlen muß, ehe es trinken kann. 



1. 0. S. 30 V. 34 ff. sind nur acht Bilder vermutet; vielleicht aber 
gehört V. 33 noch dazu. Die Neunzahl ist wegen der folgenden Sieben- 
zahl (der Geliebten) wahrscheinlicher. 

2. 0. S. 31 V. 46 Dumuzi geschrieben. 

3. So ist wohl zu verstehen, wie die unten angeführten Parallelen 
lehren. Der Text redet nur von dem „bunten Schäfer"-Vogel. 

4. Die Verwandlung wird nicht erzählt, darf aber nach den übrigen 
Beispielen als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Zu beachten 
ist, daß beim folgenden Liebhaber — schwerlich bei einem unver- 
wandelten Pferde — eine Göttin als Mutter genannt wird. Aus dieser 
beiläufigen Erwähnun«: geht auch deutlich hervor, daß der Dichter hier 
überliefertes Material benutzt, das wir nicht mehr rekonstruieren können. 



118 Das Gilgames-Epos. 

Der fünfte war ihr Hirt, jetzt zu einem AVolf geworden, den seine 
früheren Hirtenjungen verjagen und seine eigenen Hunde beißen. 
Der sechste war ein Gärtnerbursche, der den Tisch der Göttin 
alltäglich mit den schönsten Blumensträußen schmückte. Als sie 
ihr Auge auf ihn fallen ließ und ihn auJaTorderte, ihre Kuchen 
zu essen 1, weigerte er sich, weil er Unheil ahnte. Da schlug 
und verwandelte sie auch ihn. Nun hat sie den Gilgames lieb- 
gewonnen als den siebenten, um auch ihn zu behandeln wie jene. 

Über die schnöde Abweisung ergrimmt, eilt Istar zum Himmel 
empor, zu ihrem Vater Anu und ihrer Mutter Antu. Sie fordert, 
die erlittene Schmach zu rächen und einen Himmels stier zu 
schaffen, der den Gilgames töten soll. Sonst, so droht sie viel- 
leicht, werde sie die Riegel der Unterwelt zerbrechen. Anu weigert 
sich zunächst, ihre Bitte zu erfüllen. Er fürchtet, daß sieben 
Hungerjahre eintreten werden, wenn nicht genügend Korn 2 ge- 
sammelt worden sei und Kräuter gewachsen seien, Menschen und 
Tiere während dieser Zeit zu versorgen. Aber es gelingt Istar» 
seine Bedenken zu beschwichtigen. Der Himmelsstier wird ge- 
sandt. Dreihundert Männer oder mehr ziehen aus zum Kampfe ; 
durch das Schnauben-'* des Tieres werden Viele getötet. Dreimal 
wogt die Schlacht hin und her, bis Engidu den Stier am Schwänze 
packt und Gilgames ihn tötet. Dies Stück des Textes ist nur 
sehr fragmentarisch erhalten. 

Nachdem die beiden Freunde den Himmelsstier erschlagen 
und sich wohlgemut gelagert haben, steigt Istar auf die Mauer 
von Uruk — der Kampfplatz liegt also vor den Toren der Stadt 
— und stößt einen Fluch über Gilgames aus. Kaum hört dies 
Engidu, so wirft er der Göttin den Schenkel des Stieres ins 
Gesicht: „Könnte ich auch dich kriegen, wie ihm tat ich dir 
dann! Seine Därme bände ich an deine Seite!" Darauf ver- 
sammelt Istar die Dirnen ihres Tempels und veranstaltet mit 
ihnen eine Wehklage „über den rechten (Schenkel) des Himmels- 
Btieres". Gilgames aber ruft die Handwerksmeister, welche die 

1. Öo verstehe ich S. 32 v. 69; vgl. v. 72: ,,Hat meine Mutter 
nicht gebacken, habe ich nicht (schon) g'egessen, daß ich essen sollte 
(deine) Speisen". 

2. Nach dem Parallelismus meMibroruin darf man in v. 105 wohl 
mit Jensen „Korn" als Synonym zu dem folgenden „Kräuter" ergänzen. 

3. Es würde an sieb genügen, an das gewaltige Schnauben des 
Stieres zu denken; vielleicht aber wurde von einem ,, feurigen" Schnauben 
erzählt, vgl. S. 32 v. 95. 



Erklärung. 8. Gilgames uud Istar. 110 

Hörner des Tieres ob ihres gewaltigen Umfangs anstaunen. Diese 
werden mit Salböl gefüllt, um als Weihgeschenk im Tempel des 
Gottes Lugalbanda aufgehängt zu werden. Die beiden Helden 
waschen ihre Hände im Euphrat und kehren auf der Haupt- 
straße nach Uruk zAirück, von den Männern der 8tadt begrüßt 
uud von den Sängerinnen des Palastes gefeiert. Dem naiven 
Selbstlob entsprechend, das uns aus dem Märchen, z. 11 von 
SneewittchenS geläufig ist, fragt Gilgameä: 

Wer ist schön unter den Starken, 

wer ist herrlich unter den Männern ? 
um darauf als Antwort das Siegeslied zu empfangen: 

Gilgames ist schön unter den Starken, 

Engidu 2 ist herrlich unter den Männern ! 
Ein Freudenfest beschließt den Tag. 

8. Gilgames und Istar. Wieder steht Gilgames im Mittel- 
punkt der Handlung, während Engidu nur die Folie bildet. Drei 
Eigenschaften zeichnen den Helden aus, nicht individuelle, son- 
dern typische, wie sie im Epos selbst ständig wiederkehren, wie sie 
aber auch bei Gestalten des Märchens vorkommen. Zunächst die 
strahlende Schönheit des Königs, die gleich im Eingang der 
Dichtuncr hervorgrehoben war und hier aufs neue verherrlicht wird: 
„Blick ihn au und schaue sein Antlitz! An Männlichkeit ist er 
schön, Kraft hat er!" 3 Sogar die Liebesglut einer Göttin kann 
er entfachen. Dann seine Klugheit: Er kennt das Wesen der 
Istar, ihre Leidenschaften und ihre Launen, und weiß das Schicksal 
voraus, das ihm droht. Nicht jeder vermag einer Göttin so klug 
zu antworten! Und endlich seine unerschrockene Kühnheit, 
mit der er der Werbung Istars trotzt, ohne die Folgen zu scheuen, 
und sogar den Kampf mit dem Himmelsstier aufnimmt. 

Rätselhafter ist die Gestalt der Istar und die Rolle, die sie 
spielt. Sie wird hier als Dirne geschildert, die heute mit diesem, 
morgen mit jenem buhlt, die sich selbst anträgt jedem, der ihre 



1. Vgl. auch Hahn: Griechische und albanische Märchen Nr. 64. 
Der „starke Hans" fragt die Berge und Täler: „Hört, ihr Berge und 
Täler, gibt es auf der ganzen Welt noch einen stärkeren als ich?" und 
diese antworten: „Nein, den gibt es nicht!" 

2. Ich ziehe vor, Engidu zu ergänzen, weil gewöhnlich im Paralle- 
lismus membrorum der Ausdruck wechselt. Vgl. das ähnliche Sieges- 
lied im AT.: „Saul hat seine Tausend geschlagen, David aber Zehn- 
tausend". 

3. S. 0. S. 13 V. 212 f. 



120 Das Gilgames-Epos. 

Sinne reizt, ihn eine Zeit lang kost, dann aber, wenn sie gesättigt 
ist, wie den ärgsten Feind mißhandelt und quält. Liebestollheit 
und Grausamkeit sind die beiden Charakterzüge, die ihr Gilgames 
ins Gesicht sagt. Durch die verschmähte Liebe wird ihre Rach- 
gier vollends entfesselt. Von sinnloser Wut entbrannt, läßt sie 
den Himmelsstier schaffen und senden selbst auf die Gefahr hin, 
daß sieben Hungerjahre über Menschen und Tiere kommen. 
Ohnmächtig schaut sie dem Kampfe zu und muß sich sogar den 
Schimpf gefallen lassen, daß Engidu ihr ein Stück des erlegten 
Tieres ins Gesicht schleudert. So sind also die beiden Helden 
mächtiger als die Göttin, die aufs schmählichste beleidigt, die 
Kränkungen ungesühnt hinnehmen muß. 

In welcher Stimmung mögen wohl die Späteren diese Epi- 
sode erzählt haben, in der Istar, die große, erhabene Mutter der 
Götter und Menschen, die Herrin der Welt, ohne jede Rücksicht 
von ihren Gegnern wie ihresgleichen behandelt wird ? Der antike 
Mensch ist im allgemeinen nicht so feinfühlig wie wir, sind doch 
selbst in den israelitischen Psalmen oder im Hiob Partieen, 
die an Gotteslästerung streifen und uns dann schaurig in die 
Ohren gellen. Immerhin dürfen wir sie der leidenschaftlichen 
Erregung des Verfassers zu gute halten, die dem wilden Ingrimm 
alle Zügel schießen läßt. Und ähnlich hat man gewiß auch 
damals geurteilt. Mochten auch die Epigonen schwerlich im Stande 
sein, solche Szenen zu dichten wie die vorliegende Istarepisode, 
so haben sie doch das ihnen Überlieferte weitergegeben und mit 
stolzer Bewunderung, in die sich leises Grauen gemischt haben 
mag, von den Helden der Vorzeit erzählt, jenen gewaltigen Zwei- 
drittelgöttern, die sich mehr erlauben durften als wir, die Spät- 
gebornen eines schwächeren Geschlechtes: quod licet lovi, non 
licet bovi! Die Freude an den Ausnahme-Gestalten dieser Recken 
konnte den Respekt des Alltagsmenschen vor der Gottheit nicht 
beeinträchtigen. 

Es wäre falsch, wollte man die Istarepisode für jungen Ur- 
sprungs halten und sie aus einer Zeit religiösen Verfalls her- 
leiten, in der die Götter schon etwas von ihrer Erhabenheit ein- 
gebüßt hätten. Gewiß müssen die Dichter die Gottheit, wenn sie 
überhaupt von ihr singen wollen, vermenschlichen, ihr mensch- 
liche Eigenschaften und Leidenschaften beilegen, und dadurch 
wird die Religion immer von ihrer Höhe herabgezogen. Jahve, 



Erklärung. 8. Gilgame§ und IStar. 121 

der Gott Israels, verdankt seine einzigartige Transzendenz, zum 
Teil wenigstens, dem Mangel an israelitischen Mythen, die ihn 
vor häßlichen Zügen fast ganz bewahrt habend. Aber die Art 
der Vormen schlichung kann sehr verschieden sein. Auch 
im griechischen Epos sind die Götter Menschen, die ertragen 
müssen, was die Helden ihnen zufügen ^, allein sie treten durch- 
weg nicht in ihrer wahren Gestalt auf, sondern verwandelt und 
nur dem geschärften Auge kenntlich 3. Im Gilgames-Epos da- 
gegen erscheint, wenngleich dies der einzige Fall ist, eine Göttin 
leibhaftig auf Erden, wird als Dirne beschimpft und als Besiegte 
verhöhnt. Diese Darstellung wird aus sehr früher Zeit stammen, 
wo die Göttin noch nicht den späteren höchsten Rang erreicht 
hat, sondern noch auf einer niederen, untergöttlichen Stufe steht, 
ähnlich den Dämonen, für die charakteristisch ist, daß sie von 
den übermenschlichen Helden der Vorzeit bekämpft und bisweilen 
gar überwunden werden. Man denke an die „uralte" Geschichte 
von dem Ringkampf Jakobs mit dem El*, der im Lauf der Ent- 
wicklung zu einem Engel geworden ist^, weil sich dieser allzu 
menschliche Zug mit der späteren Auffassung der Gottheit nicht 
vertrug. 

Aber das Problem wird noch verwickelter dadurch, daß 
Gilgames grade mit Istar kämpft, die als Stadtgöttin von 
Uruk bekannt ist. Im Epos werden freilich auch Lugalbanda 
und seine Gemahlin Ninsun genannt, aber sie scheinen nicht Orts-, 
sondern Hausgottheiten der königlichen Familie gewesen zu seine. 
Jedenfalls ist der Tempel Eanna, den Gilgames nach dem Vor- 
wort der Dichtung in Uruk gebaut haben soll, ausdrücklich als 
das Heiligtum der Istar und ihres Vaters Anu bezeichnet '^. An- 
derweitige historische Nachrichten bestätigen, daß Istar als Stadt- 
göttin von Uruk verehrt wurde, wenngleich ihr Name sonst sume- 
risch Innina lautet^. Der Name Istar mag also ein jüngerer Er- 



1. Die Vermenschlichung der höheren Wesen durch die Dichter 
hat freilich auch einen Fortschritt der Keligion bedeutet; die Dichter 
haben vielleicht . das größte Verdienst daran, daß die „Dämonen" zu 
„Göttern" wurden, die im Unterschiede von jenen Individualität besitzen. 
Aber diese Gedankenreihe soll hier nicht weiter verfolgt werden. 

2. Vgl. Gruppe GrMuEG S. 998 Anm. 5. 3. Ebd. S. 997. 
4. Vgl. Gen. 32, 23 ff. 5. Vgl. Hos. 12, 5. 

6. S. 0. S. 78 u. Lugalbanda und Ninsun. 

7. S. 0. S. 12 V. 187. 194. 

8. Innina und Anu werden auch in den sumerischen Inschriften 



122 Das Gilgames-Epos. 

satz für das ältere Inniua sein, darum aber hat man noch kein 
Kecht, die ganze Episode für spät zu erklären oder zu behaupten, 
ursprünglich könne nicht die Stadtgöttin von Uruk geraeint seini. 
Anlaß zur Dichtung der vorliegenden Szene mögen zwei 
Tatsachen gegeben haben. Gilgames weigert sich hier, der Ge- 
mahl der Istar zu werden. Andere altbabylonische und assy- 
rische Könige sind weniger skrupelhaft gewesen. So nennt sich 
Eannatum von Lagas (um 2700 v. Chr.) „der geliebte Gatte der 
Innina"^, so haben sich vor allem die Könige der Dynastie von 
Isin (um 2100 v. Chr.), die auch über Uruk herrschten, als „aus- 
ersehene Gatten der reinen Innina" bezeichnet^. Später haben 
die assyrischen Könige in mythischen Anklängen von der Liebe 
der Göttin Istar gesprochen, die mit dem Blick ihrer Augen sie 
auserwählt und Verlangen nach ihrer Herrschaft getragen hätte*. 
Diese Tatsachen erklären sich aus der göttlichen Verehrung, 
welche die Könige namentlich im alten Babylonien genossen ö. 
Waren sie Inkarnationen der Gottheit, so mußte folgerichtig eine 
Göttin ihre Gemahlin sein. Dieselbe Anschauung darf auch in 
Uruk 6 vorausgesetzt werden; ja, es scheint sogar, daß im An- 
fang der zweiten Tafel gradezu die Vermählung des Gil- 
games mit Istar erzählt wurde 7. Die Könige galten demnach 
einst wirklich als Gatten der Göttin und vollzogen wirklich die 
Ehe unter irgendwelchen Bräuchen, die an bestimmten Festtagen 
im Tempel stattfanden. Später verschwanden diese Sitten, und 
die alten Vorstellungen blieben nur noch als stilistische Über- 
bleibsel im Hofstil erhalten. Nun konnte der Dichter wohl, durch 
diese Tatsachen angeregt, dem Gilgames als einem urzeitlichen 



neben einander genannt; vgl. Thureau-D angin VAB I S. 161 VIII 3; 
S. 221 f) 2, 12. 

1. So Schneider LSSt S. 78: „Es ist vollkommen ausgeschlossen, 
daß ursprünglich der ganze Kampf zwischen Gilgames und Istar ein 
Kampf des Königs von Uruk gegen die Stadtgöttin von Uruk war .... 
Hier ist ein deutlicher Bruch, der sich nur so verstehen läßt, daß 
entweder diese Istar ursprünglich nicht die Istar von Uruk ist oder 
dieser Gilgames nicht König von Uruk war". Die Schwierigkeiten der 
Episode hat Schneider richtig erkannt, aber sie dürften sich auf andere 
Weise besser erklären. 

2. VAB I S. 19 § 6, 8 f. 

3. VAB I S. 5^05 f. 4. Zimmern KAT S. 382 f. 

5. Thureau-Dangin VAB I S. XVI f. 

6. Die Könige von Uruk betrachteten sich als Göttersöhne, s. o. 
S. 78 unter „Nin-sun". 

7. S. 0. S. 16 V. 44 f. und vgl. dazu VAB 1 S. 3 a) § 2, 3—6. 



JOrklärung. S. Gilgameä und Istar. 123 

Holdon ohne weiteres das Wagnis zutrauen, die angebotene Hand 
der Göttin auszuschlagen, was kein späterer Uottkönig zu tun 
sicli erdreistet hat. Wenn er dabei der Istar eine etwas kläg- 
liche Rolle zuwies, so geschah es zu gunsten des Gilgames, der 
dadurch um so mehr verherrlicht wurdet Aber vielleicht kam 
noch eins hinzu. 

Der Kampf eines Stadtkönigs gegen die ötadtgöttin 
ist durchaus nicht so singulär, wie man glauben möchte. Dies 
Motiv begegnet uns noch einmal in dem Mythos von „Irra und 
Isum", merkwürdigerweise wiederum in Uruk 2. Danach soll der 
Gott Irra einst Unheil gebracht haben über Uruk, „die Stadt der 
Freudenmädchen, Dirnen und Huren, denen Istar den Mann be- 
zahlte und hingab". Er war es, der die Sutäer und Sutäerinnen 
anstachelte, Feuerbrände in die Häuser zu werfen, den Tempel 
Eanna zu zerstören und die Priester zu töten, die in Weiber- 
kleidern einhergehen und sich zu Ehren der Istar prostituieren 3. 
Irra soll es gewesen sein, der einen grimmigen, rücksichtslosen 
Statthalter dort einsetzte. Dieser quälte die Leute und hinderte 
sie, ihre Satzungen zu erfüllen *. Da erzürnte Istar und grollte 
gegen die Stadt; einen Feind bot sie auf, der Uruk hinwegriß, 
„wie Getreide vor dem Wasser" weggeschwemmt wird ^ Der Ver- 
gleich mit dem Gilgames-Epos drängt sich auf^: Hier wie dort 
Istar, die Göttin von Uruk, im Kampfe gegen den König von 



1. Da überall Gilgames und durch ihn Uruk gefeiert wird, so muß 
die Dichtung in dieser Stadt entstanden sein. Es ist darum auch aus- 
geschlossen, an den Dichter einer Nachbarstadt zu denken. 

2. Vgl. die Übersetzung Ungnads TB I S. 72. 

3. So verstehe ich den überlieferten Text: ,,die Priester und Spiel- 
leute (?), deren Mannhaftigkeit Istar, die Leute zu schrecken, in Weib- 
lichkeit (?) verwandelt hatte, die Dolchträ^er, die Träger von Messer, 
Pfriemen (?) und Feuerstein (?), die, um Istars Herz jubeln zu machen, 
. . . . (sich prostituierten?)". Beachtenswert sind auch die Abbil- 
dungen, auf denen eine weibliche Gottheit männliche Tracht trägt (z. B. 
TB II Abb. 99). Entsprechendes wissen wir aus dem kleinasiatiscben 
Kult, wo sich die Kastrierten in Weibertracht kleiden und der Päde- 
rastie preisgeben; vgl. Ed. Meyer GA I 2 S. 649ff. 

4. Die ,, Satzungen" sind, wie es scheint, von der Göttin Istar 
auferlegt, da grade sie über die Nichterfüllung ergrimmt ist. Dafür 
spricht auch der ausdrückliche Hinweis auf Uruk als die „Stadt der 
Dirnen" und auf die mannw^eiblichen (d. h. verschnittenen) Priester der 
Istar. 

5. Hierher — nicht zum Gilgames-Epos! — gehört wohl auch der 
Text, den Jensen KB VI S. 272f. übersetzt hat; vgl. ferner Pinches in 
den Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 1909 S. 37. 

6. Vgl. Otto Weber: Die Literatur der Babylonier S. 105. 



124 Das Gilgames-Epos. 

Uruk. Hier wie dort ist dieser König zugleich ein Tyrann, dessen 
hartes Joch auf den Einwohnern lastet. Hier w^ie dort bietet 
Istar einen besonderen Feind auf, den König und seine Stadt zu 
strafen. Auch Gilgames scheint, wie jener Tyrann, den Istar- 
dienst gehindert zu haben i. Immerhin sind die Abweichungen 
vom Irra-Mythos nicht zu verkennen. Dort fehlt, was im Epos 
die Hauptsache ist, das Motiv von der verschmähten Liebe der 
Istar. Auf der anderen Seite hören wir in unserer Dichtung 
nicht das mindeste davon, daß Gilgames ein fremdländischer 
König gewesen sei. Auch kann er nicht ständig mit der Stadt- 
göttin im Streit gelegen haben, da ihre Leidenschaft zu ihm sonst 
schwerlich entbrannt wäre. Endlich kann der von Istar gesandte 
Gegner nicht mit dem Himmelsstiere identisch sein ; denn dieser 
rafft wirklich das Getreide hinweg, was von jenem nur bildlich 
ausgesagt wird. Es ist folglich unmöglich, den Tyrannen des 
Irra-Mythos auf Gilgames zu deuten. Doch mögen beide Ge- 
stalten auf dieselbe Tradition zurückgehen , die vielleicht auf 
historischen Erinnerungen beruht. 

Oder ist die Vermutung zu kühn, daß hier ein geschicht- 
licher Hintergrund durchschimmert? In den Stadtkämpfeu 
der alten Zeit haben die Priesterparteien gewiß eine noch viel 
größere Rolle gespielt, als die Überlieferung betont. Das be- 
kannteste Beispiel ist die Gegnerschaft der Amon- Priester in 
Theben gegen Amenophis IV. Bei einem Wechsel der Dynastie 
in Uruk könnten sehr wohl die Priester der Istar in Opposition 
zu dem neuen Herrscher gestanden haben. Dann wäre es ganz 
natürlich, daß der König den Kult der Göttin verhindert, den 
Tempel profaniert, sich weigert, die vorgeschriebenen Riten zu 
vollziehen, vielleicht gar die Diener und Dienerinnen der Istar 
beschimpft. Diese würden ihrerseits alle Schmach, die er ihnen 
oder dem Tempel zufügt, als Beleidigungen der Gottheit selbst 
betrachten. Es wäre vermessen, wollte man die historischen Vor- 
gänge genau rekonstruieren oder auch nur behaupten, daß sie in 
der Zeit eines dann als geschichtlich vorauszusetzenden Königs 
Gilgames stattgefunden haben müßten; denn solche Traditionen 
könnten auch später von den Dichtern auf sagenhafte Gestalten 
übertragen worden sein. Nur dies soll als Hypothese aufgestellt 



1. S. 0. S. 87 Anni. 2. 



Erklärung. 9. Istar und ihre Buhlen. 1 25 

worden, daß sicli in dorn Kampf des Stadtkönigs mit der Stadt- 
göltiu IStar möglicher Weise historische Erinnerungen an Streitig- 
keiten zwischen der Dynastie und der Priesterschaft Istars wider- 
spiegeln, die zu einer zeitweiligen oder dauernden Einschränkung 
des Istarkultus führten K 

9. Istar und ihre Buhlen. Istar ist noch nicht zur Voll- 
göttin erwachsen, sondern steht auf einer niedrigeren Stufe, wie 
sich in ihrem Unvermögen gegenüber den Helden und ebenso in 
dem Verwandlungszauber zeigt, den sie wie jede„Hexe"^ des 
Märchens auszuüben pflegt. Nachdem sie ihnen zuvor einen 
Kuchen gereicht hat^, macht sie ihre Opfer dann durch einen 
Schlag, sei es ihrer Hand oder ihres Stabes, zu Vögeln, Löwen, 
Rossen oder Wölfen. Die Verwandlung ist ursprünglich ein 
selbständiges Motiv ^, das ausschließlich die Bosheit des Zauber- 
wesens veranschaulichen soll, und das im Gilgames-Epos erst 
sekundär mit der Liebestollheit der Göttin verknüpft ist. 

Aus der Undeutlichkeit, die diesen Erzählungen eigen ist, 
und aus einzelnen Anspielungen (wie an die Göttin Silili) läßt 
sich noch erkennen , daß der Dichter hier überlieferte , seinen 
Hörern geläufige Stoffe benutzt hat. Die Verwandlungsgeschichten, 
die einzeln, vielleicht in verschiedenen Ortschaften, umliefen, hat 
er gesammelt. Durch stilistische E-ücksichten bestimmt, hat er 



1. Denn in dem Kampfe unterliegt die Göttin. Aber die Möglich- 
keit ist nicht zu leugnen, daß die Gegensätze später wieder verschwan- 
den. Die Sitten sind ja sehr zähe und kommen, auch wenn sie längere 
Zeit unterdrückt worden sind, unversehrt wieder ans Tageslicht. Viel- 
leicht wurde nur der Ritus abgeschafift, die Ehe des Königs mit der 
Göttin im Tempel feierlich zu begehen; vielleicht aber wurden auch 
ältere orgiastische Formen des Istardienstes, die sich mit kleinasiati- 
schen Bräuchen berühren, verboten. In der Tat hören wir später ver- 
hältnismäßig selten von sakraler Prostitution, sodaß man sogar die 
Nachrichten Herodots als starke Übertreibung bezeichnet hat; vgl. 
ZiMiviERN KAT S. 423. 

2. Der Ausdruck ,,Hexe" ist insofern irreführend, als Istar kein 
häßliches, runzeliges, altes Weib ist, sondern jung, strahlend, schön. 
Aber nach den Begriffen der nordischen Mythologie, die uns geläufig 
sind, unterscheiden wir Fee als gute und Hexe als böse Zauberin. 

3. Das ist im Text bei der Verwandlung des Gärtners ausdrück- 
lich gesagt, gehört aber nicht zum notwendigen Bestandteil der Zauber- 
handlung. Denn Imllänu wird verwandelt, obwohl er keine Speise be- 
rührt hat! 

4. So noch in vielen Märchen; vgl. Wundt: Völkerpsychologie 113 
S. 163 Anm. 2. Auch Augustin erzählt von Wirtinnen in Italien, die 
durch Käse ihre Gäste in Stuten verwandeln, um durch sie einige Ar- 
beiten verrichten zu lassen. 



126 Das Gilgaraes-Epos. 

sieben davon ausgewählt und sie in eine chronologische Reihen- 
folge gebracht. An einzelnen Stellen spielen ätiologische 
Naturmythen hinein, durch die Tiersitten und Tierstimmen ge- 
deutet werden 1. Wie man bei uns in Deutschland glaubt, daß 
die Nachtigall ein verwandelter Schäfer sei, so erzählte man 
damals von dem buntschillernden „Schäfervogel", dessen Flügel 
wie zerbrochen aussehen und der sein klägliches kappi, kappi 
(mein Flügel) ertönen läßt, er sei einst der Buhle der Istar ge- 
wesen, dann aber von ihr verstümmelt worden. Nicht besser er- 
ging es dem kraftvollen Löwen, der seitdem durch Fallgruben 
verfolgt wird. Auch das stolze Pferd, das die Peitsche des 
Treibers erdulden muß, das die klaren Wasser des Baches aufzu- 
wühlen und zu trüben pflegt, ehe es säuft und ehe die Menschen 
davon trinken 2, gilt als verwunschener Liebling jener bösen 
Zauberin. 

Der primitiven Stufe der Kultur entspricht es, wenn neben 
Göttern und Königen auch Schäfer, Hirten und Gärtnerburschen, 
kurz kleine Leute, als die Liebhaber der Istar bezeichnet werden. 
Vor allem sind es die Gärtner gewesen, die damals auch nach 
anderen babylonischen Sagen dieselbe Rolle für vornehme Frauen 
gespielt haben müssen, die heute Dienstbotenklatsch vielfach dem 
Kutscher zuweist. Die Bosheit der Göttin wird besonders 
hervorgehoben, da sie ihren eigenen Hirten und ihren eigenen 
Gärtner, die sie täglich mit ihren Gaben erfreuten, durch ihre 
Geilheit verführt und dann mißhandelt. Bei dem engen psycho- 
logischen Zusammenhang, der zwischen Wollust und Grausamkeit 
besteht, befremdet die Katzennatur der Liebesgöttin nicht weiter. 
Immerhin ist auch hier die stilistische Kunst des Dichters zu be- 
achten. Denn ursprünglich erzählte man von vielen Gatten der 
Istar, unter den Göttern und unter den Königen. Teils gehörte 
dies zum guten Ton der vornehmen Gesellschaft, wie die vielen 
Liebschaften des Zeus lehren, teils wird wohl auch, was von der 
Tempeldirne galt, auf die göttliche Hierodule übertragen worden 
sein. Der Verfasser dieser Szene aber hat das Nebeneinander 
selbständiger Liebesgeschichten zu einem chronologischen Nach- 
einander gemacht, sodaß die verschiedenen Buhlen einander 



1. Viele Parallelen jetzt bei 0. DÄnNirARDT: Natursagen. III. 
Tiersagen. 1910. 

2. Dem Orientrcisendeu luider nur allzu bekannt. 



Erklärung. 9. I§tar und ihre Buhlen. 127 

menschlich, fast allzu menschlich ablösen. Dadurch wird die 
Wollust Istars stärker betont und ihre Grausamkeit noch mehr 
hervorgehoben. 

Als ihr Jugendgemahl wird Tara uz an erster Stelle genannt. 
Wie Istar selbst unter anderem das vegetative Liebesleben in der 
Natur fördert, so ist auch ihr Gatte Tamuz höchst wahrscheinlich ^ 
ein V^egetationsgott. Beide sind Parallel figuren und wohl eben des- 
halb als Mann und Weib neben einander gestellt. Für Tamuz, 
in der griechisch-phönikischen Göttersage Adonis genannt, ist das 
jährliche Sterben und Wiederaufleben ^ ein charakteristischer Zug. 
Während nun in dem Mythos von „Istars Höllenfahrt" ^ die 
rührende Treue der Gattin verherrlicht wird, die ihrem Gemahl 
in .die Unterwelt folgt, ist im Gilgames-Epos das grade Gegenteil 
vorausgesetzt: ,, Deinem Jugendgeliebten hast Jahr für Jahr du 
Weinen bestimmt". Sie ist also Schuld daran, wenn Tamuz 
wieder ins Totenreich zurückkehren muß*. Im Hintergrunde 
steht, so dürfen wir sagen, die mythisch-religiöse Vorstellung von 
dem jährlichen Tode des Tamuz, die als Einzelmythos allgemeine 
Anschauung der Babylonier war: Wenn im Sommer die Vege- 
tation verschwindet, dann glaubte ein jeder, der Vegetationsgott 
Tamuz ^ steige in die Unterwelt hinab. Weiter reicht der Volks- 
glaube nicht; nur gesellt sich der Volksbrauch hinzu, den Tod 
des Gottes durch ein kultisches „Weinen" oder durch ein Sühne- 
fest zu beklagen. Alles, was darüber hinausgeht, ist von der 
Phantasie der Dichter geschaffen worden und im Großen und 
Ganzen immer ihr Eigentum geblieben. Sie haben das Motiv des 
Volksglaubens aufgegriffen und weiter ausgestaltet, indem sie bald 
diese bald jene Züge hinzufügten. So muß hier Tamuz sterben, 

1. Vgl. Zn^mERN KAT S. 397 f. 

2. Wenn Tarauz „Jahr für Jahr" stirbt und beweint wird, dann 
muß er auch Jahr für Jahr wieder aufgelebt und mit Freudengesängen 
begrüßt worden sein; vgl. den Schluß des Mythos von ,, Istars Höllen- 
fahrt". 

3. Vgl. die Übersetzung Ungnads TB I S. 65 ff. 

4. In diesem Zusammenhang, wo Gilgames der Göttin schwere 
Vorwürfe macht , kann das von Istar veranlaßte „Weinen" nicht als 
Zeichen des Mitleids aufgefaßt werden. Beachtenswert ist, wie unklar 
sich der Dichter ausdrückt. Er sagt nicht, ob Istar ihren Gatten ver- 
stößt oder gar tötet. Man darf auch gar nicht danach fragen, da dieser 
Mythos noch nicht entwickelt ist. 

5. Anders im Mythos von „Istars Höllenfahrt", wo die Vegetation 
mit dem Hinabsteigen der Istar verschwindet. Die Anschauungen waren 
also lokal verschieden. Aber die Grundidee war überall dieselbe. 



128 Das Gilgames-Epos. 

weil seine Gattin es so bestimmt hat; sie will sich an anderen 
Liebhabern schadlos halten, die sie nacheinander in Tiere ver- 
wandelt und quält. Die einzelmythische Idee liegt hier noch im 
Keime vor und ist eben deshalb ihrem Ursprünge nach so durch- 
sichtig. Sie gewinnt ihre besondere Farbe nur durch die Ein- 
reihung in diesen Zusammenhang, ist aber im übrigen noch nicht 
zu einer mythischen Erzählung entwickelt. 

Die Istar hat manche Forscher an die Kirke erinnert. Die 
Kirkeepisode der Odyssee ^ ist aber mit der Istarepisode des Gil- 
games-Epos nicht zu vergleichen, weil beide völlig von einander 
abweichen : Jene spielt auf einem weltfernen Eiland, diese in der 
Heimat des Helden. Während Gilgames sich selbst zu helfen 
weiß, wird Odysseus nur durch das Eingreifen des Hermes ge- 
rettet, der ihm die Zauberpflanze Moly verschafft. Gilgames wird 
von der Göttin geliebt und scheidet sofort als Feind von ihr, 
Odysseus hingegen naht sich der Kirke als Feind und trennt sich 
von ihr nach einem Jahr als ihr Geliebter. Für Istar sind die 
beiden Eigenschaften der Liebestollheit und der Zauberkraft 
charakteristisch, Kirke besitzt nur die letzte: Auch sie verzaubert 
Menschen in Schweine, Wölfe, Esel und Löwen ^ durch einen 
Schlag mit ihrem Zauberstab, nachdem sie ihnen zuvor den 
Zaubertrank gemischt hat. Aber diese Übereinstimmung ist nicht 
genügend, um von einem historischen Zusammenhang reden zu 
können. 

Wie der Kirke so fehlt auch allen anderen Zauberinnen, 
die man als Parallelen zur Kirke angeführt hat und die man 
darum auch mit Istar vergleichen könnte, die sinnliche Glut. 
Von dem Mongolen Gesser Chan wird erzählt 3, wie er einmal 
zur Behausung eines schönen Weibes kam, das ihn zur Bewirtung 
mit Speise und Trank einlud. Die Schöne bereitete zwei Kuchen; 
der eine war mit Gift gemischt und für Gesser bestimmt, wäh- 
rend sie den unschädlichen sich selbst vorbehielt. Als sie hin- 
ausging, erschienen Gessers Schwestern in Kuckucksgestalt und 
machten ihn auf die Gefahr aufmerksam. Gesser vertauschte in- 



1. K 133-468. 

2. Vgl. Gruppe GrMuRG S. 709 Anm. 1. 

3. Nach JÜLG (Verhandlunj^on der Philologen -Versammlung zu 
Würzburg. Leipzig 1809. S. GGj zitiert von F. Bender: Die märchen- 
liaften Bestandteile der homerischen Gedichte (Programm). Darmstadt 
1878. S. 22 f. 



Erklärung. 9. IStar und ihre Buhlen. 129 

folgedesaen die Kuchen. Als das Weib zurückkam, ergriff sie 
einen schwarzen hölzernen Stab von drei Klaftern Länge und 
gebot ihm unter mystischer Formel, zu essen. Gesser tat es und 
verlangte dasselbe von der Hexe, die ohne Ahnung den vergif- 
teten Kuchen verzehrte. Gesser wiederholte nun die Zauberformel 
und zog die Frau am Kopfe, wodurch sie in einen Esel verwan- 
delt ward. So widerfuhr ihr das Schicksal, das ihm gedroht 
hatte. Ferner wird in der indischen Märchensammlung des So- 
madeva^ erzählt, wie ein junger Kaufmann mit vier frommen 
Pilgern des Abends an einen Wald kommt. Holzhacker warnen 
sie vor einem Gespenst, einer Yakschini, die durch Zaubersprüche 
erst die Wanderer in Tiere verwandelt und sie dann auffrißt. Sie 
gehen aber doch; und um Mitternacht naht tanzend die Yak- 
schini, schon von Ferne ihre aus einem Menschenknochen ge- 
bildete Flöte blasend. Sowie sie herbeigeeilt ist, richtet sie den 
Blick fest auf einen der frommen Männer und rezitiert unter 
wildem Tanze einen Zauberspruch. Dadurch wächst jenem ein 
Hörn; wahnsinnig aufstehend stürzt er tanzend in das flammende 
Feuer. Den Halbverbrannten zieht die Zauberin heraus und 
zehrt ihn auf. So geht es dem zweiten und auch dem dritten 
Pilger. Als sie eben im Begriff ist, auch den vierten zu fressen, 
legt sie zufällig die Flöte auf den Boden ; sogleich springt der 
Kaufmann auf, ergreift sie, bläst darauf und rezitiert unter wildem 
Tanze sich umherdrehend den Zauberspruch, den er durch wieder- 
holtes Anhören gelernt hat. Durch die Macht dieses Spruches 
wird die Yakschini aller Kraft beraubt. Von einem geschicht- 
lichen Zusammenhange dieser Erzählungen mit der Odyssee^ oder gar 
mit dem Gilgames-Epos kann keine Rede sein. Denn sie stimmen 
nur in der Gestalt der menschenverzaubernden Hexe überein, die 
uns auch aus anderen zahlreichen Märchen geläufig ist. In allen 
übrigen Einzelheiten aber weichen sie von einander ab. 

10. Der Himmelsstier. Die Episode des Kampfes mit 
dem Himraelsstier ist vielleicht ^ ursprünglich selbständig gewesen 



1. Nach Brockhaus (Abb. der kgl. sächs. Ges. d, Wiss. zu Leipzig, 
philol.-hist. Kl. 13, 215f.) mitgeteilt von Georg Gerland: Altgriechi- 
sehe Märchen in der Odysee. Magdeburg 18G9. S. 35. 

2. Anders urteilen Bender und Gerland a. a. 0., auch Gruppe 
GrMuRG S. 708 Anm. 2. 

3. Für die Entscheidung dieser Fracke ist wichtig, wie man das 
Motiv des „rechten" (Schenkels) erklärt. Wer hier an phalliscbe Sitten 

FoTschongen 14: Gilg.-Epos. 9 



130 Das Gilgames-Epos. 

und erst von den Verfassern des Epos sekundär mit der Istar- 
szene verknüpft worden. Unbedingt notwendig ist sie jedenfalls 
nicht; denn die Göttin bleibt ungerächt. Auch steht Istar sonst 
nirgendwo in enger Beziehung zum Stiere; ihr heiliges Tier ist 
vielmehr der Löwe. Man würde daher erwarten, daß sie einen 
himmlischen Löwen gegen die Helden entsendet. Wie alle Stoffe, 
aus denen die Dichtung erwachsen ist, so würde demnach auch 
dieser in der ältesten Zeit selbständig umgelaufen sein. 

Ehe der Löwe zum König unter den Tieren wurde, hat der 
Stier als solcher gegolten. Die Ägypter stellten ihren Herrscher 
bisweilen direkt unter dem Bilde eines Stieres dar^ Auch Gil- 
games wird oft mit einem Wildstier verglichen 2. Hammurapi 
und später noch die assyrischen Regenten bezeichnen sich selbst 
gern als „Wildstiere". Die Jagd auf Wildstiere war in Ba- 
bylonien eine königliche Leidenschaft. AVelchen Ruhm heischen 
Gilgames und Engidu, wenn sie gar einen himmlischen, von Anu 
geschaffenen Stier bezwingen! Die Jagdlrophäen wurden im 
Tempel dargebracht: so hängt Gilgames die Hörner des erlegten 
Stieres im Heiligtum seines Gottes Lugalbanda auf^. Solche 
prächtigen Gehörne, deren Umfang die Epigonen anstaunen mochten, 
— so darf man demnach voraussetzen — waren wirklich im 
königlichen Tempel Uruks vorhanden und regten die geschäftige 
Phantasie der Dichter mit an, die Helden der Vorzeit und vor 
allem den Zweidrittelgott Gilgames durch einzigartige Stierkämpfe 
zu verherrlichen. 

Die charakteristische Eigenschaft des Wildstiers, zumal des 
erregten, ist das wütende Schnauben, und man begreift ohne 
weiteres als märchenhafte Übertreibung, daß der Himmelsstier 
zweihundert Mann auf einmal hinwegfegt. Um des Fauchens 
willen wurden wohl auch die Sturmdämonen als Stiere* aufge- 



denkt, wird einen ursprünglichen Zusammenhang dieser Episode mit 
der Liebesszene behaupten müssen. 

1. Vgl. TB. 11 Abb. 229. 

2. S. 0. S. 86 Anm. 1. 

3. Die Hörner wurden nicht etwa am Altar angebracht, sondern 
auff^ehänj^t und als Behälter für Salböl benutzt. Auch die Israeliten 
verwendeten die Hörner zu demselben Zweck; vjjjI. 1 Sam. 16, 1; I Kön. 
1, 39. Stieropfer werden oft in babylonischen Texten erwähnt; vgl. 
VAB I S. 17 § 1, 40 und die entsprechende Darstellung der Geier- 
stele u. s. w. Ob auch wilde Stiere geopfert wurden (entsprechend den 
Löwenopfern TB II Abb. 80)? 

4. Vgl. Zimmern KAT S. 572. 



Erklärung. 10. Dor Himnielsstier. 131 

faßt und dargestellt. Vielleicht ahor erzählte der Text des Epofl 
von dorn „feurigen" Hauch des Ilinimelsstieres. Ähnliche Mär- 
chenstiere kennt ja auch die griechische Heldensage: Herakles 
oder Theseus bändigen den kretischen Stier^, Bellerophontes tötet 
die mischgestaltige Chiinära, die feuerspeiend Verderben bringt*, 
Jason spannt zwei feuerschnaubende Stiere mit ehernen Füßen 
vor einen Pflug und bestellt das Feld 3. Diese Fabelwesen sind 
Ausgeburten der Phantasie, die von wirklichen Stieren ausgehend 
sie ins Grandiose vergrößert hat. Irgend etwas Mythisches oder 
gar Astrales dahinter zu suchen, ist kein Grund vorhanden. 
Selbst wenn dem Sternbild des Stieres das „Hinterteil" fehlt*, 
hat man noch kein Recht, den Himmelsstier mit dem taurns zu 
identifizieren ; denn jenem wird nur der ,, rechte" (Schenkel) aus- 
gerissen! Ein astrales Motiv könnte vorliegen, wenn etwa erzählt 
würde, daß der „rechte" (Schenkel) oder die übrigen Teile des 
Stieres an den Himmel geworfen würden, wie Thor es mit dem 
Auge des Riesen oder mit der Zehe Aurvandils machte Aber 
Engidu begnügt sich, den gewaltig schweren Schenkel auf die 
sagenhaft hohe Mauer von Uruk, auf deren Zinne Istar steht, zu 
schleudern, — immerhin eine erstaunliche Leistung! Der märchen- 
hafte Charakter erhellt am klarsten daraus, daß der Himmelsstier 
vorher gar nicht existiert hat: er muß erst geschaffen werden, 
und dann wird er totgeschlagen. Ihm fehlt also jede selbständige 
Bedeutung. 

Trotzdem scheint ein mythischer Einschlag vorhanden zu 
sein, wenn anders die glänzenden, von Jensen stammenden Er- 
gänzungen des hier lückenhaften Textes richtig sind. Danach 
würde das Gedeihen der Pflanzen irgendwie vom Stiere abhängen; 
mit seinem Tode würden sieben Hungerjahre eintreten, Menschen 
und Vieh müßten sterben, falls Istar sie nicht aus ihren Korn- 
speichern ernährt ^. Ob sich die Befürchtungen Anus wirklich 



1. Vgl. Gruppe GrMuRG S. 600 f. 

2. Ebd. S. 838; die Chimäre wird von Gruppe, wenig wahrschein- 
lich, auf den Vulkansturm „gedeutet". 

3. Ebd. S. 573 f. 

4. So behauptet Jensen GE S. 92. 

5. V^l. Richard M. Meyer AGRG S. 293. 

6. Ein historischer Zusammenhang mit der Erzählung von den 
sieben Hungerjahren (in Gen. 41) ist auch mir wahrscheinlich; vgl. 
Jensen und Zimmern KAT S. 572 Anm. 2. Ägyptische Parallelen, an 
die man ja zunächst denken würde, fehlen bis jetzt. Bemerkenswerte 

9* 



132 Das Gilgames-Epos. 

erfüllen, läßt sich nicht sagen, da der Text des Epos grade im 
folgenden sehr stark verstümmelt ist. Indessen darf man wohl 
soviel behaupten, daß hier eine fremde Idee ^ mit dem Märchen- 
stier verknüpft worden ist; es muß einen mythischen Stier 
gegeben haben, so darf man vermuten, von dessen Gedeihen 
alles Wachstum in der Welt abgeleitet wurde. Nun haben wir 
in der Tat einen Siegelzylinder aus der Zeit Sargons^, auf dem 
dargestellt ist, wie eine nackte Figur ^ einen himmlischen * Stier 
knieend aus einer Vase mit Lebenswasser^ tränkt. Dies Bild 
läßt sich aus dem Kampf der Helden mit dem Himmelsstier auf 
keine Weise erklären, würde dagegen sehr gut passen zu der aus 
dem Epos erschlossenen Idee eines mythischen Stieres: solange 
dieser getränkt wird, ist das Wachstum in der Welt gesichert ^. 
Irgend ein astrales Substrat hat aber auch dieses mythische Wesen, 
das vielleicht die Phantasie der Dichter mit beeinflußt und das 
auf den märchenhaften Stier „abgefärbt" hat, nicht besessen '^. 
Die Schöpfung des Stieres durch Anu ist wohl nur dem 



Übereinstimmungen mit diesem Teil des Epos sind 1. die Kühe, die dem 
Stier entsprechen, 2. die Siebenzahl der Hungerjabre und 3. das vor- 
herige Sammeln von Korn für die Zeit der Not. 

1. Schwerlich ist mit Jensen KB VI S. 453 f. daran zu denken, 
daß der Himmelsstier mit seinen Hufen die Felder niedertreten oder 
sie mit seinem giftigen (feurigen) Hauche verheeren werde. Denn dazu 
paßt weder der Ausdruck ,, leeres Stroh" noch die Siebenzahl der Jahre. 
Anders wäre es, wenn die Hungersnot nur ein Jahr währen sollte. 

2 Abgebildet bei Schneider LSSt S. 43. 

3. Ein sogenannter „Gilgames", s. o. S. 96 Anm. 6. Diese Be- 
zeichnung wird vollends hinfällig, wenn es sich um eine himmlische 
Szene handelt, vgl. die nächste Anm. Vielleicht darf man an einen 
Priester denken; denn das Tränken des Stieres könnte als eine Opfer- 
handlung aufgefaßt werden, und die Priester amtierten in der ältesten 
Zeit nackt (vgl. z. B. die altbabylonische Libationsszene TB II Abb. 76). 
Da es im Himmel nach Ausweis der Abbildungen auch Altäre gibt, 
macht es keine Schwierigkeit, himmlische Priester vorauszusetzen. 

4. Denn die Szene spielt über dem himmlischen Wasser; vgl. z. B. 
die Parallele TB II Abb 92, wo das Zelt des Saraas über den himm- 
lischen Wassern aufgeschlagen ist. 

5. Vgl. die parallelen Darstellungen, die Prinz: Astralsymbole 
S. 39 f. besprochen hat. 

6. Wie man sich den Zusammenhang zwischen dem Tränken des 
Tieres und der Fruchtbarkeit der Erde genauer zu denken hat, bleibt 
fraglich; wahrs(;hoinlich nach Art des Analogiozaubers. 

7. Schneider LSSt S. 44 hält es für ,, vollkommen ausgeschlossen, 
daß der (mythische) Stier mit dem Himmolssticr der späteren Dichtung 
irgend etwas zu tun hat". Das ist immerhin ein Fortschritt gegenüber 
denjenigen Forschern, die beide ohne weiteres identillzieren, aber doch 
wolil eine Übertreibung ins entgegengesetzte Extrem. Die Wahrheit 
liegt, wie so oft, in der Mitte. 



Erklärung. 10. Der Himnielsstier. 133 

Bedürfnis nach nitanlierenden Momenten cntsprungcMi ^ Die be- 
leidigte Göttin wendet sich naturgemäß an ihre Eltern, um mit 
deren Hülfe die Schmach zu sühnen. Ihr Vater äußert Bedenken 
gegen den von ihr entworfeneu Plan. Wird es ihr gelingen, seine 
Befürchtungen zu zerstreuen, wird sie ihren Willen durchsetzen 
und den Tod des verhaßten Gilgames erreichen ? 80 sollten die 
Hörer voll Spannung fragen. Im übrigen spielt Anu eine rein 
statistische Rolle und kümmert sich, wie es scheint, nicht weiter 
um die Niederlage seiner Tochter. 

Die Schlußszene ist mit derber Komik gezeichnet und beendet 
den Kampf mit einer Burleske. Auf die Schmähungen Eugidus 
weiß die Göttin nichts zu erwidern ; sie versammelt nur ihre 
Dienerinnen und weint mit ihnen bitterlich über dem Stück des 
Stieres, das ihr allein geblieben ist^. Noch gröber und anzüg- 
licher wäre die Handlung, w^enn man unter dem „rechten" 
(Schenkel) einen euphemistischen Ausdruck für den Phallos 
vermuten dürfte^. Der Phallos des Stieres wäre dann als bos- 
hafter Ersatz für die umsonst begehrte Liebe des Gilgames ge- 
meint. Aber der überlieferte Text schließt diese Deutung aus: 
Denn erstens ist der Ausdruck „rechter" (Schenkel) ein geläufiger 
terminus techuicus* für denjenigen Teil des Tieres, der geopfert 
wird, also nicht gut ein Phallos sein kann. Noch weniger könnte 
zweitens Engidu sagen: „Ich möchte dir ebenso tun wie dem 
Stiere!" Und drittens zeigt die Fortsetzung: „Ich würde dir seine 
Gedärme an die Seite hängen", daß hier nichts als grobe Be- 
schimpfung vorliegt. Wenn man vermuten will^, andere und 

1. Schwerlich ist die Verbindung des Stieres mit Anu eine pri- 
märe mythische Idee. Denn Anu ist kein Vegetationsgott. Der Stier 
aber ist das heiliii^e Tier der Vegetationsgötter wie Kamman (bei den 
Babyloniern), Tesup (bei den Hethitern), Baal (bei den Kanaanitern). 
Ein Zusammenhang des mythischen Stieres mit der Vegetation ist darum 
auch von diesem Gesichtspunkte aus wohl möglich. 

2. Das ,, Weinen" ist die rituelle Totenklage, die an der Leiche 
selbst vollzogen wird. Daher erklärt es sich, daß Istar ihre Hierodulen 
bei dem ,, rechten" (Schenkel) versammelt und dort klagen und weinen 
läßt. Im übrigen aber gilt die Klage dem ganzen Stiere! 

3. So vermutet z. B, Schneider LSSt. S. 57; so behauptet direkt 
Otto Weber: Die Literatur der Babylonier S. 78. 

4. Vgl. Zdumern: Kitualtafeln S. 95 und KAT S. 597. 

5. Zu einer so vermuteten Szene ließen sich mancherlei Parallelen 
beibringen: Die Göttermutter Astronoe („offenbar eine Gräzisierung der 
Astarte"; Baudissin: Esmun-Asklepios in den Nöldeke gewidmeten 
Orientalischen Studien II S. 750) erblickt den schönen Jüngling Esmu- 
nos auf der Jagd und verfolgt ihn mit ihrer Liebe. Ihr entfliehend, 



134 Das Gilgames-Epos. 

ältere Rezensionen des Epos hätten statt vom „rechten" (Schenkel) 
vielmehr vom Phallos gesprochen, so läßt sich eine solche Hy- 
pothese nicht widerlegen, freilich auch nicht beweisen. 

11. Analyse des dritten Teiles. Die bangen Ahnungen 
Engidus, die in seineu Träumen schon mehrfach zum Ausdruck 
gekommen sind^ und sein frühes Ende in nahe Aussicht gestellt 
haben, beginnen sich zu erfüllen^. Eine heftige Krankheit hat 



entmanut er sich, wird dann aber durch „die lebenerweckende Wärme" 
der Göttin neu belebt und als Paian vergöttert (vgl. Gruppe GrMuE-G. 
S. 1544 Anm. 2). Auch hier ist eine Göttin in Liebe entbrannt zu einem 
strahlenden Helden, dem phönikischen Gotte Esraun. Dieser weigert 
sich der Liebesfrohn, indem er sich selbst kastriert; Gil^ames würde 
statt dessen den Phallos des Stieres ausreißen. Oder man könnte er- 
innern an jene phryj^^ische Erzählung, wonach Zeus (d. h. Attis oder 
Sabazios) einem Widder die Hoden ausgerissen und sie öffentlich (d. h. 
zum Schimpf?) in den Schoß der Deo (d. h. der Kybele) ijeworfen habe 
(Clemens protr. II 15 S. 31). Hier ist die Selbstentmannung abge- 
löst durch die eines Widders (vgl. Hugo Hepding: Attis S. 192). Alle 
diese Mythen gehen im letzten Grunde auf die kultische Sitte der 
Kastration zurück, die durch ätiologischen Mythos auf die Gottheit 
selbst zurückgeführt wird. Wenn es im Kult der Istar ähnliche Kiten 
gab, wie aus mancherlei Gründen wahrscheinlich ist (s, o. S. 123), dann 
darf man gewiß auch ähnliche Mythen voraussetzen. Man könnte ferner 
auf Korababos verweisen, der sich entmannt hat und doch der Geliebte 
der Stratonike ist (Lucian: De dea Syria c. 19 ff.), oder an eine ent- 
sprechende Szene des Alten Testaments, wo allerdings die Geschlechter 
vertauscht sind: Jahve lauert in der Brautnacht der Zippora auf, dem 
Weibe des Mose. Sie weiß sich nicht anders zu helfen, als daß sie der 
Gottheit ein Stück von dem blutigen Gliede des Mannes (später er- 
zählte man: des Sohnes) zuwirft (so nach der genialen Erklärung Eduard 
Meyers: Die Israeliten und ihre Nachbarstämme S. 59). Die ßeschnei- 
dung ist hier insofern ein Ersatz der Kastration, als auch sie dazu 
dient, die Liebesleidenschaft der Gottheit zu befriedigen. Doch braucht 
die Entmannung auf israelitischem Boden nicht wirklich vollzogen zu 
sein. Dies und manches Andere ließe sich anführen, wenn der Text so 
lautete, wie einige Forscher wünschen, daß er lauten möchte. Da 
immerhin die Burleske möglicher Weise auf solche phallischen Eiten 
zurückgehen kann, so seien die Parallelen der Beachtung empfohlen. 
Man kann weiter fragen, ob nicht vielleicht auch dem Worte ,,ich würde 
dir seine Gedärme an die Seite hängen" ein kultischer Brauch zu Grunde 
liegt: Im Kult des germanischen Hangafyr wurde der Darm des noch 
lebenden Opfers um den heiligen Baum gewickelt; vgl. Richard M. 
Meyer AGKG. S. 239 und Andree: Ethnographische Parallelen 1, ^2. 

1. Vgl. 0. S. 21 V. 14 ff' ; S. 29 V. 10 ff".; S 35 v. 21()ff. 

2 Jensen GE. S. 19 Anm. 5 glaubt aus dem Texte ergänzen zu 
dürfen, auch Engidu sei vom Stier angeblasen, wiewohl nicht kampf- 
unfähig gemacht worden. Für diese Meinung kann er si(;h schwerlich 
mit Kocht auf den Text berufen. Aber ihre Richtigkeit vorausgesetzt, 
80 würden dennoch Krankheit und Tod P]ngi<lus von hier aus kaum zu 
erklären sein. Denn na(di der Vernichtung des Stieres pflegen beide 
Helden der ver<lienten Ruhe (S. 34 v. 170), ja Engidu vollbringt eine 
neue gewaltige Tat, indem er den Schenkel auf die Mauer wirft; auch 



Erklärung. 11. Analyse des dritten Teiles. 135 

ihn gepsiekt und seine Gedanken verwirrt. Im Fieberwahn', so 
scheint es, redet er nnt der Tür, die den Eingang zum Zedern- 
walde bildete und den Weg zu IJunibaba versperrte 2, wie mit 
einem verständigen Menschen. Nach zwölf Tagen ^ erfolgt der 
Tod Engidus. Gilgames ist erschüttert und vermag das pjnt- 
setzliche nicht zu fassen; ihn dünkt der Tod ein ftchlaf zu sein. 
Doch das Auge ist gebrochen, das Herz schlägt nicht mehr; da 
deckt er den Freund zu wie eine junge Braut. Selten ist die 
Freundesliebe zarter und rührender verherrlicht worden als in den 
schlichten Worten dieses Textes*. Gilgames kann sich nicht 
trennen von dem Genossen seiner Kämpfe, sechs Tage und Nächte 
weint er um ihn ^. Als er ihn bestattet hat, duldet es ihn nicht 
länger zu Hause. Die Furcht vor dem eigenen Ende überfällt 
den König: „Ich werde selbst sterben, werde ich dann nicht wie 
Engidu sein?"^ So zieht er aus, seinen Urahn üt-napistim, den 
Sohn des Ubara-Tutu, aufzusuchen, um von ihm, wie aus dem 
Folgenden hervorgeht, das ewige Leben zu gewinnen. Ut-napistim 
muß wissen, wie man die Unsterblichkeit erlangt; denn er selbst 
hat, so besagt wohl schon sein Name ', „das Leben gefunden". 

Die ersten Erlebnisse der Wanderung ^ kennen wir nicht ^. 
Wo der Text wieder einsetzt 1^, ist Gilgames bereits zum Gebirge 
Masu gelangt, ans Ende der Welt; denn dort stößt der Himmels- 
damm mit der Unterwelt zusammen, und dort befindet sich das 



der Siegeseinzuj:: in Uruk wird durch keine Krankheit gestört. — Ebenso 
unwahrscheinlich ist die andere Vermutung, Engidu sei durch einen 
Unglücksfall beim Mauerbau ums Leben gekommen (Jensen KB VI 
ö. 184 f. Anm.). — Auch aus 0. S. 66 v. 57 ff . (und Parall.) ist nichts 
Sicheres zu erschließen. 

1. Vo^l. 0. Ö. 36 V. 38 ff. Daß es sich hier um Fieberpbantasien 
handelt, darf man wohl vermuten 1, aus der Anrede an die Tür wie an. 
einen verständij^^en Menschen, und 2. aus der Meinung Engidus, ein 
Patesi(?l aus Nippnr habe sie gemacht. 

2. Möglich wäre die Annahme, daß die Freunde die Tür vom Ze- 
dernwalde nach Uruk gebracht hätten. Aber notwendig ist diese Hy- 
pothese nicht. 

3. Vgl. 0. S 37 V. 21 ff. 

4. Nur das Leichenlied Davids auf den Tod Sauls und Jonathans 
stellt sich diesem Text würdig an die Seite; vgl. II Sam. 1. 

5. Vgl. 0. S. 45 V. 55 f. und Parallelen. 

6. Vgl. 0. S. 39 V. 3. 

7. Vgl. 0. S. 80 unter „Tt-napistim". 

8. Beachte S. 39 v. 7 „und gehe eilends". 

9. Nur ein Kampf mit Löwen in den Schluchten des Gebirges ist 
teilweise erhalten; vgl. 0. S. 39 E und S. 40 v. 9 ff. 

10. Vgl. 0. S. 40 V. 36 ff. 



136 Das Gilgames-Epos. 

Tor, wo die Sonne täglich ein- und ausgeht, von einem Skor- 
pionmenschen und seinem Weibe bewacht. Sie scheinen als 
Riesen vorgestellt zu sein, da ihnen die Unterwelt bis an die 
Brust reicht, und da auf ihren Häuptern vielleicht der Himmel 
ruhti. Ihr bloßer Anblick ist so schrecklich, daß er den Tod 
bringt^. Wohl zuckt Gilgames zusammen, als er sie sieht, aber 
sein Mut verläßt ihn nicht. Da erkennt das bewundernde Weib 
in ihm einen Gott; der kritische Sinn des Mannes jedoch schaut 
das sterbliche Drittel, das dem Gilgames geblieben ist. Sie fragen 
ihn nach seinem Begehr. Als der Fremdling seinen Wunsch vor- 
getragen hat, zu üt-napistim zu gehen, der in die Versammlung 
der Götter aufgenommen wurde und so das ewige Leben gewann, 
warnen sie ihn vor dem dunkeln Wege, der zwölf Doppelstunden 
durch dichte Finsternis führe und den noch nie ein Mensch glück- 
lich zurückgelegt habe. Da Gilgames indessen auf seinem Willen 
besteht, so lassen sie ihn eintreten. Und nun wandert der Held 
und wandert zwölf Doppelstunden lang immer im Dunkeln, weder 
vor ihm noch hinter ihm Licht. Endlich erreicht er den Garten 
der Götter, dessen Bäume mit Edelsteinen wie sonst mit Früchten 
behangen sind. 

Als er ihn durchschritten hat, stößt er auf ein Meer, an 
dessen Ufer die Göttin Sabitu thront 3. Der Held ist durch die 
weite Reise verwildert, sein Götterfleisch ist durch die Felle der 
Tiere verdeckt, die ihm unterwegs als Nahrung gedient haben. 
So kann die Göttin seine Art nicht erkennen, erschrickt vor ihm 
wie vor einem bösen Dämon und verriegelt ihr Tor. Aber durch 
die Drohung, es zerschmettern zu wollen, erzwingt er sich Einlaß 
oder wenigstens Antwort auf seine Frage. Nachdem er sein 
Schicksal erzählt hat, bittet er auch sie, ihm den Weg zu Ut- 
napistim zu zeigen. Sie warnt ihn zunächst: „Nie hat einer außer 
dem Sonnengott oamas das Meer überschritten ; besonders gefähr- 
lich aber sind die Wasser des Todes, die hindernd vor dem Jen- 



1. Man beachte, daß in v. 39 eine Lücke ist; es könnte wohl da- 
gestanden haben: „Auf sie ist der Himmelschimin gelegt". In v. 40 
lies: ,,Ihre Brust erreicht unten die Unterwelt". 

2. Auch der Anblick Jahves bringt den Tod; z. B. Ex. 19, 21; 
33, 20. 

3. Der Beiname der Sabitu ist Öiduri ; eine Göttin Öiduri wird 
Surpu Tat. II Z. 172 f. als Göttin der Weislieit und öchutzgottheit dos 
Lebens erwähnt; vgl. Jp:nsj:n GE. S. 28 Anni. 5. 



Erklärung. 11. Aiitilyse dos dritten Teiles. 137 

seits liegen und die /u durchfahren völlig unmöglich ist**'. In- 
dessen die Göttin hat doch Mitleid mit ihm und weist ihn an 
Ur-Sauahi, den Schiffer des Ut-napistim; er allein könne ihm 
helfen, denn er besitze die Steinkisten^. Sie gibt ihm auch seinen 
augenblicklichen Aufenthaltsort im Walde an. 

Sofort macht sich Gilgames auf, findet das Schiff ohne den 
Schiffer, wie ihm die Göttin vorausgesagt hat, und zertrümmert 
in seinem Zorn die Steinkisten 3. Als der Schiffer zurückkommt 
und das Leid des Helden hört, ist er bereit ihn überzusetzen. 
Da stellt sich heraus, daß Gilgames die Steinkisten zerbrochen 
und damit sich selbst der Möglichkeit beraubt hat, sein Ziel 
zu erreichen *. So muß er unverrichteter Sache Dach Hause zu- 
rückkehren? Der kluge Schiffer weiß Rat: Als Ersatz für die 
Steinkisten soll Gilgames aus dem nahen Walde zwei Schock 
Stangen beschaffen. Als dies geschehen ist, legen sie mit Windes- 
eile einen Weg von anderthalb Monaten in drei Tagen zurück^. 
Die weitere Überfahrt wird durch die Wasser des Todes ge- 
hemmt. Eine Landungsbrücke gibt es nicht und darf es nicht 
geben, weil niemand ins Jenseits hinüber soll. Schwimmen ist 
schon deshalb ausgeschlossen, weil jede Berührung des Wassers 
den Tod bringt. Auch das Schiff kann nicht hindurch; denn die 
reißende Strömung „ist schneller als der Blitz und geschwinder** 6. 
Ur-Sanabi pflegte sonst die mit gewaltigen Steinen beladenen 
Holzkästen zu versenken, wie später noch Alexander den „Sand- 
strom**, der drei Tage von Wasser und drei Tage von Sand fließt, 



1. „Nicht gab es, Gilgames, je eine Überfabrtsstelle'*, d. h. eine 
Stelle, wo man über die Wasser des Todes fahren konnte. 

2. Der Ausdruck su-ut ahni (wörtlich „die von Steinen") kann 
schwerlich etwas Anderes bedeuten als eine ,, Steinkiste". Daß diese 
Übersetzung richtig ist, lehrt, wie mir scheint, unwiderleglich die unten 
angeführte Parallele. 

3. Die Lücke im Text kann ergänzt werden nach S. 48 v. 138 ff. 
Daß Gilgames im Zorn gebandelt hat, folgt aus dem altbabylonischen 
Fragment; vgl. o. S. 72 Kol. IV v. 1. 

4. S. 48 V. 138 ist zu ergänzen: „Deine Hände, Gilgames, haben 
verhindert [die Überfahrt]". Das gebt auch deutlich aus S. 49 v. 166 
hervor. 

5. Vgl. S 49 V. 150 unten die Anm. 

6. So heißt es Ode Salomos 39, 4, wo der Weg über die Wasser 
des Todes beschrieben wird. Das Zitat ist geeignet, die Vorstellungen 
des Epos zu erläutern. Im übrigen ist dort der Weg, auf dem die 
Wasser überschritten werden, noch viel märchenhafter als hier. Weitere 
Parallelen vgl. unten unter „Todeswasser". 



138 Das Gilgames-Epos. 

auf genau dieselbe Weise überschreitet i; diese Brücke hat den 
Vorzug, daß sie nach der Benutzung vom Strom selbst wieder be- 
seitigt werden kann, um Unberufene fernzuhalten. Da nun aber die 
Steinkisten von Gilgames zertrümmert worden sind, so bleibt nichts 
Anderes übrig, als eine Hängebrücke^ zubauen: die 120 Stangen, 
die je 60 Ellen lang sind, sollten also an einander gebunden werden 
und als Landungssteg dienen 3. Plötzlich stellt sich heraus, daß 
die Stangen — zusammen etwa 3600 m lang! — nicht reichen; 
die Wasser sind breiter, als der Schiffer geschätzt hatte. So ist 
alle Mühe vergeblich gewesen, und Gilgames muß wieder heim- 
fahren? Ein Moment höchster Spannung! Als der erste Schreck 
überwunden ist, ziehen Gilgames und der Schiffer ihre Kleider 
aus und fällen mit vereinten Kräften den Mastbaum*. Nun 
langt es, und die Beiden schreiten über die gefährlichen Todes- 
wasser auf der schmalen Hängebrücke hinweg und sind am Ziel, 
an der Mündung der Ströme, wo Ut-napistim, der Ferne, wohnt. 
Der hat schon von weitem den Fremdling im Schiff gesehen, und 
köstlich malt der Erzähler in einem Selbstgespräch das verwunderte 
Staunen des Urahnen, seine Überraschung, daß nicht wie sonst 
die Steinkisten zur Landung benutzt werden, vor allem aber seine 
Erwartung, wer der Fremde sein mag, ob ein Gott oder ein 



1. Vgl. Pseudo-Kallisthenes II 30. 

2. An ein Floß ist nicht zu denken, da es von der Ströraunj? weg- 
gerissen würde. Dann hätte man ja auch zu Schifif hindurchfahren 
können. 

3. Für die Erklärung dieser schwierigen Stelle kommt es vor allem 
darauf an, eine plausible Deutung dafür zu finden, wie die „Stangen" 
ein Ersatz für die ,, Steinkisten" sein können. Jensen hat KB VI 
S. 473 diesen Versuch gemacht, ihn aber GE. S. 32 mit, Recht wieder 
aufgegeben, da er unhaltbar ist. Jetzt vermutet er, Gilgames habe 
durch die Stangen ein Scheitern des Schiffes an der Küste verhindern 
wollen; dazu wären aber die Steinkisten ungeeignet gewesen! Anders 
Schneider LSSt. S. 58: ,,Am dritten Tag erreichen sie die Wasser des 
Todes, die ohne Wind und Strömung ruhen; Gilgames muß das Schiff 
mit den Stangen hinüberstoßen und nach jedem Stoß die gebrauchte 
Stange fahren lassen, um sich die Hand nicht zu netzen". Auch diese 
Erklärung scheitert daran, daß die Stangen nicht gut ein Ersatz für 
die Steinkisten gewesen sein könnten! 

4 S. 49 v. 162: „Mit seinen Händen macht er den Mastbaum 
hoch", um ihn herauszunehmon und zu ka]»j)en, aber nicht um zu segeln. 
Beim Segeln wird bekanntlich (his S(;gel, aber nicht der Mast gehißt. 
SciiNEiDEK sagt: ,,Mit dem Verbrauch der letzten Stange gelangen sie 
in freies Meer und segeln nun bis zu der Insel am Zusammenfluß der 
Ströme" (S. 58). Dann konnte überdies Ut-napistim nicht gut sehen, 
daß die Steinkisten zerbrochen waren ! 



Erklärung. 11. Analyse des drillen Teiles. 139 

Mensch, der so Erstaunliches vollbracht und den Weg zu ihn» 
glücklich vollendet hat. 

Gilgames erzählt dem Ut-napi§tim die Geschichte seines 
Lebens, den Tod seines jungen Freundes, den Schmerz über diesen 
Verlust und die Angst vor dem eigenen Ende. Die schweren 
Mühsale der Wanderung habe er gern auf sich genommen, um 
seineu Urahn zu sehen und von ihm zu erfiihren , wie man das 
ewige Leben gewinnen könne. Aber Gilgames erhält eine ableh- 
nende Antwort 1; „Das ewige Leben ist nicht den Menschen be- 
stimmt. Hier auf Erden hat alles seine Zeit: Häuser stürzen 
ein, Verträge werden gebrochen, Brüder entzweien sich. Auf die 
Dauer hat nichts Bestand, weder Liebe noch Haß, weder die 
Freuden der Zeugung noch die Gefahren der Überschwemmung. 
Und der Mensch selbst sollte der Vergänglichkeit entzogen sein ? 
Trägt nicht schon der Neugeborne die Züge des Todes ^ ? Ehe 
die Seele aus der Erde aus Licht steigt^, versammeln sich die 
Anunnaki, die großen Götter, und Mammetum, die schicksals- 
schaffende, setzt mit ihnen geraeinsam die Lose fest. Da wird 
über Leben und Tod eines jeden beschlossen. Des Lebens Tage 
werden genau bestimmt, des Todes Tage aber werden nicht ge- 
zählt. Das Leben währet seine Zeit, der Tod allein ist Ewig- 
keit"^. Auf die Bitte des Gilgames, der keinen Unterschied 



1. Vgl. 0. S. 52 V. 274 ff. Ich versuche diese schwer verständ- 
lichen Verse durch die Umschreibung zu erklären. 

2. Vgl. 0. S. 52 V. 283 f. Die Verse scheinen zu besagen, daß der 
Neugeborne und der Tote einander ähneln, sofern Beide mit dem Bild 
des Todes gezeichnet sind. 

3. Jensen KB. VI S. 478 f. versteht v. 285 (o. S. 52) so: „Nach- 
dem der Aufpasser und der Zuriegler (beides wahrscheinlich Dämonen 
der Unterwelt) [den Toten] begrüßt haben", aber, wie ich überzeugt 
bin, mit Unrecht; denn für einen Toten kann man nicht gut „Leben 
und Tod" festsetzen (v. 288). Dieser Vers beweist, daß zu ergänzen 
ist: ,,die Seele'*. Die Seelen befinden sich, ehe sie auf die Oberwelt 
kommen und geboren werden, in der Unterwelt, dem großen Seelenbe- 
hälter. Diese Vorstellung ist ja weit verbreitet; vgl. AR X 360. 

4. Auf diesen Versen beruht zum Teil das Verständnis der Dich- 
tung. Jensen fügt GE. S. 39 hinzu: „So klingen die Worte herber 
Wahrheit doch anscheinend tröstlich aus. Denn der letzte Satz scheint 
zu lehren, daß es auch für den Tod, wie für das Leben, eine bestimmte 
Dauer, also auch ein Ende gibt, daß er nicht ewig währt". Mir scheint 
das Gegenteil richtig zu sein, v. 288 f. besagen: „Sie legen hin Tod 
und Leben, ohne zu bestimmen des Todes Tage". Nach dem Ausdruck 
(„legen hin") ist wohl an zwei Schicksals(ton)tafeln gedacht: auf der 
einen steht der Name des Betreffenden verzeichnet mit genauer Angabe 
seiner Lebenstage, Beginn und Ende des Lebens, auf der andern hin- 



140 Das Gilgames-Epos. 

zwischen sich und dem Urahn entdecken kann und deshalb eben- 
falls die Hoffnung auf ein ewiges Leben hegen darf, erzählt nun 
Ut-napistim die Geschichte der Sintflut, deren Held er ist, und 
damit zugleich die Gelegenheit, bei der er selbst die Unsterblich- 
keit erlangte i. 

Trotz seiner ablehnenden, hoffnungslosen Antwort ist Ut- 
napistim bereit, dem Helden das ewige Leben, das er sucht, zu 
verschaffen, und fordert ihn auf, sechs Tage und sieben Nächte 
nicht zu schlafen. Hier scheint das im Orient weit verbreitete 
Motiv von den „stärksten Dingen" vorzuliegen, das auch in die 
Dichtungen des Mittelalters gedrungen ist: 

Der Schlaf ist stark, aber der Tod 

Ist stärker, als die letzte Not^, 
Wer den Tod überwinden w'ill, muß auch die Kraft haben, den 
Schlaf zu besiegen. Aber Gilgames ist zu schwach. Kaum hat 
er sich hingesetzt, so droht auch schon der Schlaf ihn umzu- 
wehen wie ein Sturm. Ut-napistim spottet über die Schwäche 
des Starken, aber das Weib, in dem sich die Liebe zur Mensch- 
heit regt, ist mitleidiger als der Mann. Sie will, daß Gilgames 
wach bleibe^ und nicht nur wohlbehalten nach Hause zurück- 



gegen steht neben dem Namen nur die Zeit, wann sein Tod beginnt. 
Das genügt, weil der Tod ewig dauert. Dies Verständnis erfordert 
auch der Sinn der ganzen Stelle; denn es wird einander gegenüberg'e- 
stellt die Erde (hier auf Erden ist nichts ewig, sondern alles in be- 
ständigem Fluß, hier herrscht die Endlichkeit) und die Unterwelt: 
Ewig dauert nur das unendliche Einerlei des Todes, dem niemand ent- 
rinnen kann! — Wieder anders erklärt Schneider LSSt. S. 71: „Ut- 
napistim sagt in seiner Antwort nur, daß des Todes Ta<?e nicht kund- 
getan werden; die Pforten der Unterwelt bleiben verschlossen; in ihrem 
Innern kann aber wohl ein Unterschied gelten, den die Gerechtijj^keit 
fordert. Diese vage Hoffnuno: beruht ganz und gar auf dem Ausspruch 
des Toten^erichts". Aber die vorliegenden Verse können schwerlich 
von einem Totengericht verstanden werden. Denn die Lose lauten nicht 
auf „Lohn" und „Strafe", sondern auf ,,Tod" und „Leben". 

1. Die Sintflut-Erzählung ist nur eine Episode, die das Ende hin- 
ausschieben soll, aber für den Gang der Handlung nicht notwendig. 
Sie wird daher unten in einem besonderen Paraj^raphen besprochen. 

2. Vgl. Reinholu Köhler: Kleinere Schriften. Berlin 1900 Bd. IL 
S. 47 ff. 

3. Aus S. 60 V. 215 könnte man schließen, daß (Jilgames bereits 
eingeschlafen sei. Aber dieser Schluß ist deshalb nicht erlaubt, weil 
er nicht in die Situation zu j)assen s('.h(!int. Denn dann hätte Gilgames 
bereits die Unsterbliclikeit verscherzt, und das Weib brauchte sich nicht 
weiter zu bemühen. — Auch die Annahme ist unmö<^lich, daß die Brote 
ein neues Mittel seien, die Unsterbliclikeit zu verleihen; denn die fol- 
genden Verse drehen sich wie die vorhergehenden um Schlafen und 



Erklärung, 11. Analyse dos dritton Teiles. 141 

kehre, sondern auch das (nvige Lehen gewinne'. U(-napistini ist 
einverstanden und hefiehlt seiner Frau, sieben Brote zu backen 
und sie zu Häuplen des Helden zu legen ^. Während sie eilt, 
den Auttrag zu vollziehen, begleitet Ut-napistini ihre Handlung 
mit Worten und beschreibt den Zustand, in dem sich die Brote 
befinden, vielleicht^ zu dem Zweck, Gilgames am ^Einschlafen zu 
verhindern: das siebente* Brot ist geknetet, das sechste geformt, 
das fünfte angefeuchtet, das vierte aufgegangen, das dritte ge- 
bräunt, das zweite geröstet, das erste ist fertig und liegt bereits 



Wachen. Überdies ist die erste Episode, die v. 208 beginnt, deutlich 
V. 247 zu Ende: Hier erst klagt Gilgames, das ewige Leben verscherzt 
zu haben. 

1. Vfj^l. 0. S. 60 V. 216f. Das Weib sagt allerdings nichts vom 
ewigen Leben, sondern redet nur von der glücklichen Heimkehr. Aber 
hier waltet eine Absicht des Erzählers vor, der den Zweck verhüllen 
will, um die Spannung des Hörers zu steiij^ern. Den deutlichen Beweis 
liefert S. 62 v. 281. Aus demselben Grunde sind wohl auch die ein- 
zelnen Handlun^ren nicht erklärt worden, die mit Gilgames vorgenommen 
werden. Der Hörer soll seine Phantasie anstrengen und selbst raten! 

2. Nichts weist auf Spott hin, wie Jensen GE. S. 46 vermutet. 
Beachtenswert ist, daß die Brote ,,zu seinem Haupt gelegt" werden: er 
soll sie demnach nicht essen, sondern — riechen? Wie das Lebens- 
kraut (s. u.)? Oder soll die geheime Kraft der Brote, die unter den 
Kopf geschoben werden, auf den Menschen übergehen, wie die Massebe, 
auf der Jakob schläft, einen Traum bringt und ihm die Gabe verleiht, 
einen Blick in die Geisterwelt zu tun (Gen. 28, 11 ff.)? Eine Parallele 
zu dem hier vorausj^esetzten ,, Wachbrot", das doch wohl als eine Va- 
riante zum ..Lebensbrot" aufgefaßt werden muß, habe ich nicht finden 
können. ,. Wachbrot" wäre an sich so gut möglich wie das Gegenteil 
„Schlafbrot" oder wie der „Schlafapfel", den man nach deutschem 
Brauch unter das Kopfkissen legt, um festen Schlaf zu erhalten (Wuttke, 
Volksaberglaube ^ § 144). Man könnte sich auch vorgestellt haben, daß 
der Schlaf, wie nach deutschem Aberglauben das Fieber, anf das Brot 
übertragen und dann ins Wasser geworfen wird (ebd. § 175). 

3. Wort und Handlung gehören in der alten Zeit häufig zusammen, 
besonders typisch aber ist die Bej>ieitung der Zauberhandlung durch 
Zauberworte; vgl. Richard M. Meyer AGRG. S. 136 f. Wenn hier 
zauberhafte „Wachbrote" vorausgesetzt werden, dann dienen die Worte 
demselben Zweck. 

4. Ich zähle umgekehrt wie der Text, der von dem unfertigen zum 
fertigen Brot fortschreitet. Das unfertige muß aber dasjenige sein, das 
zuletzt bereitet wird, also das siebente. Sicher scheint mir, daß v, 224 ff. 
die verschiedenen Stadien des Brotbackens geschildert werden. Da 
termini technici vorliegen, sind sie für uns schwer verständlich. Die 
oben eingesetzten deutschen Verba erheben nur den Anspruch, den un- 
gefähren Sinn wiederzugeben. — Herr Professor Eichard M. Meyer 
macht mich auf das Volkslied „das hungernde Kind" aufmerksam 
(Uhland: Volkslieder No. 119). Ob dort etwas Mythisches zu Grunde 
liegt? 



142 Das Gilgaraes-Epos. 

am Kopfende des Helden i. Obwohl dies alles in einem Nu ^ ge- 
schieht, fast ebenso schnell, wie es erzählt wird, und obwohl Gil- 
games gleich darauf von Ut-napistim gepackt wird, ist es den- 
noch zu spät. Die Erschöpfung hat ihn übermannt, und weil er 
geschlafen hat, wenn auch nur eine Sekunde, so hat er die Un- 
sterblichkeit verscherzt^. Hätte er sich nur wenige Minuten noch 
wach gehalten, so wären die Zauberbrote zubereitet gewesen und 
hätten ihn mit ihrer magischen Kraft gegen den Schlaf und folg- 
lich auch gegen den Tod, den ewigen Schlaf, geschützt. Trostlos 
fragt er den Urahn^ was er jetzt tun solle, um dem Tode zu ent- 
rinnen, der ihn in seinem Schlafgemache erwarte. 

In der zweiten Szene wendet sich Ut-napistim an seinen 
Schiffer und verstößt ihn, wie es scheint, weil er den Gilgames 
hergeführt habe. Nie wieder solle die Landungsstelle seines An- 
blicks sich freuen; vergebens solle nach dem Fährmann aus- 
schauen, wer übergesetzt zu werden wünsche*. Mit großer Ge- 
schicklichkeit hat der Erzähler die Verfluchung des Fergen grade 
hier eingeschoben. Der Hörer glaubt, nun ist alles vorbei, und 
Gilgames muß wieder nach Hause zurückkehren, ohne das Ge- 
ringste erreicht zu haben. Da befiehlt Ut-napistim zu unserm 
größten Erstaunen dem Schiffer, den Gilgames an einen Badeort 
zu bringen, damit er dort die Schönheit seines Körpers wieder 
gewinne und neue Kl ei d er ^ anlege, die bis zur Ankunft in 



1. Die pjrößte Schwierigkeit bereitet v. 222. Nach dem Ausdruck 
scheint es, als wären die sieben Brote bereits fertig. Dagegen spricht 
aber nicht nur die folgende Beschreibung des Brotbackens, die der 
Handlung parallel läuft, sondern auch der ganze Zusammenhang, wenn 
ich ihn richtig verstehe : Hätte die Frau den Plan mit den Broten ver- 
wirklichen können, dann wäre Gilgames nicht eingeschlafen. Ich nehme 
darum an, daß v. 222 erklärt werden muß: Sie begann, die Brote zu 
backen und hinzulegen. 

2. Daß alles mit größter Geschwindigkeit geschieht, hat Jensen 
GE. S. 46 richtig erkannt. Beweis dafür ist v. 229 „plötzlich". Der 
Erzähler nimmt sich nicht einmal die Zeit zu erzählen, daß Gilgames 
wirklich eingeschlafen ist. 

3. Unglücklich erscheint mir die Erklärung, die Jensen GE. S. 46 
von dieser Stelle gibt: „Alsbald sind sechs offenbar seltsame Brote 
fertig und als siebentes Brot wird gezählt, daß Xisuthros ihn sofort 
anrührt, sodaß er aufwacht, aufwacht in demselben Moment, in dem er 
eingeschlafen ist; also daß er garnicht geschlafen und demnach nicht 
gegen Xisuthros' Anweisung verstoßen hat". 

4. So versteht auch Jensen GE. S. 47 die vv. 249 f. 

5. Die Kleider, von denen hier die Rede ist, sind keine gewöhn- 
lichen, sondern märchenhafte Kleider. Vgl. den Mythos von Adapa, 
der ebenfalls statt der schmutzigen (V) Kleider ein reines Kleid erhält, 



Erklärung. 11. Analyse des dritten Teiles. 143 

Urnk nicht zerschleißen sollen. Und so geschieht es. Aufs 
neue erwacht die Hoflnung, daß Gilganieä am Ende doch noch 
das L(>hen findet, das er sucht. 

Allein der Anfang der dritten Szene täuscht alle Erwar- 
tungen. Gilganies und der Fährmann besteigen das Schiffe und 
fahren ab. Nun, so denken wir, ist es endgültig vorbei, lasciate 
ogni sperauza! Aber siehe da, welche Überraschung! Auf die 
Bitte des mitleidigen Weibes verrät Ut-napislim das große Ge- 
heimnis von dem Kraut, das auf dem Meeresgrunde wächst und 
ihn sicher in die Heimat geleiten solle. Sofort bindet sich Gil- 
garaes wie ein Taucher'^ schwere Steine um den Leib oder an 
die Füße und läßt sich in die Tiefe hinab. Dort sieht er die 
unscheinbare Pflanze, pflückt sie, schneidet die schweren Steine 
los und steigt wieder empor. Voller Entzücken ruft er dem 
Schiflfer zu, daß er das ersehnte Lebens kraut ^ gefunden habe, 
dessen Name lautet: „Als Greis wird wieder jung der Mensch". 



als er in den Himmel kommt (TB I S. 36 f.; ähnlich Sacharja 3, 4f., 
wo auch der Kopfbund nicht vergessen wird, wie bei Gili^ames). Ob- 
wohl das Kleid auch dort neben Lebenswasser und Lebensspeise genannt 
wird, hat es doch keine weitere Bedeutung als die eines freundlich- 
gastlichen Empfano^es. So entläßt hier üt-napistim seinen Gast mit 
einem neuen wunderbaren Gewände als Abschiedsgeschenk. Diese Sitte 
wird dem alltäglichen Leben entnommen sein. — Die ,, Schönheit des 
Körpers" kann in diesem Zusammenhange nichts anderes sein als die 
natürliche Schönheit, die durch ein Bad wiederhergestellt wird. An 
wunderbare Kräfte des AVassers ist hier schwerlich gedacht. 

1. Es scheint, daß die Todeswasser völlig vergessen sind. Das ist 
typisch für den Märchenstil. 

2. Es ist kulturgeschichtlich von Interesse, daß die Babylonier die 
Technik des Tauchers kannten. 

3. Man hat wohl ger.ieint, dies Kraut sei gar nicht die Pflanze 
des Lebens, sondern werde von Gilgames fälschlich nur dafür gehalten. 
Es solle vielmehr allein dazu dienen, dem Helden eine glückliche Heim- 
kehr zu sichern und vielleicht speziell ,,das gefährliche Meer überwinden 
helfen" (Jensen GE. S. 49 Anm. 1). Aber Stillung des Sturms oder der 
Wogen durch eine Wunderpflanze ist ein Motiv, das in Märchen oder 
Sagen weder nachweisbar noch wahrscheinlich ist. Ferner wäre sehr 
merkwürdig, daß Gilgames solche Erwartungen an das Kraut knüpft, 
wenn Ut-napistim vorher ausdrücklich etwas Anderes gesagt hätte. Die 
Worte Ut-napistims erklären sich einfach aus der Technik des Erzählers 
(s. 0. S. 141 Anm. 1). Entscheidend ist eine Stilregel, die für alle Mär- 
chen und Sagen charakteristisch ist: Der Held muß stets, wenn auch 
nach vielen Hemmnissen und wenn auch nur auf kurze Zeit, das ihm 
gesteckte Ziel erreichen. Keine Aufgabe ist zu schwer, kein Weg zu 
weit, kein Geheimnis zu verborgen, als daß dem Märchenhelden das 
Unmögliche nicht möglich wäre. Als zweiter Beweis kommt der Kaub 
durch die Schlange hinzu, vgl. u. — Schneider LSSt. S. 59 redet von 
einem Gastgeschenk, das Ut-napistim seinem Gaste gebe, und unter- 



144 Das Gilgames-Epos. 

Gilgames will selbst essen und Anderen zu essen geben, um die 
Jugend wiederzugewinnen 1. 

Aber unterwegs — die Beiden scheinen das Schiff schon 
verlassen zu haben und zu Fuß zu wandern ^ — badet Gilgames 
in einer Grube mit kaltem Wasser. Da naht eine Schlange, 
von dem Duft der Pflanze angelockt, und nimmt sie weg. Als 
Gilgames nach so kurzer Freude des Besitzes nun doch jede 
Aussicht auf die Erlangung der Unsterblichkeit eingebüßt hat, 
da bricht er in Tränen^ und laute Klage aus. Aber sie kehren 
unversehrt nach Uruk zurück. Während der SchiflTer die Mauer 
der Stadt besichtigt, geht Gilgames in den Palast — und stirbt*. 

12. Das altbabylonische Bruchstück. Das Meissner- 
sche Fragment^, das etwa 1500 Jahre älter ist als das bisher 
behandelte assyrische Epos, beginnt mit einem Gespräch zwischen 
dem Sonnengotte oamas und Gis, wie Gilgames in dieser Dich- 
tung genannt wird<^. In den Anfangszeilen ist von den furcht- 
baren Mühsalen, den Fellen und der Jagdkost des Helden die 
Rede. Er befindet sich bereits auf der Suche nach dem Leben "^ 
und hat sich wahrscheinlich nach dem Wege zu seinem Urahn 
erkundigt^. Der Sonnengott warnt ihn vor weiterer Wanderung, 



scheidet zwischen einem „Lebenskraut" und „Verjüngun^skraut". Aber 
mir scheint, wenn Gilgames die Möglichkeit hat, sich immer wieder zu 
verjüngen, dann hat er auch das ewige Leben. Das Umgekehrte braucht 
freilich nicht immer der Fall zu sein; vgl. die Erzählunf>- bei A. Wün- 
sche: Die Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser (Ex Oriente lux 
I 2. 3) S. 15 f. 

1. Wiederum ist es für den Märchenstil typisch, daß der Held 
nicht sofort von dem Lebenskraut ißt, sondern es aufbewahrt, bis es zu 
spät ist. 

2. Das beweisen die vv. 300 f., die typisch sind bei Landreisen, die 
aber bei einer Meerfahrt gar keinen Sinn j^eben. v, 317 spricht nicht 
dagegen, da die futurische Übersetzung nicht sicher ist. 

3. Der antike „Held" weint sehr viel leichter als der moderne; 
vgl. besonders II Sam. 15. 

4. Dieser Schluß ist nicht erhalten, sondern von mir ergänzt; 
vgl. u. 

5. Vgl. 0. S. 70 ff. 

6 V^l. die Bemerkungen Ungnads über das Verhältnis des Namens 
Gis zu Gilgames o. S. 76 (unter „Gilf^ameS"). 

7. Soviel ^eht aus S 71 Kol. I v. 7 f. deutlich hervor; dap^egen 
sind die folgenden Verse 10—15 f^anz dunkel, v. 12 möchte Jensen 
GE. S. 27 Anra. 2 vom Liefen im Grabe oder im Totenreiche verstehen. 
Aber Gis kann nicht f^ut tot «gewesen sein, da er sich nach Kol. II 
V. 13 vor dem kommenden Tode fürchtet! 

8. Man kann zw(!ifeln, an wolclier Stelle der jün^'eron Dichtung 
dies ältere Fragment einzureihen ist: sicher ist nur soviel, daß es vor 



Erklärung. 12. Das althabylonischo Bruchstück. 145 

da er sein Ziel doch nicht erreichen werde. Aber, so muß^ in 
der folgenden Lücke gestanden haben, er weist ihm dennoch einen 
AVeg^. 

Die zweite Episode, die vermutlich unmiltiilbar an die vor- 
hergehende anschliolk, erzählt eine Unterhaltung zwischen Gi§ 
und der Göttin Sabitu. Auch sie dämpft seine Hoffnung, als 
er ihr sein Leid über den Tod seines Freundes geklagt hat: 
„Das ewige Leben wirst du nie finden, da die Götter es für sich 
allein bestimmt haben. Für die Menschen aber setzten sie den 
Tod ein. Darum iß und trink und genieße; pflücke die Rosen, 
ehe sie verblühn!" Wieder klaffet eine Lücke im Text, doch kann 
man mit Sicherheit ergänzen, daß die Göttin den Helden an den 
Schiffer des Ut-napistim^ weiter geschickt hat. 

Die dritte Episode, die erhalten ist, zeigt Gis im Gespräch 
mit dem Fährmann Sur-Sunabu. Beachtenswert ist die Tat- 
sache, daß der Held auch hier das Schiff" zunächst unbewacht 
antrifft und in seinem Zorn die Steinkisten zertrümmert. 

Beim Vergleich der älteren Rezension mit der jün- 
geren ergeben sich nur verhältnismäßig geringe Differenzen. Die 
Namensformen weichen zwar etwas ab, lassen sich aber doch als 
identisch erkennen. Zweifeln kann man allerdings, ob Gis und 
Gilgames Varianten der Schreibung oder verschiedene Personen * 
sind. Ferner scheint der Freund in der älteren Dichtung sieben 
Tage und sieben Nächte krank gewesen zu sein, während die 
Krankheit nach dem jüngeren Epos mindestens zwölf Tage ge- 



das Zusammentreffen mit Sabitu gehört, das ja im Folgenden geschil- 
dert wird. Gewöhnlich nimmt man an, die Worte des Sonnengottes 
seien vor dem Durchzug des Helden durch den dunkeln Gang des Ge- 
birges gesprochen worden (so Jensen GE. S. 26; Schneider LSSt. S. 52). 
Wahrscheinlicher ist mir, daß die Episode nach dem Durchzug spielt; 
vielleicht beziehen sich v. 11 ff. auf das Dunkel dieses Weges. Vor 
allem aber konnte er den Sonnengott Samas eher im „Jenseits", im 
„Park der Götter" treffen als diesseits. 

1. Das läßt sich mit großer Sicherheit aus dem Stil der Dichtung 
folgern, der in der älteren wie in der jüngeren Zeit der gleiche ge- 
blieben ist. 

2. Wahrscheinlich schickt er ihn direkt zu Sabitu. 

3. Hier allerdings Uta-naistim genannt; vgl. dazu die Bemerkung 

ÜNGNADS 0. S. 80. 

4. Wenn es sich um verschiedene Personen handelt, dann hätten 
wir hier den urkundlichen Beleg für die unten ausgesprochene Vermu- 
tung, daß die Fahrt nach dem Leben ursprünglich ein besonders um- 
laufender Stoff war und erst relativ spät auf Gilgames übertragen wurde. 

Forschungen 14: GUg.-Epos. 10 



146 Das Gilgames-Epos, 

dauert hat^. Im großen und ganzen aber ist der Aufbau der älteren 
wie der jüngeren Fassung, so weit sie uns überliefert sind, der 
gleiche gewesen. Nachdem Gilgames ungewöhnlich lange um 
seinen Freund getrauert und das Begräbnis hinausgezögert hat, 
macht er sich auf die Suche nach dem Leben. Unterwegs trifft 
er nach der altbabylonischen Rezension 1. den Sonnengott, 2. 
Sabitu und 3. den Schiffer, nachdem er zuvor die Steinkisten 
zertrümmert hat. In dem jüngeren Epos folgen einander die Be- 
gegnungen 1. mit den Skorpionriesen, 2. mit Sabitu und 3. mit 
dem Schiffer, ebenfalls erst nachdem die Steinkisten zerbrochen 
worden sind. Da beide Texte nur fragmentarisch erhalten sind, 
so wäre es nicht unmöglich, diese Unterschiede durch harmoni- 
stische Kunst auszugleichen 2. Indessen wertvoller als solche 
Vermutungen, die keine Beweiskraft beanspruchen könnten, ist 
ein Vergleich der überlieferten Reden. Wörtliche Übereinstim- 
mung ist nicht vorhanden, wohl aber stilistische und gedankliche. 
In beiden Texten pflegen die Gefragten zunächst zu betonen, daß 
Gilgames sein Ziel nicht erreichen wird, um ihm hinterher den- 
noch einen Weg zu zeigen. So gelangt der Held vom Einen 
zum Andern, bis er gefunden hat, was er sucht, allerdings nur 
auf kurze Zeit. Denn beide Dichtungen sind von demselben 
Geist der Skepsis und von derselben Stimmung gegenüber dem 
Tode beseelt. Alleiniges Eigentum der älteren Rezension, wenig- 
stens an dieser Stelle des Epos, ist die nüchterne Lebensregel, 
die Sabitu dem Gis empfiehlt: „Laßt uns essen und trinken; 
denn morgen sind wir tot!" Vielleicht war es den Babyloniern 
später anstößig, solche Lehren grade von einer Gottheit vortragen 
zu lassen ^. Indessen wer bürgt bei den vielen Lücken dafür, 
daß die jüngere Fassung ähnliche Sätze nicht an anderer Stelle 
bot? Jedenfalls ist es trotz des altbabylonischen Fragmentes 
unmöglich, die Geschichte der Dichtung an der Hand der Über- 



1. Vgl. 0. S. 71 Kol. II V. 8 f. mit S. 37 v. 21 ff. — Wenn es S. 71 
Kol. II V. 6 heißt: „ich ließ ihn nicht begraben", so ist dieser Aus- 
druck wohl cum grano salis zu verstehen: „ich ließ ihn lanj^e Zeit 
nicht begraben"; v^l. S. 45 v. 55 f. Denn es ist ganz unwahrscheinlich, 
daß der Freund überhaupt kein Begräbnis gefunden hätte; er wäre dann 
nach antiken Bej^riffen f^^eschäiKhit worden. 

2. 80 könnte eventuell eine B('<(egnung mit Samas in der Lücke 
S. 43 (nach v. 167) erzählt worden sein, obwohl sich Bedenken dagegen 
erheben lassen. 

3. So vermutet Schneider LSSt. S. 53. 



Erklärunj^. 13. Die Suche nach dem Leben. 147 

lieferunf; zu schreiben, sondern man ist nncli wie vor auf innere 
Schlüsse angewiesen K 

13. Die Suche iiacli dem Loben. Den Inhalt des dritten 
Teiles unseres Epos bildet das Rätsel des Tod(^s, das zu den 
ältesten Problemen des Menschengeschlechtes gehört und dessen 
Sphinxaugen noch uns anblicken. Die Lösung lautet: Es ist 
kein Kraut wider den Tod gewachsen. Wohl ist es dem Zwei- 
drittelgott Gilgames geglückt, das Lebenskraut wenigstens für 
einen Augenblick zu besitzen, aber auch er hat es verloren und 
ist dem Geschick nicht entgangen, das seitdem unwiderruflich über 
der Menschheit w-altet und von dem sie nichts erlösen kann. Als 
die Götter die Menschen schufen, so sagt schon die alte Dichtung, 
haben sie ihnen den Tod als Patengeschenk in die Wiege gelegt, 
das Leben aber sich selbst vorbehalten. Die Unsterblichkeit ist 
die Haupteigenschaft, die die Götter von den Menschen unter- 
scheidet: Wer die Gabe des ewigen Lebens erlangt hat, wie Ut- 
napistim, der ist in den Kreis der Götter aufgenommen. Das 
Problem des Todes hat, w-ie die älteste Menschheit überhaupt, so 
besonders die Babylonier beschäftigt. Sie fabulierten von Ut- 
napistim, der an die Mündung der Ströme entrückt 'wurde und 
dort ein seliges Leben führt; sie fabulierten von Adapa, der, 
durch eine Götterlüge getrieben, das ewige Leben verscherzte; sie 
fabulierten von Gilgames, der nach vielen Entbehrungen und 
weiten Reisen das Wunderkraut fand, bis es die Schlange ihm 
raubte. Bei keinem anderen Volke der Welt sind so viele Mythen 
erhalten, die das tragische Schicksal des Menschen als Hauptthema 
behandeln, wenngleich viele Nationen es ebenso stark empfanden 
und ihre Erzählungen sich in einzelnen Motiven mit dem Gil- 
games-Epos berühren. Vielleicht gab es einmal eine Zeit, in der 
man die Frage nach der Existenz des Lebenswassers und des 
Lebenskrautes ernsthaft erwogen und bejaht hat, bis man diesem 
primitivsten Glauben entwuchs und die Wunschdinge im Jenseits 

1. Alle Differenzen werden durch den Eindruck aufgewogen, daß 
die Überlieferung in den anderthalb .Jahrtausenden verhältnismäßig ge- 
ringe Wandlungen durchgemacht hat. Leider kann man auch hier nur 
von einem „Eindruck" reden, da zu wenig Material vorliegt, um die 
Behauptung zu voller Sicherheit zu erheben. Jedenfalls muß man sich 
zunächst ganz auf die Übereinstimmung des dritten Teils beschränken, 
obwohl auch die beiden ersten Teile vorhanden gewesen zu sein scheinen. 
Denn Gis verweist nicht nur auf den Tod Engidus, sondern auch auf 
gemeinsam erlebte Abenteuer; vgl. o. S. 71 Kol. II v. Iff. 

10* 



148 Das Gilgames-Epos. 

hinter dem Ozean suchte, in dem Lande der Götter und Seligen, 
in das wohl ein Weltenwanderer wie Gilgames dringen mag, das 
aber dem gewöhnlichen Sterblichen verschlossen ist. Ihm bleibt 
nur die Sehnsucht, der Euripides im Liede des Hippolytos ^ klas- 
sischen Ausdruck verliehen hat: 

O war ich von hinnen, 
daß mich die Schwingen 
der Wolken umfingen, 
ein Gott mich befiedert 
den Scharen der Vögel 
des Himmels gesellte! 
Dann schwang ich mich über die wogende Salzflut 
zu Adrias Küsten, Eridanos Strudel, 
wo Helios Töchter um Phaeton klagen; 
es rinnen die Tränen der Mädchen zum Meere, 
gerinnen zu gleißendem Bernstein. 

Zum Garten der Götter 
der Flug mir gelänge, 
wo menschlichen Schiffern 
der Alte der Tiefe 
zu fahren verwehrt, 
wo Atlas die Grenzen des Himmels behütet, 
und Hesperos Töchter die güldenen Äpfel. 
Da steht der Palast, wo der König der Götter 
die Hochzeit begangen, da sprudelt der Nektar, 
da spendet die Erde, die ewge, den Göttern 
die Speise des seligen Lebens. 
Dem Gilgames-Epos am verwandtesten ist eine Gruppe inner- 
halb der Märchen, die sich mit der Frage befaßt, wie es mög- 
lich sei, dem allgemeinen Schicksal des Sterbens zu entrinnen. 
Die Antwort lautet: Wenn man in das Land geht, wo der Tod 
keine Macht hat! Da nach dem Stilgesetz des Märchens jeder 
Held, der eine Hauptrolle spielt, das ihm gesteckte Ziel trotz 
aller Schwierigkeiten stets glücklich erreichen muß, so gelangt er 
naturgemäß auch dorthin, wo das ewige Leben herrscht. Aber 
merkwürdig ist doch, wie selbst das Märchen fast überall die 
pessimistische Überzeugung zum Ausdruck bringt, daß es nichts 



1. V. 732 ff. nach dor Übersetzung von von Wilämowitz. 



Erklärung. 13. Die Sucho nach dem Leben. 149 

Gewisseres gebe als den Tod. Besonders resigniert ist jenes 
Märchen ^, woniich ein reich gewordener Mann ein Land sucht, 
in dem niemand stirbt. Als er es gefunden zu haben glaubt, 
siedelt er sich dort mit seiner Familie an , aber der Schein hat 
ihn getrogen. Zwar stirbt dort niemand, wie sonst die Menschen 
zu sterben pflegen, allein was ist es anders als der Tod, wenn 
von Zeit zu Zeit ein unsichtbares Wesen jemanden ruft, der ihm 
folgen muß, er mag wollen oder nicht? Andere Erzähler^ kennen 
ein Reich, wo das Leben ohne Tod und die Jugend ohne Alter 
unbeschränkt regiert. Ehe der Held dorthin gelangt, muß er 
bisweilen andere Länder durchwandern, in denen der Tod zwar 
nicht völlig, aber doch teilweise aufgehoben ist und erst nach 600, 
dann nach 800 und endlich nach 1000 Jahren eintritt 3. Aber 
wie Adam das Paradies verscherzt, so gibt auch der Märchen- 
held das Wohnen an der Stätte der Unsterblichkeit auf, weil die 
Lust zur Heimkehr in ihm erwacht ist, sei es durch einen Traum 
oder durch das Betreten eines ihm verbotenen Tales der Sehn- 
sucht, der Klage oder des Schmerzes. Nun hätte er zwar die 
abstrakte Möglichkeit, wiederzukommen in das Land, wo niemand 
altert noch stirbt und wo die Zeit unmerklich rasch verrinnt, in 
Wirklichkeit jedoch erfolgt der Abschied meist auf Nimmerwieder- 
sehen. Nach den italienischen, französischen und irischen Märchen* 

1. Mite Kremnitz: Eumänische Märchen. Leipzig 1882. S. 133 ff. : 
„Die Stimme des Todes". Auch armenisch; vgl. Heinrich von Wlis- 
LOCKi: Märchen und Sagen der Bukowinaer und Siebenbürger Armenier. 
Hamburg 1892. No. 58: ,,Von den drei Brüdern, die nie sterben 
wollten". 

2. Vgl. das walachische und kleinrussische Märchen, mitgeteilt bei 
Keinhold Köhler: Kleinere Schriften. Berlin 1900. Bd. II S. 406 ff. 
Noch schöner ist das ihm unbekannte ungarische Märchen „von dem 
Königssohn, der sich nach der Unsterblichkeit sehnte" bei Elisabet 
Sklarek: Ungarische Volksmärchen. Leipzig 1901. S. Iff. Die lange 
Zeitdauer wird gewöhnlich plastisch veranschaulicht: Die Menschen 
leben so lange, bis der König einen Berg mit Hacke und Spaten ab- 
getragen, bis eine Schwalbe mit ihrem Schnabel einen Wald abgewetzt 
hat u. s. w. 

3. Dasselbe ästhetische Prinzip allmählichen Anschwellens, nach 
dem hier die Länder in horizontaler Fläche neben einander geordnet 
sind, ist auch der Chronologie des Priesterkodex im AT. geläufig, nur 
mit dem Unterschied des Aufsteigens in vertikaler Linie: gegenwärtig 
beträgt die Lebensdauer der Menschen 80, zur Zeit der Patriarchen 
200, bei den Vätern von Abraham bis Noah 600, von Noah bis Adam 
1000 Jahre, und Adam selbst hätte ewig gelebt, wenn er im Paradies 
geblieben wäre; denn dort hat der Tod kein Existenzrecht. 

4. Vgl. die gute Zusammenstellung der verschiedenen Märchen bei 
Eeinhold KöHiiER (s. Vorletzte Anm.). 



150 Das Gilganies-Epos. 

erhält der Jüngling ein Pferd, von dem er nicht absteigen darf. 
Allein irgend ein Hindernis verleitet ihn dazu, diesem Befehl un- 
gehorsam zu sein, sodaß er sterben muß; gewöhnlich ist dies 
Hindernis vom Tode selbst verursacht, der einen Wagen alter, 
auf der Suche nach dem Helden abgeschlissener Schuhe mit sich 
führt. Nach den tirolischen, rumänischen und walachischen Mär- 
chen findet der Königssohn dagegen, nach Hause zurückgekehrt, 
den völlig zusammengeschrumpften, fast schon zu Grunde ge- 
gangenen Todi in einer Truhe sitzen. So rennt er dem direkt 
in die Arme, dem er entrinnen wollte. Nur zwei Märchen 2, das 
der Kleinrussen und Ungarn, kennen einen anderen, für den 
Helden günstigeren Verlauf, indem die Beute dem Tode noch im 
letzten Momente entrissen wird: Der Tod ist dem Jüngling nach- 
geeilt und hat ihn grade an der Grenze des Reiches der Unsterb- 
lichkeit eingeholt, sodaß eine Kompetenzstreitigkeit entsteht, die 
durch eine Wette zum Austrag gebracht wird. In beiden Fällen 
wird der Held geworfen und durch den Wurf gerettet: das eine 
Mal fliegt er an den Himmel und wird zu einem Stern neben 
dem Monde; das andere Mal ergeht es ihm ähnlich, er fällt aber 
wieder herab und der Königin der Unsterblichkeit grade in den 
Schoß ». 

Von einem historischen Zusammenhang der aufgezählten 
Märchen mit der babylonischen Dichtung kann keine Rede sein, 
da die Ausführung im Einzelnen völlig abweicht und da nur das 
allgemeine Thema übereinstimmt. Denn das ist der Leitgedanke, 
der sich deutlich durch den dritten Teil des Epos hindurchzieht: 
die Reise des Helden in ein fernes Land, um dem Tode zu ent- 
rinnen und das ewige Leben zu finden. Diesen Sinn hat nicht 

1. Hier scheint die Idee des für jeden Menschen individuellen 
Todesen^els vorzuliegen (R. Köhler). 0(ier ist an dieselbe Unbeholfen- 
heit des Todes zu denken wie in dem Märchen vom ,, Gevatter Tod"? 

2. Das unf^arische Märchen ist j^enauer eine Kombination des 
kleinrussischen Typus mit den im Vorhergehenden skizzierten Rezen- 
sionen. 

3. Ich beschränke mich absichtlich auf diejenij^en Parallelen, in 
denen die Fahrt nach dem ewijjfen Leben das Hauptthema ist. Wo sie 
nur ein Motiv n(;hen andern bildet und wo der Hauptj^odanke nicht zu 
klarem Ausdruck kommt, muß auch nur auf eine lliichtij^e Übersicht 
der Erzählungen verzichtet werden; denn erstens könnte man darüber 
ein besonderes Buch schreiben und zweitens würde für die babylonische 
Dichtunj^ wcnif? daraus zu lernen sein. Eine Ausnahme macht der 
Alexander-Roman, da er vielleicht Nachklänge des GilgameS-Epos 
enthält. 



Erklärung. 13. Die Suche nach dem Leben. 151 

nur dor vorliegende Text, sondern diesen Sinn hnt der Stoff ge- 
habt, solange er überhaupt existierte. Die meisten Forscher^ 
freilich glauben, sich dabei nicht beruhigen zu dürfen, sie wollen 
das Material durchaus niylhisch erklären und vor allem einen 
astralmythologischen Hintergrund aufdecken. Allein mit 
Unrecht, denn jener Hauptgedanke läßt sich vom Himmel 
schlechterdings nicht ablesen, mag man auch das Horoskop oder 
das Fernrohr benutzen, sondern ist einzig der Sehnsucht des 
Menschenherzens nach Überwindung des Todes entsprungen. Ob 
in die Reiseabenteuer einzelne astrale Motive verflochten sind, 
ist eine andere Frage, die noch untersucht werden soll. 

Wer die Resultate der Sagenforschung kennt, wird ohne 
weiteres die Vermutung aufstellen, daß der im dritten Teil des 
Epos verarbeitete Stoff ursprünglich für sich allein umge- 
laufen ist, da sein Thema in sich geschlossen ist und nicht 
notwendig einer Voraussetzung bedarf. Die vorstehenden Paral- 
lelen zeigen in der Tat die Selbständigkeit, die das Thema in 
den Märchen bewahrt hat. Nun ist allerdings in dem Epos der 
Tod Engidus die unmittelbare Veranlassung für die Reise des 
Gilgames an die Mündung der Ströme. Das traurige Schicksal, 
das den jungen Freund betroffen hat, soll den dritten Teil der 
Dichtung mit dem vorhergehenden verknüpfen. Aber die Ver- 
bindung ist äußerst lose und nicht sehr geschickt. Denn man 
würde vor allem erwarten, daß Gilgames das Leben nicht für 
sich sucht, sondern nur um seinen toten Genossen wieder zu er- 
wecken. Davon ist jedoch in dem Text, auch der altbabyloni- 
schen Rezension, nicht die leiseste Andeutung zu finden! Die 
Angst, die den Zweidrittelgott vor dem eigenen Ende beseelt, 
braucht nicht unbedingt auf dem Tode seines Jugendfreundes zu 
beruhen. So ist hier ein deutlicher Bruch vorhanden, der nur 
dürftig verdeckt ist. 

Fragt man weiter, welcher Stoff früher auf Gilgames 
übertragen worden sei, ob die gemeinsamen Abenteuer mit En- 
gidu oder die Suche nach dem Leben, so spricht die Wahrschein- 
lichkeit wohl für die erste Annahme 2. Aus der altbabylonischen 



1. Ausnahmen sind vor allem Eduard Meyer, der GA. Bd. I 2 
S. 431 f. wesentlich richtig gesehen hat, und Ungnad TB. I S. 40. 61. 

2. Wenn auch die Suche nach dem ewigen Leben im Epos das 
jüngste Thema sein sollte, so ist damit über das absolute Alter noch 



152 Das Gilgames-Epos. 

Rezension lassen sich keine zwingenden Schlüsse ziehen, da vor 
allem nicht feststeht, wie viel von den ersten beiden Teilen des 
Epos damals bereits vorhanden war. So muß man sich mit einer 
allgemeinen Erwägung begnügen : Ehe man dem Gilgames die 
Wanderung an die Mündung der Ströme zuschreiben konnte, 
mußte er schon durch gewaltige Heldentaten berühmt sein. Das 
lehrt besonders deutlich die Parallele Alexanders des Großen, der 
wirklich in die Wunderwelt des Ostens eingedrungen war und 
seine Schlachten in fernen Landen geschlagen hatte, bevor ihn 
fabelfrohe Dichter auch den Weg zum Wasser des Lebens und 
zur Wohnung der Seligen nehmen ließen i. 

Im Schlinggewächs des Alexander romans^ ist die Suche 
nach dem ewigen Leben zwar nur ein kleiner Nebensprößling; 
dennoch ist ein Vergleich mit dem Gilgames-Epos in mehrfacher 
Hinsicht von Interesse. Wenngleich beide in Einzelheiten stark 
von einander abweichen und wenngleich die Verästelungen der 
Alexandersage wieder unter sich mannigfach variieren, so stimmen 
sie doch fast sämtlich in der Hauptsache überein: Alexander er- 
langt so wenig wie Gilgames die Unsterblichkeit. Nach Pseudo- 
Kallisthenes trägt der Koch die Schuld daran, daß sein Gebieter 
das ewige Leben verscherzt. Die syrische Legende läßt ihn über- 
haupt nicht ins Paradies gelangen. Nach der syrischen Homilie, 
die fälschlich dem Jakob von Serug zugeschrieben wird, verwehrt 
ihm Gott, sich in der Lebensquelle zu baden. Nur der Talmud 
erzählt, der große König habe sich sein Gesicht mit dem Lebens- 
wasser gewaschen 3. Friedlaendeb hat versucht, die „ursprüng- 

nichts ausgesagt. Der Stoff ist an sich sehr alt, vielleicht ebenso alt 
und noch älter wie die Freundschaft zwischen dem König und dem 
Tiermenschen, oder wie die Feindschaft zwischen dem Stadtkönig und 
der Stadt^öttin, also wie diejenigen Überlieferungen, die dem ersten 
und zweiten Teil des Epos zu Grunde liegen. 

1. Vj^l. Fr. Kampers: Alexander der Große und die Idee des 
Weltiraperiums (Studien und Darstellungen I 2. 3). Freiburg 1901. S. 26. 

2. \fi\. außer Kampers (s. vor. Anm.) noch Mark Lidzbarski : 
Wer ist Chadir? ZA. Vll. S. 104 ff. und: Zu den arabischen Alexander- 
Geschichten ebd. VIII S. 263 fl'.; Bruno Meissner: Alexander und Gil- 
games (Hallenser Habil.). Leipzig 1894; A. Wünsche: Alexanders Zug 
nach dem Lebensquell, Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 
1898; J. Friedlaender : Alexanders Zuf^ nach dem Lebensquell und die 
Chadhirlegende AR. XIII. 1910. S. 16111. 

3. Vgl Kampers a. a. 0. S. 91 und Friedlaender AR XIII S. 205. 
Danach wäre Alexander wirklich unsterblich geworden! Diese An- 
schauung ist ^ewiß nicht in den Kreisen des Judentums entstanden, 
sondern entlehnt, freilich nicht aus rseudo-Kallisthenea. 



Erklärung. 13. Die Suclu^ uach <l('m Leben. 153 

liehe" ^ Form dieser Alexandersnge aus den verschiedenen Rezen- 
sionen zu rekonstruieren: „Alexander von Mazedonien, der große 
Welteroberer, dessen Macht die Grenzen des Menschlichen er- 
reicht hat, will die letzte Schranke des Menschlichen durchbrechen 
und ewiges Leben erlangen. Er erfährt, daß irgendwo in der 
Nähe des Landes der Finsternis sich ein Quell beilüde, dessen 
Wasser ewiges Leben verleihe. Alexander begibt sich, nachdem 
er sich für die gefahrvolle Reise entsprechend mit Proviant ver- 
sehen, mit auserlesenen Jünglingen , deren Tapferkeit und Aus- 
dauer den Gefahren des Zuges gewachsen sind, auf den Weg. 
Nachdem er das Land der Finsternis erfolgreich durchquert hat, 
gelangt er in eine quellenreiche Gegend. Es gilt nun, unter den 
vielen Quellen jener Gegend den Lebensquell ausfindig zu machen. 
Einst traf es sich, daß Alexander hungrig wurde und von seinem 
Koche zu essen verlangte. Dieser nahm einen gesalzenen oder 
gedörrten Fisch und versuchte, ihn in einer der Quellen zu 
reinigen. Da wurde der Fisch lebendig und entschlüpfte seinen 
Händen. Der Koch sprang dem Fische nach, um ihn zu fangen, 
und nahm auf diese Weise ein unwillkürliches Bad. In seiner 
Beschränktheit merkte der Koch die Bedeutung des Vorganges 
nicht und erzählte daher keinem, was ihm passiert war. Erst als 
sie nach vergeblichem Suchen durch das Land der Finsternis 
hindurch zurückgekehrt waren und ein jeder seine Erfahrungen 
in diesem merkwürdigen Lande zum Besten gab, da fühlte sich 
auch der Koch gedrungen, die Begebenheit mit dem Fische zu 
erzählen. Alexander wird von wildem Schmerz ergriffen, als er 
aus dem Berichte seines Koches erfährt, daß ihm durch dessen 
Nachlässigkeit die heißersehnte Gelegenheit, sich ewiges Leben zu 
verschaffen, so nahe an der Verwirklichung entschlüpft ist. Sein 
Ärger entlädt sich nun auf das Haupt des unglückseligen Koches. 
Zwar sucht dieser ihm die Nutzlosigkeit der Reue vor Augen zu 
halten. Aber dieser philosophische Einwand vermag die Wut des 
enttäuschten Welteroberers nicht zu besänftigen. Alexander gibt 
Befehl, seinen Koch hinzurichten. Allein der Tod hat keine Ge- 
walt über ihn: er ist ja, ohne es zu wissen, durch das Bad in 
der Lebensquelle unsterblich geworden. Alexanders Mißgunst 
und Beschämung kennt nunmehr, da er sich bewußt wird, daß 

1. AR. XIII S. 185 ff. Ich bin geneigt, diese Fassung der Alex- 
andersage eher für die jüngste zu halten; vgl. u. § 15. 



154 Das Gilgames-Epos. 

sein Koch mühelos erlangt hat, was er selber mit heißem Be- 
mühen vergeblich erstrebt hatte, keine Grenzen. Um den gar- 
stigen Koch endlich los zu werden , läßt er ihm einen Stein um 
den Hals hängen und ins Meer versenken. Sterben kann der 
Koch, der mit dem Lebenswasser in Berührung gekommen, nicht. 
Aber auch die Unsterblichkeit fruchtet ihm wenig. Er wird zu 
einem Seedämon, der bestimmt ist, in dem Teile des Meeres, in 
dem er versenkt wurde, in alle Ewigkeit hinaus ein freudloses 
Dasein zu fristen". 

14. Die Reiseabenteuer und die Astral mytliologie. 
Man hat das ganze Epos charakterisiert als ein „Reiseepos, 
etwa nach Art der Odyssee" i. Im dritten Teil und damit zu- 
gleich im Hauptteil der Dichtung spielen in der Tat die Reise- 
abenteuer eine große Rolle; in den ersten beiden Teilen treten 
sie indessen, soweit der Text überliefert ist, zurück. Vor allem 
ist jene Charakteristik jedoch deshalb unzutreffend, weil die Aben- 
teuer nicht um ihrer selbst willen (wie in der Odyssee oder in 
der vollständigen Fassung der Alexandersage) erzählt werden, 
sondern nur deshalb, weil der Held auf seiner Wanderung natur- 
gemäß etwas erleben muß. Das Hauptthema ist vielmehr, wie im 
vorigen Paragraphen gezeigt wurde, die Suche nach dem ewigen 
Leben, und alle Abenteuer sind diesem Hauptzweck in straffer 
Weise untergeordnet. Das ergibt sich besonders deutlich aus der 
Kürze, mit der die Heimkehr berichtet wird. 

Nun ist aber seit der Veröffentlichung des Gilgames-Epos 
die Kette der Forscher ^ nicht abgerissen , die in ihm einen 
astralmythologischen Hintergrund zu entdecken glaubten. 
Während KuGLEß den Himmel für den ursprünglichen Schau- 
platz der Dichtung hält und meint, daß sich ihre Ereignisse dort 
abspielen, ist Jensen zu einem anderen Resultat gekommen, das 
er nach eingehender Begründung in die Worte zusammenfaßt: 
„Das Gilgames-Epos bietet in seinem Kern eine Darstellung der 
bemerkenswertesten Ereignisse des Sonnenjahres und des Sonnen- 
tages am Himmel und auf der Erde unter Anlehnung an das 

1. Wundt: Völkerpsychologie II 1-3 S. 525. 

2. Es seien neben dem ersten: Henry Rawlinson vor allem ge- 
nannt: Alfred .Teremias in seinem Artikel: Izdubar (Röscher, Mythol. 
Lex. II 773fr.j; Kugler: J)ie Stornenfahrt des Gilfi^ames (Stimmen aus 
Maria-Laach 1904); Zimmern KAT. S. 580; Jensen Kß. VT S. 422f. und 
GE. 8. 77 ff. 



Erklärung. 14. Die Reiseabenteuer und die Astralniythologie. 155 

scheinbare Lokal und die Richtung des täglichen Sonnenlaufs" *. 
Trotzdem die Beweisführung äußerst scharfsinnig ist, scheint sie 
mir dennoch mißglückt zu sein. 

Das Spiegelbild des täglichen Sonnenlaufes findet Jensen 
in der Richtung der Reisen wieder, die Gilgames unternimmt: 
Sein erster Zug gehe nach dem fernen Osten, zum Götterberg des 
llumbaba, wo er Istar treffe, die Göttin des Venus-Sterns; von 
dort kehre er in westlicher Richtung nach Uruk heim. Auf dem 
zweiten Zuge, der Suche nach dem Leben, führe ihn der Weg 
zunächst nach dem fernen Westen, dann aber komme er in öst- 
licher Richtung wieder nach Uruk zurück ^. Gegen diese Kon- 
struktion lassen sich gewichtige Bedenken erheben: Sie ist hin- 
fällig, wenn, wie oben zu zeigen versucht wurde, der Zederiiberg 
nicht im Osten liegt, sondern mit dem Amanos identisch ist^, und 
wenn das Erlebnis mit Istar nicht auf dem Zedernberge, sondern 
in Uruk selbst stattfindet *. 

Weiter bemüht sich Jensen, die einzelnen Episoden des Epos 
mit dem jährlichen Lauf der Sonne durch die Tierkreisbilder 
zu kombinieren; doch werden bisweilen auch andere Sternbilder 
zur Erklärung herangezogen. Die Nachprüfung seiner Hypothesen 
soll zunächst auf die Abenteuer der beiden ersten Teile unserer 
Dichtung beschränkt bleiben. Da ist der relativ sicherste Aus- 
gangspunkt die Freundschaft zwischen Gilgames und Engidu; die 
Helden w^erden vielleicht Adoptivbrüder, „Zwillinge" = die Sonne 
tritt in das Gestirn der gemini. Diese Gleichung ist zwar nicht 
ohne weiteres einleuchtend^, könnte aber zur Not gelten, wenn 
vorher und nachher zwingende Analogien zwischen den Hand- 
lungen des Epos und zwischen der Sonnenbahn nachgewiesen 
wären. Nun tritt die Sonne unmittelbar vorher in das Zeichen 
des taurus. Da im Epos ein Ereignis fehlt, das ihm entspräche, 
so vermutet Jensen, daß sich jenes Sternbild in dem Himmels- 
stier reflektiere; dieser begegne uns da, wo wir nach der Sonnen- 
bahn vom leo zu hören erwarten. Die Reihenfolge der himm- 
lischen Urbilder wird hier in bedenklicher Weise gestört^. Diese 



1. GE. S. 109. 2. Ebd. S. 80 f. 3. Vgl. o. S. 112. 

4. Vgl. 0. S. 116 Anm. 3. Über die Kichtung des zweiten Zuges 
vgl. u. 

5. Vgl. 0. S. 100 f. 

6. Grade auf die Reihenfolge legt Jensen besonderes Gewicht. Er 
glaubt (S. 97) einen „durchschlagenden Beweis" dafür geliefert zu haben, 



156 Das Gilgames-Epos. 

Tatsache ist um so auffälliger, als grade der Löwe das heilige 
Tier der Istar ist ^ Die Erzähler hätten demnach allen Anlaß 
gehabt, von dem Kampf mit einem Himmelslöwen zu berichten. 
Es läßt sich nicht einsehen, warum das nicht geschehen sollte. 
Und wenn das Epos wirklich vom Himmel abg lesen ist, warum 
schob der Dichter nicht ein dem taurus entsprechendes Abenteuer 
an der richtigen Stelle, d. h. vor dem Zusammentreffen der beiden 
Freunde, ein und ließ dann später dem Stierkampf einen Löwen- 
kampf folgen? Wie Gilgames = Sonne, so ist Engidu = aries; 
die Sonne tritt zuerst in das Sternbild des Widders, und darum 
beginnt das Epos mit Engidu. Aber das Einzige, worin Engidu 
an einen Widder erinnert, ist die Vermutung Jensens, daß der 
Tiermensch wahrscheinlich mit Schafsfellen bekleidet war. Nun 
gehört Engidu gar nicht mit den zahmen, sondern mit den wilden 
Tieren zusammen; sein Gegner ist ein Jäger (nach Jensen der 
„Jagdstern" Beteigeuze), der ihn mit Hilfe einer Dirne (hier ver- 
mißt man bei Jensen das himmlische Analogon) überwindet 2. 
Ferner dürfte, da sich die Sonne bewegt, nicht Engidu zu Gil- 
games kommen, sondern das Umgekehrte müßte der Fall sein, 
und wenn die Begegnung zwischen Widder und Sonne die Phan- 
tasie der Dichter angeregt haben soll, warum hielten sie sich dann 
nicht genauer an ihr Vorbild? Den leo will Jensen ^ in dem Löwen 
wiedererkennen, der als der dritte Geliebte der Istar genannt wird*. 
Indessen darf man zunächst fragen, wie dieser zu einer bedeu- 
tungslosen Nebenfigur herabsinken konnte. Zum andern darf 
man nicht vergessen, daß hier zum zweiten Male die Reihenfolge 
der Tierkreiszeichen in Unordnung geraten ist. Denn die Buhl- 
schaft mit dem „Löwen" fand doch sehr viel früher statt, lange 
bevor Gilgames (= Sonne) die Istar (= Sirius) traf! Und warum 
wird Istar von Jensen mit Sirius kombiniert, statt, wie man er- 
warten sollte, mit virgo ? Wahrscheinlich, weil der leo der „Jung- 
frau" vorangeht, während er nach dem Epos ihr folgen sollte! 
Welche Ereignisse oder Gestalten der Dichtung entsprechen der 
vmjo, dem Cancer, der lihra? Da in dem System Jensens 
mehrere Lücken klaffen, da die von ihm behauptete Reihenfolge 

daß „eine gleiche chronologische Keihenfolge der mit einander vergleich- 
baren Ereignisse" vorhanden sei. 

1. V<(1. 0. S. 130. '2. Vgl. 0. S. 94. 3. GE. S. 103. 

4. Es ist auch beachtenswert, daß Jensen zu den anderen Ge- 
liebten keine Analogien unter den Sternen findet. 



Erklärung. 14. Die Reiseabenteuer und die Astrnlmythologie. 157 

nicht vorhiuulen ist und du sicii allen anderen Analogien unüber- 
windliche Bedenken entgegenstellen, so ist auch die erste Ent- 
sprechung zwischen der Freundschaft der Helden und den (je)nini, 
obwohl sie an sich möglich wäre, für einen Zufall zu halten. 

Wenden wir uns dem dritten Teil des P^pos zu, so begegnen 
uns auf der abenteuerlichen Reise des Gilganieä zuerst die Skor- 
pion menschen, die mau von vornherein und mit großer Be- 
stimmtheit als astralen Ursprungs bezeichnet hat. Wer die Dar- 
stellungen des Skorpions und des Skorpionschützen auf babylo- 
nischen „Grenzsteinen"^ kennt, wird geneigt sein, an Tierkreis- 
zeichen zu denken, wenngleich ein zwingender Beweis für astrale 
Auffassung auch damit nicht erbracht ist^. Von solchen misch- 
gestaltigen Ungeheuern ist die babylonische Literatur übervoll; 
auch in dem Heer der Tiämat befinden sich Skorpioumenschen ^ 
neben anderen Drachen, von denen nur wenige Sternbilder sein 
dürften 4. Ursprünglich handelt es sich jedenfalls, so darf man 
aus allgemeinen Gründen behaupten, einfach um Fabeltiere, die 
mit dem Himmel und dem Tierkreis speziell nichts zu tun haben; 
so wird in einem rumänischen Märchen, wo jede astrale „Deu- 
tung" ausgeschlossen ist, erzählt, wie Fetfrumos, der gleich Gil- 
games das Leben ohne Tod und die Jugend ohne Alter sucht, 
zuerst zu der menschenfressenden Spechtfee und dann zu der 
feuerspeienden Skorpionhexe kommt ^. Damit soll nicht geleugnet 
werden, daß die Skorpionmenschen wie andere Ungeheuer auf 
einer späteren Stufe in den Sternbildern des Himmels wiederge- 
funden worden sind. Die Frage ist nur, ob sie schon dem Gilgames- 
Epos als solche bekannt sind. Ihre Funktion wird deutlich ge- 
schildert: sie haben die Aufgabe, das Himmels- oder Sonnentor 
zu bewachen, sind also keine Tierkreiswesen, sondern Pförtner. 
Bildliche Darstellungen solcher Pförtner sind auf zahlreichen 

1. Vgl. z. B. Jeremias ATAO. S. 10; Izdubar bei Eoscher II Sp. 818 
(auf einem Zviinder Sp. 793). Frank: Bilder und Symbole (LSSt. II 2. 
1906) S. 4. 

2 Frank (s. vor. Anm.) weist nach, daß die Darstellungen auf 
Grenzsteinen meist Symbole der Götter sind. ,, Damit soll aber nicht", 
so fügt er S. 3 hinzu, „in Abrede gestellt werden, daß speziell bei den 
Grenzsteinen mehrfach (z. B. bei Skorpion, schießendem Skorpionmensch) 
grade diejenigen Beziehungen hervorgekehrt sind, in welche die Götter 
zu einzelnen Sternen und Sternbildern des Tierkreises gesetzt wurden". 

3. Vgl. TB. I S. 8 V. 122. 

4. Vgl. Ungnad TB. I S. 8 zu v. 121. 

5. M. Kreimnitz: Rumänische Märchen. Leipzig 1882. No. 2. 



158 Das Gilgames-Epos. 

Siegelzyliudern überliefert ^ Da die Skorpionmenschen am Kaude 
der Erde oder am Eingang zum „Jenseits" stehen, so sind sie 
Grenzwächter überhaupt und haben die Pflicht, jeden Unberufenen 
vom Götterpark fernzuhalten. Sie mögen als Riesen gedacht 
worden sein ^, jedenfalls waren sie wegen ihrer furchterregenden 
Mischgestalt die schrecklichsten Wesen, die der Babylonier kannte, 
und eben deshalb vorzüglich geeignet, an der Grenze Posten zu 
stehen. Aus demselben Grunde sind sie auch in das Gefolge der 
Tiämat gekommen, des gewaltigsten Ungetüms, das die Welt je 
gesehen hat^ Als Grenzwächter waren sie gradezu prädestiniert, 
auf den „Grenzsteinen" abgebildet zu werden; denn wer das Land 
der Götter zu hüten vermag, wird auch die Ländereien der Men- 
schen in Schutz nehmen und über der Erfüllung der abge- 
schlossenen Verträge wachen. Man hat also nicht nötig, die 
Skorpione und Skorpionschützen der kudurrus als ursprüngliche 
Tierkreiszeichen zu erklären ; diese Auffassung hindert hier wie 
in den anderen Fällen eher das Verständnis der überlieferten 
Tatsachen, als daß sie es fördert. 

Die astralmythologische Deutung aber zerschellt vollends an 
der Tatsache, daß die Skorpionmenschen „bei der Sonne Aus- 
und Eingang die Sonne bewachen"^. An dem Sinn dieser Worte 
ist kaum ein Zweifel möglich ^i Das Tor, an dem die mischge- 
staltigen Pförtner stehen, ist zugleich das Sonnentor, durch das 
die Sonne und folglich auch der Sonnengott täglich ^ ein- und 
ausgehen. Sollte wohl der Verfasser dieser Verse eine so gute 
astronomische Kenntnis besessen haben, wie sie ihm von Jensen 



1. Jetzt gesammelt von Prinz: Astralsymbole S. 25 f.; vgl. auch 
TB. II Abb. 12. 

2. Auch nach der Edda Helr. Str. 1 führt ein Weg durch die 
felsigen Pforten eines von einer Riesin (als Wächterin?) bewohnten 
Hauses zur Unterwelt; vgl. Richard M. Meyer AGRG S. 467. Der 
Höllenhund, der Kerberos, als Wächter zur Unterwelt, der Kerub als 
Wächter des Paradieses, Humbaba als Wächter des Zedernberges sind 
Parallelgestalten, auch Atlas, der „die Grenzen des Himmels behütet" 
(8. 0. S. 148) und unzählige andere Wesen. 

3. Die Gründe, die man gej^en die Drachengestalt der Tiämat an- 
zuführen pflegt, halte ich nicht für beweiskräftig. 

4. S. 0. S. 40 V. 44. 

5. Jensen GE. S. 25 Anm. 6 fragt: ,, Heißt das, wie sonst: Beim 
Aufgang und Untergang der Sonne? Oder ist vom Herausgehen der 
Sonne aus dem Bergtor und dem Hineingehn in das Bergtor die Rede? 
Ist gar Beides identisch? Aber wie wäre das zu denken?" 

6. S. 0. S. 40 V. 38. 



Erklärung. 14. Die Reiseabonteuer und die Astralmythologie. 159 

und den andern Astrahnythologen zugetraut wird? Kann der- 
jenige, der von einer Bahn der Sonne durch die Tierkreiszeichen 
weiß, die kindlich-primitive Vorstellung teilen, daß sic-h am Rande 
der Erde ein Sonnento^ befinde, durch das der Sonnengott morgens 
erscheint und abends verschwindet? Sollte ein astronomisch so 
vorzüglich geschulter Dichter nicht vor allem bedenken, daß die 
Sonne abends am entgegengesetzten Ende untergeht, als wo sie 
des morgens aufgeht? Was bei astronomischer Bildung unmög- 
lich ist, läßt sich dagegen bei der Begrenztheit, die aller mythi- 
schen Anschauung eigentümlich ist^, wohl begreifen. Die nüch- 
terne Beobachtung und die Reflexion hat später zu der Unter- 
scheidung eines „Berges des Sonnenaufgangs" und eines „Berges 
des Sonnenuntergangs" geführt 2, eine Vorstellung, die dem Gil- 
games-Epos noch fremd ist. Wie primitiv seine Weltansicht ist, 
lehrt wiederum ein Vergleich mit den auf derselben Stufe stehen- 
den Märchen, denen die Astronomie eine terra incognita ist: So 
geht ein Küchenjunge, der einen Auftrag an die Sonne hat, zu- 
nächst durch öde Wälder, auf unwegsamen Pfaden wandernd, bis 
er an ein breites und tiefes Meer kommt, über das er auf dem 
Rücken eines Fisches hinübergelangt. Weiter zieht er durch 
fremde und wüste Gegenden, wo es keinen Vogel, noch weniger 
einen Menschen gibt. Schon ist er nicht mehr weit vom Ende 
der Welt, da sieht er die Sonne nahe vor sich zur Erde sinken, 
eilt zu ihr und findet sie im Schöße ihrer Mutter 3. 

Wie anderswo der Ozean, so bildet im Epos ein Gebirge die 
Grenze: hüben die Erde, drüben das Jenseits, der Götterpark. 
Das Gebirge ist als ein unübersteiglicher „Burgwall" gedacht*, 
der sich rings um die Erde herumzieht und die Sterblichen von 
den Unsterblichen trennt. Nur auserwählten Helden der Vorzeit 
wie Gilgames ist es gelungen, den Eingang zu erzwingen. Im 
allgemeinen aber ist das einzige, von den Skorpionmenschen be- 
wachte Tor nur für den Sonnengott bestimmt. In Hymnen wird 



1. V^l. Gressiviann: Ursprung der israelitisch-jüdischen Eschato- 
logie S. 127. 

2. Jensen: Kosmologie der Babylonier S. 212. 

3. Joseph Wenzig: Westslavischer Märchenschatz. Leipzig 1857. 
S. 36 ff. 

4. Vgl. die germanischen Vorstellungen bei Eichard M. Meyer 
AGKG. S. 468. 



160 Das Gilgames-Epos. 

besungen 1 und auf Siegel zylinderu wird dargestellt 2, wie der 
Sonnengott das Himmelstor öffnet und aus dem großen Gebirge, 
da wo Himmel und Erde zusammenstoßen, hervortritt. Da die 
mythische Topographie vom Rande der Erde naturgemäß 
schwankt, muß man sich hüten, die parallelen oder einander 
widersprechenden Anschauungen zu einem einheitlichen Bilde ver- 
binden zu wollen. Bisweilen liegt das Jenseits (wie im Epos) 
auf der anderen Seite des Gebirges, bisweilen auf dem Gebirge 
selbst: So wohnen die himmlischen Götter auf den Bergen; Berge 
sind der Schemel der Gottheit^, und in den Bergen werden die 
Göttersöhne, die Könige, geboren *. Bisweilen aber sucht man 
das Jenseits im Innern des Himmelsgewölbes, das auf dem Rand- 
gebirge der Erde ruht. Das Himmelsgewölbe wird als supuk 
same, als „Himmelsdamm", bezeichnet^, weil die „Veste" der sinn- 
lichen Wahrnehmung wie ein aufgeschütteter Damm oder wie die 
steile Böschung eines Abhangs erscheint*'; erst von der „Spitze" 
oder der „höchsten Höhe" dieses Himmelsberges aus geht man 
in das „Innere des Himmels" hinein '^. 

Ein Grenzgebirge zwischen Himmel und Erde konnten die 



1. Vgl. die Übersetzungen Ungnads TB, I S. 82 ; Jastrow: Keli- 
gion Babyloniens I S. 428. 

2. Vgl. Prinz: Astralsymbole S. 24 ff. 

3. So ist es häufig auf den Siegelzylindern. 

4. Vgl. 0. S. 113 f. 

5. Vgl. 0. S. 40 V. 39. 

6. So lehren die von Jensen KB. VI S. 46 mitgeteilten Parallelen : 
Nach Beitr. zur Assyr. III S. 246 Z. 18 wird die Terrasse eines Tempels 
wie der supku eines gewaltigen Berges gemacht. Nach Keisner: Hym- 
nen S. 130 Z. 35 kann niemand den mpuk same hinaufsteigen, offenbar 
weil er zu steil ist. „Also ist der supuk same dem Anscheine nach 
eine bergartige Aufschüttung", sagt Jensen mit Eecht; aber unrichtig 
identifiziert er den „Hiramelsdamm", der nach unserm Sprachgebrauch 
nichts anderes sein kann als das Himmelsgewölbe selbst, mit dem Eand- 
gebirge der Erde, auf dem jenes ruht. — Parallele Vorstellungen sind 
in Fülle vorhanden. Es sei an den ,, Zedernberg", den ,, Versammlungs- 
berg" der Götter erinnert (s. 0. S. 113 f.), an den aus vielen Bildern be- 
kannten ,, Himmelsberg", den der Sonnengott mit seinem Gespann hin- 
anfährt (z. B. in TB. II Abb. 136), an die aus dem Märchen geläufige 
Idee des „Glasberges", den niemand hinaufreiten kann u. s. w. 

7. Jensen macht GE. S. 35 (Anm.) darauf aufmerksam, daß in 
Western Asia Inscriptions II 48, 45 ff. diese drei Teile deutlich von 
einander unterschieden werden. Aber die von Jj-:nsen hinzugefügte Er- 
klärung verdunkelt, wie mir scheint, den einfachen Tatbestand. Auch 
die Vorstellung des Himmels als einer ,, Mauer", die in Babylonien be- 
zeugt ist (im Epos vgl. XI 116), läßt sich anderwärts nachweisen; vgl. 
Greshmann : Ursprung der israelitisch-jüdischen Eschatologio S. 228 f. 



Erklärung. 14. Die Reiseabenteuer und die Astralinythologie. 161 

Babylonier wohl annehmen, da sie von den hohen ßerjjjen wußten, 
die im Nordwesten den Weg versperrten. Als mythisches Ge- 
birge ist es ursprünglich wohl namenlos gewesen, doch hat es, 
wie das Gilgames-P]i)Os zeigt, schon verhältnismäßig früh den 
Namen Masu erhalten, über den weitere babylonische Überliefe- 
rungen nicht zur Verfügung stehen. Es kann sein, wenngleich 
diese Hypothese nicht unbedingt notwendig ist, daß der Name 
einem geographisch lokalisierten Gebirge entlehnt und auf das 
mythische Kandgebirge übertragen ist. Über die Lage gibt die 
Dichtung selbst keinen Anhalt^ Denn das Felsentor, das in 
den Berg hineinführt, der dunkle Weg, der wie ein Tunnel durch 
den Berg läuft, der Park mit den Edelsteinbäumen, der Ozean 
mit den Todeswassern existieren nirgendwo in der Welt und sind 
nur im Märcheulande zu suchen. Vielleicht hilft aber die syri- 
sche Alexandersage weiter, die vom Gilgames-Epos abhängig zu 
sein scheint^: sie nennt das Gebirge, an das der große König 
gelangt, nachdem er das Himmelsfenster der Sonne passiert hat 
und bevor er in das Land der Finsternis eindringt, Masis^, ein 
altarmenischer und noch heute gebräuchlicher Name für den 
höchsten Berg der armenischen Zentralprovinz Ararat^. Die 
Möglichkeit, daß spätere Erzähler Masu mit dem ihnen bekannten 
Masis identifiziert haben, läßt sich zwar nicht widerlegen, doch 



1. Anders Jensen GE. S. 34 (Anm): „Also Gilgaraes zieht ver- 
mutlich westwärts .... Ist unsere Ansicht über die Richtung . . . . 
richtig, .... dann ist die Wüste .... die syrisch-arabische, westlich 
von Babylonien; das Gebirge mit dem Bergtor das Libanon-Antilibanon- 
System, westlich davon . . . .; die Küste mit dem Wundergarten, die 
sofort nach Passierung des Bergtores erreicht wird, die phönizische mit 
ihrer schmalen Küstenebene, westlich vom Libanon; das große Meer 
das Mittelmeer, westlich von Phönizien; und dann sind die . . . Wasser 
des Todes . . . jenseits und westlich von der Straße von Gibraltar". 
Auch Zimmern KAT S. 573 u. A. verstehen unter dem Masu den Li- 
banon und Antilibanos. Aber zu den sachlichen Schwierigkeiten ge- 
sellen sich noch sprachliche, da niemals sonst weder der Libanon noch 
der Antilibanos Masu heißt. Glaubt man etwa, daß die breite sonnige 
Ebene zwischen Libanon und Antilibanos dem Dichter Anlaß zu der 
Fabel von dem dunklen Höhlenweci^e oregeben habe ? 

2. Vgl. u. über die Nachwirkungen des Gilgames-Epos. 

3. So in der Homilie des (Pseudo-)Jakob von Serug ed. Knös: 
Chrestomathia Syriaca S. 72 Z. 6 ff.; vgl. Budge: The history of Ale- 
xander the Great S. 168 (Text, letzte Zeile). In der syrisch-christlichen 
Legende heißt der Berg Müsäs; vgl Budge S. 260 (des syr. Textes) 
Z. 3 V. u. und S. 261 Z. 10. 

4. Vgl. Prot. Real-Encyclopädie II S. 64 Zf46ff. Die Türken 
nennen den Berg Aghri-Dagh. 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 11 



162 Das Gilgames-Epos. 

darf aus mehreren Gründen ^ die Vermutung erlaubt sein, daß 
beide Namen von iVnfang an identisch sind. 

Da Gilgames über den himmelhohen Berg Masu nicht hin- 
über kann, so geht er, um ins Jenseits zu gelangen, durch den 
dunkeln Gang, den sonst nur die Sonne zu benutzen pflegt. 
Voraussetzung dieser Idee ist die Bekanntschaft mit Höhlen und 
die Beobachtung des Sonnenuntergangs im Gebirge 2. Höhlen, 
Brunnen, Löcher, die in ein paradiesisches Land führen, sind 
zahlreichen Märchen und Sagen geläufig 3. Auch ohne in einen 
Abgrund hinein zu müssen, durchquert der Held Länder, in denen 
es bald unerträglich heiß bald barbarisch kalt bald völlig dunkel 
ist. So haben die Israeliten* die ihnen grausige Wüste im An- 
schluß an Märchenmotive als ein Land der Finsternis ausgemalt, 
das niemand durchzieht, in dem kein Mensch wohnt, in dem nur 
Löwen und fliegende Drachen hausen. Liegen solche Parallelen 



1. Auf die Ähnlichkeit beider Namen haben bereits Lidzbarski, 
Meissner, Hunnius aufmerksam gemacht, ohne daß sie die oben ausge- 
sprochene Vermutung zu begründen versucht haben. Es sei 1. an die 
Königsgeburtslegenden und die verwandten Vorstellungen (s. 0. S. 114) 
erinnert, nach denen das Götterland oder das Paradies auf den armeni- 
schen Bergen liegen muß, wo Euphrat und Tigris entspringen. 2, Nach 
der Sintflutsage muß schon sehr früh der Berg, auf dem die Arche 
landete und auf dem der Held zu den Göttern entrückt wurde, in Ar- 
menien gesucht worden sein. Denn dorthin weist nicht nur der Bericht 
des Berossos (vgl. TB. I S. 59), sondern auch der israelitische: Der 
Name ,.Ararat" muß aus der fremden Vorlage stammen, von der die 
Israeliten abhängig waren, da Armenien zu entfernt und unbekannt war. 
Nach alledem scheinen die armenischen Berge die Phantasie der Baby- 
lonier und Assyrer früh angeregt zu haben. — Die Namengebung ist 
immer erst ein relativ junger Vorgang, wie Richard M. Meyer AGRG. 
S. 470 an mehreren typischen Beispielen zeigt. 

2. In Babylonien spielen die Höhlen keine Rolle; Berge sind über- 
haupt nicht zu sehen. Folglich müssen hier entweder sumerische Vor- 
stellungen nachwirken, vorausgesetzt, daß die Sumerer aus einem Ge- 
birgslande stammen, oder Beobachtungen vorliegen, die man irgendwo 
in der Fremde gemacht hat. 

3. Vgl. z. B. Friedrich Kreutzwald: Ehstnische Märchen. Halle 
1869. No. 14. „Der dankbare Königssohn". S. 178: „Plötzlich tat sich 
unter dem Stein eine geheime Pforte auf, und es wurde ein Eingang 
sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle glich . . . Dicke Finsternis 
umgab sie hier, doch kam es dem Könissohne vor, als ob ihr Weg 
immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte sich 
wieder ein Schimmer". Vgl. ferner J. G. von Haiin: Griechische und 
albanesische Märchen. Leipzig 1864. No. 70. 97. L. Radermacher: 
Das Jenseits im Mythos der Hellenen. Bonn 1903. S. 87 Anm. 1 und 
S. 78 ff". Ferner die Alexandersage u. s. w. 

4. Vgl. Jes. 30, 6. Jerem. 2, 6. 31. Man hat diese Stellen auch 
wohl rationalistisch erklärt, als dunkle Überlieferung von Polargegenden. 



rklärung. 14. Die Reisenbouteuer und die Astralmythologie. 1G3 

nicht, niilier als die der Aatralmythologcn? „Unmittelbar nach 
der ßegegnuMg mit den zwei 8korj)ionriesen", sagt Jensen^ 
„durchquert Gilgames das Gebirge mit dcui Zedern wäldern, und 
der Skorpion erstreckt sich bis in ein Sterngebilde, die Barriere 
der Milchstraße mit ihren unzähligen kleinen Sternen, hinein, das 
zu einem Vergleich mit einem großen Walde mit dichtgedrängten 
zahllosen Bäumen gar leicht anreizen konnte". Abgesehen davon, 
daß der Text des Epos von einem Walde auf dem Masu-Gebirge 
nichts weiß und daß darum schwerlich an das Dunkel des Waldes 
zu denken ist, sollte man nicht nach der Bahn der Sonne eher 
im Gegenteil erwarten, Gilgames müßte gradezu durch ein Licht- 
meer wandern, den unzähligen Lichtspendern der Milchstraße 
entsprechend ? 

Und wo ist denn nun der Götterpark am Himmel, den die 
Sonne erreichen müßte, nachdem sie die Milchstraße überschritten 
hat? Gehören nicht auch die mit Edelsteinen behangenen Bäume 
zu den Reiseabenteuern des Märchens? Fast möchte man an die 
Stelle des hier nur teilweise erhaltenen Epos die Worte eines 
ungarischen Volksmärchens ^ setzen: „In den Bächen floß überall 
nichts wäe Milch und Honig, und sogar das Gras war hier aus 
Seide. Die Gärten waren einer schöner als der andere, und die 
Blumen darin wetteiferten an Pracht und waren alle ganz aus 
Edelsteinen zusammengesetzt. Die Bäume hatten silberne Stämme, 
und auch die Zweige waren aus Silber, die Blätter daran jedoch 
aus purem Golde; und das viele, viele Obst daran und die Menge 
Blüten, daß die Zweige schier brechen wollten! Die Tautropfen 
auf den Blumen aber, das waren alles Diamanten". 

Nachdem Gilgames den Götterpark durchquert hat, kommt 
er an ein großes Meer, an dessen jenseitigem Ufer^ der selige 
Ut-napistim wohnt. Dies Meer wird als die „Mündung der 
Ströme" bezeichnet, d. h. als der Ozean, in den alle jenseitigen'^ 
Ströme münden, dem irdischen Ozean entsprechend. Der Ozean 
auf Erden kann jedenfalls nicht gemeint sein, da Gilgames beim 



1. GE. S. 105. 

2. Elisabet Sklarek: Ungarische Volksmärchen. Leipzig 1901. 
S. 107; vgl. ebd. die Anra. S. 292. 

3. Mehr verrät das Epos nicht; ob an ein „Land" oder an eine 
„Insel" der Seligen gedacht ist, läßt sich nicht entscheiden. 

4. Ich vermeide mit Absicht den Ausdruck „himmlisch", denn es 
können ebenso gut ,, unterirdische" Ströme gemeint sein. 

11* 



164 Das Gilgames-Epos. 

Sonnentor das Ende der Erde erreicht hat und von dort an ins 
Jenseits vorgedrungen ist. Um des mythischen Charakters dieser 
Vorstellung willen ist eine geographische Lokalisierung des Reiches 
der Seligen unmöglich, zumal sie durch nichts angedeutet wird^. 
Fragen kann man nur, ob nicht die^e „Mündung der Ströme", 
die das uns überlieferte Epos ins Jenseits verlegt hat, ursprüng- 
lich mit dem Ozean identisch ist, der nach primitivem Glauben 
die Erde umgürtet? Diese Frage ist wohl zu bejahen, weil die 
Trennung des „Götterparks" von dem Aufenthaltsorte Ut-napistims 
durch ein großes Meer innerlich nicht berechtigt erscheint; denn 
man sollte vermuten, daß da, wo die Götter wohnen, auch die 
Seligen hausen, die in den Kreis der Götter entrückt worden 
sind. Demnach wären ursprünglich in der Vorstellungswelt des 
babylonischen Volkes zwei parallele Gedankenreihen zu unter- 
scheiden: entweder ist die Erde rings von einem hohen, unüber- 
steigbaren Gebirge umgeben oder von einem breiten, unüberfahr- 
baren Meer umgrenzt, die das Diesseits von dem Jenseits trennen; 
hüben wohnen die Menschen, drüben die Götter und Seligen. Der 
Dichter des Epos aber hat, um die Abenteuer des Helden zu 
vermehren, beide Ideen verwertet ^ und dadurch die zusammenge- 
hörigen Länder des Götterparks und des Seligenreiches ausein- 
andergerissen. Damit ist schon bewiesen, daß er diese Anschau- 
ungen nicht selbst geprägt, sondern aus der Volksphantasie her- 
übergenommen hat. Diese Behauptung läßt sich noch durch die 
Beobachtung erhärten, daß in dem Garten der Götter, wie es 
scheint, nur Sabitu und daß im Lande der Seligen nur Ut-napis- 
tim, sein Weib und der Schiffer wohnen; die mythischen Vor- 
stellungen ^ sind demnach bereits verblaßt. 



1. Jensen wirft GE. S. 37 (Anm.) die Fra^e auf, ob das babyloni- 
sche Seligenland vielleicht ursprünglich mit der fruchtbaren Ebene An- 
dalusiens an der Mündung des Guadiana und Guadalquivir identisch 
sei? Ursprünf^lich war das Land der Seligen gewiß mythisch, wie noch 
jetzt im Gilfj^ames-Epos. Später konnte (wie beim „Zedernberj^" und 
beim „Gebirf^e Masu") eine geographische Lokalisierung wohl eintreten. 
Aber seit wann wußten denn die Babylonicr von der Straße von Gi- 
braltar? 

2. Ein ähnlicher Yor^iin^ läßt sich auch sonst beobachten : So 
benutzt der Dichter die beiden ihm geläufigen Motive (der Steinkisten 
und der Hänj^ebrücke) für die Art, wie man die Wasser des Todes über- 
schreiten kann; die Wachbrote und die Lebenspllanze sind im Grunde 
wohl ebenfalls nur Varianten. 

3. Sie sind nicht viel mehr als stilistisclio Epitlieta; so wird der 



Erklärung. 14. Die Reiseabenteuer uud die Astralmythologie. 165 

Der jenseitigen Küste des Ozeans sind die Todeswasser 
vorgelagert. lu diesem Namen — uud nur in ihm — klingt 
vielli^icht noch eiue Erinnerung daran nach, daß mau einst auch 
das Totenreich jenseits des erdumgürtenden Ozeans gesucht hat. 
Da der Fährmann schwerlich nur die Aufgabe hatte, die Verbin- 
dung zwischen Sabitu (Götterpark) uud Ut-naj)istim (Seligenland) 
aufrecht zu erhalten, so mag er ursprünglich wohl der Toteu- 
ferge gewesen sein , der die Seelen der Abgeschiedenen über das 
große Meer setzt wie Charon über den acherontischen See ^ Aber 
im Gilgames-Epos sind Totenschiff und Toteufährmann sehr stark 
verblaßt und kaum noch wiederzuerkennen, eine Tatsache übrigens, 
die in der griechischen Literatur ihre Parallele hat^. Die baby- 
lonische Dichtung hat nur noch eine Erinnerung daran bewahrt, 
daß der Sonnengott denselben Weg zu wandern pflegt, den Gil- 
games gezogen ist 3. Mehr ist aber von Astralmythologie oder 
von einer himmlischen Laufbahn der Sonne durch den Tierkreis 
nicht zu entdecken"*. Denn im folgenden bewegen wir uns wieder 



Zedernberg „der Wohnsitz der Götter" genannt, während er im Epos 
nur der Aufenthaltsort Humbabas ist. Vgl. o. S. 113. 

1. Vgl. üsener: Sintflutsagen S. 215fF. Ob auch die schmale 
Hängebrücke ursprünglich eine Totenbrücke ist? Vgl. dieTschinvad-Brücke 
bei den Persern (Söderblom: La vie future d'apres le Mazdeisme S. 92 ff.), 
die Brücke zwischen Himmel und Erde bei den Germanen (Richard 
M. Meyer AGR(t. S. 471), in Märchen (Reinhold Köhler: Kleinere 
Schriften. Bd. II S. 411). Allerdings ist grade bei den Semiten keine 
(originale!) Vorstellung einer solchen mythischen Brücke nachweisbar. 

2. Vgl. Radermacher: Das Jenseits im Mythos der Hellenen S. 89 f. 

3. Man könnte demnach zur Not von einer „Toten-" oder „Sonnen-" 
oder „Höllenfahrt" des Gilgames reden, aber alle diese Ausdrücke sind 
irreführend. Auch hier bestätigt sich nicht, was Schneider LSSt. 
S. 64 f. vermutet, daß Gilgames ein sterbender Naturgott sei; die dort 
versuchte Rekonstruktion des Mythos entbehrt des zwingenden Be- 
weises. 

4. Nach Jensen GE. S. 93 f. kommt die Sonne, nachdem sie die 
Milchstraße passiert hat, in die „Wasserregion" des Himmels; sie trifft 
den ,, Steinbockfisch", den Wassermann und die Fische. Jensen ver- 
sucht in kompliziertem Beweis zu zeigen, daß der Schiffer des Epos die 
Analogie zum „Steinbockfisch" des Himmels bilde. Die Behauptung, 
der Schiffer sei ein nabu „ein Prophet" (S. 31 Anm. 1), beruht auf der 
Lesung sursu nahu, wofür Ungnad u. A. (o. S. 72 Kol. IV v. 1 ff., S. 80 
unter „Ur-sanabi") sur sunabu lesen ; da der Schiffer in der jüngeren 
Rezension ebenso oder fast ebenso heißt, so rechtfertigt sich diese Le- 
sung von selbst. Damit ist aber der Hypothese Jensens die Haupt- 
stütze entzogen. Da er selbst bezweifelt (S. 96), daß Ut-napistim dem 
„Wassermann" entspreche, da er im Epos kein Analogon zu den „Fischen" 
des Tierkreises findet, da es wiederum an himmlischen „Gegenstücken" 
zu den Personen und Dingen der Dichtung mangelt (zu Ut-napistim 



166 Das Gilgames-Epos. 

ganz im Bereich der Märchenphantasie, die bessere Parallelen 
liefert, als das noch so intensive Studium der Sternkarte. Zahl- 
lose Märchen erzählen ja von dem Lebenswasser, durch dessen 
BesprenguQg Tote lebendig werden, während die Berührung mit 
dem Todeswasser unfehlbar tötet ^. Dies Zauberelement ist nun in 
der vorliegenden Dichtung mit dem mythischen Ozean kombiniert 
worden, und zwar so, daß die Todeswasser zugleich die tiefe, 
schwer zugängliche Brandung der Küste bilden. Dies Motiv muß 
demnach in der gegenwärtigen Fassung von Leuten stammen, die 
an einer Meeresküste ohne Häfen hausten oder die wenigstens die 
Gefahren einer stürmisch bewegten Brandung kannten. Inter- 
essant ist, wie dies Motiv des „Küstenmärchens" später bei den 
Bewohnern der Wüste zum „Karawanenmärchen" ^ geworden ist: 
Die schreckliche Brandung des Ozeans hat sich in den entsetz- 
lichen „Sandstrom" der Wüste verwandelt. Noch lehrreicher ist 
ein zweiter Vorgang: Im Gilgames-Epos ist an dieser Stelle keine 
klare Anschauung vorhanden. Denn das Wasser des Ozeans ist, 
wie es scheint, durch keine Schranke von den Todes wassern ge- 
trennt; folglich mußten diese alles verseuchen und den Gilgames 
hindern, unterzutauchen und das Wunderkraut heraufzuholen. In 
der christlich -syrischen Legende der Alexandersage ist dieser 
Mangel an Anschauung beseitigt: Die „elf hellen Meere" sind 
von dem „stinkenden Ozean" durch einen Landstrich geschieden, 
sodaß ihre Wasser nicht mehr zusammenfließen können ^. Eine 



und seinem Weibe, zu den Todeswassern, zu den Wachbroten, zum 
Lebenskraut, zur Schlange), so darf man wohl den Satz anfechten, das 
Epos sei „im wesentlichen vom Himmel abgelesen und reflektiere 
Namen für Sterne und Gestirne" (S. 110). Besonderes Gewicht legt 
Jensen (S. 104 ff.) darauf, daß dem Kehrpunkt des Sonnenlaufs ein 'Kehr- 
punkt in den P\ihrten des Gilgames entspreche. Indessen ist auch dies 
Argument hinfällig, weil eben an keinem Punkte die angeblichen Ana- 
logien einer Kritik standhalten, und weil die Tatsache des IJmkehrens 
allein nicht genügt. 

1. Ein Beispiel statt vieler! Im ungarischen Volksmärchen (von 
El. Sklarek S. lOj heißt es: „Von diesem Wasser, das unter der Tür 
ist, fülle deine silberne Flasche voll. Es ist also beschaffen : Wenn du 
damit irgend jemanden besprengst, wird er auf der Stolle ein Kind des 
Todes, wären vorher auch tausend Leben sein gewesen". Die umge- 
kehrte Wirkung hat das Lebenswasser, das aus dem Felsen der Ewigkeit 
entspringt. Weiteres Material bei A. Wünsche : Die Sa^en vom Lebens- 
baum und Lebenswasser. (Ex Oriente lux I 2, 3.) Leipzig 1905. 

2. Diese treffende Bezeichnung stammt von Liuzbarski ZA. VIII. 
S. 274 (Anm.). 

3. Vgl. Budge: Tho history of Alexander the Great. Cambridge 



Erklärung. 14. Die Reiseabenteuer und die Astralraythologie. 167 

dritte Wandlung äußert sich schon in der Bezeichnung „stin- 
kender Ozean". Im Epos ist das Wasser des Todes, wie es 
scheint, vom gewöhnlichen nicht weiter differenziert als durch die 
todbringende Wirkung. Den Späteren genügte diese Vorstellung 
nicht mehr; sie fabelten daher von dem Wasser, das wie Eiter 
aussehe. Wenn die Menschen darin schwimmen wollten oder dem 
Gestank zu nahe kämen, müßten sie sofort sterben'. Auch sei 
das Meer in stürmischer Bewegung und verursache ein gewaltiges 
Getöse, das die Menschen von fernher schrecke ^. 

Dem Todeswasser steht hier nicht das Lebenswasser, sondern 
das Lebenskraut gegenüber, das auch sonst mehrfach in der 
babylonischen Literatur bezeugt ist 3. Es wächst auf dem Meeres- 
grund, wie nach dem Märchen im Bergesinnern ^, wohl nur des- 
halb, weil es dort am schwierigsten zu entdecken ist ^. Wie das 
Lebenswasser ^ so hat auch das Lebenskraut enge Beziehungen 
zur Schlange '', daher oft auch „Schlangenkraut** genannt; das ist 
begreiflich, weil die Schlange das Tier des Lebens, das Seelen- 
tier, ist^. 

Die Einwände gegen die astralmythologische Deutung des 
Gilgames-Epos können jetzt zusammengefaßt werden. In der 
ganzen Dichtung ist nur ein einziges „astralmytho- 
logisches" Motiv vorhanden: das ,, Sonnentor" am Rande 
dieser Erde. Dies Motiv hat mit dem Tierkreis nichts zu tun, 



1889. Text S. 256 (Übersetzung dieser Stelle AR. XIII S. 212 Anm. 3). 
Dazu die Bemerkungen Lidzbarskis ZA. VII S. 111. 

1. Ebd. bei Budge, und in der Horailie des Jakob von Serug ed. 
Knös: Chrestomathia v. 55 fF. Eine witzige Parallele (aber anderen Ur- 
sprungs) ist der Diarrhöfluß im Hades; vgl. Dieterich: Nekyia S. 83. 

2. In der Homilie (Knös: Chrestomathia v. 56. 100). 

3. ZmMERN KAT. S. 523 f. 

4. A. Wünsche: Die Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser 
S. 15. 

5. Man könnte allerdings auch daran denken, daß die Tiefe des 
Meeres vielleicht gleichbedeutend mit ,, Unterwelt" ist; oder gar, daß 
das „Lebenskraut" im „Todeswasser" wächst; denn auch das „Lebens- 
wasser" befindet sich im Totenreich; vgl. Zlm^mern KAT. S 524 f. 

6. Vgl. Prym und Socin: Syrische Sagen und Märchen. 1881. 
S. 121 f. 

7. Vgl. El. Sklarek: Ungarische Volksmärchen. Leipzig 1901. 
S. 100. Ebd. Anm. auf S. 291; weitere Beispiele bei A. Wünsche: Die 
Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser S 14 ff. Über die psycholo- 
gischen Vorstellungen vgl. Wundt: Völkerpsychologie II 3 S. 186 ff. 

8. Vgl. die treffenden Ausführungen W^undts : Völkerpsychologie 
11 2. S. 73 ff. 



168 Das Gilgames-Epos. 

verträgt sich überhaupt nicht mit irgend welchen, noch so dürf- 
tigen „wissenschaftlichen" Beobachtungen der Himmelserschei- 
nungen, sondern verrät die undisziplinierte Phantasie alles primitiv- 
mythischen Denkens. Damit ist die Hypothese der „panbabylo- 
nistischen" Forscher widerlegt, die in der Astralmythologie den 
Schlüssel zum Gilgames-Epos finden wollen, denn eine solche 
„Wissenschaft" hat in der alten Zeit nicht existiert^. Damit 
sind aber zugleich die Vermutungen Jensens umgestoßen, die 
nur unter der falschen Voraussetzung guter astronomischer Kennt- 
nisse der alten Babylonier aufgestellt werden konnten. Dies 
negative Ergebnis wird durch andere Erwägungen bestätigt: 
Erstens hat die eingehende Untersuchung der Astralsymbole 
durch Prinz gelehrt, daß sie im altbabylonischen Kulturkreise 
keine große Bedeutung gehabt haben 2. Zweitens hat WuNDT 
von allgemein psychologischen Voraussetzungen aus gezeigt, daß 
niemals „das astrologische Bild das Frühere, der epische Inhalt 
das Spätere sein könne" 3. Drittens hat schon KtJCHLER dar- 
auf aufmerksam gemacht, die einheitlich-astrale Auffassung des 
Epos durch Jensen müsse scheitern, falls die einzelnen Episoden 
des Gedichtes ursprünglich nicht zusammengehörten *. Den Nach- 
weis dafür aber glaube ich hinreichend erbracht zu haben. Nun 
könnte man die These Jensens modifizieren und behaupten, daß 
zwar das Epos ursprünglich nicht vom Himmel abgelesen worden 
sei, daß man aber später seinen Inhalt mit Himmelserscheinungen 
kombiniert und vor allem Beziehungen zu den Tierkreisbildern 
hergestellt habe^. Diese Vermutung würde zwar theoretisch un- 
anfechtbar sein, da sie weder allgemein psychologischen Gesetzen 
noch speziell der sagengeschichtlichen Entwicklungsmöglichkeit 



1. Anders seit der hellenistischen Zeit! Der Gegenbeweis gegen 
den „Panbabylonismus" ist hier zwar nur für das Gilgames-Epos ge- 
liefert; ich mache mich aber anheischig, ihn auch für alle anderen, bis 
jetzt bekannten babylonischen Mythen zu führen. 

2. Astralsymbole S. 45: ,,Eine außerordentlich große Eolle haben 
die Astralsymbole im altbabylonischen Kulturkreise nicht gespielt, das 
kann man als sicheres Ergebnis der Untersuchung ansehen". 

3. Völkerpsychologie II 3 S. 526. 

4. In dem Lexikon: Keligion in Geschichte und Gegenwart I Sp. 881. 
Auch ScHNEiDKR hat von semem Standpunkt aus (LSSt. S. 75) die Deu- 
tung Jensens abgelehnt. 

5. So halten es Wundt: Völkerpsychologie 113 S. 526 und Schneider 
XSSt. S. 75 f. für möglich. 



Erklärung. 14. Die Reiseabenteuer und die Asiralmythologie. 169 

widerspricht, aber praktisch ist auch sie zu verwerfen, da sie 
ebenfalls des Beweises ormang(dt'. 

15. Die Kunst des Epos^. Bisher ist das Epos ana- 
lytisch in seine einzelnen Teile zerlegt worden. Jetzt aber erhebt 
sich die Frage der Synthesis, ob ein künstlerischer Grund- 
gedanke die ganze Dichtung durchzieht. Trotz der Brüche und 
Nähte, die sich bisweilen mit mehr oder weniger Wahrscheinlich- 
keit nachweisen ließen und die Annahme unmöglich macheu, daß 
die Dichtung aus einem Guß entstanden sei, sind dennoch die 
ursprünglich selbständigen Stoffe zu einer großen, einheitlich wir- 
kenden Komposition zusammengeschweißt worden. Das schwere 
Los des Sterben-Müssens, das auf der Menschheit lastet und dem 
niemand entrinnen kann, bildet nicht nur den Mittelpunkt des 
dritten Teils, sondern wird schon durch das Vorhergehende vor- 
bereitet, teils durch die Freundschaft zwischen Gilgames und 
Engidu, teils durch ihre gemeinsamen Abenteuer, wie eine knappe 
Zusammenfassung lehren kann : Gilgames gewinnt einen Kame- 
raden, der ihm erst das Leben lebenswert macht; denn mit ihm 
pflückt er die Lorbeern zu dem Ruhmeskranz, den ihm die Nach- 
welt flicht. In seiner Gemeinschaft besteigt er den Zederuberg 
und erschlägt Humbaba; auf seine Hülfe trauend lehnt er den 
Liebesantrag Istars ab und wagt es, mit dem Himmelsstier zu 
kämpfen. Sollten die Helden, die diese Taten vollbracht haben, 
nicht imstande sein, die Götter in die Schranken zu rufen und 
den Morgenstern auf die Erde herabzuzwingen ? Da greift der 
Tod mit seiner knochigen Faust dazwischen und streckt den 
Freund erbarmungslos in der Blüte der Jahre nieder. — Engidu, 
der Gewaltige, der auf dem Felde gewachsene Urmensch, der einer 
ganzen Stadt Schrecken einjagte, hat in dem Könige vollgültigen 
Ersatz für die Tiere gefunden, mit denen er einst Freude und 
Leid teilte. Bange Ahnungen eines frühen Endes durchzucken 
zwar seinen Sinn, aber Hand in Hand mit seinem fürstlichen 



1. Der einzige Grand, den Schneider S. 76 anführt, ist nicht 
zwingend, wie er übrigens selbst andeutet: Die Beziehung zu den Tier- 
kreisbildern „scheint deutlich beabsichtigt", wenn an die Stelle des 
Sonnengottes in der jüngeren Rezension die Skorpionmenschen getreten 
sind. Aber ist das wirklich der Fall? Und sind der Skorpionmann 
und das Skorpionweib ohne allen Zweifel Tierkreiszeichen? Ein oder 
zwei? 

2. Das hier Ausgeführte gilt nicht für die Sintflutepisode und die 
zwölfte Tafel. 



170 Das Gilgaraes-Epos. 

Genossen schreitet er von Sieg zu Sieg und träumt von Königen 
und Völkern, die unterworfen ihm zu Füßen liegen. Der Traum 
ist aus. Gar zu schnell hat das Schicksal der Menschen ihn ge- 
packt und zu Staub zermalmt. In wildem Schmerze bäumt sich 
Gilgames gegen die grause Naturordnung, die ihm sein Liebstes 
raubte; umsonst, er muß den Freund begraben. — So wird es 
auch ihm ergehen wie jenem? Der den Humbaba und den Him- 
melsstier getötet, der eine Göttin überwunden hat, der sollte nicht 
den Tod bezwingen ? Gilgames, der auf den Zedernberg stieg, 
wird gewiß auch bis ans Ende der Welt und, wenn es sein muß, 
darüber hinaus gelangen und die Lebenspflanze holen , die ihm 
Unsterblichkeit verleiht! Und in der Tat, keine Warnung kann 
ihn hemmen, kein Hindernis kann ihm den Weg versperren, bis 
ihm der Urahn das Geheimnis der Götter verraten hat. In seinen 
Händen hält Gilgames das heiß ersehnte Wunderkraut, aber ehe 
er sichs versieht, hat es ihm die Schlange schon wieder entrissen. 
Nun w^ artet auch seiner, im Schlaf gemach sitzend, der Tod. 

Die Stimmung des Epos ist düster und schwer. Mit tief- 
traurigem Pessimismus betrachtet der Dichter das Los der Mensch- 
heit, deren höchstes Sehnen keine Erfüllung findet. Ut-napistim 
hat noch das ewige Leben errungen, aber seitdem sind alle freund- 
lichen Sterne erblichen. Was einem Engidu nicht beschert war, 
und was einem Zweidrittelgott nicht geglückt ist, das ist dem 
Alltagsmenschen erst recht versagt. Der Ton, der hier an unser 
Ohr schlägt, erklingt aus vielen ^ primitiven Dichtungen, die sich 
mit dem Rätsel des Todes beschäftigen. Derselbe Pessimismus 
beseelt die israelitische Paradieserzählung, steht hinter dem Alex- 
anderroman, durchzieht die Märchen, die von der Suche nach 
dem ewigen Leben handeln, und weht uns aus dem Schöpfungs- 
reigen entgegen, den der Dinka am Weißen Nile singt ^: 

Am Tage, da Dendid alle Dinge schuf, schuf er die Sonne; 

Und die Sonne kommt vor, geht nieder, kommt wieder. 

Er schuf den Mond ; 

Und der Mond kommt vor, geht nieder, kommt wieder. 

Er schuf die Sterne ; 



1. Eine beachtenswerte Ausnahme macht das äj^yptische „Gedicht 
vom Lebensmüden"; vj^l. die Übersetzung Rankes TB. I S. 195 ff. 

2. Erich Schmidt: Die Anfänge der Literatur und die Literatur 
der primitiven Völker (Kultur der Gegenwart I 7). 1906. S. 13. 



Erklärung. IH. Die Kunst des Epos. 171 

Und die Sterne kommen vor, gehen nieder, kommen wieder. 
Er schuf den Menschen ; 

Und der Mensch kommt vor, geht nieder in den Grund und 

kommt nicht wieder. 
Die Ergänzung dazu bildet bisweilen, doch nicht notwendig, 
die trostlose Lebensregel: Darum pflücke die Kosen und genieße 
den Tag! Zwar wird diese Weisheit im älteren Epos verkündet 
und mag auch in der jüngeren Fassung nicht gefehlt haben, aber 
sie bedeutet nicht mehr als eine Anschauung neben anderen, und 
schwerlich war sie des Dichters letztes Wort. Denn keiner der 
Helden, die doch verherrlicht werden sollen, handelt danach. 
Auch ist jene Äußerung, wie es scheint, vereinzelt gegenüber den 
anderen Stellen, an denen der Ernst des menschlichen Schicksals 
zu wuchtigem Ausdruck gebracht wird. Entscheidend ist der 
Gesamteindruck, den das Epos als Ganzes hinterläßt: Wenn ein 
junges, vielverheißendes Menschenleben frühzeitig dahingerafl^t 
wird und wenn ein Übermensch in titanischem Trotz vergeblich das 
Unmögliche zu erringen sucht, so ist das eine tragische Er- 
habenheit, die uns zwar nicht erschüttert und wohl auch den 
Antiken nicht erschüttert hat, die aber doch demütig, bescheiden 
macht und vor allem den Abstand von der Gottheit ins Bewußt- 
sein ruft: 

Was unterscheidet 

Götter von Menschen ? 

Daß viele Wellen 

Vor jenen wandeln, 

Ein ewiger Strom; 

Uns hebt die Welle, 

Verschlingt die Welle, 

Und wir versinken. 

Lehrreich ist ein Vergleich mit dem Alexanderroman. 
In den uns vorliegenden Texten und Rezensionen hat das Inter- 
esse an den Reiseabenteuern so sehr alles andere überwuchert, 
daß man fast eine Sammlung von geographischen Raritäten und 
naturwissenschaftlichen Kuriositäten vor sich zu haben glaubt. 
Die Wunderwelt des Märchens, die im Gilgames-Epos nur Mittel 
zum Zweck ist, ist im Alexanderroman Selbstzweck geworden. 
Schält man die Sage von Alexanders Zug nach dem Lebensquell 



172 Das Gilgames-Epos. 

aus diesem Wust heraus \ so erhält man eine kleine, in sich ab- 
gerundete Episode, deren Pointe von der babylonischen Dichtung 
abweicht: Der große Welteroberer lechzt nach dem ewigen Leben; 
umsonst, obwohl er nach beschwerlichen Mühsalen das Land des 
Wunderquells erreicht. Sein Koch dagegen, der keine Verdienste 
hat, erlangt die Unsterblichkeit durch einen Zufall; aber sie 
schadet ihm nur, da er seitdem gefesselt im Meeresgrunde ein 
elendes Dasein führen muß und weder leben noch sterben kann. 
Indem der Koch dem großen Könige gegenübergestellt wird, 
ist der dramatische Effekt ohne Zweifel gesteigert worden: Der 
eine findet mühelos, was dem anderen trotz gigantischer An- 
strengungen nicht gelingt. Indessen kann hier weder von tragi- 
scher Erhabenheit noch von pessimistischer Stimmung die Rede 
sein: Der Erzähler leugnet die Möglichkeit nicht, die Unsterb- 
lichkeit zu gewinnen, aber das ewige Leben läßt sich nicht er- 
jagen und wird nicht dem zu teil, dem es gebührt, sondern ein 
Zufall wirft es dem Unwürdigen in den Schoß. Das Thema ist 
nicht mehr das traurige Verhängnis, das über der ganzen Mensch- 
heit waltet, sondern das sinnlose Einzelgeschehen, das in gradem 
Gegensatz zu dem steht, was sich vor dem menschlichen Geist 
rechtfertigen läßt. Durch die Strafe, die den Koch trifft, wird 
allerdings ein gewisser Ausgleich geschaffen. Der Tod ist hier 
kein Problem, da man ihn eventuell überwinden kann, wohl aber 
die Unsterblichkeit, die dem Besitzer zu ewigem Fluch gedeiht 
wie dem Juden Ahasver^. . Damit hat der Stoff das allgemein 
menschliche Interesse verloren, das dem Gilgames-Epos eigen ist. 
Lehrreich ist auch ein Vergleich der babylonischen Dichtung 
mit den ihm inhaltlich verwandten Märchen. Im Epos haben 
die Helden, die im Märchen meist namenlos bleiben, einen Namen. 
An die Stelle des Hirten, Küchenjungen, Prinzen oder, wer es 
sonst sein mag, ist Gilgames, der König von Uruk, getreten. 
Hier kann man fast noch mit Händen greifen, daß im Märchen 
das Ursprüngliche bewahrt ist. Denn der Name Gilgames ist 
dem im dritten Teil des Epos ^ behandelten Stoffe nur äußerlich 



1. Vgl. die 0. S. 153 mit^'eteilte Kekonstruktion Fkiedlaenders. 

2. Oder wie dem unsterblichen Alten, der im Bcrj^e eingeschlossen 
ist; vgl. A. Wünsche: Die Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser 
S. 15 f. u. a. 

3. Anders im ersten und zweiten Teil! Dort hat der Köniji; nicht 
nur ein Schloß, sondern auch Heere, Pferde und Wagen zur Verfügung. 



Erklärung. 15. Die Kunst des Epos. 173 

auf^('|)fr()j)ft. Nirgendwo auf der ganzen Reifie merkt man, daß 
es ein König und grade der König der uralten, herühniten Stadt 
Uruk ist, von dem die Erzähler reden. Weder di(; Kleidung noch 
die Bewaffnung zeichnen ihn aus; er hat ein Gewand und trägt 
eine Binde um sein Haupt, wie jeder andere Bahylonier. Kein 
Heer, kein Vezier begleitet ihn. Er besitzt weder Pferd noch 
Wagen, sondern muß zu Fuß wandern. Daran erkennt man be- 
sonders deutlich, daß seine Gestalt nicht im Blick auf den König 
konzipiert ist, der mit größerem Pomp auszuziehen pflegte Außer 
dem Namen und dem Stande ist schlechterdings nichts nach- 
weisbar, was ihn über Hinz und Kunz im Märchen hinaushöbe. 
Wenn man den ursprünglich namenlosen Helden durch einen 
König ersetzte, so werden verschiedene Gründe ^ dafür maßgebend 
gewesen sein; vor allem darf man daran erinnern, daß der Stand 
der Rhapsoden, den man in Babylonien so gut wie in Israel und 
überall im vorderen Orient annehmen muß, seine Lieder mit 
Vorliebe am königlichen Hofe vortrug; denn dort fanden sie 
willige Ohren und offene Hände. 

Mit dem Märchen wie überhaupt mit aller primitiven Poesie * 
teilt das Gilgames-Epos das Bedürfnis nach Anschaulichkeit. 
Daher werden Charaktereigenschaften an Proben illustriert: die 
tierische Wildheit Engidus an der Art seines Verkehrs mit der 
Dirne oder an seiner Beschimpfung der Istar; die Schönheit des 
Gilgames an dem Liebeswerben der Göttin ; die Tapferkeit der 
Helden an der Bezwingung ihrer Feinde; die Weisheit der Königin- 
Mutter an der Auslegung der Träume; die Bosheit Istars an dem 
Senden des Himmelsstieres u. s. w. Daher werden auch Aus- 
sagen durch Tatsachen erläutert: Wie furchtbar Humbaba ist, der 
die Menschen mit seiner Stimme schreckt, wird an dem ängst- 
lichen Verhalten Engidus veranschaulicht; wie schrecklich die 
Skorpionmenschen sind, zeigt sich daran, daß selbst ein Gilgames 
von Entsetzen ergriffen wird; das wütende Schnauben des Stieres 



Diese Beobachtung bestätigt, was oben (S. 151) ausgeführt wurde, daß 
der dritte Teil ursprünglich selbständig umlief. 

1. Anders schon im Alexanderroman! 

2. Weshalb der Könij? auch im Märchen eine so große Rolle spielt, 
ist noch nicht sicher erklärt worden; v^l. Adolf Thuveme: Das Märchen 
(Handbücher zur Volkskunde II). S. 140. 

3. Vgl. Gunkel: Genesis 3 S. XXVII ff. und Richard M. Meyer 
AGRG. S. 15 ff. 



174 Das Gilgames-Epos. 

und seine Gefährlichkeit ist daran erkennbar, daß er erst 200, 
dann 300 Mann auf einmal hinwegfegt; wie groß die Entfernung 
zwischen Uruk und der „Mündung der Ströme" ist, erhellt aus 
den Kleidern, die auf dem Hinweg schon früh zerschlissen sind, 
auf dem Rückweg aber sich stets wieder erneuern, und noch mehr 
aus der Fülle der Stationen; wie gut das Geheimnis des Lebens- 
krautes gewahrt ist, kann man daraus entnehmen, daß die Pflanze 
im Jenseits an der jenseitigen Küste auf tiefem Meeresgrunde 
wächst u. s. w. Auch seelische Vorgänge werden objektiv darge- 
stellt: Die Sehnsucht, die in Gilgames erwacht, spiegelt sich in 
den von der Gottheit gesandten Träumen wieder; was Engidu 
empfindet, kleidet das Mädchen in Worte; die rührende Liebe 
zum Freunde äußert sich darin, daß Gilgames den Toten sorgsam 
zudeckt und sich nicht von ihm trennen kann ; das verwunderte 
Staunen im Zedernwald wird daran geschildert, daß die Wanderer 
still stehen und alles betrachten u. s. w. 

Ein Mittel zur Veranschaulichung sind auch die Reden, 
die geeignet sind, das Herz des Helden zu offenbaren. Die baby- 
lonischen Dichter sind sehr redselig gewesen und haben durchaus 
nicht alles der Handlung untergeordnet. Fast jede Handlung 
wird durch Worte eingeführt oder von ihnen begleitet. Die ein- 
geschobenen Zwischenstücke, wie die Liebschaften der Istar oder 
die Ereignisse der Sintflut, werden in langen Reden mitgeteilt. 
Auch Selbstgespräche fehlen nicht, wie bei Sabitu und Ut-napistim, 
die allein sind und sich darum an niemanden wenden können. 
Die vielen und oft ineinander geschachtelten Reden setzen eine 
relativ hohe Entwicklung voraus und sind deutliches Kennzeichen 
der Kunstpoesie. Dem widersprechen scheinbar die beliebten 
Wiederholungen, bei denen als Stilregel gilt, daß sie wenig oder 
garnicht variiert werden. Aber diese Stilregel wird aus einer 
älteren Zeit stammen, wo die Fähigkeit des Ausdrucks und der 
Darstellung noch nicht so ausgebildet war, wie auf einer späteren 
Stufe, deren geistiger Kraft die Redseligkeit entspricht und deren 
Gewandtheit die Form der Variation angemessener wäre. 

Die Schilderungen sind bisweilen, namentlich auf den 
Höhepunkten der Erzählung, äußerst ausführlich und konkret. 
Die üppige Phantasie, die den Götterpark mit seinen Wunder- 
bäumen ausgestattet hat, ist noch aus dem verstümmelten Text 
erkennbar. Der Zedernberg, auf dem llumbaba wohnt, ist so 



Erklärung. 15. Die Kunst dea Epos. 175 

lebendig beschrieben, daß eine bestimmte Gegend als Vorbild ge- 
dient haben muß. Der Sprung des (lilgames in die Tiefe des 
Meeres, um das Lebenskraut heraufzuholen, ist fast mit realisti- 
scher Treue erzählt im Anschluß an die Technik des Tauchers. 
Andere Schilderungen sind indessen weniger anschaulich; so ist 
namentlich die Topographie an der Mündung der Ströme recht 
unklar. Wie die Beschreibung der Natur so ist auch die der 
Personen verschieden. Obwohl das Wesen der Istar gut charak- 
terisiert wird, ist doch ihre Gestalt so wenig plastisch vor Augen 
gemalt wie die einer anderen Gottheit i. Die Skorpionmenschen 
werden ziemlich ausführlich beschrieben, über die Hauptsache 
aber, wiefern sie Skorpionen ähneln, erfährt man nichts. Das 
Äußere der Personen wird nur bei Engidu ausreichend angegeben, 
doch wird der ursprüngliche Text wahrscheinlich bei Gilgames 
und vielleicht auch bei anderen Personen die Erscheinung ein- 
gehender geschildert haben. Die Charaktere ermangeln der indi- 
viduellen Züge, sie beschränken sich vielmehr im allgemeinen auf 
das Typische: Der Held ist tapfer, schön, klug; Gilgames als das 
verkörperte Ideal des alten Babyloniers vereinigt alle drei Eigen- 
schaften in sich ^. Die Götter sind hilfreich oder gefährlich ; nur 
Istar, die himmlische Hierodule, hat eine starke persönliche Note 
erhalten, allerdings auch nur als Typos der ins Göttliche proji- 
zierten Dirne. Das Weib ist vor allem Geschlechtswesen und 
Mutter, daher mitleidiger als der Mann, daneben Zauberin und 
Traumdeuterin. 

Wie die Menschen meist nur eine hervorstechende Eigenschaft 
haben, so haben auch die Götter meist nur ein Ressort zu ver- 
w^alten: Menschen zu schaffen, ist Sache der Aruru. Die Liebe 
und alles, was dazu gehört, im Menschen-, Tier- und Pflanzen- 
reich zu pflegen, gebührt allein der Istar. Der Zedernberg ist 
Eigentum Enlils, des „Herrn der Länder", der den Humbaba als 
seinen Wächter dort eingesetzt hat. Anu ist der himmlische 
Kriegsgott, der über die Sterne als seine „Heerscharen" gebietet 
und den Wildstier in den Kampf entsendet. Ea herrscht über 



1. Eine gewisse Ausnahme macht Sabitu. 

2. Was Schneider LSSt. S. 60 f. über Frauenminne der babyloni- 
schen „Ritter" ausführt, ist ebenso anfechtbar wie die Behauptung, daß 
Gilgames als ,, fromm" hingestellt werde. Seine Frömmigkeit geht über 
die Verrichtung der kultischen Pflichten, die sich für den antiken Men- 
schen von selbst versteht, nicht hinaus. 



176 Das Gilgames-Epos. 

den Ozean, doch wird er our einmal^ in der Trias Anu, Enlil 
und Ea erwähnt, die der Dreiteilung der Welt in Himmel, Erde 
und Wasser unter der Erde entspricht. Im Totenreiche wartet 
Ereskigal ihres Amtes, zusammen mit Mammetura, die speziell 
die Geschicke der Menschen bestimmt. Lugalbanda, der die 
Weihgeschenke empfängt, ist der Familieugott des Gilgames, wäh- 
rend als dessen besonderer Beschützer der Sonnengott Samas 
fungiert, der Schirmherr des Rechtes. 

Auffallend selten verwenden die babylonischen Dichter die 
sonst so beliebte Kontrastwirkung. Als Gegensätze stehen 
sich anfänglich der Naturmensch Engidu und der Kulturmensch 
Gilgames gegenüber, doch mildert sich später der Gegensatz, wenn 
er auch vielleicht nicht ganz verschwindet. Engidu behält etwas 
von dem wilden, leidenschaftlichen Ungestüm, das ihm von An- 
beginn eigen ist; er wirft der Istar den rechten Schenkel ins 
Gesicht. Ihm gegenüber zeichnet sich Gilgames durch besonnene 
Tapferkeit aus 2. Gegensätzlich sind auch die Gestalten des Gil- 
games und des Ut-napistim, wenngleich nicht als verschiedene 
Charaktere dargestellt: Jener auf der Suche nach dem ewigen 
Leben, dieser im Besitz der Unsterblichkeit. 

Öfter finden sich vorgreifende Motive, vor allem in der 
Form von Träumen ^, die das künftige Ereignis vorwegnehmen. 
Die Träume sind ein äußerst geistreiches Mittel für diesen Zweck, 
da sie durch ihre verhüllende Allegorie das Folgende nur an- 
deuten und zugleich dem Scharfsinn der Hörer willkommene An- 
regung bieten. Die Auslegung, die ihnen angehängt wird, pflegt 
sich auf einzelne Punkte zu beschränken, sodaß der Phantasie 
genügend Spielraum bleibt. Gewöhnlich versteht man sie erst 
dann ganz, wenn sie erfüllt sind. Als zweites Mittel kommen 
die Reden in Betracht*: So sagen die verschiedenen Gestalten, 
an die sich Gilgames wendet, voraus, daß er das ewige Leben 
nicht finden werde, das er sucht. Obwohl der Held dem Ziel 



1. I 219 0. S. 13. 

2. Vgl. Schneider LSSt. S, 60. 

3. Sehr oft in den beiden ersten Teilen des Epos; im dritten Teil 
ist dagcf^en nur ein einzif<er Traum überliefert (s. o. S. 40 v. 13). Auch 
dies spricht für verschiedonarti^'O Herkunft des Stoffes. 

4. Aus den ersten beiden Teilen kann man, soweit sie erbalten sind, 
nur das (iebet der Könif^in-Mutter an Warnas (0. S. 24) anführen. Es 
scheint, als ob dort die Träume, im dritten Teil dagegen die Reden als 
vorgreifende Motive verwendet sind; vgl. die vor. Anm. 



Erklärung. 15. Die Kunst des Epos. 177 

seiner Selinsucht immer näher rückt, winl der Hörer durch die 
ständige Wiiiderholung jenes Wortes dennoch auf den Rchlußeffekt 
vorhereitet. In diesem Falle ist das vorgreifende Motiv gradezu 
raffiniert und durchaus geeignet, die Sj)annung zu (erhöhen, da ja 
scheinbar das Gegenteil von dvm geschieht, was man erwartet. 
Um so ungeschickter sind dagegen die Reden der Skorpionmenschen 
und der Sabitu, die die folgenden Abenteuer allzu sehr voraus- 
nehmen und dadurch den Reiz der Erzählung mind(;rn. 

Vor allem beherrschen die babylonischen Dichter die Technik 
der retardierenden Motive. Die Kunst, auf den Höhepunkten 
ritardaudo zu erzählen, läßt sich trotz des lückenhaften Textes 
auch in den ersten beiden Teilen des Epos verfolgen i, läßt sich 
aber in dem dritten Teil noch besser erkennen. Zunächst geht 
die Wanderung zu Ut-napistim verhältnismäßig flott von statten. 
Gewiß ist das Ende der Welt auch für den antiken Menschen 
sehr weit entfernt, uns aber scheint es, als wäre Gilgames gar 
zu schnell dort angelangt. Von da an verlangsamt sich sein 
Weg um so mehr, je näher er dem Ziele kommt. Station folgt auf 
Station und immer ferner rückt die Mündung der Ströme: Skorpion- 
riesen, Wanderung durch den Schacht des Gebirges, Sabitu. Noch 
kürzer werden die Abstände, die Hindernisse türmen sich gradezu, 
seitdem Gilgames den Fährmann erreicht hat: es sei erinnert an 
die Zertrümmerung der Steinkisten, an den Ersatz durch Staugen, 
an die pfeilschnelle Fahrt über das offene Meer, an den Bau der 
Hängebrücke über die Wasser des Todes und endlich die glück- 
liche Landung. Der Aufenthalt bei Ut-napistim ist der Höhe- 
punkt des Ganzen und wird darum besonders ausführlich ge- 
schildert. Die retardierenden Momente sind vor allem hier so 
zahlreich und so wirksam, daß die Aufmerksamkeit der Hörer 
bis zuletzt aufs äußerste gespannt wird. Die Einschiebung der 
Sintflutepisode an dieser Stelle ist nicht übel, um das entschei- 
dende Wort noch mehr hinauszuzögern. Nachdem die Dichter 
so allmählich den Gipfel erklommen haben, steigen sie dann wie 
es in der primitiven Literatur meist ^ der Fall ist, auf jähem 
Pfad wieder zu Tal. Von der Rückkehr erfährt man nur ein 
Ereignis, den Diebstahl des Lebenskrautes durch die Schlange. 



1. Vgl. 0. S. 110. 

2. Vgl. Gunkel: Genesis ^ S. XLV. 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 12 



178 Das Gilgames-Epos. 

Ursprünglich wurde dann wahrscheinlich noch erzählt, wie Gil- 
games starb, sobald er seineu Palast wieder erreicht hatte i. 

Zu den retardierenden Motiven darf man auch die Wieder- 
holungen und Zerdehnungen von Situationen rechnen, die 
zwar für den modernen Menschen langweilig sind, für den pri- 
mitiven aber interessant waren; er kann den Reiz nur dann voll 
auskosten, wenn er ihn wiederholt genießt ^. Hierher gehören die 
Träume, die fast regelmäßig verdoppelt, einmal sogar verdreifacht 
sind 3. Daher hat auch Humbaba in dem Forstwächter einen 
Doppelgänger erhalten*; in diesem Falle ist die Wiederholung 
zugleich eine deutliche Steigerung. Zweimal wird erzählt, wie 
sich Gilgames nach dem Wege erkundigt. Beide Male wird ihm 
zunächst ein ablehnender Bescheid zu teil, hinterher aber wird 
ihm dennoch eine Möglichkeit gewiesen. Die anfängliche Ver- 
neinung ist weiter nichts als ein retardierendes Moment, durch 
das der naive Hörer in Spannung versetzt wird. Demselben 
Zweck dient die Zerdehnung der Situation, indem Gilgames von 
dem Einen zum Anderen geschickt wird, bis er den Schiffer er- 
reicht 0. Wenn man diese Technik einmal erkannt hat, dann 

1. In dem uns erhaltenen Text ist von dem Ende des Gilgames 
überhaupt nicht die Rede; sein Tod kann auch in dem ursprünglichen 
Texte nicht gut erzählt worden sein, da der Schluß des Epos über- 
liefert ist. Diese Tatsache ist schon an sich auffällig; denn die ganze 
Dichtung fordert als unbedingt notwendiges Ziel den Satz: So mußte 
auch der Zweidrittelgott Gilgames sterben, nachdem er vergebens ver- 
sucht hatte, dem Lose der Menschheit zu entrinnen. Ferner verlangt 
die Technik dieser Literaturgattung, daß er nicht erst lange nachher, 
sondern sofort nach seiner Heimkehr stirbt. Die zwölfte Tafel, die 
gegenwärtig den Schluß der Dichtung bildet, kann schon aus diesem 
Grunde nicht zu dem ursprünglichen Bestandteil des Epos gehören; 
weitere Beobachtungen (s. u.) kommen hinzu und bestätigen, daß der 
Inhalt der zwölften Tafel später hinzugefügt worden ist. Nun sagt 
Gilgames einmal (0. S. 61 v. 246), daß in seinem Schlafgemache der Tod 
sitze. Vielleicht darf man hierin ein vorgreifendes Motiv auf den ur- 
sprünglichen Schluß finden. Es sei auch an jene Märchen erinnert 
(s. 0. S. 150), nach denen der heimgekehrte Held den Tod in einer Truhe 
des Schlosses antrifft. Diesen märchenhaften Zug darl man als Parallele 
betrachten, muß sich aber hüten, ihn wörtlich zu übernehmen, da das 
Epos anders erzählt als das Märchen. 

2. Das gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch fürs Theater, 
fürs Leben überhaupt. In den primitiven Verhältnissen des modernen 
Orients kann man Beispiele für dies Gesetz auf Schritt und Tritt 
sammeln. 

3. Vgl. 0. S. 89 Anm. 2. 4. Vgl. 0. S. 109 Anm. 4. 

5. In einem norwegischen Volksmärchen (von P. Asbjörnsen und 
Jörgen Moe. Berlin 1908. S. 294 ff.) wird erzählt, wie ein Mädchen 
ein Schloß östlich von der Sonne und westlich vom Monde sucht. Sie 



Erklärung. 15. Die Kunst des Epos. 179 

weiß man schon im Vonius, dnü jiuch d'w, Überfalirt nicht ghitl 
von statten gehen und daß Gilgamcs die Unstcrbliclikeit bei Ut- 
na})istim nicht auf den ersten Anhieb erlangen wird. 

Zu den retardierenden Motiven gehören endlich die Epi- 
soden, Zwischenstücke, die für d(Mi Gang der Handlung niclit 
unbedingt notwendig sind, sondern ihn im Gegenteil hemmen. 
Auf ihnen beruht vornehmlich die epische Breite der Dichtung, 
die keinen straffen, geschlossenen Aufbau liebt, wie es z. B. in 
der israelitischen Sagenerzählung der Fall ist. Trotzdem sind die 
Episoden des Gilgames-Epos keine ganz willkürlichen Abschwei- 
fungen: Die vielen Liebschaften der Istar, von denen der Held 
berichtet, wären zwar in dem Zusammenhang zu entbehren , aber 
sie sind doch vortrefflich geeignet, den Charakter der grausamen 
Göttin und die Gefährlichkeit ihres Antrags ins rechte Licht zu 
stellen. Und die Sintflutepisode paßt insofern ausgezeichnet an 
ihren Platz, als sie ebenfalls das Thema von der Unsterblichkeit 
des Menschen behandelt und wünschenswerten ^ Aufschluß darüber 
gibt, wie Ut-napistim das Leben fand. Demnach sind in diesen 
beiden Fällen den Zusammenhang ergänzende und ihm verwandte 
Stoffe geschickt eingefügt worden. 

Die Kunst der „Nachholung" ist bisher nirgendwo nachweis- 
bar gewesen; dagegen verwerten die Erzähler, wie es scheint, mehr- 
fach ein anderes raffiniertes Mittel, die Phantasie ihrer Hörer zu 
beschäftigen: sie verschweigen oder verhüllen, warum etwas 
geschieht, und verweisen aufs Raten. So geht aus der vollständig 
erhaltenen Schilderung^, wie die 120 Stangen und der Mast „ver- 
braucht" werden, kein klares Bild hervor; allerdings ist die Mög- 
lichkeit nicht zu leugnen, daß in einer der Textlücken vorher 



kommt an einen großen Berg, vor dem eine alte Frau sitzt, und fragt 
sie nach dem Wege: „Dahin kommst du wohl nie; — aber ich will dir 
mein Pferd leihen , darauf kannst du zur nächsten Nachbarin reiten. 
Vielleicht, daß sie dir den Weg sagen kann''. Sie kommt zu einem 
zweiten Berge und fragt wiederum nach dem Wege: ,, Dahin wirst du 
wohl nie kommen; — aber" u. s w. Natürlich kommt sie doch hin. 
Parallele Beispiele ließen sich leicht vermehren. 

1. Aber nicht unbedingt notwendigen; denn die Sage konnte die 
Unsterblichkeit des Ut-napistim als gegeben voraussetzen oder sich mit 
einer kurzen Andeutung begnügen. Der Moment für die Erzählung ist 
insofern schlecht gewählt, als Gilgames, wie aus dem Folgenden her- 
vorgeht, durch die lange Reise ermüdet war und kaum die nötige 
Fassungskraft besaß. 

2. Vgl. 0. S. 49 V. 152—162. 

12* 



180 Das Gilgames-Epos. 

oder nachher ^ genauerer Aufschluß gegeben wurde. Dagegen ist 
diese Möglichkeit nicht vorhanden bei der Szene, die von dem 
Brotbacken 2 handelt: nirgendwo wird deutlich gesagt, warum die 
Brote bereitet werden. Nun sind wir Modernen natürlich sehr 
viel ungünstiger daran als der Babylonier, der in dieser Vor- 
stellungswelt lebte und jedenfalls bald riet, worauf die Hand- 
lung abzielte. Immerhin werden hier an seine Kombinations- 
fähigkeit einige Anforderungen gestellt, die ein moderner Dichter 
seinem Leser kaum zumutet. 

Andere Literaturgattungen sind im Epos nicht ganz so 
selten vertreten, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte. 
Während sich der grimmige Haß der Helden gegen die Dirnen- 
göttin in zwei Schimpf liedern äußert, von denen das erste ^ 
allerlei unehrerbietige Vergleiche enthält und die Buhlschaften 
aufzählt, das zweite^ aber die Besiegte höhnt, entlädt sich der 
leidenschaftliche Zorn der Göttin in einem Fluch wort, dessen 
Kürze ^ in schneidendem Gegensatz zu der folgenden Rachetat 
steht. Der Fluch, den Engidu gegen das Mädchen ausstößt, ist 
sehr viel länger ^ und wird darum als „die große Verwünschung" 
bezeichnet. Es scheint jedoch, als werde sie durch ein Segens- 
wort wieder aufgehoben'^. Auch der Schiffer des Ut-napistim 
wird, wie man vermutet hat, verflucht^. Diese literargeschichtliche 
Zusammenstellung ist zugleich kulturhistorisch von Interesse: 
Wie alle Semiten ohne Ausnahme so verstanden auch die Baby- 
lonier trefflich zu schimpfen und zu fluchen. Reine^ Zauber- 
formeln begegnen uns im Epos, verglichen mit den babyloni- 
schen Mythen, verhältnismäßig selten : sicher wohl nur (wegen der 
charakteristischen Anrede an den „Berg") bei der Herbeizwingung 
eines Traums ^^^ vielleicht auch bei der rätselhaften Szene des 
Brotbackens 11. Mehrfach werden Gebete vorausgesetzt i^; über- 



1. Vgl. 0. S. 47 V. 86-100; S. 50 v. 173-191. 

2. Vgl. 0. ö. 60 V. 220-242. 

3. VI 24—79. 4. VI 181—183. 5. VI 176 f. 

6. III C 6—26. 

7. III D 1—10; vgl. dazu o. S. 91 Anm. 4. 

8. XI 249 f. 

9 In gewissem Sinne kann man ja ,, Fluch" und „Segen" ebenfalls 
als Zauberformeln bezeichnen. 

10. V C 49f. 

11. XI 224— 229 a (und Par.); vgl. o. S. 141. 

12. Gilgames „pflegt" zu Sin (und Istar) zu beten nach IX 10 f. 



Erklärung. 15. Die Kunst des P^pos. 181 

V 

liefert ist nur das Bittgebet der Königin-Mull er an Sama§^ das 
auf dem Dach nach dem Entzünden des Käucherwerks und dem 
Darbringen einer Weihegabe gesprochcMi wird. Es enlliält die 
pers()nlicho^ Bitte um Schutz für iliren 8ohn. Begeisterter 
Triumph durchbraust das kleine Siegeslied 3, zugleich als Anti- 
phonie im Wechselreigen gesungen, mit immer stärkerem Jubel 
fortwährend wiederholt^. Rührende Innigkeit durchzieht das 
Leichenlied des Königs an der Bahre seines trauten Freundes^; 
Istars mit Weinen verbundene Totenklage um Tamuz und um 
den getöteten Stier wird nur augedeutet ß. Mit Hülfe der Alle- 
gorie suchen die Dichter die schwankenden Gestalten der Träume 
zu erklären "^ , bisweilen durch den Mund einer traumkundigen 
Frau. Die Tiefen der Spruchweisheit dagegen haben sie den 
Göttern und Seligen aufgespart^, die ja mehr wissen müssen 
als die sterblichen Menschen. So haben die Dichter die Literatur- 
gattungen ihres Volkes benutzt, um durch sie die Erzählung des 
Epos, die wesentlich aus Handlungen und Reden besteht, noch 
mehr zu beleben und den seelischen Empfindungen w^ürdigen Aus- 
druck zu verleihen. 

Will man das Kunstepos noch genauer klassifizieren, so darf 
man es schwerlich als historische, eher wohl als märchenhafte 
Heldensage bezeichnen. Bisweilen glaubt man zwar einen 
historischen Hintergrund erkennen zu können (bei den Mauern 
von Uruk^, bei dem Zedernwald ^^^ bei dem Streit zwischen Istar 
und Gilgames^^, bei den Hörnern des Wildstieres ^^^^ aber es fehlt 
die große geschichtliche Folie, von der sich die Ilias und das 
Nibelungenlied überall abhebt. Was bedeuten die wenigen histo- 
rischen Elemente gegenüber der Fülle märchenhafter Motive und 
Szenen ? Fabelwesen, Skorpionriesen und Dämonen, Götter und 



1. IV B 10 ff. 

2. Das Individuum spielt also hier schon seine unverkennbare 
KoUe in der alten Keligion, wie vielleicht nicht überflüssig ist zu be- 
tonen. 

3. VI 200-203. 

4. V^l. Das Alte Testament, in Auswahl übersetzt II 1 S. 84. 

5. VIII B 11-16. 

6. VI 47. 186. 

7. Vgl. 0. S. 89 Anm. 2. 

8. X 274—289 und o. S. 72 Kol. III, wiederum Weisheit aus dem 
Munde eines Weibes! 

9. Vgl. 0. S. 83. 10. Vgl. 0. S. 112. 11. Vgl. o. S. 124. 
12. Vgl. 0. S. 130. 



182 Das Gilgaraes-Epos. 

Göttinnen, ein Tiermensch und ein Himmelsstier ziehen in bunter 
Folge vor unserm Auge vorüber. Wir durcheilen im Fluge die 
Erde, wandern über sie hinaus ins Jenseits und tauchen auf den 
Grund des Ozeans. Wir erhalten Aufschluß über die fernste 
Vergangenheit und über das Leben nach dem Tode. Götter ver- 
raten ihre Geheimnisse, und die Unterwelt öffnet ihre Pforten. 
Zauberhafte Sieghemden schützen den Helden, wunderbare Brücken 
führen über todbringende Wasser und magische Brote werden ge- 
backen. Ein Abenteuer löst das andere ab, und Wunder häufen 
sich auf Wunder. Aber trotz der engen, sachlichen wie stilisti- 
schen, Verwandtschaft des Epos mit dem Märchen sei am Schluß 
noch einmal 1 der Unterschied beider scharf betont: Was das 
Märchen erzählt, klingt viel ,, märchenhafter", d. h. unglaubwür- 
diger, als was das Gilgames-Epos berichtet; das ist eine Tatsache, 
die sich auf Schritt und Tritt objektiv feststellen läßt. Vom 
modernen Standpunkt betrachtet, sind die Handlungen in beiden 
Fällen unwahrscheinlich. Aber darf man nicht behaupten, daß 
das Gilgames-Epos mit seinem weniger märchenhaften Charakter 
bei dem antiken Menschen, der doch unkritischer war als wir, 
Glauben heischte und fand? So ist es in dieser Beziehung eher 
der Sage zu vergleichen als dem Märchen 2. 

16. Die Nachwirkungen des Epos in der Weltliteratur^. 
Wie Zimmern* gezeigt hat, ist das Gilgames-Epos in Babylo- 
nien selbst von Einfluß gewesen auf andere Literaturgattungen: 
zunächst auf die Omina. Wie es eine Omen-Serie der Leber- 
schau gab, die in die Zeit Sargons von Akkad verlegt worden 
ist und mitteilt, was ihm nach jedem Omen zugestoßen sei^, so 
scheint auch eine Sammlung von „Vorzeichen des Gilgames, des 
mächtigen Königs" ß, existiert zu haben, in der Einzelereignisse 
aus seinem Leben mit bestimmten Omina verknüpft worden waren. 

1. V^l. 0. S. 85. 

2. Ein Beispiel mag das Gesagte veranschaulichen. In einem nor- 
wegischen Volksmärchen (hrg. von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe. 
Berlin 1908. S. 128 f) wird erzählt, wie Lillekort mit einem Zauberschiff 
fährt, das plötzlich auf hoher See stillsteht. Der Held läßt sich eine 
eiserne Kette von 5()0 Ellen Läni^e um den Leib binden und springt in 
die Tiefe. Dort findet er eine Tür, die in einen Borjj^ zu einer Prin- 
zessin führt u. 8. w. u. s. w. Wie viel wahrscheinlicher lautet der Be- 
richt über die Taucherfahrt des (jril<,Mmes! 

3. Wiederum mit Ausschluß der öintflutepisode. 

4. ZA. XXiV S. 166 ff. 5. Unonad AO. X 3. S. 5. 
6. Vgl. KB. VI S. 150 f. 



Erklärung. IG. Die Nachwirkgn. dos Epos in der Weltliteratur. 183 

Sie sollte als Kanon dienen, um bei Wiederholung der Vor- 
zeichen die entsprechende, der jeweiligen Situation angepaßte 
Deutung zu sichern. Indem die Erklärung auf das Leben des 
Gilgameä zurückgeführt wurde, ward sie zugleich mit dem Schimmer 
der Vorzeit umkleidet; unumgängliche Voraussetzung war natür- 
lich nicht nur das Vertrauen auf das hohe Alter der Omina, 
sondern auch der Glaube an die Geschichtlielikeit des Gilgames 
und seiner Erlebnisse. — Eine zweite Nachwirkung des Epos ist 
in den assyrischen Orakeln aus der Zeit Asurbani})als zu er- 
kennen ^ Der assyrische König tritt gewissermaßen in der Rolle 
des Gilgames auf, wenn er zu Ninlil und Istar um „Lebens- 
spendung" fleht: ,, Darum jage ich durch die Steppe, setzte ich 
über Flüsse und Meere, zog ich über Berge und Höhen, setzte 
ich über alle Flüsse, zehrten an mir Leiden und Schmerzen". 
Die Anklänge an das Epos 2, das fast wörtlich zitiert wird, kann 
man schwerlich leugnen, obgleich ein wichtiger Unterschied vor- 
handen zu sein scheint; denn Asurbanipal hat mehr Glück als 
Gilgames: Jenem künden die Priester günstigen Bescheid „und 
legen Lebensspeise hinein", während Gilgames das ewige Leben 
nicht findet. Indessen, wenn der König die Worte des Gilgames 
wiederholte, so mußte ihn dessen Los begehrenswert und vorbild- 
lich dünken. Beiden ist ja die Unsterblichkeit verwehrt, aber 
der vorzeitliche Held hat das eine vorausgehabt, daß er das 
Lebeuskraut wirklich in Händen gehalten hat, welches die Priester 
dem Epigonen nur anwünschen oder im Orakelstil verheißen. — 
Außerhalb der babylonischen Literatur hat man Ein- 
flüsse des Gilgames-Epos bisher nur in der Alexandersage' 
mit großer Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Vor allem handelt 
es sich um die Episode von dem Zug des großen Königs zur 
Lebensquelle, deren Thema mit dem des Gilgames-Epos identisch 



1. Zemmern ZA. XXIV S. 166 fiF.; vgl. allgemein Otto Weber: Die 
Literatur der Babvlonier S. 181 ff. 

2. V^l. besonders 0. S. 51 v. 217. 225 ff. 

3. Die verwickelte Komposition des griechischen Alexanderromans 
und sein Verhältnis zu den mannigfachen Kezensionen in anderen 
Sprachen kann hier außer Betracht bleiben, da es für unsern Zweck 
nur darauf ankommt, den tatsächlichen Einfluß des Gil^araes-Epos auf- 
zuzeigen; die Fra^e dagegen, ob diese Einwirkungen bereits auf den 
Kern oder erst auf spätere Zusätze der Sage (was wahrscheinlicber ist) 
stattgefunden haben, ist relativ gleichgültig. Vgl, zuletzt Feiedländer 
AR XIII S. 161 ff. 



184 Das Gilgames-Epos. 

ist und deren Ausführung in frappanten Einzelheiten mit der 
Darstellung der babylonischen Dichtung übereinstimmt. Es sei 
zuerst an die Idee der Todeswasser erinnert, deren verschieden- 
artige Ausprägung sich entwicklungsgeschichtlich vom Gilgames- 
Epos aus begreifen läßt^. Dazu kommt das an anderer Stelle 
von Pseudo-Kallisthenes überlieferte Motiv der steingefüllten 
Holzkisteu, mit deren Hülfe Alexander den Sandstrom, wie 
Ur-Sanabi die Todeswasser, überschreitet 2. Vorher oder nachher 
durchziehen Gilgames wie Alexander die Berge der Finsternis, 
mit denen der Name des motis Masius von den ältesten bis auf 
die jüngsten Zeiten verknüpft ist 3. Als Bestätigung der babylo- 
nischen Einflüsse, die in diesem Falle zwar nicht vom Gilgames- 
Epos, sondern vom Etana-Mythos ausgegangen sind, sei endlich 
noch hinzugefügt, daß Alexander von einem Vogel in die Höhe 
getragen wird, bis ihm die Erde wie eine Tenne erscheint und 
das Meer wie eine Schlange, die rings die Erde umgibt*. Der 
babylonische Etana-Mythos hat schon, was besonders für einen 
historischen Zusammenhang spricht, die Perspektive aus der Vogel- 
schau in ähnlicher Weise zu beschreiben versucht^. Sagenge- 
schichtlich betrachtet, stehen die jüdische Fassung und die syri- 
schen Rezensionen des Alexanderromans dem Gilgames-Epos am 
nächsten 0, während die griechische Version zusammengehörige 
Teile auseinander gerissen und sich am weitesten vom Urbilde 
entfernt hat. Nun decken sich freilich trotz mehrfacher Überein- 
stimmungen weder die jüdischen noch die syrischen Varianten mit 
dem Gilgames-Epos, sodaß von einer direkten Entlehnung nicht 
die Rede sein kann '. Man wird daher annehmen dürfen, daß 
vielleicht schon in Babylonien selbst das Epos, sei es mündlich 
oder schriftlich, eine Weiterentwicklung erlebt hatte, ehe es die 



1. Vgl. 0. S.166. 2. V^l. 0. S. 137 f. 3. Vgl. 0. S. 161. 

4. Vgl. Pseudo-Kallisthenes II 41. 

5. Vgl. Jensen KB VI Ö. 113 ff. Auf diesen Zusammenhang hat 
zuerst LiDzuAKSKi ZA VIII S. 266 f. aufmerksam gemacht. 

6. Die syrischen Kezensionen haben noch mehr als die talmudi- 
sche altes Gut bewahrt, sind aber wohl schon teilweise von der griechi- 
schen P'assung beeinflußt. Denn für originell griechisch halte ich die 
Episode von der Unsterblichkeit des Koches, in der das „Glaukos-Motiv" 
verwertet worden ist. Vj^i. Friedländer AR XIII S. 191 ft"., der das 
Material ^ut zusammenstellt, dessen Rekonstruktion der Sagengeschichte 
mir aber mißj^iückt zu sein scheint, 

7. In dieser Negation stimme ich mit Friedlänüer AR XIII 
tS. 196 überein. 



Erklärung. IG. Die Nachwirken, des Epos in der Weltliteratur. 18.0 

dorthin v(^rbMnnt(ui Juden kennen lernten. Jedenfalls sind wohl 
Juden die Vermittler gewesen, die den Stoff der l)abylonischen 
Dichtung überall im vorderen Orient verbreiteten ^ Auf den viel- 
verschluugenen Pfaden, die das Thema von der Suche des Helden 
nach dem ewigen Leben zurücklegte, sind hier und dort neue 
Motive angewachsen, die den ursprünglichen Sinn umbogen oder 
gar ins Gegenteil verkehrten. Diesen Entwicklungsprozeß genauer 
zu verfolgen, ist unmöglich, solange das Epos nicht vollständiger 
vorliegt, als heute der Fall ist. — 

Angebliche Nachwirkungen des Gilgames-Epos in der 
Weltliteratur hat Jensen mehrfach zu erweisen gesucht^. So hat 
er vor allem behauptet, daß die israelitischen Sagenkomplexe ,,in 
ihrem ganzen Aufbau, in der Reihenfolge der Ereignisse, auch 
dort wo diese aus bestimmten Gründen ganz eigenartig zu nennen 
ist, in ungezählten Einzelzügen, oft genug im Wortlaut" der 
Gilgames-Sage ähneln ^. Damit w^ürde ein feststehendes Resultat 
aller Sagenforschung, daß nur die Einzelsagen, aber nicht die 
Sagenkomplexe von Volk zu Volk wandern, über den Haufen 
geworfen w^erden. Die Hypothese Jensens stößt indessen gleich 
am Eingang der Untersuchung auf unüberwindliche Schwierig- 
keiten. Denn im Alten Testamente sind weder die Einzel- 
sagen vorhanden, aus denen das Gilgames-Epos im 
Laufe der Zeit zusammengeflochten worden ist, noch 
der fertige Kranz. Nirgendwo findet sich die Sage von der 
Freundschaft eines Königs mit einem Tiermenschen, nirgendwo 



1. Wenn die griechische Fassung der Alexandersage in Ägypten 
entstanden ist, wie man wahrscheinlich gemacht hat, dann wäre bei 
dem regen Verkehr der Juden unter einander nicht ausgeschlossen, daß 
die babylonischen Elemente des Sagen-Stoffes durch sie auch nach 
Ägypten getragen worden wären, falls sie nicht später anderswo hinzu- 
gefügt worden sind, 

2. Außer seinem großen Werke GE vgl.: Der babylonische Sint- 
fiutheld und sein Schiff in der israelitischen Gilgaraeschsage (Orientali- 
sche Studien. Theodor Nöldeke gewidmet. Gießen 1907. Bd. II 
S. 983ff.l — Von Nestor-Samuel bis Orestes-Salomo (ZA. XXI S. 341 ff.). — 
Moses, Jesus, Paulus. Drei Varianten des babylonischen Gottmenschen 
Gilgamesch -. Frankfurt a. M. 1909. — Gegen Jensen vgl. Hans Schmidt 
(Theol. Eundschau X S. 189 ff. 229 ff.); Bezold (AR X S. 125 ff.); Sellin 
(Reformation 1907; Glauben und Wissen 1910i: Gunkel (Frankfurter 
Zeitung 1909 No. 50f 97. 215; DLZ 1909 Sp. 901ff.): Wundt: Völkerpsy- 
chologie II 3 S. 514 ff, und vor allem Johannes Weiss: Jesus von Naza- 
reth, Mythus oder Geschichte? Tübingen 1910. S. 52 ff. 

3. Moses, Jesus, Paulus S. 7. 



186 Das Gilgames-Epos. 

der Zug zweier Helden zum Zedernberg, nirgendwo die Beschim- 
pfung einer Göttin, nirgendwo ein Kampf gegen einen Himmels- 
stier, nirgendwo die Wanderung eines Königs an die Mündung 
der Ströme, um das Lebenskraut zu holen; da die Einzelheiten 
fehlen, ist auch das Ganze nicht nachzuweisen. 

Jensen meint freilich, daß die Sagen in ihrer Vereinzelung 
keine sicheren Rückschlüsse gestatten; eben deshalb bemüht er 
sich, ganze Analogiereihen aufzustellen, die wie die Glieder einer 
Kette nach bestimmtem Muster ineinander greifen. So entstehe 
ein festverschlungenes Gew^ebe, daß auch dann unzerreißbar sei, 
wenn einzelne Fäden herausgelöst würden. Setzt man einmal 
voraus, diese Analogiereihen wären überzeugend, so wäre ein Zu- 
sammenhang der betreffenden Sagen mit dem Gilgames-Epos aller- 
dings unverkennbar. Aber es fehlte ein Beweis dafür, daß 
grade dies Epos die Quelle sei, aus der alle anderen 
Sagen entsprungen sind. Die Hypothese, daß Babylonien 
das Heimatland aller Mythen sei, wird niemandem einleuchten, 
der nicht „Panbabylonist" ist. Überdies ist das Epos selbst keine 
Einheit, sondern deutlich aus verschiedenen Stoffen zusammenge- 
wachsen, die in eine noch ältere Zeit und wahrscheinlich auch 
auf ein anderes Volk führen. Diese sumerische und innerbaby- 
lonische Entwicklung wird von Jensen nicht beachtet, da er die zu- 
fällig überlieferte Rezension als die Urform der späteren Sagen- 
bildung betrachtet. Seine Sagenforschung setzt demnach an einer 
Stelle ein, die willkürlich gewählt ist. 

Ebenso willkürlich wie der Ausgangspunkt ist die 
Art der Beweisführung. Jensen legt alles Gewicht darauf, 
daß die Motive der israelitischen Sagenkomplexe in gleicher oder 
wesentlich gleicher Reihenfolge wiederkehren wie im Gilgames- 
Epos. 1. Viele Einzelheiten der babylonischen Dichtung aber 
sind uns noch völlig unbekannt, weil große Partieen des Textes 
fehlen und weil manche Tontafeln beschädigt und unleserlich sind. 
Jensen muß demnach von vornherein postulieren, daß nichts 
„Wesentliches" verloren gegangen sei. Da sich seine Argumen- 
tation indessen häufig auf nebensächlichen Zügen aufbaut, so 
wird sie sofort hinfällig, sobald andere Einzelheiten durch neue 
Tontafelfunde zugänglich gemacht werden. 2. An anderen Stellen 
ist das Epos so lückenhaft, daß der Zusammenhang zweifelhaft 
bleibt. Jensen hat ihn bisweilen in einer Weise rekonstruiert, 



Erklärung. IG. Die Njichwirk^ii. des Epos in der Weltliteratur. 187 

die zwar für seine Sngenverglcielumg sehr tingenehm ist, die aber 
im übrigen wenig Wahrschcinlichkcil bcjinspruelien kann^ 3. In 
der Anordnung der überlielertcn Fragmente ist noch manche Un- 
sicherheit vorhanden, sodaß die Reihenfolge der Ereignisse be- 
denklichen Schwankungen unterliegt und durch eine Verschie- 
bung^ oft in wesentlichen Punkten verändert werden kann. 4. Bis- 
weilen gründet Jensen seine Thesen auf die Lesung und Deutung 
einzelner Wörter^, die bei anderer Auffassung jede Beweiskraft 
verlieren. So lange der Text so viele Lücken enthält, so lange 
der Zusammenhang an vielen Stellen so fraglich und die Ein- 
reihung der Bruchstücke so unsicher ist, so lange die Übersetzung 
auf Schritt und Tritt so zweifelhaft bleibt, wie es gegenwärtig 
noch der Fall ist, so lauge ist das Fundament viel zu schwach, 
um das gewaltige von Jensen errichtete Gebäude tragen zu 
können. 

Von einer gleichen oder wesentlich gleichen Reihen- 
folge der Motive in den verschiedenen Sagenkomplexen 
kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil Jensen die 
jeweilig überlieferte Reihenfolge nicht innehält. 1. Bei 
seiner Sagenvergleichung läßt er diejenigen Teile des Gilgames- 
Epos unberücksichtigt, für die er keine Analogien in der israe- 
litischen Sage entdecken kann^. Er wird diese Abschnitte viel- 
leicht für unw^esentlich halten 5, aber solange er andere völlig 
gleichberechtigte Einzelheiten für wesentlich ansieht und keinen 
klaren Maßstab für die Unterscheidung des Wesentlichen vom 
Unwesentlichen angibt, wird man darin nur eine Ausflucht sehen 

1. Moses, Jesus, Paulus S. 17 behauptet er, daß Engidu, nachdem 
er bereits mit Gilgames Freundschaft geschlossen habe, ,, allem An- 
scheine nach'' wieder in die Wüste entwichen sei; eben dort vermutet 
er, daß die Stadtgöttin Istar geraubt und wieder zurückgeholt worden 
sei. Da beide Hypothesen indessen schwerlich richtig sind, so fallen von 
den dort aufgezählten 25 ,, Parallelen" fünf ohne weiteres hin — ganz 
abgesehen davon, daß überhaupt keine überzeugenden Parallelen vor- 
liegen. 

2. Wie es o. S. 15. 90 (Anm. 1) tatsächlich mit dem Fragment X 
geschehen ist. 

3. Vgl. 0. S. 165 Anm. 4. Auf Grund dieser falschen Lesung, die den 
Schiffer üt-napistims zu einem ,, Propheten" macht, hat Jensen: Moses, 
Jesus, Paulus S. 18 drei angebliche , .Parallelen" zwischen dem Epos und 
der Mosessage entdeckt. Von den dort aufgestellten 25 Sätzen (vgl. 
vorletzte Anm.) müssen demnach acht von vornherein gestrichen werden. 

4. Den Beweis hat bereits Jon. Weiss: Jesus von Nazareth S. 60ff. 
geliefert. 

5. GE. S. 135: „Alle wesentlichen Züge" . . . u. ö. 



188 Das Gilgames-Epos. 

können, sich unbequemen Tatsachen zu entziehen. Vor allem 
aber hätte er die Pflicht, Gründe aufzuzeigen, warum in der 
Sagenentwicklung diese oder jene Züge verloren gegangen sind. 
2. Dasselbe gilt von den israelitischen Sagen, die mit dem Epos 
verglichen werden. Auch hier läßt Jensen diejenigen Erzäh- 
lungen und Motive unberücksichtigt, zu denen er in der babyloni- 
schen Dichtung kein Gegenstück finden kann ^, wiederum ohne 
dies Verfahren irgendwie zu begründen und ohne das Wachsen 
oder Absterben der Sagen zu erklären. Da also auf der babylo- 
nischen wie auf der israelitischen Seite der von Jensen herange- 
zogenen Sagenkomplexe große Partieen fehlen, für die er keine 
Analogie aufzutreiben vermag, so kann nicht gut von einer gleichen 
oder wesentlich gleichen Reihenfolge der Ereignisse gesprochen 
werden. 3. Was sich seiner Theorie nicht anschmiegen will, wird 
aber nicht nur unterdrückt, sondern bisweilen auch umgestellt^ 
oder umgedichtet ^. Diese Stilisierung der Tatsachen enthüllt 
deutlicher als alles Andere die Schwäche seiner Position. 

Trotzdem erreicht er das von ihm erstrebte Ziel nicht. Denn 
die von ihm behaupteten Analogien sind meist* gar 



1. Um ein Beispiel anzuführen. So läßt er Moses, Jesus, Paulus 
S. 16 ff. lin der Tabelle) aus: den Mord der israelitischen Knaben durch 
den Pharao, die Aussetzung des Mose, die Tötung des Ägypters durch 
Mose, die Trinkbarmachung des Wassers, das Wunder vom Manna und 
von den Wachteln, vom Schlagen des Wassers aus dem Felsen, das er- 
neute Murren des Volkes u. a. m. 

2. Als Beispiel wähle ich Moses, Jesus. Paulus S. 16ff. : Hier wird 
von Ex. 3 auf Ex. 2, von Ex. 4, 29 f. auf Ex. 3, von Num. 25, 15 auf 
Num. 22, von Num. 25, 2 auf Num. 23 zurückgegriffen. Zu diesen vier 
Änderungen gesellt sich als die fünfte (unter 25 angeblichen ,, Parallelen"), 
daß die Sintflutepisode an einem anderen Orte der Mosesage eingereiht 
wird. 

3. Moses, Jesus, Paulus S. 17 wird z. B. ein Zusammentreffen des 
Mose mit Aaron nach der Flucht in die Wüste hehauptet, wovon der 
biblische Text nichts weiß. Auf diese Schwäche hat bereits Jon. Weiss 
S. 69 Anm. 1 aufmerksam gemacht. Weiter heißt es bei Jensen S. 17, 
daß Jahve dem Mose „in der Wüste" erschienen sei, obwohl Ex. 3 aus- 
drücklich erzählt, Mose sei aus der Wüste zum Berge Horeb gekommen; 
dort erst habe sich Jahve ihm offenbart. 

4. Die Analogien, die wirklich stichhaltig^ sind, waren schon vor 
Jensen bekannt. Wundt: Völkerpsychologie II 3 S. 525 Anr.i. 1 hat 
einige, allerdings verschwindend wenige, Analogien hervorgehoben, die 
am meisten den Charakter wirklicher ,, Entsprechungen" an sich tragen: 
und ^rade diese (wie „Speisun^swunder", „Aufer.stchun<^s- und Himmel- 
fahrtsmotiv" u. A.) fehlen im (;il<^ameH-Ei)os ! Das Gesamturteil Wundts 
ist durchaus richtig: „Übrigens ist bemerkenswert, daß die zutreffenden 
oder einigermaßen plausibeln Analogien durchweg vereinzelt dastehen 
und meist von Keihen anderer, sehr unsicherer unterbrochen sind. Das 



Erklärung. IG. Dio Nach\virk;:;n. des Epo.s in der Weltliteratur. 189 

nicht vorhanden. Wertvoller als die Widerlegung von Ein- 
zelheiten, die jeder kritische Leser selbst vollzicluui wird, ist die 
Einsicht in die Fehler, an denen Jensens Methode krankt. Der 
erste Fehler ist der durchgängige Personenwechsel. Einzelne 
Vertauschungen mögen wohl vorkommen und unter Umständen 
glaubhaft erscheinen, aber wo dies nicht die Ausnahme, sondern 
die Regel ist, liegt eine falsche Konstruktion vor. Der zweite 
Fehler ist der Nachdruck, mit dem die Übereinstimmung hervor- 
gehoben wird, währen«! jede Abweichung unbeachtet bleibt. Was 
nützt alle Ähnlichkeit, wenn die Unähnlichkeiten so groß sind, 
daß keine Brücke diese Kluft überspannen kann? Der dritte 
Fehler ist die Vermeidung jeder Begründung, wie die Abweichungen 
der verschiedenen Gestalten, die Lücken in den Sagen, die Um- 
stellungen und Veränderungen entstanden sind. Und doch liegt 
hier das größte Wunder vor, daß die Gilgames-Sage in Israel 
nicht eine, sondern schier unzählige Wandlungen durchgemacht 
hat und proteusartig bald in dieser bald in jener Vermuramung 
erscheint. Die Sagen sind lebendige Organismen, deren Knospen, 
Blühen und Absterben nach immanenten Gesetzen erfolgt; ihnen 
diese Gesetze abzulauschen, ist die Kunst des Sagenforschers. 
Wer sie aber mechanisch nach der Elle mißt und zuschneidet, 
unternimmt einen Versuch mit untauglichen Mitteln. Der vierte 
Fehler ist die allgemeine Verschwommenheit, in die alle Ereig- 
nisse und Gestalten aufgelöst werden. Alles Charakteristische 
wird so lange verallgemeinert, bis es überall in der Welt seine 
Parallele hat. Wenn in zwei Erzählungen Lebewesen geschildert 
werden, die geboren werden oder sterben, die reden oder handeln, 
kommen oder gehen, heiraten oder sich befreunden, so wird man 
um dieser alltäglichen Einzelheiten willen, und wenn ihrer tausend 
und noch mehr wären, niemals eine Abhängigkeit der einen Ge- 
schichte von der anderen behaupten dürfen. Ein Zusammenhang 
zweier Sagen kann immer nur da bewiesen werden, wo wesent- 
liche, d. h. charakteristische Züge wiederkehren. Als Muster- 
beispiel, wie zwei historisch verwandte Sagen aussehen müssen, 
dürfen die babylonische und israelitische Sintfluterzählung gelten. 



spricht nicht für die Probehaltigkeit der Methode der Analogiereihen, 
wohl aber dafür, daß die Befolgung dieser Methode leicht zu gekün- 
stelten Analogiebildungen verführt". 



190 Das Gilgames-Epos. 

die freilich schon lange vor Jensen als Geschwister erkannt 
worden sind. 

17. Analyse und Kunst der Flutepisode. Der Flut- 
mythos ist so lose in das Epos eingetiochten, daß er ohne Schaden 
für das Gewebe wieder entfernt w^erden kann. Die ursprüngliche 
Selbständigkeit des Stoffes ist überdies in Babylonien wie 
in Israel literarisch bezeugt, da er auch ohne das Epos über- 
liefert worden ist. Bei seiner Einfügung in den Zusammenhang 
der Heldendichtung sind einige Unebenheiten nicht ganz ausge- 
glichen. So hätte vor allem gesagt werden müssen, daß auch der 
Steuermann in das Land der Seligen entrückt wurde; denn der 
Lenker des Sintflutschiffes ist gewiß mit dem Fergen des Gil- 
games identisch, obwohl beide verschiedene Namen führen. Außer- 
dem fehlt die notwendige Nachricht von der Heimkehr der Fa- 
milie und der Handwerker in ihre Heimat; sie konnte ausge- 
lassen werden, weil es dem Dichter des Epos nur auf das Schicksal 
üt-napistims ankam. Endlich weicht auch der stilistische Cha- 
rakter der Flutepisode bis zu einem gewissen Grade von dem 
des übrigen Epos ab. 

Der Aufbau der Erzählung ist äußerst einfach. Das 
Ganze zerfällt in drei Hauptteile, von denen der erste ^ die Vor- 
bereitungen vor der Flut, der zweite ^ die Katastrophe selbst und 
der dritte^ die Entrückung des Helden schildert. Jeder Haupt- 
teil ist wieder in zwei Szenen gegliedert. Nach einer kurzen Ein- 
leitung* fordert Ea in der ersten Szene ^ den Hochgescheidten 
zum Schiffsbau auf; in der zweiten ^ kommt dieser dem Befehle 
nach. Die dritte ' malt das Steigen, die vierte ^ das Fallen der 
Wasser. In der fünften ^ setzen sich zunächst die Götter unter 
sich auseinander, erst in der sechsten Szene ^^ wenden sie sich 
dann an Ut-napistim und nehmen ihn in ihren Kreis auf. 

Die Stadt Öurippak muß nach der Sage am Euphrat ge- 
legen haben und durch eine Überschwemmung des Flusses zer- 



1. XI 11-96. 2. 97—159. 3. 160—205. 

4. 11 — 18. Die Verse 9 und 10 ^^ehören nicht eij^entlich zur Ein- 
leitung, sondern drücken nur den Entschluß Ut-napistinis aus, dem Gil- 
garaes die verborgene Kunde zu erzählen. Das ,, Geheimnis" bezieht 
sich nicht auf die Sintflut, sondern auf die Entrückun}^, oder allge- 
meiner auf die Art, wie man unsterblich wird; vt^l. v. 282 f. 

5. 19—47. 6. 48-96. 7. 97—129. 8. 130—159. 
9. 160-197. 10. 198—205. 



Erklärung;. 17. Analysen und Kunst der Flutepisode. 191 

stört worden sein. Nun ist aber dureh die Ausgrabung(;n der 
Deutsehen Orientgesellsehaft der Heiinatsort Ut-napistinis unter 
dein Hügel von Fara wiedergefunden worden K Fara ist unge- 
fähr nördlieh von Uruk, also noch weiter landeinwärts, zu suchen, 
fern vom Meere, damals indessen noch nahe dem Euphrat. Mau 
hat dort die primitivste sumerische Gründung entdeckt, die bisher 
überhaupt bekannt geworden ist. Denn die Tontafeln, die meist 
einen sehr archaischen Charakter tragen, können nach der 
Schätzung KiNGS nicht viel jünger als 3400 v. Chr. sein ^. Diese 
erste Siedlung ist indessen nicht durch den Euphrat, sondern 
durch eine Brandkatastrophe vernichtet, wie aus einer hohen 
Aschenschicht hervorgeht. Die Flutsage kann demnach erst ge- 
raume Zeit später entstanden sein, als mau zwar von der Existenz 
der Stadt noch wußte, die Art der Katastrophe aber bereits ver- 
gessen hatte. Während den größte Teil des Hügels nicht wieder 
bebaut wurde, war eine kleinere Stadt noch während des Reiches 
von Sumer und Akkad vorhanden. Seit der Zeit Hammurapis, 
etwa seit 2100 v. Chr., ist der Name Surippaks vollends aus der 
babylonischen Geschichte verschwunden 3. Der Flutmythos muß 
demnach notwendig im dritten vorchristlichen Jahrtausend ge- 
dichtet worden sein. Das älteste, sicher datierbare Fragment 
stammt ja auch bereits aus der Zeit Ammisadugas um 2000 v. Chr.* 
In der Einleitung ist die Götterversammlung und, was 
dort beschlossen wurde, nur flüchtig angedeutet. Von den großen 
Göttern werden zunächst nur Anu und Enlil, Ninib und Ennugi 
aufgezählt, aber aus dem Folgenden geht hervor, daß außer ihnen 



1. Vgl. MDOG. No. 15 — 17. Eine kurze Zusamrnenfassung der 
Eesultate bei Kudolf Zehnpfund: Babvlonien in seinen wichtigsten 
Euinenstätten (AO. XI 3. 4) S. 27 ff. 

2, King: The history oj Sumer and Akkad S. 65. 

3, Die Identifizierung Surippaks mit Eridu, die Jensen GE. S. 40 
Anm. 1 vorschlägt, ist demnach falsch. — Man beachte, daß Berossos 
den Namen Surippak nicht überliefert; nach ihm scheint der Held der 
Sintflut in ZCanagn = Sippar zu wohnen, da er dort seine Aufzeich- 
nungen vergräbt. Sippar wäre demnach als ein späterer Ersatz für das 
damals gänzlich verschollene Surippak aufzufassen. Warum grade 
Sippar gewählt wurde, läßt sich nicht sagen. Auch Sippar lag wie 
öurippak am Euphrat und wurde wahrscheinlich wie dieses durch die 
Elamiter zerstört, erblühte aber bis in die spätesten Zeiten zu neuem 
Glänze. Ob die Ausgrabungen Naboneds am Sonnentempel Ebabbara, 
welche uralte Bauurkunden zu Tage förderten, auf die Sage eingewirkt 
und das Motiv der vergrabenen Tontafeln veranlaßt haben ? 

4. Vgl. 0. S. 5. 69 No. 3. 



192 Das Gilgames-Epos. 

noch viele Andere beteiligt waren. Die Götter planen, einen ge- 
waltigen Zyklon zu senden und, so vermutet man, die „alte" 
Stadt Surippak vom Erdboden hinwegzufegen. Ein Grund für 
das beabsichtigte Verderben wird nicht angegeben. 

Die erste Szene enthält ein Zwiegespräch zwischen Ea und 
seinem Schützling Ut-napistim, mit dem Beinamen Atra-hasis „der 
Hochgescheidte", griechisch Xisuthros i. Wie Odysseus, der listen- 
reiche, von Athene, der Göttin der Klugheit, geliebt wird, so ist 
Ea, der Gott der Weisheit, der Freund des „Hochgescheidten". 
Die Klugheit der Beiden, die einander würdig sind, wird sofort 
an einem Beispiel illustriert. Durch eine „Nachholung" erfährt 
der Hörer, daß auch Ea im Rate der Götter gesessen und an 
ihrem Beschlüsse mitgewirkt hat. Nun gilt zwar als feststehender 
Grundsatz : Was im Kreise der Götter geredet worden ist, darf nicht 
verraten werden ; daher müssen z. B. die Propheten, die im Rate der 
Götter gestanden und am himmlischen Parlament teilgenommen 
haben, nach weitverbreitetem Glauben sterben, wenn sie die Zu- 
kunft richtig vorausgesagt und folglich ein göttliches Geheimnis 
preisgegeben haben 2. Aber Ea wird nicht ohne Grund als Herr 
der Weisheit gerühmt; er kann sein Ziel auch ohne Verrat ^ er- 
reichen, da er schlau genug ist, das Verbot zu umgehen. So 
kündet er seine Worte nicht dem Ut-napistim direkt, sondern der 
Wand der Rohrhütte, in der Ut-napistim schläft, sodaß dieser 
wie im Traum ^ des Gottes Worte hört. Der „Hochgescheidte" 
aber, der seinen Namen nicht mit Unrecht führt, merkt sofort, 
daß die Mitteilung nicht dem Hause, sondern ihm selbst gilt. 
Die List Eas ist im Märchen sehr geläufig: Die „Gänsemagd*« 
(bei Grimm) klagt ihr Leid, das sie bei Todesstrafe keinem Men- 
schen erzählen darf, dem Eisenofen, während der alte König an 
der Ofenröhre steht und horcht ^. Auch dann noch vermeidet 



1. Vgl. 0. S. 74 unter „Atra-hasis". 

2. Vgl. für Ägypten die von Kanke übersetzten prophetischen 
Texte in TB I S. 204 ff". ; für die Römer die Notiz des Servius zu ecl. 
9, 46 bei Lietzmann: Der Weltheiland S. 37. Hierher gehören wahr- 
scheinlich auch die israelitischen Weissagungen in der Sterbestunde 
(Isaak, Jakob, Mose, David). 

3. Vgl. V. 195, wo Ea ausdrücklich betont, daß er das Geheimnis 
nicht verraten habe. 

4. Vgl. V. 196. 

5. Jensen verweist auf die Geschichte von Midas und seinem 
Barbier. Vgl. ferner Ernst Deecke: Lübische Geschichten und Sagen ='. 
Lübeck 1890. No. 82: ,,Die Verschwörung der Verräter"; der durch 



Erklärung. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 193 

Ea, um den Vorwurf des Verrates von sich abwälzen zu können, 
die Enthüllung des göttlichen Beschlusses. Vorsichtig beschränkt 
er sich auf die Aufforderung an Ut-napi§tini, s(;inen Reichtum 
fahren zu lassen, Hab und Gut zu verachten und nur sein Leben 
zu retten. Zu diesem Zweck solle er nach genauer Vorschrift 
ein Schiff bauen und allerlei lebende Wesen hinaufbringen. Aus 
diesen Andeutungen kann der „Hochgescheidte" schließen, daß 
der Stadt ein Verderben droht, und noch genauer, daß dies Ver- 
derben durch eine Flutkatastrophe verursacht wird. Ut-napistim 
zieht nicht nur diese Folgerungen, wie sein Herr erwartet, sondern 
schaut in seiner Klugheit sogar voraus, daß die Bürger Surippaks 
ihn fragen werden, warum er ein Schiff baue. Ea weiß auch 
dafür sofort Rat und empfiehlt ihm zu antworten; „Weil Enlil, 
der Gott der Erde, mich haßt, will ich fortan nicht mehr auf der 
Erde, sondern auf dem Meere bei Ea, dem Gott des Ozeans, 
w^ohnen. Dann wird euch Enlil um meinetwillen nichts Böses 
zufügen, sondern euch im Gegenteil mit Wohltaten überschütten. 
Wenn eines Abends ein gewaltiger Regen niedergeht, werdet ihr 
einen großen Fang an Vögeln und Fischen i tun und reiche Ernte 
gewinnen". So sollen die Einwohner Surippaks noch sicherer 
gemacht werden, damit sie nur ja dem Verderben nicht entrinnen. 
Wenn Ea, der Freund der Menschen, so redet, dann können 
seine Worte nicht nur grausamer Hohn sein, als ob er an der 
hereinbrechenden Katastrophe seine Lust hätte; der Dichter will, 
wie es scheint, die Vermutung im Hörer wachrufen, wie verderbt 
die Bürger Surippaks gewesen sein müssen, da selbst Ea ihnen 
jedes Mitleid versagt. Und weiter deutet der Verfasser an, daß 
der eigentliche Urheber des ganzen Planes Enlil sei; denn dieser 
wird dem Ea als sein Gegner gegenübergestellt. Wer aber auf- 
merksam ist, wundert sich noch mehr über die Aufforderung, 
allerlei Lebewesen in das Schiff zu führen. Warum sollen denn 
Tiere beim Untergang Surippaks gerettet werden, da es doch Tiere 
genug in der Welt gibt? Oder wird die Katastrophe etwa die 
ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen? So versteht der Erzähler, 



einen Eid gebundene Verräter erzählt die Verschwörung einem Glase 
mit halblauter Stimme. 

1. Die Abhängigkeit der Jagd und des Fischfangs von dem Kegen 
ist ja auch bei uns (in Deutschland) bekannt und mußte daher ganz 
plausibel erscheinen. 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 13 



194 Das Gilgames-Epos. 

in geschickter Weise Fragen anzuregen, ohne eine Antwort zu 
erteilen. 

Die Beschreibung, die in der zweiten Szene vom Bau des 
Schiffes entworfen wird, ist für uns fast völlig undurchsichtig. 
Man hat an ein Fahrzeug mit sechs Dächern (oder Stockwerken ?), 
sieben Außenwänden und neun Innenwänden (oder Kammern?) 
gedacht; auch das ist fraglich, ob ein Mast vorausgesetzt wird. 
Sicher ist nur, daß das Schiff eine Tür hatte und mit Asphalt 
verpicht war; noch heute wird in Babylonien das kleine, korb- 
ähnliche, aus Weidenruten geflochtene Fahrzeug, kuffe genannt, 
mit Asphalt verdichtet. Das Schiff Ut-napistims scheint mehr 
gewesen zu sein als ein einfacher Kasten, der ja zum Schwimmen 
vollständig genügte; man könnte sogar behaupten, es habe ein 
Verdeck gehabt, da es einem Kapitän übergeben wird, nachdem 
Ut-napistim ins Innere hineingegangen ist und die Tür hinter 
sich zugeschlossen hat. Indessen, dieser Kapitän ist höchst über- 
flüssig, da er nichts zu tun hat, da auch von seiner Kunst nichts 
erzählt wird, selbst dort nicht, wo man es erwarten könnte. Denn 
als das Schiff aufgelaufen ist, hätte der Kapitän feststellen müssen, 
ob die Flut vorüber sei. Statt dessen muß sich Ut-napistim durch 
Aussendung der Vögel selbst zu helfen versuchen. Es kann 
daher kaum ein Zweifel obwalten, daß der Steuermann der ur- 
sprünglichen Konzeption des Flutmythos fremd war und erst durch 
spätere Erzähler hinzugefügt worden ist. Wie es scheint, hat, 
wenigstens teilweise, die Idee des Hauses auf die Form des Schiffes 
eingewirkt; denn einmal i wird das Fahrzeug als ein „Haus", das 
andere Mal^ als ein „großes Haus" oder als ein „Palast" be- 
zeichnet. Daher erklären sich wohl die Tür^ und die Stockwerke*. 
Da man damals so große Schiffe, wie das Ut-napistims gewesen 
sein muß, in Wirklichkeit schwerlich besaß, so hat sich die Phan- 
tasie der Erzähler die Arche gleich einem schwimmenden Hause 
gedacht. Wozu das Öl gebraucht wird, geht aus dem Texte nicht 
hervor. Während des Baues » veranstaltet Ut-napistim ein großes 



1. VkI. V. 24. 2. Vf^l. V. 96. 

3. Daß ein Schiff" oine Tür hat, ist nichts Selbstverständliches 
(vgl. Küchlers Beincrkunj^ bei Gunkei. : Genesis^ S. 142). 

4. Die Stockwerke sind zwar in der babylonischen Rezension nicht 
sicher, wohl aber in der israelitischen. 

5. Der Bau scheint fünf Ta^e zu dauern (vgl. v. 57); am sechsten 
Tage wird das Schiff geladen und am siebenten bricht der Sturm los; 



Erklärung. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 195 

Fest für die Einwohner von Surippak *: täglich schlachtet er Rinder 
und Schafe, um die Leute mit Fleisch zu bewirten ; Öl und Wein 
fließt in Strömen ; die Freude ist groß „wie am Neujahrstage", 
oflenbar dem größten Freudenfest der Babylonier. Der „Hoch- 
gescheidte" fürchtet, wie es scheint, die Bosheit des Volkes; wäre 
er nicht so freigibig gewesen, dann hätte man ihn vielleicht trotz 
der Ausrede, die ihm Ea geraten hatte, am Schiffsbau gehindert 
und so seine Rettung hintertrieben. Nun aber halfen die Leute 
am Ende gar und unterstützten sein Vorhaben , sodaß er recht- 
zeitig fertig wurde. Denn Eile tat Not. 

Als der Bau vollendet ist, lädt Ut-napistim alles aufs Schiff*, 
was er besitzt, also auch Lebensmittel'^, vor allem aber sein Silber 
und Gold und, was ebenso viel wert ist, seine Haustiere 3. Mit 
dem Helden wird, wie es sich im Orient bei der großen Bedeu- 
tung des geschlechterrechtlichen Verbandes von selbst versteht, 
auch seine ganze Familie und Sippe gerettet. Überraschend aber 
und durch das Vorhergehende nicht begründet ^ ist die Tatsache, 
daß Ut-napistim auch Handwerker mitnimmt. Sie gehörten zwar 
dem Sklavenstande an^ und könnten insofern mit zum Hause 
Ut-napistims gerechnet werden. Bezeichnender Weise jedoch wird 
nicht von „Sklaven", sondern von „Handwerkern" geredet. 
Wiederum fragt der Hörer (wie schon bei den Tieren), warum 
grade die Handwerker dem Verderben entrinnen sollen; denn ihrer 
gibt es doch genug in der Welt. Oder soll die Katastrophe sich 
nicht allein auf Surippak beschränken? Als alles soweit vorbe- 
reitet ist, kommt der von „Samas" — man erwartet „Ea"^ — 



so darf man vielleicht nach Analogie der folgenden Siebenzahlen ver- 
muten, wie schon Zimmern KAT S, 547 Anm. 3 getan hat. 

1. Vgl. V. 71 „den Leuten", v. 74 „das Volk"; es kann sich dem- 
nach nicht um Opfer handeln zu dem Zweck, daß die Götter sein Werk 
nicht stören (so vermutet Gunkel: Genesis^ S. 69), auch nicht um ein 
Traktieren der Bauhandwerker speziell. 

2. Vgl. die ninivitische Eezension o. S. 69 v. 7, wo an erster Stelle 
die „Gerste" genannt wird. 

3. Welche Arten von Lebewesen man unter „Lebenssamen" {zer 
napsdti) verstehen soll (vgl. v 27. 84), ist nicht deutlich. 

4. Hier führt der Erzähler genauer aus, was v. 27 nur angedeutet 
wird. 

5. Man beachte, daß die Handwerker an letzter Stelle, hinter den 
Tieren des Feldes, genannt werden, 

6. Hier liegt wiederum eine „Nachholung" vor; denn Ea hat im 
Vorhergehenden nichts von dem Zeitpunkt erwähnt, wo Ut-napistim ins 
SchifiF steigen soll. Es wäre daher an sich nicht unmöglich, das Samas 

13* 



196 Das Gilgames-Epos. 

bestimmte Zeitpunkt. Eiues Abends beginnt ein heftiger Regen 
und droht ein furchtbares Unwetter. Das ist das vom Gotte ver- 
kündete Zeichen; Ut-napistim geht in das Schiff, verschließt die 
Tür und überläßt sich dem tobenden Elemente. Mag Puzur- 
Amurri sehen, wie er das Riesenfahrzeug steuert! 

Die dritte Szene schildert den Zyklon und die herein- 
brechende Flut. Schon am frühen Morgen türmt sich dunkles 
Gewölk am Horizonte. Der majestätische Gewittergott Rammän 
erscheint mit seinem Gefolge. Zwei Herolde schreiten ihm voran 
über die Höhen der Erde^; er selbst zieht im Donner hinter- 
drein. Irragal reißt die Schiffspfähle heraus, und Ninib wirft, 
was widersteht, zu Boden. Blitze zucken, Wetter leuchten ; das 
sind die Anunnaki, die ihre Fackeln erheben. Eilends braust 
der Südsturm heran und peitscht das Wasser vor sich her, bis 
es das Gebirge im Norden erreicht. Rammän s Wolken bedecken 
den Himmel und rufen völlige Finsternis hervor, sodaß keiner 
mehr den Anderen sieht ^. Die Menschen versuchen umsonst, vor 
dem Verderben zu flüchten. Das furchtbare Entsetzen, das die 
Katastrophe bewirkt, veranschaulicht der Dichter äußerst geschickt 
nicht an dem Verhalten der Menschen, sondern an dem der Götter, 
die angstvoll zur höchsten Spitze des Himmels emporsteigen und 
sich dort wie feige Hunde niederducken. Die schönstimmige Istar 
schreit „wie eine Gebärende" und klagt sich selbst an, daß sie 
in der Versammlung der Götter zugestimmt habe, ein solches 
Unheil über die Menschen kommen zu lassen, über ihre eigenen 
Kinder^, die nun wie Fischbrut das Meer füllen. Die Mutter- 



wirklich dem Helden erschien. Diese Tatsache bleibt aber sehr auf- 
fällig, (wie schon Usener: Sintäutsagen S. 12 bemerkt hat), da dann 
neben Ea auch Samas des Verrates schuldig wäre; dem widerspricht 
die Schlußszene, wo nur Ea bezichtigt wird. Auch sonst ist überall 
Ea der Einzige, der für Ut-napiStim sorgt. Man darf daher vermuten, 
daß die eine Eezension (oder „Erzählerschule") auf Samas übertrug, was 
die andere von Ea berichtete. Öamas paßt so wenig wie der Kapitän 
zu der ursprünglichen Eezension. 

1. Vgl. Hab. 3, 5: Deber vor und Reseph hinter Jahve. 

2. Ob V. 112 f. richtig überliefert sind? Man erwartet: „Nicht 
sieht einer den andern |auf Erden], nicht erkennt einer den anderen im 
Himmel". 

3. V. 123: „Ich allein gebäre meine Leute"; ,, gebären" ist hier 
wohl 80 viel wie ,, gebären lassen" (Jensen), denn Istar ist die „Len- 
kerin aller Geburt" und die ,, Mutter der Gebärenden"; vgl. Zimmern 
KAT S. 428 Anm. 4. XI 123 ziehe ich vor, als Frage aufzufassen: „Ge- 
bäre ich (dazu) meine Leute?" 



ErkläruDg. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 197 

liebe repjt sich in ihr, im Weibe ist das Mitleid erwacht; doch 
auch andere Gottheiten sitzen neben ihr und weinen. p]ine wunder- 
volle Kontrastmalerei: Auf der einen Seite starke Sturmgötter, 
die im Toben der Elemente jauchzend über Berg und Land ein- 
herfahren, auf der anderen Seite erschreckte Götter und die Götter- 
herrin, die voller Angst schreien und schluchzend im äußersten 
Winkel des Himmels uiederkauern. Sechs Tage und Nächte wütet 
ununterbrochen das Wetter. 

Erst am siebenten Tage, so erzählt die vierte Szene, läßt 
der Orkan nach, und das Meer beginnt sich zu beruhigen. Jetzt 
erst erfährt man mit klaren Worten die Größe der Katastrophe^ 
deren Umfang bis dahin nur angedeutet war: Nicht Surippak 
allein, sondern alle Städte sind hin weggerafft, ja die ganze Mensch- 
heit ist tot ^ Ut-napistim und seine Leute sind die einzig Über- 
lebenden in der Welt. Als der Held die Luke des Schiffes 
öffnet und rings nur Wasser und Verwüstung schaut, da kniet er 
nieder, und über sein Antlitz rinnen die Tränen ^. Am selben 
Tage, wo sich die Wasser zu verlaufen anfangen, sitzt das Schiff 
auf dem Berge Nisir^ fest. Diese Landung auf einem Berge, die 
in den meisten Sintflutsagen wiederkehrt^, erklärt sich aus dem 
Bedürfnis der primitiven Erzähler nach sinnlicher Anschauung: 
die Wasser waren grade so hoch, daß die Arche, als die Über- 
schwemmung abzuflauen begann, vom Berge Nisir festgehalten 
wurde. Da der beim unteren Zab gelegene Berg^ den Hörern 
bekannt war, so konnten sie sich ein klares Bild von der ge- 
waltigen Höhe der Flut machen. Dort sitzt das Schiff sechs 
Tage lang fest, ohne daß Ut-napistim auszusteigen wagt. Die 
Tür zu öffnen, scheut er sich, aus Furcht vor den vielleicht noch 
vorhandenen Wassern; der Umkreis aber, den er von der Luke 
im Dach ^ aus überblicken kann , ist zu klein, um feststellen zu 



1. Wörtlich „zu Lehmerde geworden". Aus ,, Lehmerde" (,, Staub", 
aber besser ,,Ton" s. o. S 101 Anm. 8) ist der Mensch gemacht, und 
zur ,, Lehmerde" wird er wieder im Tode; vgl. Gen. 3, 19. 

2. Vgl. 0. S. 144 Anra. 3. 

3. Oder Nimus. 

4. VgL Usener: Sintflutsagen, Kegister unter ,, Landung". 

5. Vgl. Ungnad 0. S. 70 unter „Nisir"; sicher ist die Gleichsetzung 
freilich nicht. Jedenfalls aber muß es ein Berg gewesen sein, der den 
Hörern bekannt war. 

6. Daß sich die Luke im Dach befand, wird in der israelitischen 
Tradition ausdrücklich gesagt. 



198 Das Gilgames-Epos. 

können, ob die Erde bereits trocken geworden ist ^ Wieder be- 
währt der „Hochgescheidte" seine Klugheit: Im Anschluß an 
damals übliche Schifferbräuche 2, durch den Flug der Vögel, die 
auf hoher See aufgelassen werden, die Richtung nach dem Laude 
zu erkunden, läßt der Dichter den Helden nacheinander eine 
Taube, eine Schwalbe und einen Raben aussenden. Da der Rabe 
nicht wieder zurückkehrt, so folgert Ut-napistim, daß es draußen 
trocken geworden sei. Und seine Berechnung hat ihn nicht ge- 
trogen ! Er öffnet die Tür, läßt alle Insassen des Schiffes heraus 
und bringt als frommer Mann sofort auf dem Gipfel des Berges 
ein Opfer für die Götter dar. 

Wie Fliegen von dem süßen Dufte angelockt, so sammeln 
sich in der fünften Szene die Götter bei dem Opfer. Zuerst 
erscheint Istar, .hebt die Halskette, das Geschenk ihres Vaters 
Anu, empor und schwört bei ihr, daß sie diese furchtbaren Tage 
in alle Ewigkeit nicht wieder vergessen wolle. Da sie ferner dem 
Gotte Enlil Vorwürfe macht, er habe den Zyklon unüberlegt 
herbeigeführt, so liegt wohl unausgesprochen in dem Schwur zu- 
gleich der Vorsatz, niemals wieder eine solche Flut zu dulden. 
Am liebsten möchte sie Enlil vom Opfer ausgeschlossen sehen, 
dessen Duft zu riechen er nicht verdient habe. Als Enlil den- 
noch herbeieilt und das Schiff sieht, ergrimmt er in heftigem Zorn, 
weil kein Mensch dem Verderben entrinnen sollte. Hier erst, 
gegen den Schluß der Erzählung, wird dem Hörer bestätigt, was 
er schon früher vermutet hat: Der eigentliche Urheber des Planes 
ist Enlil gewesen. Ninib vermutet sofort, daß die Hand Eas, des 
listenreichen, bei der Rettung des Helden im Spiele sei. Nach 
dem Grundsatz, daß der Angriff die beste Verteidigung sei, wieder- 
holt Ea die Vorwürfe Istars und begründet sie in längerer Rede. 
Die Unbesonnenheit Enlils habe die ganze Menschheit vernichtet; 
statt eine Flut zu verursachen, hätte sich Enlil darauf beschränken 
sollen, Löwen, Wölfe, Hungersnot oder Pest^ zu senden. Dann 
wäre nur ein Teil der Menschen dahingerafft worden, dann hätte 
man vor allem Unterschiede machen, den Gottlosen bestrafen, 



1. Er ist schon 0. S. 194 darauf hingewiesen worden, daß hier kein 
Kapitän des Schiffes vorausj^esetzt wird. 

2. Vgl. Uhener: Sintfiutsagen S. 254: Gunkel: Genesis* S. 64. 
Die feinsinnif^e Analyse der israelitischen SintflutsaK'e durch Gunkel 
hat auch das Verständnis des babylonischen Flutmythos gefördert. 

3. Irra ist Pestgott, s. 0. S. 77. 



Erkläruug. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 199 

den Frommen aber schonen k(Min(Mi. Im übrij^en wehrt sich Ka 
im voraus gegen die Beschuldigung, einen Verrat begangen zu 
haben. Diese Rede enthält den Schlüssel zum Verständnis des 
ganzen Mythos; denn aus ihr erst (erfährt, man das Motiv, das 
die Götter zu ihrem Plane bestimmte: die große Verderbtheit der 
Menschen. Die Katastrophe war nicht launische Will- 
kür, sondern ein Strafgericht über die Sünder^. Gewiß 
hat Enlil in seinem Zorn unüberlegt., obwohl mit Zustimmung der 
anderen Götter, die Überschwemmung veranlaßt, die alle Men- 
schen in gleicher Weise dahingerafft hätte, wenn nicht Ea ge- 
wesen wäre, der wenigstens den einen Frommen Ut-napistim^ aus 
dem Verderben rettete. Dafür daß Ea seinem Schützling das 
Geheimnis der kommenden Flut auf einwandfreie Weise mitteilte, 
zugleich aber die übrigen Einwohner burippaks vor der Kata- 
strophe nicht bewahrte, verdient er besondere Anerkennung ; denn 
durch diesen weitausschauenden Plan hat er nicht nur der Ge- 
rechtigkeit zum Siege verholfen und die Unbesonnenheit Enlils 
wenigstens zum Teil wieder gut gemacht, sondern auch für die 
Fortpflanzung des Menschengeschlechtes Sorge getragen und damit 
den Göttern die Freude erhalten, sich auch fernerhin am süßen 
Opferdufte weiden zu dürfen. Schweigend erkennt Enlil die Über- 
legenheit Eas an und läßt ihn fortan gewähren. 

Denn nun verwandelt Ea^, so berichtet die Schlußszene, 
Ut-napistim und sein Weib in Götter. Im Widerspruch mit dem 
Vorhergehenden heißt es, daß Ea in das Schiff" steigt und den 
Helden herausführt; denn Ut-napistim und seine Leute haben die 
Arche bereits verlassen, ehe sie das Opfer darbrachten*. Die 



1. UsEKER hebt diesen Gedanken mit Reclit hervor (Sintflutsagen 
S. 12), behauptet allerdings mit Unrecht, daß hier wohl eine andere 
Rezension einwirke; denn diese Mitteilung erfolge auffallender Weise 
erst ara Schluß des Mythos. Indessen läßt sich diese Tatsache aus 
dem künstlerischen Aufbau des Ganzen wohl verstehen. 

2. So schließt auch Jensen GE. S, 44 aus dem Zusammenhang. 
Vielleicht ist aber Ut-napistim als der einzig Fromme in der Welt ge- 
dacht. 

3. Das V, 198 überlieferte Zeichen für den Gott wird gewöhnlich 
„Enlil" g'elesen, während Ungnad „Ea" vorschlägt; vgl. o. S. 75 unter 
„Ea*'. Diese Lesung dürfte, wenn die vorgetragene Auffassung des Zu- 
sammenhanges richtig ist, die allein mögliche sein. Die Schwierigkeiten, 
die sich der anderen Lesung entgegenstellen, sucht man durch den 
Hinweis auf den jähzornigen, wetterw^endischen Charakter Enlils, der 
plötzlich durch Ea besänftigt worden sei, zu überwinden. 

4. Schwerlich darf man mit Jensen GE. S. 45 vermuten, daß hier 



200 Das Gilgames-Epos. 

Verwandlung erfolgt durch ein Berühren der Stirn und den dazu 
gesprochenen Segensspruch. Durch die Aufnahme in den Kreis 
der Götter werden die Beiden auch der Übersiedlung ^ in das 
Paradies, die Wohnstätte der Götter 2, an der Mündung der Ströme 
gewürdigt. — 

Die Analyse des Flutmythos hat eine Reihe von Unstim- 
migkeiten ergeben, die sich nur aus einer längeren mündlichen 
Tradition erklären lassen; die Dichtung, die von einem Erzähler- 
stande vorgetragen wurde, lief wohl in verschiedenen Fassungen 
um, die mehr oder minder von einander abwichen und deren 
Varianten bei der schriftlichen Aufzeichnung nicht ganz ausge- 
glichen worden sind: 1. Als Beschützer des Ut-napistim erscheint 
einmal Samas statt Ea^. 2. Ebenso offenkundig ist der Wider- 
spruch, daß die Helden das Schiff verlassen haben und sich doch 
noch darin befinden*. 3. Der Kapitän muß später hinzugefügt 
worden sein, da er an entscheidender Stelle nicht vorausgesetzt 
wird 5. 

Dazu kommt eine Fülle von Lücken, die teilweise wohl 
erst durch die Verflechtung des Mythos in das Gilgames-Epos 
entstanden sind, teilweise aber einen anderen Ursprung haben 
müssen: 1. Vor allem erwartet man, von der Verwandlung des 
Steuermannes zu hören ^. Dieser Mangel ist später, wie der Be- 
richt des Berossos zeigt, beseitigt worden ^. 2. Weiter sollte er- 
zählt sein, was aus der übrigen Familie Ut-napistims und aus den 



stillschweigend vorausgesetzt werde, Ut-napistim hätte sich, vielleicht 
aus Furcht vor Enlil, wieder ins Schiff begeben. Ein so guter Erzähler, 
wie der Verfasser des Sintflutmythos, konnte einen solchen Fehler nicht 
begehen. Eher darf man wohl an Spuren anderer Rezensionen denken. 

1. Wie die Übersiedlung zu denken sei, ob als Entrückung oder 
sonstwie, erfahren wir nicht; angedeutet wird nur, daß sich der neue 
Aufenthaltsort in weiter Ferne befinde. 

2. Es ist bereits 0. S. 164 darauf hingewiesen, daß im Epos die 
Wohnung der Götter und der Seligen auseinandergerissen ist. 

3. Vgl. 0. S. 195. 4. Vgl. 0. S. 199. 

5. Vgl. 0. S. 194. Auch inbezug auf die Luke scheinen gewisse 
Widersprüche vorzuliegen, die sich aber vielleicht ausgleichen lassen: 
Aus der Entsendung der Vögel folgt, daß Ut-napistim von seinem Schiffe 
aus nichts oder so gut wie nichts sehen kann. Damit reimen sich 
V. 133 und 139 nur sehr schwer. 

6. Vgl. 0. S. 190. 

7. Die Entrückung des Steuermannes kann im letzten Grunde nur 
auf eine Rezension des Gilgames-Epos zurückgehen; allerdings ist bei 
Berossos außerdem noch eine Tochter des Hehlen hinzugekommen, von 
der das Epos noch nichts weiß. 



Erklärung. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 201 

Handwerkern geworden ist. Berossos gibt auch hierauf eine Ant- 
wort: Sie kehrten nach Babylonien zurück, bauten Städte und 
Tempel und j)flanzten so nicht nur die M(!nschheit, sondern auch 
die überlieferte Zivilisation fort. Die Handwerker waren grade 
zu dem Zweck mitgenommen worden, keinen Bruch in der Ge- 
schichte der menschlichen Kulturentwicklung eintreten zu lassen. 
3. Ferner vermißt man einen ausreichendein Grund, warum Ut- 
iiapistim zu den Göttern erhoben wird. Berossos behauptet zwar 
ausdrücklich, dies sei um seiner Frömmigkeit willen geschehen. 
Indessen befriedigt diese Auskunft nicht, weil die Rettung aus 
der Katastrophe Lohn genug war, und vor allem weil er dann 
vor der Flut hätte entrückt werden könnend Hier hat demnach 
eine Verdunklung des ursprünglichen Motivs stattgefunden. 4. Die 
universale Bedeutung der Flut ist im Verhältnis zur lokalen nur 
ungenügend zum Ausdruck gebracht worden. Die Bosheit der 
Einwohner Surippaks erhellt zwar deutlich aus der Art, wie sie 
von Ea und Ut-napistim behandelt werden müssen, aber es fehlen 
Beispiele für die Schlechtigkeit der Menschen überhaupt. Ferner 
kann man aus manchen Stellen zwar erschließen, und aus einem 
Verse direkt entnehmen, daß die ganze Menschheit zu Grunde 
gegangen ist, indessen wird keine andere Stadt außer Surippak 
genannt. Man vermißt hier konkrete Einzelheiten, an denen der 
Mythos doch sonst so reich ist: nichts von der Überschwemmung 
des Euphrat und Tigris, die eine blühende Landschaft mit zahl- 
reichen Ortschaften hinwegspülten, nichts von den Verheerungen 
des Meeres oder anderer Flüsse und Länder, obwohl die babylo- 
nischen Dichter geographische Kenntnisse genug besaßen, um ihr 
Gemälde mit realistischen Farben malen zu können. 

Diese Beobachtungen geben zwei wichtige Fingerzeige für die 
Geschichte des Mythos: Es läßt sich zunächst noch ziemlich 
deutlich erkennen, daß der Flutmythos ursprünglich eine 
Lokalerzählung war. Ähnlich den Sagen von Sodom oder 
Gomorrha, Vineta oder Stavorn heftete sich dieser Stoff an den 
Untergang von Surippak. Die ethische Motivierung, die nicht un- 
bedingt notwendig ist 2, scheint schon sehr früh eingetreten zu sein, 



1. Jensen stellt GE. S. 44 Anm. 5 verschiedene Vermutungen auf. 
Am einleuchtendsten erscheint ihm, daß Ut-napistim ursprünfj^lich ein 
Lichtgott gewesen sei, aber der Beweis dafür ist nicht stichhaltig. 

2. Vgl. Wundt: Völkerpsychologie II 3 S. 461 f. 



202 Das Gilgames-Epos. 

falls sie nicht überhaupt von Anfang an vorhanden war. Sie ist 
im vorliegenden Mythos ganz klar: Ut-napistira, der einzig Fromme 
in der Stadt, wird gerettet, die gottlosen Bürger aber gehen zu 
Grunde. Dann ist die Bühne erweitert, die lokale Sage in eine 
universale verwandelt worden. Dieser Umprägungsprozeß ist erst 
langsam gelungen. Die Ortsgebundenheit haftet teilweise noch 
der Flutdichtung des Gilgames-Epos an, ist aber bei Berossos bis 
auf einen geringen Rest verschwunden. Sobald nun die Kata- 
strophe weiter über die ganze Welt ausgedehnt wurde, durfte der 
Flutheld nicht nur gerettet, sondern mußte als der Anfänger einer 
neuen Menschheit verherrlicht werden. Die sofortige Entrückung 
Ut-napistims, nachdem die Flut vorbei war, steht im Widerspruch 
mit dem Zweck seiner Rettung; denn er sollte nicht deshalb vor 
dem Verderben bewahrt bleiben, um unter die Götter versetzt zu 
werden, sondern um die Menschheit fortzupflanzen, wie die Tiere 
die Tierwelt und die Handwerker die Kunst. Man darf daher 
vielleicht die Vermutu^ng wagen, daß Ut-napistim nach der ur- 
sprünglichen Fassung des Mythos erst später entrückt wurde, 
nachdem er für den Nachwuchs der Menschheit gesorgt hatte: 
Wer alle Menschen als seine Kinder betrachten darf, ist wohl 
würdig, in den Kreis der Götter aufgenommen zu werden. Eine 
Fülle ethnologischer Parallelen lehrt die Vergötterung des ersten 
Menschen ^ 

Zweitens zeigt sich, daß die Zahl der im Mythos han- 
delnden Personen ständig wächst. Diese Tatsache läßt 
sich besonders deutlich an den Insassen des Schiffes verfolgen. 
Die Rezension des Gilgames-Epos kennt an einzelnen Stellen be- 
reits den Steuermann, welcher der ursprünglichen Fassung noch 
fremd gewesen sein muß. Bei Berossos wird außer dem Weibe 
noch die Tochter des Xisuthros genannt, die im Epos fehlt. Da- 
nach darf man vermuten, daß auch die Handwerker erst eine 
relativ junge Zutat sind, da sie entbehrt werden können und auch 
in der israelitischen Erzählung nicht erwähnt werden. Sie sind in 
einer Zeit hinzugefügt worden, die mit bewußtem Stolze auf die 



1. V^l. die Parallelen bei Gressmann: Ursprung der israelitisch- 
jüdischen Eschatolof^ie S 21K)fl". Die Israeliten liabon <lie Erzväter zwar 
nicht vergöttert, aber j^rade deswej^en besonders verherrlicht, weil von 
ihnen das j^anze Volk Israel abgeleitet wurde. Die Existenz so vieler 
Nachkommen schien ihnen ein Wunder zu sein, das sie sich gewöhn- 
lich aus einem {göttlichen Sej^en erklärten. 



Erklärung. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 203 

Errungenschaften der Kultur blickte. Nach Berossos sind Rogar 
Aufzeichnungen über „Anfang, Mitte und Ende aller Dinge" ver- 
graben worden', um vor der Flut gerettet zu werden. Die 
hebräische Tradition kümmert sich dagegen weder um die Fort- 
existenz der Kunst noch der Literatur „und zeigt sich darin als 
die des unkultivierteren Volkes"^. Vielleicht sind auch die Ge- 
stalten des Pantheons, die in dem Flutmythos des Gilgames-Epos 
zahlreich auftreten, erst im Laufe der Zeit vermehrt worden; die 
ursprüngliche Fassung hat wohl nur von wenigen erzählt. Dies 
Anschwellen der Personenzahl beruht auf dem steigenden Be- 
dürfnis nach abwechslungsreicher Handlung; die buntere Mannig- 
faltigkeit entspricht der größeren Aufnahmefähigkeit einer späteren 
Zeit. 

Trotz der Unstimmigkeiten und Lücken, die nur dem ge- 
schärften Auge des kritischen Forschers bemerkbar sind, wirkt 
der im Gilgames-Epos vorliegende Flutmythos durch seine fast 
raffinierte künstlerische Technik wie eine geschlossene Ein- 
heit. Vor allem benutzt der Dichter das Mittel der Nachholung ^, 
um das Interesse des Hörers aufs höchste zu spannen. Er spricht 
zwar von dem Beschluß der Götter, einen Zyklon zu senden, läßt 
aber lange Zeit im Dunkeln, ob nur die Vernichtung Surippaks 
oder die der ganzen Menschheit geplant sei, und erst am Schluß 
erfährt man Genaueres aus der zweiten Götterversammlung über 
die erste vor der Flut. Mit dieser Art der Darstellung hat er 
gewiß einen besonderen Zweck verfolgt, der am Ende ganz deut- 
lich hervortritt: die Verherrlichung Eas. Gegenüber Enlil gilt Ea 
als der weise und besonnene, der gerechte und freundliche Gott. 
Die raffinierte Kunst des Erzählers äußert sich nun vor allem 
darin, daß er Ea im Eingang des Mythos scheinbar ganz anders 
schildert. Der Verrat der göttlichen Geheimnisse und die Em- 
pfehlung einer Lüge gegenüber den Einwohnern Surippaks rufen 
einen befremdlichen Eindruck hervor, sodaß man geneigt ist, die 
sittliche Größe des Gottes zu bezweifeln *. Allein mit Unrecht, 
wenn man mit antiken Begriffen beobachtet und keinen falschen, un- 



1. Vjri. TB I S. 58. 

2. Gunkel: Genesis^ S. 72. 

3. Anders als sonst im Epos; vgl. o. S. 179. 

4. Fast alle Forscher haben sich von diesem Eindruck leiten lassen 
und den babylonischen Flutraythos infolgedessen auf ein sittlich viel zu 
tiefes Niveau herabgedrückt; leider auch Gunkel: Genesis ^ S. 71. 



204 Das Gilgaraes-Epos. 

historischen Maßstab anlegt. Was für unser modernes Empfinden 
ein Verrat bleibt, war damals nicht anstößig i, weil das Verbot 
durch die Klugheit Eas umgangen wird. Überdies heiligt der 
Zweck die Mittel. Denn der Erzähler zeigt sofort an einem 
Beispiel die Frömmigkeit Ut-napistims, um deren willen er die 
Kettung wohl verdient hat: Wenn der Held den Worten Eas 
traut und, ohne genauere Kunde von dem kommenden Unheil 
zu haben, dennoch das Schiff baut, so beweist er durch diesen 
Glaubensgehorsam !^ seine Frömmigkeit. Später wird diese Eigen- 
schaft noch einmal an dem Opfer illustriert, das er sofort nach 
der Landung darbringt. Und auf der anderen Seite werden die 
Einwohner burippaks als so böse ^ charakterisiert, daß sie kein 
Mitleid beanspruchen können. Die Lüge, die Ea empfiehlt, ist 
darum nur eine Notlüge, die ja heute noch Vielen als erlaubt 
gilt und die der antike Mensch auch im Munde seines Gottes 
nicht beanstandete^. So wird Ea schon hier zum Teil gerecht- 
fertigt; in noch glänzenderem Lichte aber erscheint seine Hand- 
lungsweise, wenn sie von der Schlußszene aus beurteilt wird. Ea 
konnte nur heimlich vorgehen, weil Enlil in seinem unbesonnenen 
Jähzorn, der keinen Widerspruch duldete, alle Menschen ver- 
nichten wollte. Nach Beendigung der Katastrophe ist die Wut 
Enlils zwar noch nicht völlig verraucht, aber er scheint doch bereits 
vernünftigen Gründen zugänglich zu sein. Der Wortführer der 
Opposition ist Ea, dessen Weisheit auch Enlil sich beugt, und 
dessen Menschenfreundlichkeit und Gerechtigkeit der Hörer be- 
wundernd anerkennt ö. 



1. So auch Schneider LSSt. S. 69. 

2. Was Noah recht ist (vgl, Gunkel: Genesis^ S. 61), ist Ut- 
napistim billig. Schon Berossos hat diese Eigenschaft betont: „Da 
habe er gehorsam ein Schiff gebaut". Die Fröramigkeit ist dem Helden 
also nicht erst später angedichtet worden, wie Schneider LSSt. S. 69 
behauptet. 

3. Vgl. 0. S. 195. 

4. Wenn mit der Lüge keine schändliche Absicht verbunden ist, 
gilt sie nicht als unehrenhaft; im vorliegenden Falle gar dient sie zur 
Verherrlichung der göttlichen Klugheit. Vgl. die Ausführungen Gunkels: 
Genesis ■* S. 170 über die Lüge im AT. 

5. Gegen Usener: Sintflutsagen S. 12, Bri^ysio: Der Heilbringer 
S. 116, Schneidior LSSt. S. 69 scheint mir, daß die Schlußrede Eas nicht 
erst später hinzugefügt worden ist, sondern einen notwendigen Bestandteil 
der vorliegenden Rezension bildet. Schneider findet einen „krassen Wider- 
spruch" zwischen XI 19 fl'. und 195f. Denn dort erscheine Ea persön- 
lich und spreche zu der Wand, hinter der Ut-napistim „sitze", hier 
dagegen sei von Träumen die Rede, die der Held klug zu deuten ge- 



Erklärung. 17. Analyse und Kunst der FluLepisod(\ 205 

Neben der Nachholung verwendet der Dichter mit Vorliebe 
das Stilniittel der Kontrastwirkung: Auf der einen Seite der 
fromme, kluge, weilschauende Ut-napistim, auf der anderen Seite 
die Einwohner Surippaks, die nur dem Genüsse leben, böse und 
töricht. Hier das Jauchzen der sturmf rohen Götter, dort das 
Weinen der ängstlichen Istar. Und in der Schlußszene der 
gütige, überlegene Ea, der für eine gerechte Bestrafung (iintritt, 
gegenüber dem blindwütigen, unvernünftigen Enlil. 

Während Nachholung und Kontrastwirkung in den anderen 
Teilen des Epos fehlen, soweit es erhalten ist, sind die übrigen 
Stilmittel dieselben^. Das Bedürfnis nach Anschaulichkeit 
äußert sich besonders stark: so werden die Frömmigkeit und die 
Klugheit Ut-napistims au mehreren Beispielen illustriert; die 
Eigenschaften der Götter spiegeln sich in ihren Handlungen 
wieder; die Höhe der Flut erkennt man daran, daß die Arche 
auf einem Berge festsitzt u. s. w. Das vorgreifende Motiv 
des Traumes ist äußerst interessant, weil es der Phantasie freien 
Spielraum läßt und viel zu raten aufgibt. Die Naturschilde- 
rung des Unwetters ist in ein leuchtend-mythologisches Kolorit 
getaucht, dessen Farbenpracht noch heute nicht verblaßt ist. Die 
Charakteristik der Personen, der Menschen wie der Götter, 
ist vorzüglich gelungen und bei weitem mannigfaltiger als sonst 
im Epos: Der Draufgänger Enlil, der gewaltig-majestätische Sturm- 
gott Rammän mit seinem Gefolge, Istar, die angstbebende, um ihre 
Kinder besorgte Mutter der Menschen — eine andere Gestalt wie 
die grausame Liebesgöttin der Istarepisode! — der weise Ea, der 
Schützling, der seiner würdig ist u. s. w. Das Pantheon hat 
Leben gewonnen, freilich wie es stets bei solchen Dichtungen zu 
gehen pflegt, auf Kosten der göttlichen Erhabenheit : Die Götter 
weinen, schwören, verraten, empfehlen eine Lüge, machen sich 
Vorwürfe, sind unbesonnen, ducken sich scheu und riechen mit 
Wohlgefallen den Opferduft. Eine Reihe schöner Bilder, die 
dem Tierreich entnommen sind, schmückt den Text des Sintflut- 



wußt habe. Gegen diese Auffassung aber ist namentlich auf v. 48 hin- 
zuweisen; danach muß das Gespräch während der Nacht stattfinden, 
und Ut-napistim „sitzt" nicht, sondern liegt und schläft. Für das 
moderne Empfinden ist allerdings die grob-sinnliche Darstellung der 
Traumerlebnisse nur schwer zu verstehen; aber I Sara. 3 bietet eine 
genaue Parallele zu dieser Stelle des Epos. 
1. Vgl. 0. S. 173 ff. 



206 Das Gilgames-Epos. 

raythos^: Die Masse der Menschenleicheu, die im Wasser schwimmt, 
ähnelt der Fischbrut, die das Meer erfüllt; die Angst der Götter 
gleicht der Furcht der Hunde ^, die sich feige an die Wand 
drücken ; wie Fliegen von dem rauchenden, warmen Blut oder 
von dem süßen Duft des Opfers angelockt werden, so schwärmen 
auch die Götter in Scharen herbei. 

Eine Eigentümlichkeit des ganzen Epos, die im Flutmythos 
besonders hervortritt, ist endlich die Verwendung typischer 
Zahlen 3. Woher ihre „Heiligkeit" stammt, ist in diesem Zu- 
sammenhange gleichgültig, da der Ursprung vielleicht schon dem 
Dichter unbekannt war. Für ihn handelt es sich nur um einen 
festgeprägten Stil, von dem er abhängig ist, wie grade die Fülle 
der Beispiele lehrt, die sich nicht aus der noch lebendigen, schöpfe- 
rischen Urkraft mythischen Denkens erklären läßt. 

Die Drei zahl begegnet uns verhältnismäßig selten: Drei 
Träume hat Engidu auf dem Zedernberg*; dreimal schnaubt der 
Himmelsstier; dreimal entsendet Ut-napistim einen Vogel. Sehr 
viel häufiger ist die Gruppierung von Tatsachen zu einer Trias 
ohne ausdrückliche Zählung. So verspricht Istar dem Gilgames 
drei herrliche Dinge 0. Namentlich kommt hier auch der „Ketten- 
stil" in Betracht: Die Einwohner Uruks bitten die Götter, diese 
rufen Anu herbei und der zitiert Aruru^; der Jäger wendet sich 
an seinen Vater, dieser schickt ihn zu Gilgames und der gibt 



1. Die Bilder sind nicht in demselben Sinne typisch wie die an- 
deren Stilmittel, die sich trotz des lückenhaften Textes deutlich er- 
kennen lassen. Die Zusammenstellung der Bilder, die bei dem gut er- 
haltenen Flutmythos berechtigt ist, ist daher in den übrigen Teilen des 
Epos sehr stark dem Zufall unterworfen : Der Wildstier veranschaulicht 
öfter die Tapferkeit der Helden (S. 12 v. 189 u. a.). Aus dem Tierreich 
begegnet uns in Vergleichen noch der Elefant (S. 31 v. 36) und der Löwe 
(S. 38 V. 20 f.). Als ein der Natur entlehntes Bild ist der Sturm beliebt; 
Babylonien wird oft von Stürmen heimgesucht: Die Stimme Humbabas 
dröhnt wie ein Zyklon (S. 17 E v. 3); die Gewalt des Schlafes ist so stark 
wie ein Orkan (S. 60 v. 210. 213). Von den Metallen ist das Erz ver- 
treten, dem das Fundament des Hauses an Festigkeit verj^^leichbar ist 
(S. 7 V. 11). Aus der himmlischen Welt stammt die Bezeichnung des 
Helden als einer „Heerschar" (S. 10 v. 131 u. a.). Es bleiben noch 
einif^e Bilder, die dem Menschenleben selbst entnommen sind (vgl. S. 9 
V. 100: S 16 v. 42; S. 30 v. 34ff ; S 38 v. 19; S. 55 v. 75). 

2. Die Götter selbst sollen natürlich nicht mit Hunden verglichen 
werden. Übrij^ens muß man an die orientalischen Hunde denken, die 
viel widerlicher und feif^or sind als unsere Rassen. 

3. Teilweise zusammengestellt bei Sciinphder LSSt. S. 77. 

4. Vgl. 0. S. 110. 5. Vgl. 0. S. 116 f. 
6. Vgl. o. S. 86 Anm. 1. 



Erklärung. 17. Analyse und Kunst der Flutepisode. 207 

ihm eine Dirne mit; Engidu hält Freundschaft mit den Tieren, 
verkehrt mit dem Weibe und wird endli(;h (lenosse des Königs; 
Gilgames gelangt zu den Skorpionmensc.hcin, dieso senden ilm zu 
Sabitu, die ihn an Ur-Sanabi weist; die kSteinkisten werden zer- 
trümmert, die Stangen beschafft und die Todeswasser überschritten; 
die Zauberbrote werden gebacken, die ewig-neuen Kleider werden 
geschenkt, und die Wunderpflanze wird gepflückt. 

Die einfache Sieben zahl ist sehr beliebt: Die „Mutter von 
sieben" Kindern dient als Bezeichnung der glücklichen Mutter i; 
das Pferd muß sieben Doppelstunden dahinstürmen^; der Tod des 
Himmelsstieres bringt sieben Hungerjahre; sieben Brote sollen 
Gilgames gegen den Schlaf schützen; die sieben „Weisen" haben 
die Fundamente der Stadtmauer von Uruk gelegt 3. — Seltener 
ist die doppelte Siebenzahl: 7 + 7 Fallgruben sind für den Löwen 
bestimmt*; 7 + 7 Gefäße werden beim Opfer hingestellt^; 7 Tage 
und 7 Nächte ist Engidu krank nach der alten Rezension ^. — 
Die jüngere Dichtung bevorzugt statt dessen eine eigentümliche 
Verbindung der Sechs- mit der Siebenzahl, die schwer zu erklären 
ist^: 6 Tage und 7 Nächte pflegt Engidu der Liebe mit dem 
Weibe; 7 Mäntel zieht der Held an, 6 zieht er aus^; 6 Buhlen 
hat Istar, der 7. sollte Gilgames sein; 6 Tage und 7 Nächte klagt 
Gilgames um Engidu^; 6 Tage steigt die Flut, am 7. steht sie 
still; 6 Tage sitzt das Schiff fest, am 7. werden die Vögel auf- 
gelassen ^ö. 

Die Zwölf zahl ist nur zweimal nachweisbar. 12 Tage ist 
Engidu nach der jüngeren Rezension krank (nach der älteren 
7 Tage und 7 Nächte); 12 Doppelstunden wandert Gilgames 
durch den finstern Berg, Doch ist hier noch zu erwähnen, daß 
man das ganze Epos auf 12 Tafeln (wie den Schöpfungsmythos 



1. Vgl. 0. S. 91 Anm. 4. 2. Vgl. o. S. 31 v. 55. 

3. Vgl. 0. S. 64 V. 324. 4. Vgl. o. S. 31 v. 52. 

5. Vgl. 0. S. 58 V. 158. 6. Vgl. o. 8. 71 Kol. II v. 8. 

7. Schwerlich darf man daran denken, daß der siebente Tag als ein 
heiliger gilt. Jedenfalls ist die Verbindung 6-1-7 künstlicher als die 
von 7 + 7, die natürlicher ist. Bei der Erklärung muß man die im 
AT. zahlreich vorhandenen Parallelen berücksichtigen; vgl. die Zusam- 
menstellung bei Kautzsch: Hebr. Gramm. § 134 s. 

8. Vgl. 0. S. 26 V. 40 f. 

9. Vgl. 0. S. 45 V. 55; S. 48 v. 124. Die Analogie der übrigen 
Beispiele macht es wahrscheinlich, daß an beiden Stellen (mit Jensen 
u. A.) ,, sieben Nächte" zu ergänzen ist. 

10. Die Neunzahl ist nicht sicher; vgl. o. S. 117 Anm. 1. 



208 Das Gilgames-Epos. 

auf 7 Tafeln) aufzuzeichnen pflegte. Diese Verteilung ist nicht 
zufällig, sondern gewollt; sie ist aber nicht auf irgend welche 
astronomischen Spekulationen zurückzuführen i, sondern aus dem- 
selben Einfluß der typischen Zahl auf die Schreiber zu erklären, 
den man schon bei den Dichtern beobachten kann. — Mit der 
Zwölfzahl hängen endlich wohl auch die Zahlen 60, 72 und 120 
zusammen: 120 Ellen sind die Wände des Schiffes und der Rand 
seines Daches hoch 2; 120 Stangen von je GO Ellen Länge werden 
für die Überwindung der Todeswasser gebraucht; 72 Ellen ist die 
Höhe der Forsttür ^. 

AVer einen Vergleich zwischen der Dichtkunst des 
Flutmythos und der des übrigen Epos zieht, wird wesent- 
liche Unterschiede kaum bemerken, obgleich es an einzelnen 
Differenzen nicht mangelt. Die Personen, die uns im Flutmythos 
entgegentreten, verkörpern zwar eine größere Fülle psychologischer 
Eigenschaften, aber eine Vertiefung der Charaktere fehlt noch 
völlig. Die Helden sind und bleiben Typen, trotzdem der Typos 
wechselt: Gilgames erscheint schön und tapfer, Ut-napistim fromm 
und klug; die Istar der Liebesepisode gleicht einer grausamen 
Dirne, die Göttin der Fluterzählung einer liebreichen Mutter. Die 
Stilmittel, mit denen die Dichter arbeiten, weichen teilweise von 
einander ab, die Technik ist indessen hier wie dort prinzipiell 
dieselbe, wie in der primitiven Literatur überhaupt. Immerhin 
scheint der Flutmythos auf einer etwas höheren Stufe zu stehen; 
denn seine Kunst ist raffinierter. Bezeichnend ist schon die 
Tatsache, daß er vier verschiedene Personen in der Götterver- 
sammlung (Istar, Enlil, Ninib und Ea) unmittelbar nach einander 
zu Worte kommen läßt. Irgend welche chronologischen Schlüsse 
aus diesen Beobachtungen zu ziehen, wird man sich vorsichtiger 
Weise so lange versagen müssen , als nicht weitere Stilunter- 
suchungen über die babylonischen Mythen vorliegen. 

Der Entstehung s ort des Flutmythos scheint Eridu ge- 
wesen zu sein*, die Heimatstadt des Gottes Ea, der in dieser 



1. ScHNEroER LSSt. S. 76 behauptet, daß eine „Verbindung der 
Tafeln und des Geschicks des Helden mit verschiedenen Göttern" deut- 
lich durch spätere „Vertiefung" und gelehrte Arbeit hergestellt worden 
sei. Aber seine Begründung scheint mir nicht stichhaltig zu sein. 

2. Die Übersetzung ist sehr fraglich; vgl. o. S. 54 v. 58 f. 

3. Vgl. 0. S. 36 V. 44. 

4. Es sei noch einmal daran erinnert, daß Ea im übrigen Epos nur 
einmal flüchtig erwähnt wird. 



Erklürung. 18. Vergleich mit anderen Fluterzählungen. 209 

Erzählung verherrlicht wird. Von du wanderte sie nach dem 
nordwestlich gelegeneu Uruk, wo sie wohl schon in das dort ge- 
dichtete Gilg:iines-Ej)os verflochten wurdet Üher Nippur^ kam 
sie nach Sippar, wie mau vielleicht aus der P>8etzung Eas durch 
Samas^ im Keilschrifttexte selbst und aus der Kolle 8i])pars bei 
Berossos'' schließen darf. Schwieriger ist die Entstehungszeit 
zu bestimmen. Der uns überlieferte Text stammt aus der Bib- 
liothek Asurbanipals (um 650 v. Chr.), geht aber wohl sicher auf 
ein babylonisches Original zurück^. Der terminus a quo ist mit 
der Zerstörung Surippaks gegeben (um 3400 v. Chr.). Da weder 
der assyrische Hauptgott Asur noch der babylonische Marduk* 
erwähnt werden, so darf man mit hoher Wahrscheinlichkeit be- 
haupten, daß die im Gilgames-Epos vorliegende Rezension des 
Flutmythos ihre charakteristische Gestalt vor der Zeit Hammu- 
rapis (um 2100 v. Chr.) erhalten hat. 

18. Tergleich mit anderen Fluterzählungen. In Ba- 
bylonien selbst sind verschiedene Flutmythen umgelaufen. Denn 
neben der Fassung, die im Gilgames-Epos überliefert worden ist, 
steht eine andere', die schon in der Zeit Ammisadugas (um 
2000 V. Chr.) bezeugt ist. Nach der Unterschrift ist nur die 
zweite Tafel, und auch diese nur sehr lückenhaft erhalten. Das 
Bruchstück beginnt mitten im Text und reißt mitten darin wieder 
ab. Da überdies die Zeichen schwer zu lesen sind ^, so kann man 
den Inhalt nur mit äußerster Vorsicht erschließen. Immerhin 
scheint zweierlei festzustehen: 1. Der vorliegende Mythos spricht 
von der Flut, die noch nicht geschehen ist^. 2. Er berührt sich 
so eng mit dem Mythos von „Ea und Atrahasis", daß man 
beide als Bruchstücke (oder Varianten) derselben Erzählung be- 
trachten und den einen Text zur Erklärung und Ergänzung des 
anderen heranziehen darf^^^ Unter dieser Annahme läßt sich der 



1. Diese Verflechtung^ könnte auch später geschehen sein, viel- 
leicht erst in Sippar, da Samas auch im Epos eine Kolle spielt, die zu 
einer dortigen ,, Erzählerschule" passen würde. 

2. Vgl. u. 3. Vgl. 0. S. 195. 4. Vgl. o. S. 191 Anm. 3. 

5. Vgl. l NGNAD 0. S. 75 unter „Ea". 

6. Vgl, ÜNGNAD 0. S. 78 unter ,,Lugal". 

7. V^l. die Übersetzung o. S. 69 Anhang 3. 

8. Vgl. die Vorbemerkungen Jensens KB VI S. 288 unten. 

9. Vgl. 0. S. 70 Kol. VII V. 14: „den Zyklon, den du gebietest". 
Das Wort „Zyklon" (abubu) ist der Terminus technicus für die Sintflut; 
vgl. 0. S. 53 V. 14 u. a. 

10. Der Mythos von „Ea und Atrahasis" ist zuletzt übersetzt worden 

Forschungen 14: Gilg.-Epos. 14 



210 Das Gilgames-Epos. 

Gang der Handlung in großen Zügen etwa so rekonstruieren; 
Enlil schickt verschiedene Plagen i, die Menschen wegen ihrer 
Sünden zu bestrafen 2. Jedesmal, wenn die Not aufs höchste 
gestiegen ist, tritt Atrahasis, „der Hochgescheidte", bei seinem 
Herrn Ea für die Menschen ein und bittet um Mitleid. Auf 
seinen Rat, so scheint es, versöhnt man die Götter durch Gebete 
und Opfer. Aber es dauert nur eine Weile, bis das üppige 
Treiben ^ der Menschen aufs neue beginnt. Wiederum versammelt 
Enlil die Götter und verhängt die nächste Plage. Als alle Straf- 
mittel ohne Erfolg erschöpft sind, veranlaßt Enlil die Sintflut*, 
um alle Menschen außer Atrahasis ^ zu vernichten. Auf An- 
trieb Eas werden von der Schöpfergöttin Mami^ sieben Knaben 



von Ungnad TB I S. 61 ff. Auf seine Verwandtschaft mit dem Ammi- 
saduga-Fragment hat zuerst Zimmern ZA. XIV S. 277 ff. hingewiesen; 
vgl. auch Jensen KB. VI S. 276 f. (Anm.). Außer den dort zitierten 
Eedewendungen ist mir besonders überzeugend eine Nebeneinander- 
stellung von .,Ea und Atrahasis" (KB. VI S. 284) v. 42 o-na ni-se und 
V. 44 [Uli) Rinnmati zu-un-na-sn lu-su-kir mit dem Ammisaduga-Fragment 
(KB. S. 288 f) V. 9 und 11. Ungnad hat daraufhin noch einmal die 
Photographie des Fragmentes verglichen und hält folgende Lesungen 

für sicher: Z. 9 . . . .] ni-si Z. 10 . . si]-na U- .... sdam- 

mu Z. 11 . . . .] (<7m) Rammän li-m-ak-ki-ra. Eine neue Kollation des 
des Originals (mit Rücksicht auf den Mythos von ,,Ea und Atrahasis") 
wäre sehr erwünscht. 

1. Nach dem Mythos „Ea und Atrahasis" ist die Folge der ersten 
beiden Plagen: Dürre, Mißwachs, Hungersnot, sodaß die Menschen 
schließlich ihre eigenen Kinder verzehren. Als dritte Plage wird Krank- 
heit, Kopfweh, Schüttelfrost und Pest genannt, als vierte wiederum eine 
Hungersnot. Diese Eeihenfolge klingt nicht sehr einleuchtend, sodaß 
der Text schwerlich in Ordnung sein dürfte. 

2. Das Wort „Sünden" ist zwar nicht überliefert, aber doch mit 
hoher Wahrscheinlichkeit ergänzt, zumal der nächste Vers von dem 
„Lärm" der Menschen redet. 

3. Das „Gelärme" der Menschen kann nach dem Zusammenhang 
nur das „üppige Treiben", das „Gekreische" bezeichnen. 

4. So darf man aus dem Ammisaduga-Fragment schließen. Wenn 
die Übersetzung und Erj^änzung Ungnads 0. S. 70 Kol. VII v. 16 richtig 
ist, würde man in v. 10 erwarten: ,,[l8tar tat] ihren Mund auf". Über- 
setzt man mit Jensen: „Ich erzeuge", so könnte man Ea für den Re- 
denden halten (über Ea als Menschenschöpfer vgl. Jensen: Kosmologie 
S. 293 f. und beachte besonders TB I S. 63 Kol. III v. 27). Allerdings 
scheint es, als ob am Anfang von v. 10 ,,Sin" zu lesen ist. Jedenfalls 
erhebt der Redende Einspruch gegen die kommende Flut, vielleicht 
in der Götterversammlung, die der Katastrophe vorangeht. Dann würde 
Enlil seinen Plan gegen den ausdrücklichen Widerspruch der Götter 
durchgesetzt haben. 

5. Da Atraljasis Fürsprache einlegt, so ist er besonders fromm ge- 
dacht und muß gerettet werden. 

6. Vgl. Zimmern KAT S. 430. 



Erklärung. 18. Vergleich mit anderen Fluterzähluugen. 211 

und sieben Mädcdien geschaffen, um das Geschlecht der Menschen 
fortzusetzen. Die Handlung gleicht zunächst der Schöj)fung En- 
kidus durch Aruru: Manu kneift vierzehn Stücke Lehm ab und 
formt sie; sieben legt sie zur Rechten und sieben zur Linken, 
und dazwischen einen Ziegelstein '. Dann speit sie auf den Ton * 
und sagt eine Zauberformel her^, durch die sie den toten Figuren 
Leben einhaucht. Ganz eigenartig aber ist der Schluß: Mami 
ruft vierzehn „weise Mütter", wörtlich „Mutterleiber", denen je 
die sieben Knaben und die sieben Mädchen anvertraut werden. 
In ihrem Leibe — das scheint der Sinn zu sein — wachsen die 
Kleineu mit göttlicher Schnelligkeit heran^; so „vollenden" die 
Mütter das von Mami begonnene Werk ^. Der Mythos von „Ea 
und Atrahasis" ist vielleicht ästhetisch sehr eindrucksvoll gewesen, 
da die Flut die letzte gewaltige Katastrophe, das wirksame Finale 
der allmählich anschwellenden Plagen bildet. Sicher aber ist der 
Gedanke der göttlichen Gerechtigkeit sehr viel schärfer betont als 
in der Rezension des Gilgames-Epos. Was Ea dort in der zweiten 
Götterversammlung ausführt, hat einem Dichter wohl erst die 
Anregung zu dem vorliegenden Mythos gegeben ß; so ist die sitt- 
liche Erhabenheit der Götter noch mehr gesteigert worden. Vor 
allem jedoch darf man die Erzählung von „Ea und Atrahasis" 
deshalb für jünger halten als die Flutrezension des Gilgames-Epos, 
weil dort jede Ortsgebundenheit fehlt und nur ganz allgemein von 



1. Hier begegnet uns einmal das Prinzip der Symmetrie in der 
Literatur, das uns aus der babylonischen Kunst so geläufig ist. 

2. Vgl. 0. S. 104 f. 

3. Vgl. 0. S. 103 Anm. 3. 

4. Der „Mutterleib" ist also sozusagen eine mythische Personifi- 
kation des Brutkastens. Der an den Mythos gehängte Schluß (vgl. die 
Übersetzung KB VI S. 287) zeigt, daß der Text als Zauberformel be- 
nutzt wurde, um die Kraft der göttlichen Mütter auf die menschlichen 
zu übertragen und diesen das Gebären zu erleichtern. Viele babyloni- 
sche Mythen sind als Zaubertexte benutzt worden, aber nicht aus ihnen 
hervorges^angen, sondern später dazu herabgesunken. 

5. Man kann fragen, ob eine Menschenschöpfun^ mit der Eettung 
des Atrahasis verträglich ist. Diese Frage ist zu bejahen, sobald man 
voraussetzt, daß entweder Atrahasis ohne Weib entrann oder daß beide 
sofort nach der Katastrophe entrückt wurden. 

6. So mit Kecht Schneider LSSt. S. 69, obwohl seine Schlußfolge- 
rung sehr anfechtbar ist, daß deshalb die Kede Eas später in die Ke- 
zension des Gilgames-Epos eingeschoben worden sei. — In dem Mythos 
von ,,Ea und Atrahasis" heißt der Sintflutheld nie Ut-napistim, sondern 
stets Atrahasis; er spricht auch nicht von sich in erster Person, son- 
dern es wird von ihm in dritter Person erzählt. 

14* 



212 Das Gilgames-Epos. 

„den Menschen*' oder „den Leuten" gesprochen wird. Die Stufe 
der Lokalsage scheint bereits völlig überwunden zu sein. — 

Eine dritte Rezension der Siutfluterzählung enthält der Text 
aus Nippur^ Trotz seines fragmentarischen Zustandes ist er 
nicht ohne Interesse 2. Abweichend von der Fassung im Epos 
beginnt hier Ea die Rede an seinen Schützling mit einem deut- 
lichen Hinweis auf die kommende Katastrophe ^. Daraus darf 
man wohl schließen, daß der Gott nichts zu verheimlichen hat 
und dß-ß hier folglich das Motiv des Verrates fehlte. Diese Tat- 
sache würde am besten zu einer jüngeren Entstehungszeit^ stimmen, 
wo man bereits Anstoß nahm an dem, was früher unbefangen 
überliefert worden war. Dann wird der Bau des Schiffes be- 
fohlen, das wiederum 5 wie ein Haus vorgestellt wird; denn es 
soll mit einem starken Dach bedeckt werden. Unter den Insassen 
der Arche werden hier ausdrücklich die „Vögel des Himmels"^ 
erwähnt, die in den anderen babylonischen Keilschrifttexten '^ nur 
stillschweigend vorausgesetzt werden , wie die Entsendung der 
Vögel zeigt ^. — 

Eine vierte Rezension stammt gleich dem Gilgames-Epos aus 
der Bibliothek Asurbanipals zu Ninive^, weicht aber in 
manchen Einzelheiten ab: 1. Der Flutheld heißt nicht Ut-napistim, 
sondern, wie es scheint, durchgängig ^o Atrahasis. Er erzählt seine 
Erlebnisse nicht selbst, da von ihm in dritter Person die Rede 



1. Vgl. 0. S. 73 Anhang 5. 

2. Die von Hilpbecht: Der neue Fund zur Sintflutgeschichte 
(Leipzig 1910) behaupteten Anklänge an den Priesterkodex sind nicht 
vorhanden, wie bereits Marti: Das neue Fragment einer Sintfluterzäh- 
lung und der Priesterkodex (ZATW XXX 1910 S. 298 ff".) in treö'ender 
Widerlegung gezeigt hat. Es läßt sich noch hinzufügen, daß grade in 
der Hauptsache die Übereinstimmung fehlt: Der Nippur-Text redet erst 
von der Flut und dann von dem Schiffsbau, der Priesterkodex (Gen. 
6, 13 — 22) umgekehrt erst von der Arche und dann von der Flut, 

3. Vgl. V. 4 „vor dem Hervorgehen des Zyklons", d. h. vor dem 
Beginn der Flut. 

4. Vgl. dazu die Bemerkungen Ungnads 0. S. 6. 

5. Vgl. 0. S. 194. In V. 8 übersetzen einige Forscher: ,, Selbiges 
Schiff" sei ein Hausschiff". 

6. „Himmel" ist hier so viel wie „Luft"; ebenso im AT. 

7. Anders bei Berossos! 

8. Wir wissen weder, wie der Flutheld heißt, noch ob er die Er- 
lebnisse selbst erzählt, können daher auch nicht entscheiden, welcher 
Rezension der Text aus Nippur am nächsten steht. 

9. Vgl. 0. S. 69 Anhang 2. 

10. Vgl. V. 11. In der Rezension des Gilgamei-Epos heißt der Hold 
nur einmal am Schluß (XI 196) Atrahasis. 



Erklärung. 18. Vergleich mit anderen Fluterzählungen. 213 

ist. Dieser Flutiuythos ist demnach selbständig gewesen und hat 
keinen Bestandteil d(^s Gilgames-Epos gebildet. 2. Ea will dem 
Atraliasis den Zeilpunkt mitteilen, wo er ins Schür gehen und die 
Tür verschließen soll, also nicht Samas; damit ist die Unebenheit^ 
ausgeglichen, die der Fassung des Epos anhaftet. 3. Unter den 
Dingen, die aufs Schiff geladen werden sollen, wird ausdrücklich 
die Gerste genannt, sogar au erster Stelle; denn die Lebensmittel 
sind die Hauptsache. Bei den Tieren des Feldes^ findet sich der 
Zusatz „soweit sie Grünes fressen"; damit sind die Raubtiere aus- 
geschlossen, die das Stillleben in der Arche nur gestört haben 
würden ^. In beiden Differenzen kommt eine nachträgliche Re- 
flexion zum Ausdruck, die für eine Entstehung dieser Rezension 
in jüngerer Zeit spricht. 4. Der wichtigste Unterschied liegt in 
der Behauptung des Helden, er habe noch nie ein Schiff gebaut, 
und in der Bitte um eine Zeichnung des Gottes*. So ist der 
Erzählung ein schönes ätiologisches Motiv neu eingefügt worden: 
Das Muster des ersten Schiffes in der Welt stammt von dem 
Gotte Ea, der es seinem „hochgescheidten" Schützling auf den 
Fels^ zeichnete. Seitdem verstehen die Menschen die Kunst des 
Schiffbaues. Ea wird nicht ohne Grund als Gott der Weisheit 
und der Handwerke gerühmt. — 

Der Bericht des Berossos, eines babylonischen Priesters 
in der Zeit Alexanders des Großen, in griechischer Sprache ge- 
schrieben^, weicht von den Keilschrifttexten in mancher Bezie- 
hung ab: 1. Die Flut hat nicht mehr irgendwann in grauer Vor- 
zeit stattgefunden, sondern ist in den Zusammenhang der baby- 
lonischen Urgeschichte eingereiht und chronologisch genau fixiert 
worden. Über die der Katastrophe vorangehende Zeit, die als 
ein vollständiger Aion mit „Anfang, Mitte und Ende" aufgefaßt 



1. V^l. 0. S. 195. 

2. Sie sollen nach v. 10 die ,,Tür hüten". Jensen verweist auf 
en deutschen Ausdruck: ,,das Haus hüten". 

3. Die Araber erzählen noch heute mancherlei nicht grade salon- 
fähige Anekdoten über die Freundschaft der Tiere in der Arche; vgl. 
u. die außerbabylonischen Kezensionen. 

4. Anders im Gilgames-Epos; vgl. o. S. 54 v. 57. 60. 

5. Bei der Zeichnung auf den Erdboden ist doch wohl an felsigen 
Untergrund, schwerlich an Sandboden gedacht. Das Motiv ist gewiß 
dem realen Leben entnommen: Der Handwerksmeister pflegte seine Mo- 
delle auf den Boden zu zeichnen. 

6. Überliefert bei Eusebios; vgl. die Übersetzung Ungnads TB I 
S. 58 f. 



214 Das Gilgames-Epos. 

wird, glaubte man Kunde zu haben aus Tontafeln, die vor der 
Flut in Sippar vergraben und nachher wieder ausgegraben worden 
seien 1. Schon die Keilschrifttexte unterscheiden die ,,Zeit vor 
der Flut" und die „Zeit nach der Flut" 2. 2. Von den Götter- 
versammlungen ist keine Rede; es fehlen folglich auch die Gegen- 
sätze unter den Göttern, die wohl schon dem späteren Empfinden 
der Babylonier anstößig waren. Vor allem ist der Verrat des 
göttlichen Geheimnisses ausgemerzt worden, da „Kronos"^ dem 
Xisuthros die Vernichtung der Menschheit „im Schlafe" offenbart. 
Die Antwort auf die Frage, wohin der Held mit seinem Schiffe 
fahren wolle, lautet hier viel feiner als im Gilgames-Epos: „Zu 
den Göttern, um für die Menschen Gutes zu erflehen". Diese 
Aussage ist keine Lüge mehr, sondern nur noch eine Ausflucht; 
denn sie entspricht den folgenden Tatsachen : Am Ende seiner 
Fahrt gelangt Xisuthros ja wirklich zu den Göttern ; fortan tritt 
er im Himmel für die Menschen ein, wie bisher hier auf Erden*. 
So ist das Pantheon zwar noch vorhanden, aber die vielen Götter 
handeln wie eine Einheit, und das sittlich Bedenkliche ist ihnen 
völlig abgestreift worden. 3. Dazu stimmt die Betonung der 
Frömmigkeit: Xisuthros ist nur wegen seiner Gottesfurcht gerettet 
worden ; er wird eben deshalb der Ehre gewürdigt, bei den Göttern 
zu wohnen. Die Zurückbleibenden werden zu derselben Tugend 
ermahnt, „wie es sich gehöre". Die Flut ist demnach eine Strafe 
für die Gottlosigkeit der Menschen gewesen, die Bewahrung des 
Xisuthros aber der Lohn für seinen Glaubensgehorsam. Die 
Klugheit des Helden wird zwar noch an der Aussendung der 
Vögel illustriert, wird indessen niemals ausdrücklich hervorge- 
hoben; die religiösen Gedanken haben die profanen überwuchert. 
4. Die Szene, in der die Vögel aufgelassen werden, ist um einen 
reizenden Zug bereichert worden. Die an zweiter Stelle ausge- 
schickten Vögel kehren mit lehmbeschmutzten Füßen zurück, ein 
Zeichen, daß die Erde eben anfängt trocken zu werden. Durch 
diese Neuerung ist die Wiederholung zugleich eine schöne Steige- 



1. Yg\. 0. S. 191 Anra. 3. 

2. Vgl. Zimmern KA.T. ö. 555. 

3. Das scheint nicht Ea zu sein, eher Enlil (oder Anu?) selbst. 
Ungnad argumentiert allerdings so: Da Kronos der Vater des Zeus und 
Ea der Vater des Marduk (^ Zeus) sei, so müsse Kronos = Ea sein. 

4. Als Fürsprecher erscheint der Held besonders in dem Mythos 
von „Ea und Atraljasis". 



Erklärung. 18. Vergleich mit niuleren Fluterzählungen. 215 

rung gowordeu, durch dio <la8 Interesse des Hörerrf noch mehr 
gefesselt wird K 5. Die Entrückung des Xisuthros erfolgt nicht 
mehr an die Mündung der Ströme oder in das Land der Seligen, 
sondern in doii Himmel^ zu den Göttern. Die Vorstellungen der 
primitiven, mythischen Topograpliie sind durch höhere ersetzt 
worden. Zu dem Helden haben sich außer seinem Weibe noch 
die Tochter* und der Steuermann^ gesellt. G. Der Berg der Landung 
ist nicht mehr der Berg Nisir in der Nähe des unteren Zab, son- 
dern ein Berg in dem weiter entfernten Armenien, genauer in der 
Landschaft Kordyeue; man identifiziert ihn gewöhnlich nach 
der muslimischen Tradition mit dem gebet yudi, südwestlich vom 
Vän-See^. Einer offenkundigen Reflexion ist die Mitteilung ent- 
sprungen, die eine göttliche Stimme den Geretteten über den Ort 
der Landung macht. Woher sonst sollten sie nach dem Unter- 
gang aller Menschen den Namen des unbekannten Gebirges er- 
fahren? Eine geologische Ortssage, die nur aus jener Gegend 
selbst stammen kann und auf einen regen Verkehr der Babylonier 
(Assyrer) mit Armenien schließen läßt, erklärt ätiologisch die 
Herkunft des dort gefundenen Asphalts^: er gilt als Überrest des 
mit Asphalt verpichten Flutschiffes und ist eben darum wunder- 
kräftig; viele Leute brachen sich ein Stück davon ab und ver- 
wenden es als Abwehr gegen Krankheiten '^. 7. Die Angehörigen 
des Xisuthros kehren nach Babylonien zurück, besiedeln es aufs 
neue, gründen Städte, bauen Häuser und pflanzen die Mensch- 
heit fort^. Leider fehlen alle Mittel, um das Alter der von Be- 



1. Wenn erzählt wird, daß Xisuthros einige von den Fugen des 
Schiffes auseinandergenommen und gesehen habe, daß er auf einem 
Berge gestrandet sei, so wird keine Luke in dem Schiff vorausgesetzt. 
Man kann fragen, warum er die Tür nicht wenigstens einen Spalt weit 
öffnet. Wahrscheinlich dachte man sich die Tür durch Asphalt ver- 
picht. Das wird zwar niemals erzählt, ist aber vielleicht in allen Ke- 
zensionen als selbstverständlich zu ergänzen; doch vgl. o. S. 54 v. 66f. 

2. Denn eine Stimme erschallt ,,aus der Luft". 

3. Vgl. 0. S. 190. 4. Vgl. 0. S. 194. 

5. Später haben die Armenier den Ber!? Masis für den Flutberg 
erklärt. Reiche Literaturangaben bei Dillmann: Genesis^ S. 147. 

6. Nach der Übersetzung von Usener: Sintflutsagen S. 15 redet 
Abydenos gar von dem Holz des Schiffes, aus dem sich die Armenier 
Amulette verfertigen. 

7. Die Ableitung der Wunderkraft des armenischen Asphalts von 
dem babylonischen Flutschiff ist gekünstelt und sekundär; ursprünglich 
diente Asphalt überhaupt als Schutzmittel, weil ihm reinigende Kraft 
zugeschrieben wird; vgl. die Belege bei Gruppe GrMuE. S. 889 Anm. 4. 

8. Vgl. 0. S. 201. 



216 Das Gilgames-Epos. 

rossos mitgeteilten Rezension festzustellen. Im allgemeinen wird 
man sie wegen der fortgeschrittenen Reflexion, wegen der erha- 
benen sittlichen und religiösen Anschauungen für die jüngste aller 
bekannten babylonischen Fassungen halten dürfen, doch hat sie 
wohl in einzelnen Fällen älteres (No. 4. 6) oder gar uraltes Gut 
(No. 7) bewahrt. — 

Außerhalb Babyloniens treffen wir Spuren der babylonischen 
Fluterzählung zunächst in dem syrischen Hierapolis^. Denn 
nach Babylonien weist 1. der Name des Fluthelden Sisythes (= 
Xisuthros) ^ und 2. seine durch nichts begründete Charakteristik 
als eines „klugen und frommen" Mannes 3, zwei Eigenschaften, 
die grade für Atrahasis bezeichnend sind. Die syrische Sage, die 
im allgemeinen stark verblaßt ist und Manches nur kurz andeutet, 
enthält doch einzelne konkrete Züge, die nicht ohne Interesse 
sind. 1. Die Frevel der Menschen, um deren willen sie ausge- 
tilgt werden sollen, werden an Beispielen illustriert: Die Verderbt- 
heit äußerte sich in der Mißachtung der heiligen Verträge, in der 
Verletzung der Gastfreundschaft u. s. w. 2. Eigentümlich ist 
ferner die Art, wie Beginn und Ende der Flut beschrieben werden : 
Ein gewaltiger Regen fällt vom Himmel hernieder, und die Erde 
sprudelt Wasser; die Flüsse schwellen an, und das Meer steigt 
empor. Schließlich entsteht ein großer Spalt und verschlingt die 
Wasser der Flut. Auf diese Schilderung scheinen Erfahrungen 
eingewirkt zu haben, wie man sie beim Erdbeben machen kann : 
da öffnen sich bisweilen die Quellen der Tiefe ^, Seen bilden sich 
und verschwinden wieder 0. 3. In einen großen „Kasten"^, den 



1. Lukian: De Dea Syria c. 12f. 

2. So liest man nach dem Verbesserungsvorschlage Buttmanns; 
vgl. Usener: Sintüutsagen S. 48 Anra. 1. Der Held heißt zwar auch 
Deukalion, aber wenn man von diesem Namen absieht, ist die syrische 
Sage unverkennbar babylonisch. „Die hellenistische Farbe liegt sehr 
oben auf, sie geht eigentlich nicht über den Namen Deukalion hinaus" 
(Usener S. 47). 

3. tvßovXl^g TB xal jov tvaißiog tivexce. 

4. Diese Vorstellung ist auch im Babylonischen nachweisbar (vgl. 
Jensen: Kosmologie S. 252), hängt aber dort nicht mit dem Erdbeben, 
sondern mit dem Grundwasser überhaupt zusammen, das auch bei Über- 
schwemmungen emporquillt. 

5. Da die Gegend am Maiander wegen ihrer vielen Erdbeben be- 
rüchtigt war (Strabon XII 8 S. 578), in deren Gefolge bisweilen Seen 
entstanden, so ist es begreiflich, daß die Flutsage in Phrygien weit ver- 
breitet war; vgl. Usener: Sintflutsageu S. 48 ff". Ob sie einheimischen 
l'rsprungs ist oder aus Babylonien stamjnt, wenngleich später mit jüdi- 



Erklärung. 18. Vcrglcrioh mit jinderen Flutorzählungen. 217 

der Held sclion besaß, stieg er selbst mit seinen Kindern und 
Weibern. Außerdem kiimen Schweine, Pferde, Arten von Löwen, 
Schlaugen und was sonst auf der Erde lebt, paarweise heran; er 
nahm sie alle auf, keines lohnte ilim mit Undank, sondern eine 
große gottgewirkte Freundschaft herrschte unter ihnen ^ Wenn 
die Tiergattungen nach der Flut fortgepflanzt werden sollten, 
mußte auch von den Raubtieren je ein Männchen und ein Weibchen 
gerettet werden. Der gemeinsame Aufenthalt in der Arche konnte 
dann nur durch das Wundermotiv der Freundschaft erklärt werden. 
4. Über dem Schlund, in dem sich die Wasser verlaufen haben^ 
baut Sisythes das Heiligtum der syrischen Göttin von Hierapolis. 
So ist der babylonische Flutmythos den neuen Verhältnissen an- 
gepaßt und wiederum als Ortssage verankert worden. — 

Vergleicht man die babylonische mit der israelitischen 
Fluterzählung, so ist bei ihrer weitgehenden Übereinstimmung 
ein historischer Zusammenhang nicht zweifelhaft 2. Denn beiden 
liegt der gleiche Aufbau zu Grunde: Ankündigung der Flut durch 
die Gottheit, Bau der Arche, Steigen der Wasser, Festsitzen des 
Schiffes auf einem Berge, Aussendung der Vögel, Opfer nach der 
Landung, Besänftigung der Gottheit, Darunter finden sich frap- 
pant übereinstimmende Einzelheiten, die sich keineswegs von selbst 
verstehen, wie das Riechen des Opferduftes oder wie die dreimal 
wiederholte Auflassung eines Vogels zu demselben Zweck. Die 
im hebräischen Text unmotivierte ^ Erwähnung des Raben läßt 
sich genau so wie die eigenartige Verbindung von Klugheit und 
Frömmigkeit beim Fluthelden nur aus der babylonischen Vorlage 
erklären und beweist zwingend die (freilich auch ohnedies* wahr- 
scheinliche) Abhängigkeit der israelitischen Sage von dem baby- 

schen Zutaten versehen, läßt sich nicht entscheiden; vgl, Gu]st5:el: Ge- 
nesis^ S. 74 (dort weitere Literatur). 6, XÜQva'^. 

1. Dieser Gedanke der Freundschaft hat auch in der phönikischen 
Flutsage eine Rolle gespielt, die wir nur aus Darstellungen der Arche 
kennen: ihre Bevölkerung scheint dort allerdings wie in dera babyloni- 
schen Flutmythos auf Haustiere beschränkt zu sein; vgl. Usener: Sint- 
üutsagen S, 248 fif. 

2. V^l. besonders Gunkel: Genesis^ S, 67 fif. 

3. Ebd. S, 64. 

4 Die Flutsage kann unmöglich in Kanaan entstanden sein, weil 
man dort bei der geographisch-physikalischen Natur des Landes über- 
haupt keine derartigen Überschwemmungen erlebt. Überdies weist der 
Berg der Landung darauf, daß die Sage ursprünglich in viel größerer 
Nähe Armeniens heimisch gewesen sein muß. 



218 Das Gilgames-Epos. 

Ionischen Mythos. Trotzdem sind mancherlei Abweichungen vor- 
handen, die lehren, daß es sich nicht um eine bloße Kopie des 
babylonischen Originals, sondern um eine Umprägung in israeli- 
tischem Geiste handelt. 

Am augenfälligsten ist die monotheistische Umarbei- 
tung: An die Stelle der vielen Götter ist der eine Gott Jahve 
getreten. Daher fehlen die beiden Götterversammlungen mit ihren 
Reden, ferner die grotesken Bilder, die das Wüten dieser und die 
Angst jener Götter während der Katastrophe malen, und endlich 
der Verrat der himmlischen Geheimnisse. Die Mannigfaltigkeit 
der Göttergestalten ist monotoner Einförmigkeit gewichen; denn 
der Babylonier hat für jede Handlung fast einen besonderen Gott: 
Der weise Ea schützt den klugen Ut-napistim ; als Gott der Hand- 
werke unterrichtet er ihn im Schiffsbau, Enlil, der Gott der Erde, 
der über sie nach seinem Belieben verfügen kann, ist der geistige 
Urheber der Flut. Das Unwetter verursacht Rammän, der Gott 
der Stürme und des Gewitters. Das Mitleid regt sich zuerst bei 
Istar, der Menschen mutter; die Angst um ihre Kinder zwingt ihr 
den Schwur auf die Lippen, die Tage der Katastrophe nie wieder 
vergessen zu wollen. Alle diese Götter und ihre Funktionen ver- 
einigt Jahve in einer Person: er benachrichtigt den Noah, be- 
schreibt das Schiff, veranlaßt die Flut und schwört, daß er fortan 
den Erdboden nicht wieder verfluchen wolle. Durch diese Kon- 
zentration sind einige kleine Unebenheiten entstanden, die aller- 
dings kaum dem geschärften Auge erkennbar sind: Als Jahve 
den lieblichen Duft des Opfers riecht, ist sein Zorn sofort vorbei, 
obwohl er eben die Flut herbeigeführt und alle Menschen ver- 
nichtet hat; psychologisch richtiger erzählt der babylonische Dichter, 
daß Enlil trotz des Opfers nicht besänftigt ist und sich erst 
durch das Zureden Eas beruhigen läßt. Noch unbegreiflicher ist 
der plötzliche Entschluß Jahves, keine Flut wieder senden zu 
wollen. Wenn Istar jenen Schwur ablegt, so treibt sie die Mutter- 
liebe, die sich an das Kind klammert und es nicht preisgeben 
will, auch wo es diese Liebe nicht mehr verdient. Dies Motiv 
konnte der israelitische Erzähler nicht auf Jahve übertragen; er 
leitet daher dessen Versprechen aus resignierter Großmut ab, die 
sich mit der Sünde der Menschen abfindet und Gnade gewährt, 
wo sie strafen müßte: „Das Dichten des menschlichen Herzens 
ist doch böse von Jugend auf'. Vielleicht war diese Begründung 



Erklärung. 18. Vergleich mit anderen Fluterzählungen. 219 

einmal sehr viel einleuehu^nder, fnlls vermutet werden darf, daß 
man auch in Israel, ähnlich dem Mythos von „Ea und Atrahasis" 
von verschiedenen, der Sintflut vorangeschickten Plagen erzähltet 
Dann hätte Jahve wirklich aus eigener Erfahrung gelernt, wie 
unverbesserlich die Menschen sind, da doch alle Strafen nichts 
gefruchtet haben. So ist die satte Farbenpracht des babyloni- 
schen Mythos in der israelitischen Sage verblaßt. So sehr ?nan 
gewiß die religiöse Kraft bewundern muß, aus der diese Umfor- 
mung mit gebieterischer Notwendigkeit entsprungen ist, noch er- 
staunlicher fast ist das künstlerische Genie, mit der die Um- 
prägung vollzogen wurde. Denn trotz der starken Überarbeitung 
hat die Erzählung alle wesentlichen Züge der Vorlage bewahrt, 
ohne daß offensichtliche Brüche klaffen. Die grotesken Züge sind 
freilich ausgemerzt worden, und die Dichtung ist zur Prosa herab- 
gesunken; trotzdem fehlt es der israelitischen Sage oicht an 
ästhetischen Reizen. Die religiösen und sittlichen Gedanken, die 
Jahves Gerechtigkeit und Gnade veranschaulichen und seine Er- 
habenheit dartun, stehen zwar im Vordergrund; indessen findet 
sich noch jetzt eine Reihe von Anthropomorphismen, die den 
köstlichen Schmelz primitiver Erzählungen bilden und die gewiß 
einst noch zahlreicher waren als jetzt: Jahve empfindet Reue, die 
Menschen geschaffen zu haben; er verflucht die Erde, um die 
Flut herbeizuzwingen 2 ; er schließt eigenhändig die Tür der Arche 
zu, wahrscheinlich um sie von außen zu verpichen 3; er riecht den 
lieblichen Opferduft und läßt sich dadurch umstimmen ; er stellt 
nach der Flut den (Regen)-Bogen in die Wolken, von dem er 
vorher wohl seine blitzenden Pfeile geschossen hat*. 



1. Ein sicherer Beweis läßt sich allerdings nicht beibringen. Doch 
ist der Eingang der Erzählung so auffällig, daß man eine Verstümme- 
lung postulieren darf. Während sonst die Behauptungen an Beispielen 
illustriert werden, fehlt jede Yeranschaulichung für die Verderbtbeit 
der Menschen. Die Ehe der Menschentöchter mit den Engeln hat 
natürlich mit der Sintflut nichts zu tun, da es sich um zwei verschiedene 
Geschichten handelt, 

2. Vgl. Gen. 8, 21. 

3. Denn sonst hätte sich Noah allein helfen können; überdies war 
die Verpichung der Tür besonders deshalb notwendig, weil sie sich an 
der Seite befand! Vgl. auch 0. S. 215 Anm. 1. 

4. Vgl. Guxkel: Genesis 3 S. 150 f. Dieser Zug ist alt, obwohl erst 
im Priesterkodex überliefert. Auf die Unterschiede der beiden israeli- 
tischen Rezensionen im Jabvisten und Priesterkodex brauche ich nicht 
näher einzugehen, da sie zur Genüge herausgestellt worden sind; vgl. 
die Kommentare zur Genesis. 



220 Das Gilgames-Epos. 

Für das Alter der israelitischen Rezension ist die Be- 
zeichnung der Arche als eines „Kastens" oder einer ,, Truhe" be- 
achtenswert, während alle uns überlieferten babylonischen Flut- 
dichtuugen von einem „Schiffe" reden. Trotzdem ist die Abhän- 
gigkeit der israelitischen Erzählung von der babylonischen Vor- 
lage mit Händen zu greifen, da das Fahrzeug hier wie dort in 
gleicher Weise einem Hause ähnlich ist: Die Arche ist in drei 
Stockwerke geteilt, die in lauter Kammern zerfallen ; sie hat 
ferner oben ein Dach und gar eine Tür an der Seite ^. In dieser 
Vorstellung des Kastens, der für eine Rettung völlig ausreichend 
war, hat wohl die israelitische Fassung uraltes Gut bewahrt; denn 
man versteht, daß der „Kasten" später durch ein „Schiff" ersetzt 
wurde, während die umgekehrte Entwicklung nicht wahrscheinlich 
ist. Der babylonische Flutmythos muß demnach zu den Israeliten 
schon in einer sehr frühen Zeit gekommen sein, wo man noch 
von einem Kasten erzählte. Diese Beobachtung wird durch die 
eben erwähnten Anthropomorphismen bestätigt, die sich auch 
„innerhalb des Alten Testamentes durch ein besonders hohes Alter 
auszeichnen" 2. Einen genauen Termin anzugeben, ist unmöglich; 
doch macht die Annahme keine Schwierigkeit, daß der babyloni- 
sche Flutmythos schon im zweiten Jahrtausend auf schriftlichem ^ 
Wege nach Kanaan wanderte und von den Kanaanitern den 
Israeliten übermittelt wurde*. 

In allen übrigen Punkten dagegen ist die israelitische Sage, 
soweit man erkennen kann, jünger als die babylonischen Rezen- 
sionen. In Babylonien treten Stürme auf, die das Wasser der Flüsse 
dem Gefälle entgegen von Süden nach Norden treiben, in Palä- 
stina nicht; daher ist von dem Orkan, der die Flut verursacht, 



1. Eine Tür an der Seite ist, wenn sie auch verpicht worden ist, 
bei einem Schiff" sehr sonderbar; sie mußte wohl deshalb an der Seite 
angebracht sein, weil dann Tiere und Menschen besser in die Arche 
steigen konnten. 

2. Gunkel: Genesis-^ S. 73. Dort weitere Gründe. 

3. Eine Wanderung- durch mündliche Fortpflanzung ist zwar nicht 
unbedingt auszuschließen; sie ist aber deswegen unwahrscheinlich, weil 
sich einzelne Partieen der israelitischen Sage gar zu nahe mit der baby- 
lonischen Vorlage berühren ; besonders die Aussendung der Vögel und 
das Kiechen des Opferduftes. Die beiden (rhythmisch erhaltenen) Verse 
Gen. 7, 11; 8, 2 erinnern sehr stark an einzelne Stellen des Mythos von 
„Ea und Atrahasis"; dort f(!hlt aber leider der Teil, der von der Sint- 
ilut selbst handelt, sodaß sich kein sicherer Beweis liefern läßt. 

4. So ist in dem ägyptischen Arcliiv von Toll Amarna ein Brucli- 
stück des babylonischen Adapamythos gefunden worden (15. Jahrhundert)! 



Erklärung. IS. Vergleicli mit andcnMi Fluterzählungen. 221 

im Alten Testamente keine Rede. Wohl aber muß Jahve einen 
AVind schicken, damit die Wasser wieder sinken; das ist do.r in 
Palästina gefürchtete Schirokko, der alle Wasser hinwegfegt und 
die Erde trocken macht. Noch beachtenswerter ist die Verschie- 
denheit der Überlieferung über die Dauer der Flut: Während 
in dem Mythos des Gilgames-Epos die Wasser sieben Tage steigen 
und sieben Tage fallen', strömt der Regen nach dem Jahvisten 
vierzig Tage und Nächte; dann verläuft sich das Wasser, wie es 
scheint, in zwanzig Tagen ^. Der Priesterkodex dagegen rechnet 
genau ein Jahr: fünf Monate für das Anschwellen, fünf Monate 
für das Sinken und zwei Monate für das Trockenwerden 3. Die 
Zeitdauer wird demnach immer länger, je später die Quellen- 
schriften sind; das ist begreiflich, weil die Phantasie der Erzähler 
immer mehr den realen Tatsachen gerecht wird. Bis die höchsten 
Berge vom Wasser bedeckt und alle Menschen ertrunken sind, 
muß es, so meint der jüngste „Rationalist", schon fünf Monate 
regnen, während sich der älteste Dichter mit sieben Tagen be- 
gnügt. 

Diese Beobachtungen sind für die Entstehungsgeschichte 
des Flutmythos von besonderem Werte. Die Nachrichten von 
der großen Katastrophe werden um so wunderbarer und mythi- 
scher, je mehr man sich dem Ursprungslande und den ältesten 
Fassungen dieser Erzählung nähert. Der Sagenforscher muß 
darum jeden Versuch, ein bestimmtes historisches Ereignis als die 
Grundlage des Mythos ausfindig zu machen, von vornherein ab- 
lehnen. Die naturwissenschaftlichen Hypothesen^ rechnen mit 



1. Die Aussendung der Vögel muß nach dem Wortlaut von XI 146 
am siebenten Tag^e, vielleicht morgens, mittags und abends, stattge- 
funden haben. Das würde auch in entsprechendem Verhältnis zu den 
anderen Daten stehen. Berossos gibt keine Zahlen für die Dauer der 
Flut an; aus ihm kann man nur entnehmen, daß einige Tage zwischen 
der jedesmaligen Auflassung der Vögel vergehen. Folglich muß die 
ganze Flut entsprechend länger gedauert haben als in dem Gilgames- 
Epos. 

2. Das darf gefolgert werden aus der dreimaligen Entsendung der 
Vögel, die in je 7 Tagen Abstand nach dem Festsitzen erfolgt (vgl. 
Gen. 8, 10. 12); am 21. Tage ist demnach die Erde trocken geworden. 
Diese Siebenzahl, die in der Flutrezension des Gilgames-Epos eine große 
Eolle spielt, kann allerdings einer älteren Tradition entstammen und 
verträgt sich nicht ganz mit der Zahl 40. 

3. Vgl. Gunkel: Genesis ^ S. 146. 

4. Ebenda S. 76. 



222 Das Gilgames-Epos. 

Zeiten, die weit hinter jeder menschlichen Erinnerung liegen \ 
und bedenken nicht, daß die babylonischen Dichtungen weder 
von Erdbeben noch von irgend welchen tektonischen Verände- 
rungen des Landes oder der Küste wissen. Ursprünglich 2 ist 
wohl ein Lokalmythos anzunehmen, der an die Ruinen Surippaks 
anknüpfend die Vernichtung dieser Stadt durch eine gewaltige Flut 
erzählte. Da aber Surippak nach dem Befund der Ausgrabungen 
durch einen Brand ^ zerstört worden ist, so ist das Flutmotiv in 
unhistorischer Weise verwendet worden, um den Untergang der 
Ortschaft zu erklären. Das konnte geschehen, weil man wußte, 
daß durch Überschwemmungen bisweilen ganze Städte hinwegge- 
rafft werdend So ist die Entstehung des Flutmythos in Baby- 
lonien völlig begreiflich. Mit dem lokalen Ausgangspunkt von 
Surippak ist der absolute Anfang der Erzählung gegeben, über 
den hinauszugehen kein Anlaß vorliegt. 

Auch die Verwandlung des lokalen Mythos in einen 
universalen läßt sich unter primitiven Verhältnissen wohl ver- 
stehen. Wie leicht wird noch heute bei undisziplinierter Phan- 
tasie ein Ereignis von örtlicher Bedeutung zu einem welthistori- 
schen gemacht ! Je weniger aber eine klare Anschauung von der 
Größe der „Welt" vorhanden ist, um so schneller benutzt man 
diesen Begriff. Daher stammt die phantastische Vergrößerung, 
die für die Sagen und Mythen ebenso typisch ist wie für die 
Märchen. Für Kinder und Leute, die primitiv denken, ist die 
Welt da zu Ende, wo ihr Horizont aufhört. Nachdem Gilgames 
eine gute Weile gewandert ist, ist er am Rande der Erde ange- 
langt. Als auf Elias Wort eine Dürre in Israel eintrat, da fiel 



1. Die menschliche Erinnerung reicht über das vierte Jahrtausend 
vor Christo nicht hinaus. 

2. Schwerlich ist die umgekehrte Auffassung möglich, daß am An- 
fang eine universale Fluterzählung zu postulieren ist, die später auf 
Surippak beschränkt wurde. Wenn deutlich von einer Weltkatastrophe 
die Rede war, genauere Angaben aber fehlten, dann konnte man nicht 
auf einer späteren Stufe Surippak als einzige Illustration hinzufügen! 
Die Lokalisierung der Flutsage in Hierapolis beruht auf einem ganz 
anderen Vorgange: Die Erzähler wiesen mit Stolz darauf hin, daß sicli 
dort in dem Spalt, den jedermann kannte, die Wasser der berühmten 
Flut verlaufen hätten; sie behaupteten aber nicht, daß nur Hierapolis 
zerstört worden sei. 

3. Vgl. 0. S. 190 f. 201. 

4. Wundt: Völkerpsychologie II 3 S. 454 erinnert mit Recht an 
das verwandte amerikanische Motiv dos Sintbrandes, das bei Völkern 
bcgreiüich ist, welche die verheerende Wirkung der Präriebrände kennen. 



Erklärung. 18. Vergleich mit anderen Fluterzühlungen. 223 

überhaupt kein Regen auf Erden *; und als Elia verschwunden 
war, da suchte num ihn bei allen Völkern in der Welt und ließ 
sie einen Eid schwören, daß sie ihn nicht gesehen hätten^. So 
erklärt sich auch die SintHut als eine uaiv-hyj)erb()lische Über- 
treibung: Damals als Suri})j)ak zerstört wurde, ging die ganze 
Welt zu (irunde, und alle Menschen ertranken. Allmählich er- 
wacht die Reflexion und fragt, woher die vielen Wasser gekommen 
sind, die das Land bis zu den höchsten Bergspitzen bedeckten. 
Da scheint neben der Überschwemmung der Flüsse schon früh^ 
der Regen und das Wasser der Tiefe eine Rolle gespielt zu haben. 
Es handelt sich um zwei naturmythologische Vorstellungen, die 
auch außerhalb Babyloniens verbreitet waren: Der Regen stammt 
aus dem ,, himmlischen Ozean"; der Himmel selbst ist ein ge- 
waltiger Wasserbehälter, und wenn die „Fenster des Himmels', 
sieben Tage ununterbrochen geöffnet sind, dann muß die ganze 
Erde überflutet sein 4. Daneben kannte man ^ den „unterirdischen 
Ozean", auf dem die Erde schwimmt und aus dessen Schöße die 
Ströme entspringen; wüe hoch muß die Flut steigen, wenn auch 
die Quellen der Tiefe ihr Wasser hervorsprudeln! Erst sehr viel 
später 6 hat man die Flut als eine Art Chaos beschrieben und 
als Abschluß einer Weltperiode aufgefaßt. Dagegen scheinen 
nirgendwo astralmythologische Ideen eingewirkt zu haben ^. 



1. Vgl. I Kön. 17, 7. 2. I Kön. 18, lOff. 

3. Vgl. den Mythos von „Ea und Atrahasis". 

4. Vgl. Gunkel: Genesis^ S. 106. 

5. Aus Erfahrungen, die man mit dem Grundwasser in Babylonien 
machte. Gunkel hat mit Eecht darauf hingewiesen, daß diese Er- 
fahrungen in Palästina unmöglich waren und daß folglich die Idee des 
unterirdischen Ozeans entlehnt sei; vgl. o. S. 216 Anm. 4. 

6. Zuerst nachweisbar bei Berossos und im Priesterkodex, wo die 
geschichtlichen Spekulationen der Weltperioden einwirken. 

7. Die Gründe, die man dafür beigebracht hat, sind nicht stich- 
haltig; vgl. die Literatur bei Gunkel: Genesis^ S. 77 und außerdem 
Wundt: Völkerpsychologie II 3 S. 455 ff. Unter allen Hypothesen ist 
die Useners am bestechendsten: Er hält den Aufgang des Lichtgottes 
für den mythologischen Urkeim der Eluterzählung und meint, daß ein 
Sinneneindruck mitgewirkt habe, da eine Flutwelle den Sonnenball wie 
mit einem Kucke emporzuheben scheint (Sintflutsagen S. 236). Selbst 
w^enn man eine Übertragung des Truhenmotivs auf die Epiphanie des 
Lichtgottes zugibt, darf man doch behaupten, daß die Fluterzählung 
nichts damit zu tun hat. Die semitischen Eezensionen widersprechen 
jedenfalls der von Usener vertretenen Theorie in zwei wesentlichen 
Punkten : 1. Die babylonische und die israelitische Fassung erzählen 
ausdrücklich, daß der Held den Kasten zuschließt; er sitzt demnach im 
Dunkel des Innern. Im Gilgames-Epos wird noch hinzugefügt, daß erst 



224 Das Gilgames-Epos. 

Die weitere Entwicklung des Flutmythos läßt sich, so- 
weit man sie aus den bisherigen Texten überschauen kann, dahin 
zusammenfassen, daß auf babylonischem Boden allmählich, schneller 
und gründlicher aber in Palästina, das mythische Kolorit verblaßt. 
Die Vorstellungen von der Gottheit werden immer erhabener. Das 
Pantheon wird vereinfacht, sodaß die Gegensätze innerhalb der 
Götterwelt verschwinden. Was sittlich bedenklich ist, wird ge- 
mildert oder ganz ausgemerzt. Auf der anderen Seite schwillt 
die Zahl der Geretteten an. Beim Haupthelden wird die profane 
Eigenschaft der Klugheit in den Hintergrund, die religiöse Tugend 
der Frömmigkeit in den Vordergrund gedrängt. Die Handlung 
bleibt im Wesentlichen dieselbe, doch wächst im Laufe der Zeit 
die Reflexion, sodaß die Erzählung an innerer Wahrscheinlichkeit 
gewinnt. Schließlich wird sie in den geschichtlichen Zusammen- 
hang des Gesamtgeschehens eingereiht und mit den anderen Sagen 
der Urzeit zu einer chronologischen Einheit verbunden. Der geo- 
graphische Weg, den der Mythos zurückgelegt hat, läßt sich von 
Eridu über Uruk und Sippar bis zum syrischen Hierapolis ver- 
folgen. Dort spaltet sich die Karawanenstraße. Eine Tradition 
der Erzählung ist nach Nordwesten abgezweigt und findet sich 
später in Phrygien wieder, eine andere aber ist südwestlich über 



Licht auf sein Antlitz fällt, als er die Luke uach der Flut öffnet (XI 136). 
Wäre also Ut-napiätim als Sonnengott (oder Mondgott) gedacht, so würde 
das Licht solange verschwunden sein, als er sich im Schiffe befindet. 
Grade umgekehrt ist es dagegen da, wo die Idee der Hiramelsbarken 
vorliegt: da strahlt das Licht nur, solange der Lichtgott im Schiffe 
weilt! 2. Stellt man sich plastisch vor, wie das Lichtschiflf von der 
Flutwelle emporgehoben wird, dann begreift man nicht, warum es, auf 
der höchsten Spitze angelangt, plötzlich sitzen bleibt. Das Naturge- 
mäße wäre doch, daß es mit den fallenden Wassern wieder abwärts 
sänke und auf dem entgegengesetzten Ende der Welt landete. — Gegen 
die astrale ,, Deutung-' überhaupt wendet Gunkel mit Kecht ein, „daß 
sich das Hauptmotiv der Sage, die Vernichtung der Menschen durch 
eine Wasserflut, gegen jede Versetzung der Erzählung an den Himmel 
sträubt" ; jene Erklärung ist vollends ausgeschlossen, wenn die univer- 
sale Katastrophe erst aus einer lokalen erwachsen ist. Man hat noch 
andere mythologische Spuren finden wollen: So soll Ut-napistim viel- 
leicht ein depotenzierter Gott sein (Zimmern KAT. S. 555); aber der 
Grund, daß er am Schluß der Flut zu, den Göttern entrückt wird, ge- 
nügt nicht. Wer hierauf Gewicht legt, dem könnte man die ausdrück- 
liche Versicherung entgegenhalten, daß Ut-napiötim „vormals ein Mensch" 
war. Ebenso wenig mythologisch wie der Lehm, den die Vögel des Be- 
rosßos beim zweiten Male mitbringen, ist der Ölzweig, den die Taube 
des Jahvisten im Schnabel trägt (gegen Gunkel: Genesis^ S. 65 u. A.). 



Erklärung. 10. Die Totenbeschwörung. 225 

Phönikien zu den Kanaanitern und iHrueliten gewandert, wo sie 
eine eigene Geschichte erlebt hat'. 

19. Die Toteiibesclnvöruii?;. Die Vermutung, daß Gil- 
game§ gestorben sei, sobald er wieder nach Uruk gelangt war, 
widerspricht dem überlieferten Text; denn die zwölfte Tafel ent- 
hält noch eine Toten beachwörung. Den Zusammenhang mit 
dem vorangehenden Epos hat Jensen* treffend zum Aus- 
druck gebracht: ,,Gilgames hat seinen Frieden nicht gc^funden. 
Seine Reise ist zwecklos gewesen. Das Leben hat er nicht er- 
langt, das er finden wollte. Er weiß jetzt sicherer als je, daß er, 
wie alle, dem Tode nicht entrinnen wird, und der Gedanke an 
ihn erfüllt nach wie vor seine Seele. Und wohl kaum in seine 
Stadt zurückgekehrt von der heroischen Wanderung und Fahrt 
zu dem göttlichen Manne, von dem er alles erhoffte und nichts 
erhielt, erkühnt sich der Übermensch zu einem neuen ungeheuren 
Wunsche, den bisher kein Sterblicher aussprach, ja nur fassen 
konnte: Sein gestorbener Freund soll ihm erscheinen und ihm 
Kunde von der Erde geben, der er verfallen ist! Es will aus 
dem Munde des Toten erfahren, was kein Mensch vor ihm erfuhr: 
was er dort unten zu gewärtigen habe!" 

Der Aufbau der zwölften Tafel, die verhältnismäßig gut 
überliefert ist, läßt sich deutlich erkennen. Das Stück ist in drei 
Teile gegliedert: der erste^ erzählt von dem erfolglosen, der zweite* 
von dem erfolgreichen Versuch, den Toten zu beschwören; der 
dritte^ berichtet das Gespräch zwischen Gilgames und Engidu. 

Die Analyse des ersten Teils zeigt, daß er in zwei Szenen 
zerfällt. In der ersten Szene hat sich Gilgames, wie es scheint ß, 
an die Göttin Ninsun gewandt, um von ihr zu erfahren, wie er 
den Geist Engidus aus der Unterwelt heraufführen könne ''. Eine 



1. Ob die Flaterzählung auf der einen Seite weiter nach Westen 
zu den Griechen und auf der anderen Seite weiter nach Osten zu den 
Indern gewandert ist, läßt sich kaum entscheiden. Zwingende Gründe 
sind, soweit ich zu urteilen vermag, gegen die Selbständigkeit der grie- 
chischen und indischen Flutsagen nicht beizubringen. Sie müssen daher 
als einheimisch gelten. 2. GE. S. 50 f. 

3. V. 1—59. 4. V. 60-89. 5. v. 90-158. 

6. Vgl. V. 59. Schwerlich darf man hier „Magd der Ninsun" er- 
gänzen und an Risat-Ninlil , die Mutter des Gilgames, denken, da En- 
gidu nicht gut als ihr ,, Knecht" bezeichnet werden könnte. Dieser Aus- 
druck weist vielmehr auf die Göttin selbst hin; vgl. Ungnad o. S. 78 
unter ,,Nin-sun". 

7. Die Ergänzung von v. 12, auf deren Unsicherheit Ungnad auf- 

Forschangen 14 : Gilg.-Epos. 15 



226 Das Gilgames-Epos. 

Fülle von Verhaltungsmaßregeln werden dem Könige erteilt und 
illustrieren schon im voraus die Schwierigkeit seines Unternehmens. 
Wird er im stände sein, danach zu handeln? Zwei Gefahren 
drohen, seinen Plan zum Scheitern zu bringen : Werden die Seelen 
allzu sehr angelockt, so ist es unmöglich, ihre Scharen abzuwehren 
und den Geist Engidus herauszufinden. Werden aber die Seelen 
allzu sehr verscheucht, so wird auch Engidu nicht nahen. Daher 
darf sich Gilgames mit gutem Öl nicht salben, da die Totengeister 
nach dem lange entbehrten Gerüche lechzen und sich wie die 
Lebenden daran erfreuen würden. Einen Bogen darf er nicht 
bei sich haben oder ihn gar auf die Erde setzen, da sonst die 
vom Bogen Getöteten ihn umringen würden; sie hassen das Ge- 
schoß, das sie in die Unterwelt gebracht hat, und werden ver- 
suchen, seinem Träger zu schaden. Das Szepter, das Zeichen der 
königlichen Macht, würde die Schatten erschrecken. Schuhe darf 
er nicht anziehen, das leiseste Geräusch muß er vermeiden; denn 
jeder Schall vertreibt die feinen, scheuen Seelen i. Ein reines 
Hemd darf er nicht anlegen. So ist es schon am besten, wenn 
er völlig nackt erscheint, dem Toten möglichst ähnlich 2; dann 
halten sie ihn am Ende für einen der Ihren und lassen ihn un- 
behelligt. Die äußere Nacktheit läßt sich wohl erreichen, aber 
Gilgames soll auch gewissermaßen seelisch nackt sein, von allen 
Leidenschaften entblößt, die den Lebendigen vor dem Toten aus- 
zeichnen. Er darf das liebe Weib, den lieben Sohn nicht küssen, 
das unliebe Weib, den unlieben Sohn nicht schlagen ; sonst bringt 
er die Aufregung mit und stört die ewige Ruhe des Totenreiches, 
sonst weckt er längst vergessene Erinnerungen und ruft den 
Schatten die Freuden des Lebens ins Gedächtnis, daß sie des 
Jammers der Unterwelt eingedenk werden. Dann muß die Herrin 
der Erde einschreiten und den Geistern wehren, emporzusteigen. 
Denn die Mutter Ninazu's, die selbst nackt ist und ewiger Ruhe 
pflegt, kann nicht dulden, daß die ehernen Gesetze der Unterwelt 
gebrochen werden. 



nierksam macht, scheint mir unniöj^lich zu sein, da sie im Widerspruch 
mit V. 55 steht. Als Ort d(!r Handlung- ist weder die Unterwelt noch 
ein Tempel (wie Jensen KB VI 8. 524 vermutet) anzunehmen, sondern 
ein Loch, das (lilf^-ameä in die Erde gräbt; vgl. v. 84 ö". 

1. Vgl. Erwin Rohde: Psyche' l S. 56 Anm. 2. 

2. Die Nacktheit des Totem wird als breit ausf^^esponnenes Motiv 
in dem Mythos von „Istars Höllenfahrt" benutzt; v^i. TB 1 S. 65 if. 



Erklärung. 19. Die Toten be.schwörung. 227 

Die zweite Szene des ersten Teils erzählt, wie man er- 
wartet, (laß der Versuch des Königs inißglüekt. Wer weiß, welche 
Vorschrift er verletzt hat^? Genug, es ist auch dem Zweidrittel- 
gott nicht gelungen, den Toten zu beschwören. Die Mutter Niu- 
azu's hindert^ Engidu, aus der P>de emporzusteigen. Sie hält ihn 
gepackt und läßt ihn nicht los. Hätte ihn lebend die Pest^ oder 
eine andere Krankheit befallen , hätte ihn einer von den scho- 
nungslosen Seuchendämoneu Nergals ergriffen, so könnte man 
immer noch auf Überwindung hoffen. Und läge er schon tot auf 
der Walstatt, man sähe ihn doch, könnte ihn anfassen, rütteln 
und fragen, auch wenn man keine Antwort bekäme. Aber nun 
weilt er im Bereich der grausen, unerbittlichen Unterwelt, aus der 
ihn keine Macht der Erde befreien kann. Wenn sie ihn nicht 
gutwillig herausgibt, so ist alle Totenbeschwöruug umsonst*. 

Da Gilgames mit eigener Kraft nichts erreichen kann, so 
wendet er sich im zweiten Teile an die großen Götter und 
sucht sie durch die Schilderung seiner Not zum Eingreifen zu 
bewegen. Er erinnert zunächst daran, daß auch ihn eines Tages 
ein „Netz" oder ein „Fallstrick" zu Boden reißen werde ^ d. h. 
daß auch er eines Tages sterben müsse. Dann verweist er auf 
seinen Freund Engidu, den die Unterwelt bereits gepackt hält 
und den hinaufzuführen die Mutter Nin-azu's sich geweigert hat^. 



1. Die Vermutung Jensens GE. S. 52 Anm. 2 trifft, wie mir seheint, 
das Kichtige: v. 41 — 50 (schwerlich noch v. 51) sind als Fragen aufzu- 
fassen. Denn man kann nicht annehmen, daß Gilgames alle Vorschriften 
übertreten hat. Er hat nur eine Satzung verletzt, aber der Dichter 
weiß nicht welche. 

2. So ergänze ich v, 55. 

3. Vgl. V. 56 Namtar und dazu o. S. 78 

4. Die Verse 56—58 (und Parallelen) geben so in dem Zusammen- 
hange einen guten Sinn. Die Auffassung Jensens GE. S. 52 scheint 
mir unmöglich: ,, Gegen die Gesetze des Totenreiches, so scheint Gil- 
games zu meinen, ist sein Freund von der Erde hinweggerafft worden, 
und darum, so scheint er zu hoffen, müsse sie gezwungen werden 
können, ihre Beute wieder fahren zu lassen". Aber hier kann von dem 
Tode Engidus deshalb nicht gut die Eede sein, weil damals wirklich 
eine Krankheit vorlag, was hier geleugnet würde. Diese Worte können 
sich darum nicht auf Vergangenes, sondern nur auf Gegenwärtiges 
beziehen. 

5. Vgl. V. 61 f. (und Parallelen). Das von Ungnad perfektisch über- 
setzte Verlium ist wohl als Futurum exactum zu verstehen, falls man 
nicht direkt das Futurum wiedergeben darf. Das von Jensen in seiner 
Übersetzung (KB VI S. 261 f.) angedeutete syntaktische Verhältnis der 
Sätze ergibt keinen erkennbaren Sinn. 

6. So ist wohl V. 63 zu ergänzen; vgl. Jensen zur Stelle. 

15* 



228 Das Gilgames-Epos. 

Hinter seinen Worten liegt unausgesprochen die Bitte, seinen 
Wunsch zu erfüllen und ihm eine Unterredung mit dem Ver- 
storbenen zu ermöglichen. Wieder wird die Situation in drei 
kleine Szenen zerdehnt und die Spannung durch Wiederholung 
gesteigert. Enlil und Sin geben überhaupt keine Antwort; sie 
sind machtlos oder wollen nicht helfen. Erst der menschen- 
freundliche Ea legt Fürsprache bei Nergal, dem Gott der Unter- 
welt, ein, sodaß die Sehnsucht des Königs gestillt wird. Ein 
Loch in der Erde wird geöffnet, und Engidus Geist fährt einem 
Winde gleich herauf. So gebührt Ea der Dank, wenn die Men- 
schen seitdem authentische Kunde von dem Leben dort unten 
besitzen; denn was die anderen Götter nicht konnten oder wollten, 
hat er erreicht: die Beschwörung Engidus. 

Der dritte Teil enthält das Zwiegespräch des Königs mit 
der Seele des verstorbenen Freundes und damit den Höhepunkt 
des Ganzen. Gilgames will die Satzungen der Unterwelt wissen, 
aber Engidu weigert sich zunächst; denn was er zu sagen hat, 
dünkt ihn zu trostlos. Das letzte retardierende Moment, das zu- 
gleich die richtige Stimmung auslöst! Gilgames läßt sich nicht 
abweisen ; da er nun doch soweit gekommen ist, will er sich auch 
das Schlimmste nicht ersparen, und sollte er auch nur sich hin- 
setzen, um darüber zu weinen. Endlich folgt die Antwort auf 
die Frage, wie es mit dem Leben nach dem Tode sein wird: Der 
Leib \ den man sieht und anfaßt, die äußere Erscheinung, an 
der das Herz sich freut, zerfällt in Staub und Asche, wie ein 
altes Kleid von Würmern zerfressen. Die Seele lebt zwar, aber 
das Leben, das sie führt, ist nicht lebenswert. Am besten hat 
es der Krieger 3, der in der Schlacht gefallen ist; denn Vater und 
Mutter stützen ihm das Haupt, und sein Weib ist bei ihm. Wer 
sonst den Tod durchs Eisen starb, liegt auf einem Ruhebette und 
trinkt Wasser, seinen Durst zu löschen. Aber wehe dem, der 
nicht bestattet ist; ruhelos irrt sein Geist umher und findet keinen 
Einlaß in die Unterwelt! Und wehe dem, dessen Angehörige 
nicht für seine Nahrung sorgen; er ist auf die Bissen angewiesen, 



1. Ob man v. 98 und 100 direkt so ergänzen darf, mag fraglich 
sein; dem Sinne nach ist jedenfalls der Nachdruck auf den Leib gelegt. 

2. Man sieht daraus, welcher Wertschätzung sich der Kriegerstand 
damals erfreute! 



Erklärunpj. 19. Die Totenboschwörung. 229 

die Andere im Topfe lassen oder auf die Straße werfen! Mit 
diesem Worte schließt das Epos. — 

Die Kunst, mit der die Totenbeschwörung erzählt wird, ist 
gradezu meisterhaft. Die retardierenden Momente erhöhen die 
Aufmerksamkeit und steigern sie fast zur Aufregung: Der erste 
Versuch, Engidu zu sprechen, mißlingt überhaupt; der zweite 
glückt zwar, aber erst nachdem zuvor noch zwei erfolglose Unter- 
nehmen vorangegangen sind. Als endlich nach diesen langen 
Vorbereitungen das Ziel erreicht zu sein scheint, da weigert sich 
der Geist zu reden. So wird das Gewonnene wieder aufs Spiel 
gesetzt. Feine psychologische Beobachtung hat die Verbote dik- 
tiert, die dem Gilgame§ eingeschärft werden: Das Leben vibriert 
in den Leidenschaften, von denen als typische Beispiele Liebe 
und Haß genannt werden, und strömt ein seelisches Fluidum aus, 
das die Ruhe der Verstorbenen beeinträchtigt. Die lebendige 
Seele also empfindet Leidenschaft, während die tote ihr abge- 
storben ist. Und wie ausgezeichnet hat der Dichter verstanden, 
die Gedanken nicht nur auszudrücken, sondern auch zu malen 
und die passende Stimmung hervorzurufen : Dreimal in demselben 
Verse wird das Epitheton der Mutter Nin-azu's wiederholt „die 
da ruht, die da ruht"; man spürt die matte Empfindungslosigkeit, 
die sich mit bleierner Schwere auf alles herabsenkt, was zum 
Totenreich gehört — Totenstille ! Mit welcher Wucht wird ferner 
die unüberwindliche Macht der Unterweltsgöttin geschildert: Die 
Dämonen Nergals, die Fieber, Krankheit, Tod verursachen, sind 
schon grausig genug, aber sie sind nichts im Vergleich mit der 
Herrin der Erde; was die in ihren Krallen hält, ist ewig-unwider- 
bringlich verloren! Und endlich der Höhepunkt: Der Freund 
will den Freund schonen, will aus Liebe verschweigen, was er 
weiß. Wie furchtbar müssen die Satzungen der Unterwelt ^ sein, 
wenn man darüber nur weinen kann und am besten nicht davon 
redet! Mit dem schaurigen Bilde von dem Toten, der keinen 
Pfleger hat, bricht das Epos sozusagen mitten im Texte ab. Was 
sollte der Dichter noch hinzufügen? Daß auch Gilgames starb. 



1. In dem überlieferten Text ist zwar nur ein Teil erhalten; aber 
es treten andere Nachrichten (wie der Traum o. S. 21 v. 15 if. und be- 
sonders der Mythos von ,, Istars Höllenfahrt") hinzu. Ich beabsichtige, 
die Vorstellungen von der Unterwelt an anderer Stelle zusammenfassend 
zu behandeln und deute sie deshalb hier nur an. 



230 Das Gilgames-Epos. 

daß auch der Zweidrittelgott demselben traurigen Lose verfiel, 
das unser aller harrt, verstand sich am Ende von selbst. Alle 
übrigen Einzelstoffe, die uns im Epos begegnet sind, klingen in 
Ruhe und Gelassenheit aus, nachdem sie den Höhepunkt über- 
schritten haben. Das ist das ,, Gesetz des Abschlusses", das für 
alle primitiven Dichtungen gilt^; zu den Ausnahmen aber, die die 
Regel bestätigen, gehört die zwölfte Tafel, die auf dem Höhe- 
punkte mit einer unharmonischen Dissonanz schließt, ohne die 
Erregung zu mildern, und deshalb tiefen Eindruck hinterläßt, 
tieferen, als wenn der gewöhnliche Schluß verwandt worden 
wäre. — 

Die epische Dichtung der Griechen hat gern von Hades- 
fahrten der Helden erzählt^, doch ist uns ausführlicher nur die 
des Odysseus bekannt. Das Schiff bringt ihn über den Ozean 
zu dem Volk der Kimmerier, wo die Sonne nie scheint, dann zu 
der „rauhen Küste" und dem Hain der Persephone aus Schwarz- 
pappeln und Weiden. Mit zwei Gefährten dringt er zu dem Ein- 
gang in den Erebos vor, wo Pyriphlegeton und Kokytos in den 
Acheron münden. Dort gräbt er seine Opfergrube, zu der die 
Seelen über die Asphodeloswiese heranschweben 2. Nach dem 
ursprünglichen Texte hat der Dichter der Nekyia nicht die Ab- 
sicht gehabt, der Phantasie einen Einblick in die Schrecken der 
Unterwelt zu gewähren*, während dies in der zwölften Tafel des 
Gilgames-Epos von vornherein als Zweck erscheint^. Wesent- 
licher als dieser Unterschied, der überdies in der späteren Nekyia 
verwischt ist, ist die Differenz des Ortes: Um den Totengeist zu 
sprechen, braucht Gilgames nicht wie Odysseus in die Ferne zu 
schweifen; er findet die Unterwelt in unmittelbarer Nähe. Die 
Toten bevölkern das Reich der „Erde" und hausen da, wo man 
sie begräbt. Wenn man eine Seele zitieren will, so muß man. 



1. Gunkel: Genesis^ S. XLV. 

2. Erwin Rohde: Psyche* I S. 302 f. 

3. Vjrl. ebd. S. 53. 4. Vgl. ebd. S. 50. 

5. Die von Jensen GE. S. 51 geäußerte Vermutung, Gilgames wolle 
vielleicht die Erde bewegen, ihren Raub wieder herauszugeben, hat keinen 
Anhalt am Texte. Sie ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil die Ab- 
sicht — nach der Wanderung zu Ut-napistim ! — reichlich spät käme. 
Allerdings ist die Tatsache auflallig, daß die Dichter^ des Epos nirgendwo 
auf den Gedanken kommen, Engidu durch Gilgames aus der Unterwelt 
befreien zu lassen. Die Idee der Auferstehung von Menschen muß ihnen 
völlig fremd gewesen sein. 



Erklärung. 19. Die Tot(»nbe8chwörung. 231 

wie dies Toten beschwöror zu tun pflegen, ein Loch oder (iinen 
Schacht in die Erde graben; dann fälirt der Totengeist wie ein 
Windhauch empor. Über den Glaubcui an die Wirksamkeit der 
Totenbeschwörung ist allerdings der Dichter bereits hinausge- 
wachsen, da ihm gewiß auch bei Anderen unmöglich erscheint, 
was dem Übermenschen nicht gelungen ist. Doch mag es dem, 
der die Fürsprache Eas bei Nergal zu gewinnen weiß, glücken, 
einen Verstorbenen zu sprechen. Die Skepsis hat begonnen, ist 
aber noch nicht tief gedrungen. 

Zwischen der zwölften Tafel und dem übrigen Epos läßt sich 
zwar ein logischer Zusammenhang herstellen ; eine literarische Ein- 
heit ist indessen nicht vorhanden, sodaß man an einen späteren 
Zusatz denken muß. Jedenfalls ist der Stoff ursprünglich selb- 
ständig gewesen. Denn 1. verlangt die Reise an die Mündung 
der Ströme keine Fortsetzung, ja sie verträgt eine solche über- 
haupt nicht, da unmittelbar nach der Heimkehr der Tod des 
Helden eintreten müßtet Und auf der anderen Seite hat die 
Toteubeschwöruug zur notwendigen Voraussetzung nicht die Wan- 
derung ans Ende der Welt, sondern nur den Tod Engidus, an 
den die zwölfte Tafel direkt angeschlossen werden könnte. 2. Die 
Reiseabenteuer fehlen hier völlig, die sonst einen hervorstechenden 
Zug des Epos bilden. Um des Stoffes willen brauchte das keines- 
wegs der Fall zu sein, wie das Beispiel der odysseischen Nekyia 
lehrt. Wenn der Dichter von vornherein die Absicht hatte, Kunde 
von dem Leben nach dem Tode zu geben, dann wäre auf der 
Fahrt zum Urahn Gelegenheit genug gewesen, diesen Plan zu 
verwirklichen. 3. Wäre die Totenbeschwörung in Uruk entstanden, 
wie der Kern des Epos, dann wäre Ninsun, die Göttin von Uruk, 
nicht so in den Hintergrund gedrängt und Ea, der Gott von 
Eridu, nicht so verherrlicht worden 2. 

Trotzdem ist die Verschmelzung der Totenbeschwö- 



1. Vgl. 0. S. 178 Anm. 1. Man beachte auch, daß in der zwölften 
Tafel, soweit sie erhalten ist, jede Anspielung auf die anderen Teile des 
Epos fehlt. 

2. Bemerkenswert ist die Unanschaulichkeit in v. 60 ff., die nicht 
grade dafür spricht, daß der Erzähler mit seiner Phantasie in Uruk 
weilt. Dagegen muß es fraglich bleiben, ob man hier denselben Schluß 
wie beim Flutmythos ziehen darf, daß die Dichtung in Eridu entstanden 
sei. Die Möglichkeit ist nicht zu leugnen, aber die Sicherheit fehlt, 
weil Ea und Eridu grade in Zaubertexten, auch der späteren Zeit, eine 
große Kolle spielen; vgl. Jastrow: Religion Babyloniens I S. 275. 



232 Das Gilgames-Epos. 

ruug mit dem Gilgames-Epos nicht stilwidrig. Der Stoff 
fügt sich der übrigen Dichtung leicht an und bildet eine passende 
Ergänzung dazu. War bis dahin gewissermaßen nur die Negation 
zum Ausdruck gebracht, daß dem Menschen das ewige Leben 
verwehrt sei, so wird jetzt zum Schluß noch positiv der ewige 
Tod geschildert, der allen Sterblichen beschieden ist. Die Seele 
des Geborenen, die aus der Unterwelt eine kurze Spanne lang ins 
Sein hinübertaucht, sinkt nur zu bald wieder in den Schoß der 
Erde hinab. Leben heißt suchen und kämpfen, im seltensten 
Falle genießen und siegen. Kein Zauber schützt, kein Wissen 
frommt, dem Reich des Todes zu entrinnen, wo die Seele in Fin- 
sternis und gähnendem Schweigen ein schattenhaftes Dasein führt. 



Verlag von Tandcnbocck & Ruprecht in Ööttingen. 

StUrk.^ 1). Dr. W., 01(1. IVof. in .Iciiii. Das iissyriscln^ VVcIt- 
reicli im lJrt<'il dor rropliotoii. Geh. 8 .>^, geb. 9 J^. 

„Seine Sdjrift gcl)ört 3U bcn int]oitrcid)ftcu unö bcbcutjamftcn (Er = 
fd] ei nun gen 6 er neueften altteftanientlid^en lUif jenfd}af t, niemanb öarf 

ad}tIos an il]r i)orbeigel]en Ulan fiel}t, es finb überall bebeutfanic (Ergebniffc, 

roeldn' St. geininnl, bic Bead)tung erforbern, aud] inenn fie 3um IDiberjprud] l^eraus* 
forocrn, inib id] irill nid^t uerfel^Ien ausbrürflid) an3uerfonnen, 6a^ über St.s Bud} 
ein iD0l]Ituen6 berül^renöer f^aiid] uon reliqiöfem (Ernft liegt." 

(dorniU in öer Q;1)CoI. Hun6fc!}au 1909.) 

„Unfer bürftiger flus3ug fann ja leiber beni l]od]bcbcut|amen Bud] längjt nid)t 
jo geredet roerben, roie basfelbe es uerbient I)ättc. Die bem Bud] entnommenen 
(Eljcjen bcs üerf. mad]en in unferem Heferat uielfad] htw (Einbrud, als toenn fie nur 
fo Eingeworfen lüären, uiir mußten uns ja leiber uerjagen, auf il]re ausfül)rlid]e 
(EntiDidlung nät]er ein3ugel]en. 3n (Ein3ell]citen — unb burd]aus nid]t in roenigcn 
— mag man anbercn Sinnes fein, aber ber (Brunbgebanfe bes Bud]es ift ein fern- 
gefunber, ber für h^w unbefangenen IDat]rI]eitsfinn bes Dcrf. I]od)erfreuIid]cs 3eugnis 
ablegt unb ber fid], allen Bannflüd]cn ber „rDif|enfd]aftlid]en" fritifd]en Sd]ulc 3um 

?Ero^, burd]fe^en roirb 3n biefem Bud] Stärfs finb i)od] crfreulid]e 

PerfpeftiDen eröffnet. IDir freuen uns, ho!^ gerabe er Bäntjd)'s Hadjfolger m 3cna 
gctDorben t|t. Don feinem tDaf]rl]eitsfinne Surfen roir nod) mand)e (Babe erroarten." 

($d)Ic$.:t)Olft. Kircl)en-. u. $d)ulblatt.) 

„tDer ctroa in Bibelftunben Dor geförbcrten unb gebilbeten (Efjriften propF)e= 
tijd]c ©eftalten 3Gid]nen roill, roirb gut tun, roenn er bicfes Bud] burd)jtubiert. 
Über bie ein3elnen Huffaffungcn freilid] roirb man mit bem Dcrfaffcr red]tcn fönnen. 
Hbcr jebenfalls bleibt bie Unter|ud]ung nüt^Iid)." 

(£iterar. Beilage 3ur „Reformation" 1909, 7.) 

Die Simson-Sage. 

Eine religionsgeschichtliche Untersuchung über Richter 13 — 16 

von 

Dr. Hermann Stahn. 

1908. 2,40 Ji. 

Stubicrftubc 1909, S. 1 : „Das Red)t 3ur l}crbei3tcr)ung ber ntt]tf}en \izy^Qi&['- 
barter Dölfer ift fiegreid] erroiefen, unb aud] bie rDat)r|d)einlid)en tDege, auf bcnen 
CS 3ur Umbilbung bes !anaanäifd)cn Sonnen=mt]tI)US in bie israelitifdje Simfon=Sage 
gefommen ift, roerben gefd)idt aufgc3eigt." 

^6ptUä0lHtd.-^tudlCt1^ herausg. von Prof. Dr. Alfred Rahlfs. 

1. Heft: Rahlfs, Studien zu den Königsbüchern. 1904. 2,80 dfi 

2. Heft: Rahlfs, Der Text des Septuaginta-Psalters. Nebst e. Anhang: Grie- 

chische Psalterfragrnente aus Oberägypten nach Abschriften von 
W. E. Crum. 1907. 8 r^ft 

3. Heft in Vorbereitung. 

Scptuaginta-Grammatik^ caut- und «lortubre. 

Von Prof. Dr. R. Helbing- in Karlsruhe. 1907.' 6 Ji, geb. 6,60 Jt 

Slxi. Bcutrolblatt 1907, Hr. 51/52: „IDic fd)on Deifemann auf ber pf)iIoI.= 
ücrfammlung in Bafel f)erDorf)ob, f|at man in biefem IDer! ba» öicrtöoUftc ^t(f^= 
mittet iVLva, ©tubium ber xotvj; 3U feljen " 



Tcrlag von Vatidcnbocck & Ruprecht in 6öttingcn. 

3m (Erjd)cinen jinö: 

Die Sd^vifUn bcs 2lltcn Scftantents 

in Hustoat)! neu übcrfc^t unö für bie (^egentoart erflärt 

Don 

Prof. £ic. Dr. f^ugo (5rcfemann=BcrItn, Prof. D. i^erm. (Dun!cl=(5tcfeen, 

PrtD.=Do3ent Pfr. £ic. Xü. ^ialler^Bcrn, 

prtD.=Do3cnt pajtor £tc. i)ans Sd)miöt=BresIau, Prof. D. ID. $tär!=3ena 

unb Prof. £tc. Paul Dol3=tEübtngen. 

plan des Werkes: I. ^eil: Die Sagen öcs HIten tEe|taments. II. ^eil: (5efe^= 
gebung bes fliten tEejtaments im 3ujammenf)ange ber (Bejd)id}te 3sraels. 
(ITTit flusfd)Iufe ber (Befe^c.) III. tEeil: £t}rif unb IDeisfjeit. - Die religiös 
minber bebeutjamen ober nur bem (Belef)rten roertoollen tEejte jinb in biefer 
Husroaf)! fortgelaffen, aber burd) Überleitungen erfe^t. Über|i(i)tstafeln unb 
Register cerbürgen bie bequeme Benu^ung. 

erTcbcinungswciTc: 3n etroa 28 (ein3eln nid)t !äufli(i)en) £ieferungen je 80 ^ 
Don burd)id)nittlid) 5 Bogen Umfang. Umfang etroa 140 Bogen, Dollenbung 
mutma^Itd) Hnfang 1912. Der Hnfauf ber erjten £icferung t>erpflid)tet 3ur flb= 
nat)me bes gan3en IDerfes, bod) geftatten roir bereittDilligjt Rürftritt nad) DoII= 
enbung üon minbeftens brei felbftänbig fäuflid)en Bänben gegen nad}3af)lung 
ber Differen3 3rDi|d)en bem preije ber £ieferungen unb bem ber entjpred)enben 
Bänbe. T)tn $d)Iu^ ber 1. Subffription (preiserf)öl}ung) nad) (Er|d)einen 
ber 10. £ieferung beljalten roir uns cor. 



ßoftcnfrct burc^ jebe 93ucf)f)anblunc{ ein ^roßcfiogen mtt bem ^lan be§ 9Serfe§, 

ben ©ubftriptionSbcbtngunflen unb 10 Sejtfetten ou? Sfg. 5 liic Urgcfi^it^tc 

unb ble^otriar^en nebft (Jtnlcttung tit Me 5 Sucher ÜJJoftS unb in bie ©aßCtt 

bc§ 1. SBuc^eS aWoP üon ^. ©uitfcl. 



Bei ber Hbneigung üieler Büd)er!äufer gegen £ieferungsausgaben 
erm*öglid)en roir ben Besug btefes, toie öie Be(pred)ungen be3eugen, fd)on 
in öer £ieferungsausgabe mit I}eller Begeifterung aufgenommenen tDerfes 
nun aud) in ab9ef(f)Ioffencn Banden sunt gleid)en Subifriptionspreife, 

unö ^wax get)eftet für etroa 23 J$', in 7 (Bansleiiienbänöen etroa 31,40 J6; 
in 4 i)albfran3bän5cn 3U etroa 35 J6. (Es bürfte öen Beifall öer Bibellefer 
finöen, öag öie 7 £einenbänöe jel)r im llnter(d)icöe 3U öen fonftigen 
fd)tDeren Bibelausgaben Ieid)t unö bequem benu^bar finö. 

(Enöe Dorigen 3ol}res erfd)ien öer II. Hbtig. 1. Bö. als öer erfte üolI= 
ftänöige Banö: 

Die ältejte (Befdjidjtsfdjreibung unö propljetie Israels 

(öon Samuel bis flmos unö J}o(ea) überfe^t, erüärt unö mit (Ein= 
leitungen unö Regijter t)er(el)en Don l)ugo (Bregmann. Preis in 
öer Sub(!ription öes (Bejamtroertes 4 ./M, in £einu)anöbanö 5,20 J6, 
in l)albleöerbanö (Boc!=Saffian) 7 J6. (Erf)öt}ter(Ein3eIpreis 6 J6 
be3rü. 7,20 unö 9 .^. 

3m mär3 1911 toirö öer I. Hbtlg. I.BÖ, folgen: 
Die Urgefd)idjte unö öie Patriardjen nebft einer (Einleitung in 

öie fünf Büd}er TTTojis unö in öie Sagen öe$ 1. Bud}e$ Itlofis 

Don {>ermann (Buntel. 



Tcrlag von TandcnboccI« & Ruprecht in Göttingen. 

f orscbungcn ?ur Religion und Citcratur des HlUn 
und neuen Cestaments 

herausgegeben von 
Prof. I) yV, Bousset-Göttingen und Prof. J) H. Gunkel-Gicßen. 

1. Heft: Zum religionsp^eschichtlichen Verständnin (Iph Neuen Testameiita. 

Von HerniHiin Giinkel. 2. unveränd. Aull. 1910. Preis 2 tÄ 

2. Holt: ,,lin Namen Jesu". Eine sprach- und religionsgeschichtliche Unter- 

suchung zum NT., speziell zur altchristiichen Taufe. Von 
Prof. Lic. Wilhelm Heitmüller. 1903. Preis 9 c^/t. 

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Religionsgeschichte von Prof. D Johannes Weiss-Heidelberg. 
1904. Preis 4,80 a/l. 

4. Heft: Indische Einflüsse auf evangelische Erzählungen von Pd. Dr. 

G. A. van den Bergh van Eysinga in Utrecht. Mit einem 

Nachwort von Prof. Dr. Ernst Kuhn. 2. Aufl. 1909. Preis 3,60 a/C 

5. Heft: Sabbat und Woche im Alten Testament. Von Prof. JJ K M«-inhold. 

1905. Preis 1,80 a/l. 

6. Heft: Der Ursprung der israelitisch-jüdischen Eschatologie. Von Pro- 

fessor Dr. H. Gressmann. 1905. Preis 10 cM 

7. Heft: Die Lade Jahves. Mit 13 Abbildgn. Von Lic. Dr. Martin Dibelins. 

1906. Preis 3,60 a^(. 

8. Heft: Das literarische Rätsel des Hebräerbriefs. Mit e. Anhang über d. 

liter. Charakter des Barnabasbriefes. Von Prof. D W. Wrede. 

1906. Preis 2,60 ^M. 

9. Heft: Jona. Eine Untersuchung zur vergleichenden Keligionsgeschichte. 

Von Pfarrer Lic. Hans Schmidt. Mit 39 Abbildungen im Text. 

1907. 6 ^M. 

„S(f)mtbts llntGrjud)UTig gel)ört 3U öem Bejfen unb XDGriDoII|ten, was in öer 
legten 3ett über orientaIifd}c mt}ll)oIogie gejd]rieben tDorben ijt, unb fann ein= 
gGl)enbem Stubium nur emp"foI}Ien merben." (£itcrar. Sentroifclott 1908, 22.) 

„(Es jinb nur einige fjauplpunfle aus ber S^Ue bes (Bebclenen auf bte l)ter 
eingegangen toerben tonnte. Sie roerben erfennen laffen, bü^ nid)t allein ber 
tEl)eoIoge unb ReIigtons=(5ejd)id)tsforjd]er, fonbern aud) ber !Iaj|ijd)e pf}iIoIoge unb 
ber 5o^fIorift 3ntereffantes in bem Bud) finbet. Kontroüerjen roerben bei einer 
auf jo Diele (Bebiete Übergreifenben Unter|ud)ung nid)t ausbleiben." 

(Preu&. 3ol)rbü(l)cr 1907, Hpril, am S^Iufe einer langen Bejprecf)ung.) 

„3cf) ftelle S.s, jeinem £el)rer (Dunfel gemibmetes Bud) |el)r l)od). Dor Hllem 
jel)e id) barin eine mirflid) metI)obijd/ gearbeitete Hnterjudjung 3ur Dergleid)enben 
ReItgionsgejd]td)te. (Es jinb nerftänbige t)erjiid)e, 3rDijd]en bem non aüen Seiten 
I)er3ujtrömenben BTaterial bie üerbinbungsfanäle 3U 3iel]en, unb mie mir jd)eint, 
trifft S. im aUgemeinen bas Ridjtigc." (tllieol. £ttcratur3eitung 1908, 12.) 

10. Heft: Hauptprobleme der Gnosis. Von Prof. D W. Bousset. 1907. 12^. 

„Die (Eigentümlid)!eit non Bou[|ets (Brunbproblemen ber (Bnofis be|tel)t barin, 
ba^ jie bas erfte lUal gan3 foIgerid]tig unb jo erjd]öpfenb toie möglid) bie re= 
Iigionsgejd)id)tIid)e lTIetl)obe auf bie (Bnojis anmenben. Boujjet t)at jid) aljo burd) 
jein tDerf ein großes Derbienjt erroorben. Denn barüber roirb wol\l fajt nirgenbs 
ein 3rDeifeI bejtel)en, ba'^ bie Probleme ber (Bnojis auf bem tDege reIigionsgejd]id)t= 
Itd)er 5orjd)ung ausge3eid}net erläutert roerben fönnen: auf ben erjten Blid jiel)t 
man ber (Bnojis an, bafe jie aus einer Dermijd]ung r)erjd]iebener Religionen l)cr= 
Dorging." (tEl)COlog. £itcraturblatt 1908, 12.) 



Verlag von Tandcnboeck & Rupred^t in 6öttingen. 

f orsd^ungen jur Religion und Citeratur des Hlten 
und Deuen Cestaments* 

11. Heft: Zur Synopse. Untersuchung über die Arbeitsweise des Lk u. Mt 

u. ihre Quellen. Von Dr. G. H. Müller. 1908. 2,40 ^. 

„Q)l\ni ba^ jelbftüerjtänblid) bei bem f)t]pott)ett|d)cn dl^arafter ber Sragc eine 
cinroaubfreie £öjung 3U ftanbe fommt, mu^ bod) bic |cf)r fleißige Hrbcit als ein 
roeiterer Beitrag 3ur Huffldrung bcs fd)rDterigcn Problems ber Sijnopfc be3etd)net 
iDcrbcn." (Revue Internat, de Theologie Bern B6. I 1909, S. 182.) 

12. Heft: Vom Zorne Gottes. Eine Studie über den EinfluiS der griechischen 

Philosophie auf das alte Christentum. Von Professor Dr. 
M. Pohlenz. 1909. 5 J^. 

H. Rct^cnftein idjretbt barüber in jcinem Bud)c „J^eüeniltijdje m:t)fterien= 
religionen" S. 154: „3n einem gan3 Dor3ügIid)en Bud)e i\at unlängft ITT. pof)Ien3 
bargelegt, roie oöUig bte Beantroortung [ber Si^agßf ob dfjriftus auf (Erben eine 
^iv/ri gef)abt fjat] non ber gried)ijd)=pi)iIo|opI)i|d)en Huffaffung unb bem für ben 
(5ried}en jeIb|tDerjtänbIid)en Dogma, 6afe (Bott ol)ne nd^^tj fein mufe, abljängt. Die 
df)eje H^arnacfs, ba^ gried)tfd)e pi}iIofopI)ie, nid)t orientaIifd)er (Blaube, bh erjte 
Dogmenbilbung bejtimmt, iönntt faum roirfungsnoEer, als burd) bieje feinen unb 
Iid}tDolIen Darlegungen nerteibigt rocrben." 

„p. bietet uns eine fel)r toertnolle rel.=ge|d)id)ttid)e llnterfud)ung, bie uns 
rotrflid) mit fid)eren (Erfenntni[fen be|d)en!t." (tEl)eol. £lt.:BI. 1909, 14.) 

„La conclusion de l'auteur est que Marcion a irapose ä l'Eglise catholique 
la notion du ,dieu des philosophes', qu'elle avait d'abord combattue. 

La partie la plus interessante et la plus precieuse de ce travail, c'est 
moins cette conclusion, d'ailleurs fort discutable, que la richesse d'informations 
dont il fait preuve. Quoi qu'on pense des idees particulieres auxquelles 
l'auteur croit pouvoir s'arreter, sa documentation peut etre utilisee avec profit." 

(Revue des Sciences philos. et theol. 1910.) 

,,The monograph on the wrath of God is a marvel of patient toil in the 
elucidation of a matter which is not of the first interest or importance. The 
author works throug the leading Christian writers of the first five centuries in 
Order to show how, under the inüuence of the Greek depreciation of the passions 
as on a lower level than reason and as a mark of iraperfection, the Old Testa- 
ment conception of a God who could be angry and jealous was replaced by 
the conception of a passionless God." 

(Review of Theology and Philosophy Vol. V, No. 4.) 

13. Heft: Der Stil der paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Dia- 

tribe. Von Lic. Rud Bultmann. 1910. 3,40 Jl. 



Dibelius^ Lic. Dr. Martin, Privatdozent an d. Univ. Berlin: Die 
Goisterw(3lt im Glauben des Paulus. 1909. 240 S. gr.8. 7^. 

tE^eoI. £itcraturbcrl(I)t 1910, 4: „Die norlicgenbe Sdjrift i|t ein Bilb bes 
gegcnroärtigen Stanöes ber reIigionsgejd]id}tl. 5orjd]ung. Diel mcrtnoUes TITaterial 
ift bcigebrad}t, mit roeldjem bie Q;i}eologie firf) auseiuanberfe^en mufe, fie mag 
rooüen ober nid)t". 

„Dibelius' book is a first rate spccimen of what a scientific study ought 
to be, and the first duty of a chroniclor is to congratulato him warinly and 
to thank him for a real contribution to loarning." ((EI}COl. tElibfd)rift 1911.) 



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